Verhandlungen mit Peugeot Die seltsame Logik hinter einem Opel-Verkauf

General Motors will seine Europatochter Opel an Peugeot verkaufen. Mit einem solchen Geschäft würden die Konzerne für eine dicke Überraschung sorgen. Was könnte hinter dem Deal stecken?

Opel-Zentrale in Rüsselsheim
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Opel-Zentrale in Rüsselsheim

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Nun raufen sie sich also doch zusammen. Die Unterhändler von PSA Peugeot Citroën und General Motors setzen sich an einen Tisch, um über die Bedingungen zu sprechen, unter denen der französische Traditionshersteller die ebenso traditionsreiche GM-Tochter Opel (und ihre britische Schwester Vauxhall) übernehmen könnte. Eine tiefgreifende Analyse des Unternehmens, seiner Fabrikanlagen und Blaupausen in den Entwicklungsabteilungen können sich die Franzosen sparen, denn viele Details kennen sie bereits: Seit 2012 arbeiten die Autobauer recht eng zusammen. Gleich drei Baureihen von SUVs und Minivans entstehen in gemeinsamer Verantwortung. Auch die Entwicklungs- und Logistikabteilungen stimmen sich regelmäßig ab.

Auf den ersten Blick erscheint es also logisch, dass Peugeot für General Motors der erste Ansprechpartner ist, wenn es darum geht, Opel in gute Hände abzugeben. Dennoch bleiben eine Menge Fragen.

Der Zeitpunkt überrascht

Erstmals seit 1999, also nach einer Durststrecke von mehr als 16 Jahren, nehmen Experten Opel wieder als ernst zu nehmenden Autobauer wahr. In der Kompakt- und Kleinwagenklasse sind die Rüsselsheimer fast auf Augenhöhe mit dem Marktführer Volkswagen Chart zeigen. Mit dem Mokka haben sie gar einen kleinen Geländegänger im Programm, mit dem sie dem übermächtigen Riesen aus Wolfsburg den Schneid abkaufen.

In der Mittelklasse steht bereits der Insignia am Start, zudem ein Elektroauto mit bemerkenswerter Reichweite sowie gleich mehrere Modelle mit Talent für die verwilderte Wiese. Es besteht also berechtigter Anlass zur Hoffnung, dass den ewigen Versprechungen, endlich schwarze Zahlen zu schreiben, demnächst auch Taten folgen werden.

Trotz massiver Rückschläge wie dem Wegfall des kompletten russischen Marktes und die Folgen der Brexit-Entscheidung für den größten Einzelmarkt Großbritannien betrug der operative Verlust bei Opel im Jahr 2016 nur noch rund 257 Millionen US-Dollar - und damit immerhin 556 Millionen Dollar weniger im Jahr zuvor. Die Gewinnzone, die für 2016 angepeilt war, soll jetzt 2018 erreicht werden.

Gut möglich, dass so ein Moment optimal ist, um einen guten Preis beim Verkauf zu erzielen. So arbeiten etwa Beteiligungsgesellschaften, wenn sie Firmen aufkaufen und nach erfolgreicher Sanierung wieder verkaufen.

GM würde sein Standbein in Europa verlieren

Bei GM allerdings sieht die Lage anders aus: Seit 1929 gehört Opel zur Konzernmutter und bildet - zusammen mit der der Schwestermarke Vauxhall - das zentrale Standbein von GM auf dem europäischen Markt. Klar, dieser Markt ist extrem umkämpft und das Geschäft mühsam - aber einen Marktanteil von fast sechs Prozent einfach so aufzugeben, ist betriebswirtschaftlich nur schwer zu begründen.

Für PSA-Chef Carlos Tavares stellt sich wiederum die Frage, warum er sich ausgerechnet in einem Bereich verstärken sollte, der über kurz oder lang zu den Auslaufmodellen gehört. Das Geld wäre besser in Firmen angelegt, die mit den Zukunftstechnologien auf dem Gebiet der Elektromobilität oder dem autonom fahrenden Auto befassten. So viel Geld, um auf beiden Hochzeiten zu tanzen, hat PSA Chart zeigen aber nicht.

Was die Beteiligten an dem Geschäft reizt, erschließt sich also auf den ersten Blick nicht. Zumal General Motors Chart zeigen auch nicht eben in dem Ruf steht, ein besonders unkomplizierter Verhandlungspartner zu sein. Schon einmal hatten die GM-Bosse über einen Verkauf von Opel nachgedacht. Das war 2009, nachdem Opel den Tiefpunkt eines langen Abschwungs erreicht hatte.

