Von Florian Mebes, Tel Aviv
Der kürzlich veröffentlichte Bericht der Weltbank hatte es in sich: Die Organisation brachte im März einen 31 Seiten langen Report zur wirtschaftlichen Entwicklung in den Palästinensergebieten heraus - und ausgerechnet der Part über den Gaza-Streifen fiel positiv aus. Dem Landstrich, der seit 2007 einer israelischen Blockade unterliegt, wird darin beim Bruttoinlandsprodukt ein Wachstum von fast 26 Prozent in den ersten drei Quartalen des vergangenen Jahres bescheinigt. Im Vergleich liegt das Westjordanland mit nur 5,8 Prozent weit zurück.
Die Zahlen sind auf den ersten Blick beeindruckend. Die Realität im alltäglichen Leben der rund 1,7 Millionen Einwohner des Gaza-Streifens sieht bei weitem nicht so rosig aus. Die Arbeitslosenquote liegt bei 30 Prozent, bei den Jugendlichen allein sogar bei fast 47 Prozent. Hauptverkehrsmittel in dem nur 50 Kilometer langen und zehn Kilometer breiten Küstenstreifen am östlichen Mittelmeer sind weiterhin Eselskarren. Benzin für Kraftfahrzeuge ist rar und teuer. Woher soll da das Wachstum kommen?
Mohammad Abu Ramadan hat keine Antwort darauf. Der 59-Jährige lebt in Ramallah im Westjordanland und besitzt unter anderem ein Busunternehmen im Gaza-Streifen. Die Geschäfte laufen schlecht, sagt er. Wenn seine Busse aufgrund des Benzinmangels überhaupt auf der Straße sind, würden sie von immer weniger Passagieren benutzt, berichtet er. "Die Leute bleiben lieber zu Hause und sparen sich das Geld." Der Preis für eine einfache Busfahrt liegt bei etwa einem Euro. "Meine Fahrer berichten mir von Studenten, die von außerhalb zur Universität in Gaza-Stadt pendeln müssen und nur noch Pflichtvorlesungen besuchen." Gelernt werde zu Hause.
Nur sechs Stunden Strom am Tag
Den Grund für die schwierige Lage sehen viele Palästinenser in Ägypten. Das Nachbarland weigert sich, staatlich subventionierten Kraftstoff zu liefern und verlangt dem internationalen Markt angeglichene Preise. Das Hamas-Regime aber, das Gaza regiert, verbietet den Bewohnern israelisches Benzin zu kaufen, da die Autonomiebehörde in Ramallah die Steuern dafür kassiert und der Konflikt zwischen den konkurrierenden Parteien trotz Einigkeitsabkommen immer noch nicht beigelegt ist. So wird der Machtkampf auf dem Rücken der eigenen Bevölkerung ausgetragen.
Hinzu kommt: Gaza sitzt im Dunkeln. Momentan gibt es nur sechs Stunden Strom am Tag. Das palästinensische Gesundheitsministerium meldete kürzlich den Tod zweier Kinder, da der Diesel selbst für die Notstromgeneratoren der Krankenhäuser in Gaza nicht mehr ausreiche. Auch die Trinkwasserversorgung stellt ein enormes Problem dar. 98 Prozent der Haushalte sind zwar ans Leitungsnetz angeschlossen, doch aus den Hähnen fließt während zwei Dritteln des Tages kein Tropfen Wasser. Die restliche Zeit über wird die Versorgung über Wassertanks auf den Hausdächern gewährleistet.
Boom des Bausektors durch Schmuggel ausgelöst?
Allerdings sind die Bewohner auch hier kritisch: "Das Material für den privaten Wohnungsbau kommt ausschließlich aus den Tunneln", sagt Khader Shaniwra vom Palästinensischen Industrieverband in Gaza-Stadt. Gemeint sind die illegalen unterirdischen Verbindungen nach Ägypten. Der 34-jährige Shaniwra lebt in Gaza und erlebt die Auswirkung der nunmehr seit fünf Jahren bestehenden Isolation direkt. "Es gibt mehr Tunnel denn je und Geschäftsleute, die davon profitieren", sagt er. Vor allem seitdem das Regime Husni Mubaraks in Ägypten gestürzt worden sei.
Neben dem Bausektor gibt es kaum eine Branche, die wesentlich zum Wachstum beigetragen hat. Kleinere Posten bilden die öffentlichen Versorgungsbetriebe oder die wirtschaftlichen Beiträge von Kleinstunternehmen. In vielen Fällen aber, geht das Wachstum allein auf Hilfsgelder aus dem Ausland zurück.
Gaza ist und bleibt zudem stark von Israel abhängig. Im November 2011 hat die Regierung in Jerusalem die Einfuhrrestriktionen für Baumaterial etwas weiter gelockert. Das dürfte den Bauboom noch ein wenig am Leben halten. Doch der Anstieg der Konjunkturkurve werde abflachen, ist sich Abu Ramadan sicher.
Im Westjordanland, das dem Gaza-Streifen von 2005 bis 2008 vorauseilte, ist die Konjunktur schon jetzt deutlich schwächer. "Die Menschen kaufen zurückhaltender ein. Sie sind besorgt und wissen nicht, was die nächsten Jahre mit sich bringen werden", sagt Firas Mahajneh von der Bank of Palestine in Jenin. Der 29-Jährige ist für die Vergabe von Kleinkrediten an Selbstständige verantwortlich und bekommt täglich mit, wie sehr sich die Geschäftsinhaber abmühen: "Viele müssen ihre Läden dichtmachen. Es wird schlimmer und schlimmer. Die Stimmung ist gedrückt."
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