Weltbank-Bericht: Wo der Gaza-Streifen wirklich wächst

Von Florian Mebes, Tel Aviv

Die Weltbank bescheinigt den Palästinensergebieten für 2011 ein Wachstum, von dem andere Nationen nur träumen können. Vor allem der Gaza-Streifen schneidet gut ab - trotz israelischer Blockade und Energiekrise. Was steckt hinter dem angeblichen Wirtschaftsboom?

Händler in Gaza-Stadt: Woher soll das Wachstum kommen? Zur Großansicht
REUTERS

Händler in Gaza-Stadt: Woher soll das Wachstum kommen?

Der kürzlich veröffentlichte Bericht der Weltbank hatte es in sich: Die Organisation brachte im März einen 31 Seiten langen Report zur wirtschaftlichen Entwicklung in den Palästinensergebieten heraus - und ausgerechnet der Part über den Gaza-Streifen fiel positiv aus. Dem Landstrich, der seit 2007 einer israelischen Blockade unterliegt, wird darin beim Bruttoinlandsprodukt ein Wachstum von fast 26 Prozent in den ersten drei Quartalen des vergangenen Jahres bescheinigt. Im Vergleich liegt das Westjordanland mit nur 5,8 Prozent weit zurück.

Die Zahlen sind auf den ersten Blick beeindruckend. Die Realität im alltäglichen Leben der rund 1,7 Millionen Einwohner des Gaza-Streifens sieht bei weitem nicht so rosig aus. Die Arbeitslosenquote liegt bei 30 Prozent, bei den Jugendlichen allein sogar bei fast 47 Prozent. Hauptverkehrsmittel in dem nur 50 Kilometer langen und zehn Kilometer breiten Küstenstreifen am östlichen Mittelmeer sind weiterhin Eselskarren. Benzin für Kraftfahrzeuge ist rar und teuer. Woher soll da das Wachstum kommen?

Mohammad Abu Ramadan hat keine Antwort darauf. Der 59-Jährige lebt in Ramallah im Westjordanland und besitzt unter anderem ein Busunternehmen im Gaza-Streifen. Die Geschäfte laufen schlecht, sagt er. Wenn seine Busse aufgrund des Benzinmangels überhaupt auf der Straße sind, würden sie von immer weniger Passagieren benutzt, berichtet er. "Die Leute bleiben lieber zu Hause und sparen sich das Geld." Der Preis für eine einfache Busfahrt liegt bei etwa einem Euro. "Meine Fahrer berichten mir von Studenten, die von außerhalb zur Universität in Gaza-Stadt pendeln müssen und nur noch Pflichtvorlesungen besuchen." Gelernt werde zu Hause.

Nur sechs Stunden Strom am Tag

Den Grund für die schwierige Lage sehen viele Palästinenser in Ägypten. Das Nachbarland weigert sich, staatlich subventionierten Kraftstoff zu liefern und verlangt dem internationalen Markt angeglichene Preise. Das Hamas-Regime aber, das Gaza regiert, verbietet den Bewohnern israelisches Benzin zu kaufen, da die Autonomiebehörde in Ramallah die Steuern dafür kassiert und der Konflikt zwischen den konkurrierenden Parteien trotz Einigkeitsabkommen immer noch nicht beigelegt ist. So wird der Machtkampf auf dem Rücken der eigenen Bevölkerung ausgetragen.

Hinzu kommt: Gaza sitzt im Dunkeln. Momentan gibt es nur sechs Stunden Strom am Tag. Das palästinensische Gesundheitsministerium meldete kürzlich den Tod zweier Kinder, da der Diesel selbst für die Notstromgeneratoren der Krankenhäuser in Gaza nicht mehr ausreiche. Auch die Trinkwasserversorgung stellt ein enormes Problem dar. 98 Prozent der Haushalte sind zwar ans Leitungsnetz angeschlossen, doch aus den Hähnen fließt während zwei Dritteln des Tages kein Tropfen Wasser. Die restliche Zeit über wird die Versorgung über Wassertanks auf den Hausdächern gewährleistet.

Fotostrecke

8  Bilder
Gaza-Streifen: Versorgungsnot mit Ansage
Doch es gibt tatsächlich auch Wachstum: Mit zwölf Prozent Anteil am gesamten Bruttoinlandsprodukt ist die Baubranche Hauptantriebskraft. Sie verzeichnete im angegeben Zeitraum ein Plus von rund 140 Prozent. Grund: Israel hatte im Mai 2010 die Einfuhr von Baumaterial für Infrastrukturprojekte unter Federführung internationaler Organisationen erleichtert. Letztendlich profitieren auch die Arbeiter der Branche und ihre Familien, deren Kaufkraft damit steigt. Und das lässt wiederum andere Wirtschaftszweige ein wenig aufleben.