Der war zum Teil von der Konzernmutter selbstverschuldet: Fantasielosigkeit bei der Produktplanung, fehlendes Gespür für die Wünsche der europäischen Kunden, und die Kannibalisierung durch die Billigmarke Chevrolet hatten Opel an den Rand des Ruins geführt - und eigentlich schon darüber hinaus.

GM; Peugeot

Im Sommer 2009 schließlich hatten sich Bund, Länder, GM und das US-Finanzministerium nach langem Poker mit dem österreichisch-kanadischen Zulieferer Magna auf ein Rettungskonzept geeinigt. Doch kurz vor Vertragsunterzeichnung machten die GM-Leute einen Rückzieher - und überwiesen seitdem Jahr für Jahr viel Geld nach Rüsselsheim, um die Wende zu schaffen.

Du ein Stück von mir - ich ein Stück von Dir

Drei Jahre später, im Jahr 2012, schlossen sie schließlich den Bund mit dem PSA-Konzern. Die Ambitionen reichten soweit, dass GM bei dieser Gelegenheit gleich für rund 420 Millionen Dollar ein Aktienpaket von sieben Prozent übernahm und zum zweitgrößten Anteilseigner nach der Familie Peugeot aufstieg. Die Freundschaft zerbrach allerdings schnell wieder, weil sich die Franzosen gleichzeitig den chinesischen Autokonzern Dongfeng ins Haus holten.

Sinn ergeben würden die derzeit laufenden Verhandlungen wohl nur, wen PSA und GM sich gleich zu einen radikalen Schritt entschließen würden: Die Verschmelzung beider Konzerne. "Es ist nicht ausgeschlossen, dass am Ende der Verhandlungen eine Überkreuzbeteiligung bekannt gegeben wird", antwortet darauf angesprochen Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management der Hochschule der Wirtschaft in Bergisch-Gladbach halb im Ernst. "Betriebswirtschaftlich würde das sogar Sinn machen", fügt der Experte nach kurzem Nachdenken hinzu. "PSA hätte plötzlich ein Standbein in den USA und GM hätte seines in Europa wirksam gestärkt."

Allerdings wäre eine solche Überkreuzbeteiligung für GM nur attraktiv, wenn der Konzern deutlich mehr Stimmgewicht erhielte als die Chinesen von Dongfeng, die 14 Prozent am PSA-Konzern besitzen. Der französische Staat und die Familie Peugeot müssten also über einen langen Schatten springen, denn ihr Einfluss würde auf jeden Fall schwinden. Dieser Schritt ist ihnen aber schon in der Vergangenheit nicht gelungen.


Zusammengefasst: Der französische PSA-Konzern verhandelt mit General Motors über den Kauf von Opel. Doch so richtig lässt sich kaum erklären, was die Franzosen mit dem Rüsselsheimer Autobauer eigentlich wollen. Das Geld wäre viel besser in Zukunftstechnologien investiert. Sinn ergeben solche Verhandlungen nur, wenn beide Konzerne sich zu einer Überkreuzbeteiligung entschließen könnten.



insgesamt 120 Beiträge
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Seite 1
Kanalysiert 14.02.2017
1.
Opel ist eine unattraktive Marke, die im Lauf der Jahre den Anschluß verloren hat. So hart das für die Mitarbeiter leider ist, kann man sich der Realität leider nicht entziehen. GM ist auch so ein Entwicklungs-Dinosaurier, daher wäre der Verkauf an die deutlich innovativeren Franzosen bei Renault vielleicht eine Wiederbelebungschance.
haviii 14.02.2017
2. Also Konkurrenzfähigkeit ...
... von Opel anzunehmen, ist schlichtweg absurd. Die Produktpalette ist immernoch hanebüchend, es gibt keine Performance-Modelle, die keine Lachnummer sind, etc. Opel war schon immer eine Antwort auf eine Frage, die niemand gestellt hat. Man bedenke nur die peinliche Werbung und das GNTM-Sponsoring. Wer so einen Ramsch kaufen will - schleierhaft.
car-lover 14.02.2017
3. 2 Blinde werden noch lange kein Seher....
2 Blinde werden noch lange kein Seher....
iffelsine 14.02.2017
4. Wie sieht das nun aus mit Trump ?
Dann würde OPEL/Peugeot bei seinen Exporten nach Amerika Strafzoll zahlen und GM hier auch. Also bleibt doch nur ein Zusammengehen, dann entfallen Strafzölle in jede Richtung ;o)
ttvtt 14.02.2017
5. Nur für Geld
Macht für GM doch keinen Sinn, Opel und Vauxhall nur für das materielle abzugeben. Für PSA wäre es, wenn sie nur Geld auf den Tisch legen müssen aber ein strategischer Vorteil. In Frankreich, England, Deutschland über eigene Marken zu verfügen und dazu dongfeng.
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