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Opel-Werksschließung in Bochum: "Das bringt doch alles nix"

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Belegschaft unter Schock: Mit Entsetzen haben die Opelwerker in Bochum das geplante Ende der Fahrzeug-Fertigung aufgenommen. Sie glauben nicht mehr an eine Zukunft für ihr Werk - auch wenn Opel-Chef Sedran verspricht, den Standort zu erhalten und die Gewerkschafter sich kämpferisch geben.

Viel Zeit nimmt sich Opel-Chef Thomas Sedran nicht, um den Arbeitern im Bochumer Werk seine Anteilnahme zu zeigen. Im Gegenteil: Den Manager hält es kaum eine Minute am Sprecherpult im großen Saal des Ruhr-Congresszentrums. In dürren Worten teilt er der Versammlung mit, dass die Fertigung kompletter Autos in Opel 2016 enden wird. "Wir haben intensiv nach Möglichkeiten gesucht, unser Produktionsnetzwerk auszulasten. Wir mussten aber leider feststellen, dass wir in der Tat kein Fahrzeug für Bochum nach 2016 haben werden", sagt er. Man wolle in Bochum aber weiterhin präsent sein, nicht nur mit einem Logistikzentrum, sondern auch mit einer Komponentenfertigung.

Dann verspricht Sedran noch, Kündigungen nach Möglichkeit zu vermeiden - und verschwindet wenig später durch den Hinterausgang.

Die Überraschung der Anwesenden hält sich in Grenzen. Seit Monaten schon machten Gerüchte die Runde, dass der Standort Bochum auf der Kippe steht. Dennoch setzt die Nachricht viele unter Schock. Mit ausdruckslosen Gesichtern stehen sie anschließend in Grüppchen vor dem verglasten Gebäude.

Pfiffe und Buh-Rufe

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Opel Bochum: Produktions-Aus bei Opel in Bochum
Rund um den Vorplatz hat die Polizei ihre Kräfte aufgefahren. Ein Mitarbeiter erzählt einem WDR-Reporter auch von einer ganzen Armada von Ordnern im Saal. Die Belegschaft in Bochum hat den Ruf, schnell aufzubegehren. Tatsächlich sind auch etliche wütende Pfiffe zu hören, als Sedran das Quasi-Aus für Bochum verkündet. Doch von Randalestimmung ist an diesem tristen Dezembermorgen wenig zu spüren. "Es war schon laut im Saal", erzählt ein Opel-Werker. "Aber das bringt ja alles doch nix."

Gewerkschafts- und Arbeitnehmervertreter arbeiten energisch gegen die deprimierte Stimmung an. Ein Vertrauensmann der IG-Metall gerät mit einigen Security-Leuten aneinander, als er Sedran während seiner Flucht aus der Halle zur Rede stellen will. Vom Podium aus versucht derweil Betriebsratschef Rainer Einenkel, Kampfbereitschaft zu demonstrieren. "Die Aussage kann nur lauten: In Bochum werden weiter Autos gebaut", ruft er ins Mikrofon. "Eine andere Antwort können wir nicht akzeptieren." Die Menschen im Ruhrgebiet seien gewohnt zu kämpfen. Opel könne auf Bochum nicht verzichten.

Eine Zeit lang hatte die Belegschaft noch gehofft, eines Tages möglicherweise als Auftragsfertiger für die Konzernschwester Chevrolet aushelfen zu können, die derzeit immer noch eine rege Nachfrage verzeichnet. Dann machte jedoch die Nachricht die Runde, dass der Mokka, der neue Mini-SUV von Opel, in Korea produziert werden soll. Dass sich also selbst für die Stammmarke Opel eine Fertigung in Europa nicht mehr lohnt, geschweige denn für die Billigmarke Chevrolet. Wie soll da Bochum in Zukunft mithalten?

Arbeiter glauben den Versprechungen nicht

Zuversicht ist in der Belegschaft mittlerweile zum knappen Gut geworden, dazu trägt schon das triste Umfeld bei, in dem die Leute seit Jahren arbeiten. Die Fertigung ist zwar auf dem neuesten Stand. Die Gebäude und Einrichtungen, die nicht unmittelbar der Produktion dienen, sehen dagegen aus wie in den achtziger Jahren zuletzt renoviert. Interesse, das Werk zukunftsfähig zu machen, hat die Konzernzentrale in Detroit nie signalisiert.

