Von Michael Kröger
Berlin - Er gilt als einer der größten Talente der Autoindustrie, qualifiziert für die absoluten Spitzenjobs: Karl-Thomas Neumann. Der promovierte Elektrotechniker erntete jedes Mal Vorschusslorbeeren, wenn er einen neuen Posten antrat. Doch zweimal endete das Engagement recht abrupt. 2009 musste er bei dem Zulieferer Continental nach massiven Auseinandersetzungen mit dem neuen Großaktionär den Chefsessel räumen. Und bei Volkswagen verlor er nach nur rund zwei Jahren die Verantwortung für das wichtige China-Geschäft - eine spektakuläre Degradierung, die einer Aufforderung zur Kündigung gleichkam.
Jetzt also soll der 51-Jährige eine dritte Chance erhalten, seinen guten Ruf zu rechtfertigen. Und er hat sich dafür ausgerechnet die schwierigste Aufgabe ausgesucht, die die Branche derzeit zu vergeben hat: Ab nächstem Sommer soll Neumann laut der "Financial Times Deutschland" die Geschicke von Opel leiten. Er soll die verunsicherte Belegschaft wieder auf ein gemeinsames Ziel einschwören und den schlingernden Traditionskonzern aus den tiefroten Zahlen führen. Der Vertrag ist zwar noch nicht unterschrieben, doch nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa rechnet der Manager damit, dass alles klar geht.
Neumann wird bereits seit einigen Monaten als Kandidat für die Nachfolge von Karl-Friedrich Stracke gehandelt, der im Juli überraschend zurückgetreten war. Der frühere Daimler-Manager Rainer Schmückle schien zunächst die besseren Chancen zu haben. Der erfahrene Sanierer hatte entscheidenden Anteil am Umbau von Daimler und kennt sich als Ex-Freightliner-Chef mit den Gepflogenheiten in den US-Autokonzernen bestens aus. Doch am Ende entschieden sich die Bosse der amerikanischen Opel-Mutter General Motors (GM) für Neumann - und damit zweifellos für einen eher unbequemen Statthalter in Rüsselheim.
Signal für die Zukunft?
Aus Sicht von Analyst Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler könnte die Ernennung Neumanns durchaus als Signal dafür gelten, dass GM für Opel eine Zukunft sieht. Die Rosskur, die den Rüsselsheimern bevorstehe, könne nur anschlagen, wenn sich alle im Unternehmen dem gemeinsamen Ziel verschrieben. Dieses Gemeinschaftsgefühl sei aber im Zuge der andauernden Querelen mit der Konzernzentrale in Detroit und den ständigen Wechseln im Topmanagement verlorengegangen. "Neumann könnte es gelingen, die Belegschaft wieder hinter sich zu bringen und gleichzeitig die notwendigen Einschnitte durchzusetzen", schätzt der Experte. Widerspruchsgeist gegenüber Detroit sei dafür sogar unerlässlich.
Sollten die GM-Mächtigen Opel also endlich wieder eine gewisse Autonomie zubilligen? Das käme einem radikalen Strategiewechsel gleich. Seit Jahren kämpfen die Rüsselsheimer um eine angemessene Position in dem weltgrößten Autokonzern, fanden mit ihrem ingenieursbestimmten Ansatz jedoch nie ein großes Echo bei den renditegetriebenen US-Managern. Zuletzt wechselten die Vorstandschefs in Rüsselsheim schneller als die Automodelle. Derzeit amtiert Interimschef Thomas Sedran, der Mitte Juli Interimschef Steve Girsky abgelöst hatte. Zuvor hatte sich Karl-Friedrich Stracke nur gut 15 Monate als Vorstand gehalten - und musste den Chefposten damit noch schneller räumen als sein Vorgänger Nick Reilly. Fragt man die Opelaner nach dem wichtigsten Manager der vergangenen Jahre, fällt ihnen eigentlich nur Carl-Peter Forster ein - der die Geschicke Opels von 2001 bis 2004 leitete und danach noch fünf Jahre für das Europageschäft von GM zuständig war.
Dieses ständige Kommen und Gehen hat nicht zuletzt dazu beigetragen, den Autobauer immer tiefer in die Krise zu manövrieren. Die Europa-Tochter macht Jahr für Jahr Milliardenverluste. Allein in diesem Jahr rechnet GM mit einem operativen Minus von bis zu 1,4 Milliarden Euro aus seinem Europa-Geschäft. Akut leidet Opel wie andere Massenhersteller unter der Absatzkrise auf seinem Kernmarkt Europa, der zudem von deutlichen Überkapazitäten geprägt ist.
Doch die Ursachen der Misere liegen viel tiefer. Konkurrenten aus Südkorea oder Japan haben der Marke schon längst den Rang abgelaufen. Sie sind billiger und liefern zumindest dem landläufigen Urteil nach bessere Qualität. Opel hat in technischer Hinsicht inzwischen zwar erheblich aufgeholt, der neue Stadtwagen namens Adam gilt sogar als echtes Kleinod. Doch ein lädierter Ruf lässt sich nicht über Nacht wiederherstellen.
Hoffen auf die Identifikationsfigur
Zugleich läuft den Rüsselsheimern die Zeit davon. Die Allianz mit dem französischen Konzern Peugeot Citroën, die den Erholungsprozess beschleunigen soll, birgt noch etliche Risiken. Man will künftig zwar gemeinsame Modelle entwickeln und möglicherweise auch bauen; wenn es aber darum geht, die Überkapazitäten abzubauen, dürfte die Solidarität rapide abnehmen. Die Verhandlungen mit den Gewerkschaften über ein langfristiges Sanierungskonzept sind ebenfalls noch lange nicht abgeschlossen.
Als harter Sanierer, wie er benötigt wird, ist Neumann jedoch bislang nicht aufgefallen, wie selbst Wohlmeinende sagen. Trotzdem könnte er der richtige Mann für Opel sein, denn er ist in der Lage, den Mitarbeitern das notwendige Vertrauen zu geben, dass sich Zugeständnisse am Ende auch lohnen. Der Manager könnte versuchen, der Zentrale die Erlaubnis abzuringen, sich stärker im zukunftsträchtigen Markt in China zu engagieren. Auf dem Automarkt dort kennt er sich ja aus.
Rätselhaft bleibt allerdings, wieso Neumann zuletzt so spektakulär gescheitert ist. Am reinen Handwerk liegt es Beobachtern zufolge jedenfalls nicht. In China wurde Neumann für die Produktionsmängel an einem neuen Getriebe verantwortlich gemacht, doch die bestanden schon, als der Manager dort sein Amt antrat. Unter seiner Ägide konnte VW den Marktanteil auf mehr als 20 Prozent ausbauen und wurde ein gutes Stück profitabler. Pieper wertet Neumanns Degradierung nicht als Beleg für Managementfehler: "Wenn einer in der Eiger-Nordwand hängt, und plötzlich schlägt unerwartet das Wetter um, dann ist er ja noch kein schlechter Bergsteiger."
Schon richtig. Doch - um im Bild zu bleiben - wenn man es sich beim Aufstieg mit den Kollegen in der Seilschaft verdirbt, dann erhöht das nicht eben die Chancen, dass man oben ankommt. Bei aller Selbständigkeit wird Neumann also sorgfältig darauf achten müssen, die Mächtigen in Detroit nicht zu vergrätzen, wenn er bei Opel Erfolg haben will.
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