Produktion von Orangensaft Niedrigpreise in Deutschland, Ausbeutung in Brasilien

Ein Liter Orangensaft kostet in Deutschland oft weniger als einen Euro. Zu spüren bekommen das die Obstpflücker in Brasilien. Eine Studie wirft den großen deutschen Lebensmittelketten vor, für die miesen Arbeitsbedingungen mitverantwortlich zu sein - und sich vor der Verantwortung zu drücken.

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Brasilianische Pflücker auf dem Weg zur Arbeit: Wie kommt der Preis zustande?
ZDF

Brasilianische Pflücker auf dem Weg zur Arbeit: Wie kommt der Preis zustande?


Hamburg - Im brasilianischen Bundesstaat São Paulo stehen etwa 200 Millionen Orangenbäume. Von hier kommt rund die Hälfte der weltweiten Orangenernte. Die meisten Früchte werden zu Saft gepresst - und der landet zu zwei Dritteln in der EU, zu 17 Prozent in Deutschland. Die Deutschen lieben ihr Glas Orangensaft auf dem Frühstückstisch. Beliebt sind die günstigen Tetrapacks und PET-Flaschen, die die großen deutschen Lebensmittelketten wie Edeka, Rewe, Lidl oder Aldi unter Eigenmarken anbieten.

Doch wie kommt der günstige Preis zustande? Schließlich durchläuft der Saft eine lange Produktionskette und hat weite Transportwege hinter sich. Die Gewerkschaft Ver.di und die Christliche Initiative Romero (CIR) sind dieser Frage nachgegangen - und decken verheerende Arbeitsbedingungen entlang der gesamten Produktionskette auf. Mit ausgelöst werden diese demnach letztlich durch die Marktmacht und den Preisdruck der genannten deutschen Handelskonzerne.

Ver.di und CIR rechnen vor: Kostet eine Packung Orangensaft in einem deutschen Supermarkt beispielweise 89 Cent, gehen davon etwa 19 Cent an die Supermarktkette. Etwa 25 Cent erhalten die deutschen Abfüllunternehmen, die den Saft aus dem brasilianischen Orangensaftkonzentrat herstellen und in die Packung füllen. 14 Cent sind Steuern, etwa 11 Cent kosten Transport, Zölle und Verwaltung. Übrig bleiben etwa 20 Cent. Von diesen müssen die Kosten des Orangenanbaus und der brasilianischen Saftindustrie gedeckt werden - und die Saftindustrie möchte auch noch Gewinn erwirtschaften.

Ganz hinten in der Kette stehen die brasilianischen Plantagenarbeiter und Kleinbauern. Die Orangenbäume stehen in Monokultur auf riesigen Plantagen. Das macht sie sehr anfällig für Schädlinge und Krankheiten - daher werden chemische Pflanzenschutzmittel intensiv eingesetzt. Die Früchte werden weitgehend von Menschenhand geerntet.

Recherchen der CIR ergaben: Die Plantagenarbeiter erhielten meist befristete Saisonverträge. Sie zögen von Plantage zu Plantage, die Säcke mit Früchten auf ihrem Rücken wögen bis zu 30 Kilogramm. Die Arbeiter stünden unter sehr hohem Arbeitsdruck. Seien sie nicht produktiv genug, erhielten sie in der nächsten Saison keinen Vertrag mehr. Viele ließen daher die Mittagspause, die ihnen eigentlich zusteht, ausfallen. Für zwei Tonnen gepflückte Orangen am Tag erhielten die Arbeiter umgerechnet etwa 9 Euro. Das liegt unterhalb des von brasilianischen Gewerkschaften genannten Existenzminimums. Die versprühten Chemikalien gefährden den Recherchen zufolge die Gesundheit und immer wieder komme es zu schweren Unfällen, weil keine sicheren Leitern gestellt würden.