Boom des Bausektors durch Schmuggel ausgelöst?

Allerdings sind die Bewohner auch hier kritisch: "Das Material für den privaten Wohnungsbau kommt ausschließlich aus den Tunneln", sagt Khader Shaniwra vom Palästinensischen Industrieverband in Gaza-Stadt. Gemeint sind die illegalen unterirdischen Verbindungen nach Ägypten. Der 34-jährige Shaniwra lebt in Gaza und erlebt die Auswirkung der nunmehr seit fünf Jahren bestehenden Isolation direkt. "Es gibt mehr Tunnel denn je und Geschäftsleute, die davon profitieren", sagt er. Vor allem seitdem das Regime Husni Mubaraks in Ägypten gestürzt worden sei.

Neben dem Bausektor gibt es kaum eine Branche, die wesentlich zum Wachstum beigetragen hat. Kleinere Posten bilden die öffentlichen Versorgungsbetriebe oder die wirtschaftlichen Beiträge von Kleinstunternehmen. In vielen Fällen aber, geht das Wachstum allein auf Hilfsgelder aus dem Ausland zurück.

Gaza ist und bleibt zudem stark von Israel abhängig. Im November 2011 hat die Regierung in Jerusalem die Einfuhrrestriktionen für Baumaterial etwas weiter gelockert. Das dürfte den Bauboom noch ein wenig am Leben halten. Doch der Anstieg der Konjunkturkurve werde abflachen, ist sich Abu Ramadan sicher.

Im Westjordanland, das dem Gaza-Streifen von 2005 bis 2008 vorauseilte, ist die Konjunktur schon jetzt deutlich schwächer. "Die Menschen kaufen zurückhaltender ein. Sie sind besorgt und wissen nicht, was die nächsten Jahre mit sich bringen werden", sagt Firas Mahajneh von der Bank of Palestine in Jenin. Der 29-Jährige ist für die Vergabe von Kleinkrediten an Selbstständige verantwortlich und bekommt täglich mit, wie sehr sich die Geschäftsinhaber abmühen: "Viele müssen ihre Läden dichtmachen. Es wird schlimmer und schlimmer. Die Stimmung ist gedrückt."

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 5 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Aguilar 16.04.2012
Bei den finanziellen Spritzen, die das Gebiet erhält, stellt sich die Frage, wo die Summen versickern. Würde das Geld sinnvoll verwendet, gäbe es auch Geld für ausreichend Diesel. Bedauerlich ist sicher, daß die Bewohner zur Untätigkeit im wirtschaftlichen Bereich weitgehend verdammt sind.
2. Shopping Malls...
Leserbrief 16.04.2012
Bilder von Shopping Malls und Wachstum passen nicht ins mühsam aufgebaute Bild der armen Palästinser und bösen Israelis, die ihre Nachbarn in einem Riesengefängnis hungern lassen... Werden viele Journalisten aus Israel bald abziehen müssen oder aus echten Krisengebieten berichten müssen - dort, wo es keinen Cocktail am Strand gibt und die Lebensmittelinfektion oder das Lebensrisiko wegen der eigenen Turnschuhe zum Begleiter wird ?
3. natürlich gehts den palästinensern in gaza gut
bloub 16.04.2012
Zitat von LeserbriefBilder von Shopping Malls und Wachstum passen nicht ins mühsam aufgebaute Bild der armen Palästinser und bösen Israelis, die ihre Nachbarn in einem Riesengefängnis hungern lassen... Werden viele Journalisten aus Israel bald abziehen müssen oder aus echten Krisengebieten berichten müssen - dort, wo es keinen Cocktail am Strand gibt und die Lebensmittelinfektion oder das Lebensrisiko wegen der eigenen Turnschuhe zum Begleiter wird ?
nur das die uno über ihr hilfswerk mal so eben monatlich bis zu 700.00 menschen mit dem nötigsten versorgen muss, damit die über die runden kommen, wird dann von den hetzern vergessen und verdrängt.
4.
Aguilar 16.04.2012
Zitat von bloubnur das die uno über ihr hilfswerk mal so eben monatlich bis zu 700.00 menschen mit dem nötigsten versorgen muss, damit die über die runden kommen, wird dann von den hetzern vergessen und verdrängt.
Daß es dem Volk nicht gut geht, bestreitet keiner. Bedauerlicherweise ist es aber so, daß das Geld, das dem Land zu Gute kommen soll, irgendwo versickert und das Volk nicht erreicht. Für Sprengstoff und Raketen auf die israelische Zivilbevölkerung ist aber Geld da.
5.
bloub 16.04.2012
Zitat von AguilarDaß es dem Volk nicht gut geht, bestreitet keiner.
mein vorposter nhat das sehr wohl bestritten. du hast vergessen, das ein teil schlichtweg mutwillig zerschossen wird von der idf.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Unternehmen & Märkte
RSS
alles zum Thema Nahost
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 5 Kommentare

