Ananas und Bananen Früchte aus garantiert menschenunwürdigem Anbau

Fast alle Bananen und Ananas in deutschen Supermärkten tragen Nachhaltigkeitssiegel. Alles gut also? Einer Studie zufolge nicht: Viele Arbeiter werden ausgebeutet und sind giftigen Pestiziden ausgesetzt.

Oxfam Deutschland

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Jeden zweiten Tag kommt ein Tankwagen in die Ananasanbaugebiete im Osten Costa Ricas und bringt Trinkwasser. 12.000 Liter für vielleicht 1000 Familien - gerade genug zum Kochen und Trinken. Ihr Grundwasser ist einer Studie der Menschenrechtsorganisation Oxfam zufolge seit 2007 mit Bromacil vergiftet, einem Herbizidwirkstoff, der in Europa längst verboten ist. Hier in Mittelamerika wird er offensichtlich noch eingesetzt - ebenso wie andere als "wahrscheinlich krebserregend" eingestufte Agrochemikalien.

Den Tankwagen hat Studienautorin Franziska Humbert beobachtet, als sie für Oxfam in Lateinamerika nachforschte, unter welchen Bedingungen Ananas und Bananen produziert werden, die in deutschen Supermärkten landen. Die Erkenntnis in Kurzform: Lidl, Aldi, Edeka und Rewe beziehen Früchte von Plantagen, auf denen Hungerlöhne gezahlt, Gewerkschafter unterdrückt und bedroht werden und Arbeiter giftigen Pestiziden immer wieder fast schutzlos ausgeliefert sind.

Pestizide aus dem Flugzeug - auf die Arbeiter

Verwunderlich ist das auch deshalb, weil die Lebensmittelhändler hierzulande gerade Bananen als "nachhaltig" bewerben. Am weitesten verbreitet ist das Siegel der "Rainforest Alliance" mit einem grünen Frosch als Logo. Die Praxis auf den Plantagen in Ecuador aber verstößt offenbar selbst gegen schwächste Standards: Jeder zweite der von Oxfam vor Ort befragten Arbeiter berichtet, dass Flugzeuge Pestizide versprühen, während sie im Feld arbeiten. Die gesetzlich (und nach den Siegelstandards) vorgeschriebene Pause zwischen Spritzen und Betreten der Plantagen werde nie eingehalten.

In den rund 200 Interviews, die Oxfam vor Ort geführt hat, klagen die Arbeiter über Allergien und Ausschläge, ständige Übelkeit, Schwindel oder Atemnot. Sie berichten von einer hohen Zahl von Behinderungen, Fehlgeburten und Krebserkrankungen im Umfeld der Plantagen - allerdings ohne belegen zu können, dass der Pestizideinsatz die Ursache ist.

Gleichzeitig werden Bananen und Ananas in Deutschland immer beliebter - und immer billiger. Der Ananasimport hat sich seit 2000 fast verdreifacht, der Preis dagegen ist um gut ein Drittel gefallen. Oxfam macht dafür auch die Verhandlungsmacht der Händler verantwortlich. Für Bananen gilt in Ecuador beispielsweise ein gesetzlicher Mindestpreis von 6,16 Dollar je Kiste - die Exporteure zahlen trotzdem häufig nur 5,50 Dollar oder noch weniger, klagen die Produzenten.

Die Preisdrückerei setzt sich demnach auf den Plantagen fort: Viele der befragten Arbeiter verdienten Oxfam zufolge keine existenzsichernden Löhne. Gewerkschaften, die sich für angemessene Bezahlung, soziale Sicherheit und Arbeitsschutz einsetzen, werden den Berichten zufolge systematisch unterdrückt.

Supermärkte und Discounter zeigen sich betroffen

Die deutschen Einzelhändler reagierten betroffen auf die Studie, wiesen eine Verantwortung aber zurück. Rewe verweist auf die Vorschriften der Rainforest-Alliance-Zertifizierung und verspricht: "Sollten konkrete Vorwürfe erhoben werden, wird die Rewe Group diesen nachgehen." Lidl pflegt nach eigenen Angaben "keine direkten Geschäftsbeziehungen zu Erzeugern", sondern bezieht seine (sämtlich Rainforest-Alliance-zertifizierten) Früchte von Importagenturen. "Alle unsere Geschäftspartner bestätigen uns dabei schriftlich die Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben."

Edeka verweist auf ein Modellprojekt im Bananenanbau, für das zusammen mit dem WWF höhere Umwelt- und Sozialstandards entwickelt wurden - was auch Oxfam bestätigt. Besonders ausführlich reagierte Aldi: Der Discounter habe umgehend seine Lieferanten kontaktiert und zugesichert bekommen, dass Löhne, Arbeitszeiten und Sozialabgaben den Vorschriften entsprechen, sowie viele Beschäftigte in Gewerkschaften organisiert seien. Pestizide würden während der Arbeitszeit grundsätzlich nicht ausgebracht. Das Unternehmen betonte, "dass die geschilderten Zustände in keiner Weise mit unserem Verständnis von sozial gerechten und menschenwürdigen Arbeitsbedingungen vereinbar sind."