Mit dem Versprechen Sedrans, das Warenverteilzentrum auszubauen und eine Komponentenfertigung einzurichten, können die Arbeiter deshalb auch wenig anfangen. In dem Logistikzentrum arbeiten nach Angaben eines Opel-Sprechers derzeit 430 Menschen. Die Zahl wolle der Konzern auf mindestens 600 aufstocken. Wie viele Stellen mit der Komponentenfertigung entstehen, sei noch unklar.

"Wie soll ich denn zukünftig eine Komponentenproduktion einrichten, wenn ich heute schon einen wichtigen Teil schließe", sagt dagegen Einenkel mit Hinweis auf die drohende Schließung der Getriebefertigung, die rund 300 Beschäftigten den Job kosten wird. Wenn Opel für das Werk eine Zukunft als Komponentenwerk plane, passe das nicht zusammen, sagte der Betriebsratschef.

Alternativpläne mit wenig Aussicht auf eine Zukunft

Sinn ergibt der Standort Bochum in solcher Form auch aus Expertensicht nicht. "Ein Warenverteilzentrum sollte möglichst in der Nähe der Fabriken liegen, die das Material benötigen", erklärt Stefan Bratzel von der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach. So gesehen sei Bochum einfach zu weit entfernt von den übrigen Opel-Werken. Auch der Branchenexperte Ferdinand Dudenhöffer glaubt nicht an die Zukunft als Komponentenwerk. Schließlich sei auch die Komponentenfertigung der anderen Werke keineswegs ausgelastet.

Kein Wunder also, dass in der Belegschaft bereits Spekulationen kursieren, wie viele Jobs dem Kahlschlag wohl zum Opfer fallen werden - allen Versprechungen der Bosse zum Trotz, auf betriebsbedingte Kündigungen nach Möglichkeit zu verzichten. 800, vielleicht 1000 können darauf hoffen, eine Brücke in den Ruhestand gebaut zu bekommen. Für die Jüngeren gilt das Angebot, in anderen Werken zu arbeiten. Dass sehr viele von diesem Angebot Gebrauch machen werden, halten Beobachter allerdings für unwahrscheinlich. "Damit hatte Opel schon in der Vergangenheit keinen Erfolg", erklärt Dudenhöffer.

Am Ende könnten also leicht 1200 bis 1500 Arbeiter auf der Straße stehen - vorausgesetzt, die GM-Führung hält tatsächlich an dem unwirtschaftlichen Weiterbetrieb des Werkstorsos fest. "Ein harter Schlag für die Stadt", sagt auch Luidger Wolterhoff, Chef der Arbeitsagentur in Bochum. "Aber wenigstens wissen wir jetzt Bescheid und können die entsprechenden Schritte einleiten." Einen nahtlosen Übergang in einen neuen Job kann Wolterhoff zwar nicht jedem versprechen. Grund zur Hoffnung sieht er dennoch. Wer als Facharbeiter flexibel sei und nicht voll und ganz auf Bochum festgelegt, der habe eine gute Chance auf dem Arbeitsmarkt.