Ein Teil der Plantagen gehört der brasilianischen Saftindustrie, die die Orangen presst und zu Konzentrat verarbeitet. Drei große Konzerne bestimmen den Markt: Citrosuco, Louis Dreyfus und Cutrale. Sie haben viele kleinere Unternehmen vom Markt gedrängt. Für die Arbeiter auf ihren Plantagen sind die drei Großen in der Regel rechtlich nicht als Arbeitgeber verantwortlich - die Orangenpflücker schließen ihren Vertrag mit Arbeitsvermittlern, sogenannten Gatos, die für die großen Konzerne in den Dörfern und Städten nach Arbeitskräften suchen. Das ermöglicht der Saftindustrie laut Ver.di und CIR, Löhne zu drücken.

Viele Bauern geben auf und verkaufen ihr Land

Viele Plantagen werden auch von Kleinbauern betrieben. Aufgrund der Marktmacht von Citrosuco, Louis Dreyfus und Cutrale sind die Bauern gezwungen, ihre Orangen an diese Unternehmen zu verkaufen. Die drei Marktführer können, so die Studie, den Preis, den sie den Bauern zahlen, fast beliebig bestimmen, auch weil sie sich zu Beginn der Ernte untereinander absprechen. Im Jahr 2012 wurden sie wegen Kartellbildung in Brasilien zu Geldstrafen verurteilt. Für eine Kiste Orangen, 40 Kilogramm schwer, erhielten die Bauern umgerechnet etwa 2,60 Euro. Das decke oft nicht einmal mehr die Kosten. Falle der Weltmarktpreis für Orangen an der Börse während der Erntezeit, müssten die Bauern die Differenz bezahlen. Solche Praktiken führen dazu, dass die Bauern ihrerseits Plantagenarbeiter ausbeuten. Viele Bauern geben auf, verkaufen ihr Land und werden selbst zu Wanderarbeitern.

In den Fabriken, wo die Orangen weiterverarbeitet werden, seien die Löhne etwas höher, die Arbeitsbedingungen aber ebenfalls bedenklich. Oft herrsche extreme Hitze, der Lärmpegel sei hoch, die nötige Schutzkleidung werde teilweise nicht gestellt.

Am anderen Ende der Produktionskette, in Deutschland, sorgt die Marktmacht der wenigen großen Einzelhandelskonzerne für niedrige Preise. Der Vertrieb von Orangensaft läuft hierzulande fast ausschließlich über die großen Supermarkt- und Discounterketten. Sie bestimmen, so der Bericht, die Arbeits- und Produktionsbedingungen entlang der gesamten Lieferkette mit, streichen hohe Gewinne ein. Die Verantwortung für die Arbeiter in Brasilien aber, so der Vorwurf von Ver.di und CIR, delegieren sie einfach in der Produktionskette nach unten. Rechtlich sähen sie sich für diese nicht zuständig. Ähnlich argumentieren die brasilianischen Saftkonzerne: Sie verweisen auf die örtlichen Arbeitsvermittler.

"Die Unternehmen des Einzelhandels vereinbaren mit ihren Lieferanten klare Standards, denen die lokalen Arbeitsgesetze und darüber hinaus gehende Standards zugrunde liegen", sagt Kai Falk, Sprecher des Handelsverbands Deutschland. Dabei sei man auf die Umsetzung des lokalen Rechts durch die jeweiligen Staaten angewiesen - nicht immer sei das gewährleistet. Moderate Preise in den Supermärkten seien ein wichtiger Beitrag zur Versorgung aller Einkommensschichten.

Ver.di und CIR fordern einen Verhaltenskodex, der verbindliche Arbeitsrichtlinien an jeder Stelle der Lieferkette vorschreibt - von der Herstellung bis zum Verkauf. Diese sollen gemeinsam mit Gewerkschaften und Arbeitsrechtsinitiativen umgesetzt und kontrolliert werden - die deutschen Handelskonzerne sollen die Verantwortung nicht länger abwälzen können.

Das ZDF-Magazin Frontal21 sendet am heutigen Dienstag ab 21 Uhr einen Beitrag zum Thema. Die Reporter haben Plantagenarbeiter in Brasilien besucht.