Knackpunkte der Nahost-Gespräche
Sicherheit
DPA
Israel betont, es werde keinen Palästinenserstaat geben, solange die Sicherheit des jüdischen Staates nicht garantiert sei. Obwohl es in den vergangenen Jahren kaum noch Selbstmordanschläge palästinensischer Terroristen gibt, fühlen sich die Israelis bedroht.

Die israelischen Grenzstädte werden immer wieder von Raketen der radikalislamischen Hamas beschossen. Schlagen diese Geschosse auf israelischer Seite ein, kommt es regelmäßig zu Vergeltungsschlägen auf palästinensischem Gebiet. Die Palästinenser machen ihrerseits Angriffe durch das israelische Militär geltend.

Flüchtlinge
DPA
Als Folge der Kriege 1948/49 und 1967 gibt es in den palästinensischen Gebieten und Israels Nachbarländern 4,8 Millionen registrierte palästinensische Flüchtlinge und ihre Nachkommen.

Die Flüchtlinge beharren auf das Recht, in ihre Heimat im heutigen Israel zurückkehren zu dürfen, Israel verneint dieses Recht und will den Verzicht auf eine Rückkehr in einem Friedensvertrag festschreiben.

Grenzen
DPA
Nach dem Willen der Palästinenser soll ihr Staat die 1967 von Israel besetzten Gebiete Westjordanland, Gaza und Ost-Jerusalem umfassen. Israel beansprucht jedoch Teile dieses Territoriums – entgegen internationalem Recht – für sich. Israel hatte den Gaza-Streifen 2005 zwar geräumt, sein Embargo seit der Machtübernahme der Hamas 2007 aber verschärft.

Israel will zudem an Teilen des Westjordanlands festhalten. Dort gibt es rund 120 jüdische Siedlungen mit etwa 300.000 Israelis. In Ost-Jerusalem leben nach Angaben israelischer Menschenrechtler weitere 200.000. Nach internationalem Recht sind diese Siedlungen auf besetztem palästinensischen Gebiet illegal und müssen geräumt werden.

Jerusalem
AP
Der künftige Status der Stadt mit heiligen Stätten von Juden, Muslimen und Christen ist besonders umstritten. Israel beharrt auf dem ungeteilten Jerusalem als Hauptstadt. Die Palästinenser beanspruchen den Ostteil als Hauptstadt ihres künftigen Staates. Im Jahr 2000 scheiterte der Nahost-Gipfel an der Jerusalemfrage.
Golan
AP
Syrien dringt darauf, dass die 1967 besetzten Golanhöhen im Rahmen einer Friedenslösung zurückgegeben werden. Von der 1150 Quadratkilometer großen Hochebene hat Israels Armee einen guten Blick nach Syrien und in den Libanon. Umgekehrt könnten die Syrer vom Golan aus große Teile Israels überwachen. Heute leben in dem Gebiet neben rund 20.000 Syrern auch etwa 20.000 jüdische Einwohner.
Scheba-Farmen
DPA
Das 30 Quadratkilometer kleine Gebiet an der Grenze von Syrien, Libanon und Israel ist seit langem umstritten. Die Vereinten Nationen und die USA sind der Ansicht, dass das Territorium als Teil der Golanhöhen zu Syrien gehört. Der Libanon und Syrien haben ihre Ansprüche bislang nicht eindeutig formuliert und wollen den Grenzdisput nach einem israelischen Rückzug klären.
Wasser
REUTERS
Schon vor 20 Jahren wurde vor einem drohenden Nahost-Krieg um Wasserquellen gewarnt. Wegen des Bevölkerungswachstums und der oft rücksichtslosen Ausbeutung der Ressourcen werden die Süßwasservorräte immer knapper. Amnesty International wirft Israel vor, Palästinenser bei der Nutzung der gemeinsamen Ressourcen zu benachteiligen, was die Regierung zurückweist. Die Kontrolle des von Israel genutzten Wassers ist auch ein Streitpunkt im Ringen um die künftige israelisch-syrische Grenze auf den Golanhöhen.