"Die Arbeiter haben Angst, zu reden"

Die Rainforest Alliance selbst teilte mit, sie nehme die Anschuldigungen "sehr ernst". Bei Nachforschungen habe man die Vorwürfe nicht bestätigen können, lediglich in Einzelfällen sei die zulässige Wochenarbeitszeit überschritten worden. Zudem habe man Schwächen im System einer Farm entdeckt, "wie Arbeiter über das Versprühen bestimmter Mittel aus der Luft benachrichtigt werden". Arbeiter hätten angegeben, dass niemand sie daran hindere, einer Gewerkschaft beizutreten und dass sie mindestens den gesetzlichen Mindestlohn bekämen.

Ganz anders beschreibt es Frank Braßel von Oxfam. Während der Recherche in Ecuador hat ihn besonders die verbreitete Angst überrascht: "Niemand hat sich getraut, mit uns zu reden - Gespräche konnten nur durch Vermittlungen über Verbindungsleute stattfinden." Die Arbeiter wagten nicht, sich bei ihren Vorgesetzten zu beschweren, so Braßel, "denn dann fliegen sie raus".

Welche Arbeiter die Wahrheit sagen, ist schwer zu überprüfen. Sicher ist: Auch das Rainforest-Alliance-Siegel garantiert nicht unbedingt eine nachhaltige Produktion. Verbraucher, die sichergehen wollen, müssen laut Oxfam auf Bio-zertifizierte Fair-Trade-Ware setzen - dort sind die Vorschriften strenger, die Löhne höher.

Deutlich wird in der Oxfam-Studie, wie frustriert viele Arbeitnehmervertreter sind: "Die Supermärkte fordern für ihre Kunden ein gutes Äußeres und gute Qualität der Früchte", sagt der ecuadorianische Gewerkschafter Jorge Acosta. "Warum fordern sie nicht eine höhere Lebensqualität der Arbeiter, die die Bananen produzieren als eine Form der Solidarität zwischen den Menschen?"


Zusammenfassung: Arbeiter von Ananas- und Bananenplantagen in Lateinamerika arbeiten laut Oxfam auch bei Betrieben mit dem "Rainforest-Alliance"-Siegel unter miesen Bedingungen. Sie sind Agrarchemikalien häufig schutzlos ausgesetzt, Sozialleistungen und existenzsichernde Löhne sind selten und Gewerkschafter werden bedroht. Die Discounter und Supermärkte, die die vermeintlich nachhaltig angebauten Früchte verkaufen, reagieren betroffen - weisen aber die Verantwortung zurück.

insgesamt 108 Beiträge
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Bueckstueck 31.05.2016
1. Geiz ist geil
Die Ware muss billig sein, wie das bewerkstelligt wird, ist den meisten Konsumenten so egal wie den Dealern der Ware. Ist ja alles weit weg... Gerade bei Bananen kaufe ich seit Jahren nur noch FairTrade Ware ein. Kostet mehr. Und hoffe natürlich, dass die Arbeiter genau so wenig betrogen werden wie ich. Schwer zu verifizieren, ist ja alles weit weg....
prendergast 31.05.2016
2. Verbraucher
können nichts fordern. Es steht nunmal nicht auf der Banane. Ich würde die Menschenwürdige Banane kaufen, wenn es sie geben würde, aber dazu bräuchte man ehrliche Politiker und eine Verbraucherfreundliche EU.
oldman2016 31.05.2016
3. Vorschlag zur Problemlösung
Alle Welt regt sich auf, wenn die Chinesen in großem Umfang in Afrika Land aufkaufen, um darauf Lebensmittel für die chinesische Bevölkerung anzubauen. Was und vor allem wer hindert den deutschen Lebensmittelhandel, ebenfalls Landflächen in den Produktionsländern aufzukaufen oder zumindest längerfristig zu pachten und dort Arbeiter zu fairen Bedingungen zu beschäftigen? Und wenn es schon nicht der Lebensmittelhandel macht, können doch Organisationen wie Oxfam in die Vorreiterrolle treten und sich als Vorbild beweisen. Auch die deutschen Verbraucher können sich als Genossenschaften oder Unternehmen in den Anbauländern engagieren. Anstatt sein Gewissen mit Geldspenden in dunkle Kanäle zu beruhigen, wäre ein solches Engagement vielleicht zielführender. Von lebensprägenden Erfahrungen außerhalb Deutschlands ganz abgesehen.
dedroog 31.05.2016
4. so what..?
unser erklärtes Credo ist der Kapitalismus..na ja,..und der denkt eher an die Aktionäre - als an die Arbeitnehmer.. also was wollen wir?
condor99 31.05.2016
5.
Zitat von BueckstueckDie Ware muss billig sein, wie das bewerkstelligt wird, ist den meisten Konsumenten so egal wie den Dealern der Ware. Ist ja alles weit weg... Gerade bei Bananen kaufe ich seit Jahren nur noch FairTrade Ware ein. Kostet mehr. Und hoffe natürlich, dass die Arbeiter genau so wenig betrogen werden wie ich. Schwer zu verifizieren, ist ja alles weit weg....
Hört doch bitte endlich mit dieser "Geiz ist geil" Diskussion auf. Die miesten kaufen billig weil sie müssen und nicht weil sie wollen. Bei Niedriglohn und Hartz4 auf dern einen und Lohndrückerei auf der anderen Seite bleibt kaum Spielraum. Und zu FairTrade kam letztens auch eine Reportage das da auch nur das Gewissen beruhigt wird und dieses Siegel das Papier nicht wert ist.
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