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Pi-Street 08.10.2013
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Zitat von sysopZDFEin Liter Orangensaft kostet in Deutschland oft weniger als einen Euro. Zu spüren bekommen das die Obstpflücker in Brasilien. Eine Studie wirft den großen deutschen Lebensmittelketten vor, für die miesen Arbeitsbedingungen mitverantwortlich zu sein - und sich vor der Verantwortung zu drücken. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/orangensaft-studie-prangert-rewe-edeka-lidl-und-aldi-an-a-926406.html
Eines ist klar: "Unser Wohlstand" - so wie jeder "Wohl-Stand" - basiert immer auf einer unteren und untersten Schicht. Dort wird der Wert abgebaut und durchläuft bis zum Endprodukt eine Mehrwert-Kette. Durch die Globalisierung verlagert sich die untere Schicht auf andere Länder und dort ihre Arbeiter. Das Problem nur ist in und mit unserer derzeitigen Marktordnung moralisch nicht lösbar. Immer macht es einer "billiger", immer findet sich einer zum wieder Ausbeuten, weil eben jeder sein Brot auf den Tisch bekommen muß. Insgesamt sind die Lebensmittelpreise verzerrt so wie auch das Angebot der Lebensmittel. Man blickt schlicht nicht mehr durch, oder warum HOHES C bei Kaisers 10 bis 20 % teurer ist als bei Lidl. Da hilft zur Bewertung nur Transparenz. Dass auf den Packungen genau das steht, was hier in dem Artikel steht, woraus sich der Preis zusammensetzt. Die Orange scheint dieselbe zu sein, ob bei Billig-Marken oder teuren Marken. Wie beim Hering. FAIR-TRADE-Siegel interessieren nicht wirklich. Beziehungsweise: Man glaubt dem System, was sich zunehmend aus Korruption und Hökerei und Spekulation zusammensetzt, nicht mehr. Unsere Eßgewohnheiten spiegeln den mobilen, unseßhaften wider, der permanent auf Achse ist.
ibms 08.10.2013
2. Geiz ist geil...
Das ist die Basis der deutschen "geiz ist geil" Mentalität. Mir wird schlecht... Billig, Billig, Billiger,... Misserable Löhne und Arbeitsbedingungen. Brasilien und Deutschland. Man kann es der Politik und dem "neoliebralismus" vorwerfen. Oder man kann als Verbraucher mitbestimmen. Wenn man denn genug Geld im Sack hätte. Schon klar, aber wie konnte es soweit kommen? Was sind unsere Werte? Wer vertritt diese überhaupt noch? Wer versteht sie? Wo werden sie weitergegeben? Deutschland gute Nacht. Zum Glück bin ich ausgewandert. Der Pass kommt per Post
ReneMeinhardt 08.10.2013
3. Der O-Saft-Konsum kann schnell nach unten gehen,
wenn man streut, dass O-Saft gar nicht so gut ist. Der Deutsche glaubt's und das Problem ist gelöst.
macassor 08.10.2013
4. optional
Gerade war hier ein Artikel über die sinkende Kaufkraft in Deutschland. Mal ehrlich: wenn ich fair gehandelte Produkte kaufe, Bio-Produkte, Kleider die nicht in Südost-Asien produziert werden (klar, da werden Hungerlöhne bezahlt, liest man fast wöchetlich darüber), PKWs sollen bitte schön elektrisch sein, für die Kinder muss man natürlich auf Sicherheit und Gesundheit achten (d.h. wiederum teuerere Produkte), kurz gesagt, wenn ich auf alles achte was unsere Gutmenschen sich ausdenken, dass es sozialveträglich, nachhaltig und sicher ist (man hört ständig: "nicht am falschen Ende sparen") , dann reicht mein Gehalt vorne und hinten nicht (obwohl ich vor kurzem gelernt habe, dass ich zu den oberen 11% gehöre). Man vereinbart dann mit seinem Gewissen einen Kompromiss. Man kann nicht allen Recht machen.
m.schrader 08.10.2013
5.
naja, das ist doch mit allen Produkten aus den 3. Welt-Ländern so! Entweder wir zahlen deutlich mehr(wozu die wenigsten bereit sein werden) oder wir boykottieren den Handel mit Produkten aus der 3. Welt. Bloß dann haben die Menschen dort kein Einkommen! An die Sozialromantiker vorab: Hartz4 gibt es in solchen Ländern nicht!
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