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insgesamt 107 Beiträge
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1. Schnell sein!
Bathroom Blitz 10.12.2012
---Zitat--- Wer als Facharbeiter flexibel sei und nicht voll und ganz auf Bochum festgelegt, der habe eine gute Chance auf dem Arbeitsmarkt. ---Zitatende--- Das sieht der Mann von der Agentur für Arbeit völlig richtig. Die "Wiese" Bochum ist abgegrast. Wer jetzt schnell und wendig ist findet woanders einen neuen Job. Und trifft dort womöglich auf die ganz Cleveren, die schon vor ein paar Jahren den Ruhrpott verlassen haben und längst woanders untergekommen sind. In Wolfsburg oder Köln soll es auch sehr schön sein!
2. Voraus zu sehen.
kurtrichard 10.12.2012
VW oder BMW soll den Laden übernehmen, dann läuft das auch schon wieder. Opel ist für diese Amerikaner doch nur ein wirtschaftliches Druckmittel. Abhaken, diese Erpresser.
3.
joergsi 10.12.2012
Und natürlich wird es keine Betriebsbedingten Kündigungen geben! Es werden garantiert Alternativjobs in Eisenach angeboten, und wer nicht umzieht hat selbst Schuld!
4. Koan Titel
olymp666 10.12.2012
Zitat von sysopAFPBelegschaft unter Schock: Mit Entsetzen haben die Opelwerker in Bochum das geplante Ende der Fahrzeug-Fertigung aufgenommen. Sie glauben nicht mehr an eine Zukunft für Ihr Werk - auch wenn Opel-Chef Sedran verspricht, den Standort zu erhalten und die Gewerkschafter sich kämpferisch geben. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/opelwerker-glauben-nicht-mehr-an-die-zukunft-des-standorts-bochum-a-872007.html
Schlimm für die Mitarbeiter und deren Familien. Das wird auch für die Zulieferbetriebe hart. Allerdings geht die Diskussion schon seit Jahren. Da hätte man sich schon mal umorientieren können. Laßt Opel fallen, bevor Opel Euch fallen läßt.
5. Zu hohe Steuerlasten in Bochum
meerwind7 10.12.2012
Hebesatz der Gewerbesteuer: 480% Hebesatz Grundsteuer: 565% Dagegen die Gewerbesteuern am Werkstandort Rüsselsheim 390%, in Eisenach 400%, in Kaiserslautern 410%, was auch schon nicht wenig ist und ständig zunimmt. Und die Gewerbesteuer ist nur eine von mehreren, die die Unternehmen zu schultern haben. Wer möchte da schon in Bochum investieren, zumal sich die Bürger der Stadt auch mit hohen Schulden Konsumausgaben der Vergangenheit geleistet hatten, die den Stadtort zusätzlich belasten. http://www.bochum.de/C125708500379A31/vwContentByKey/W26ZR957066BOLDDE http://www.tls.thueringen.de/datenbank/portrait.asp?TabelleID=kr001611&auswahl=krf&name=Stadt Eisenach&nr=56&Aevas2=Aevas2&fussAnzeige=ja&daten=jahr http://gewerbesteuer-hebesatz.de/Gewerbesteuerhebesatz-Rheinland-Pfalz.html http://gewerbesteuer-hebesatz.de/Gewerbesteuerhebesaetze-Hessen.html
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Opel-Standorte
Eisenach
Das jüngste Opel-Werk wurde 1992 im westlichen Thüringen eröffnet. Der Schwerpunkt der Produktion liegt auf dem kleinen Corsa. Insgesamt bietet der Autobauer in Eisenach rund 1800 Menschen Arbeit.
Rüsselsheim
Das Stammwerk südwestlich von Frankfurt am Main ist das Herz der Adam Opel GmbH. Rund 750 Millionen Euro wurden 2002 in seine Modernisierung investiert. Die Beschäftigtenzahl liegt aktuell bei rund 15.500, davon sind etwa 5500 Mitarbeiter im internationalen Entwicklungszentrum angesiedelt, der Denkfabrik des Autobauers.

In Rüsselsheim läuft derzeit der Mittelklassewagen Insignia in den drei Versionen Limousine, Fließheck und Kombi vom Band. Im Durchschnitt werden täglich 720 Einheiten des neuen Zugpferds der Marke mit dem Blitz produziert. In der Anlaufphase befindet sich außerdem die Produktion des Insignia Sports Tour, von dem in Kürze pro Tag mehr als 80 Fahrzeuge in Rüsselsheim gebaut werden sollen.
Bochum
Das 1962 eröffnete Werk, einst Produktionsstätte des Opel Kadett, baut den Astra und den Kompakt-Van Zafira. Außerdem werden in Bochum Achsen und Getriebe hergestellt. Insgesamt arbeiten an diesem Standort etwa 5300 Menschen. Pro Jahr laufen etwa 240.000 Autos vom Band.
Kaiserslautern
In der Westpfalz stellt Opel Fahrzeugkomponenten für Karosserie, Chassis und Innenraum her. Die Powertrain GmbH, ein Gemeinschaftsunternehmen von Opel und Fiat, produziert dort Motoren. Der Standort spielt eine wichtige Rolle im weltweiten Fertigungsverbund von GM. Insgesamt sind dort 2360 Mitarbeiter im Komponentenwerk beschäftigt. Weitere 1130 Menschen fertigen Motoren an.
Europa
Opel-Autos werden außerdem in folgenden europäischen Werken produziert: Antwerpen/Belgien (Astra), Gleiwitz/Polen (Agila, Astra Classic, Zafira), Ellesmere Port/England (Astra), Luton/England (Vivaro) und Zaragoza/Spanien (Corsa, Meriva, Combo).


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