Ein sandiger Weg führt dem Dschungel entgegen. Die beiden Geländewagen der Arbeiter schaukeln durch tiefe Pfützen, vorbei an meterhohen Palmen und Büschen, die dazwischen wuchern.

Auf den Ladeflächen der Pickups haben die Männer Metallstangen festgebunden, an deren Ende sichelförmige Messer angeschraubt sind.

Nach einer Dreiviertelstunde Fahrt halten die Wagen an. Pon Churom, Spitzname Pot, ist der Anführer der Truppe, die sich nun daran macht, reife Blätter und Büschel aus den Gipfeln der Palmen zu sägen. Der Boden bebt jedes Mal, wenn eines davon aufprallt. Hellrot sollen die Früchte sein, dann sind sie gut:

Die Messer-Männer


Die Felder, auf denen Cutter wie Pot und seine Kollegen arbeiten, sind schon beim Landeanflug auf Krabi im Süden Thailands zu sehen, die Palmen sind geometrisch angepflanzt. Manche der Pflanzen sind noch klein, nur der Schopf mit den langen, grünen Palmwedeln ragt aus dem Boden. Andere sind bereits zehn Meter hoch: Elaeis guineensis, Ölpalmen, die ursprünglich aus Westafrika stammen. Etwa drei Jahre dauert es, bis die Früchte daran zum ersten Mal geerntet werden können.

Die weltweite Nachfrage nach dem Rohstoff ist gigantisch - und sie wird weiter wachsen:

Doch das Image der Ölpalme ist schlecht: In Indonesien ließen Konzerne wie die Ganda Group riesige Flächen Regenwald roden. Täglich ebneten sie mehr als 1000 Hektar ein, um Platz zu schaffen für die Monokulturen, die vielen Tier- und Pflanzenarten keinen Lebensraum mehr bieten.

Die Brandrodung von Regenwald auf Torfböden setzt besonders viel Kohlendioxid und Methan frei.

Umweltorganisationen wie Greenpeace werfen den Palmölkonzernen vor, Ökosysteme zu zerstören und so den Klimawandel zu begünstigen. Hinzu kommen Hunderte Fälle von Landraub, etwa auf Borneo und Sumatra. Die Arbeiter auf den Plantagen verdienen wenige Euro am Tag und sind giftigen Unkrautvernichtungsmitteln ausgesetzt, berichtet die Menschenrechtsorganisation Amnesty International. Demnach zwingen Eltern auch ihre Kinder zur Arbeit in den Plantagen, um den hohen Soll der Betreiber erfüllen zu können.

In Thailand aber läuft es anders:

Etwa 80 Prozent der Felder mit Ölpalmen werden hier von Kleinbauern bearbeitet, die im Schnitt etwa sieben Hektar Land besitzen. So wie Supat Kunniam:

"Den Wald niederbrennen?"


Einen Boykott von Palmöl fordern Organisationen wie „Rettet den Regenwald“: Statt Palmöl sollten die Verbraucher besser heimische Öle aus Sonnenblumen und Raps konsumieren. Die Europäische Union hat das einfacher gemacht. Seit Dezember 2014 müssen Hersteller von Lebensmitteln auf der Verpackung angeben, welche Pflanze für das Öl sie verwendet haben. Verzichten die Kunden im Supermarkt nun auf Produkte mit Palmöl, hat das Einfluss auf die internationalen Preise, nach denen sich auch die lokalen Preise in sämtlichen Herstellungsgebieten richten.

Der Preisverfall wird über die Händler schließlich an die Bauern wie Supat Kunniam weitergegeben.

Das zusätzliche Dilemma für den Verbraucher ist, dass es keine ökologisch sinnvolle Alternative für den kompletten Palmöl-Verbrauch gibt. Da sind sich auch die meisten Umweltschutzorganisationen einig. Denn die Pflanze ist im Vergleich zu den anderen Trägern von Pflanzenfetten hocheffizient:

Eine Ursache des Palmöl-Booms: Die Beimischungsquote für Biokraftstoffe, die vom Europäischen Parlament 2009 in die Erneuerbare-Energien-Richtlinie aufgenommen wurde. Die sieht vor, dass bis 2020 mindestens zehn Prozent des Kraftstoffverbrauchs aus nachwachsenden Rohstoffen stammen müssen. So sollte die Abhängigkeit von Erdöl verringert werden.

Dann aber die Kehrtwende:

Im April 2017 verabschiedete das Europäische Parlament eine Resolution, wonach Biokraftstoff bis 2020 keine Pflanzenöle mehr enthalten solle, deren Herstellung Entwaldung verursacht – wie Palmöl aus Indonesien und Malaysia. Sonst seien die Ziele der Uno für nachhaltige Entwicklung gefährdet, hieß es in der Begründung. Für Umweltschützer gute Nachrichten. Für die Palmöl-Bauern in Thailand könnte das jedoch bedeuten, dass sie durch die sinkende Nachfrage künftig noch weniger Geld für ihre Ware bekommen.

Denn für die Betreiber der großen Palmölmühlen zählt vor allem eins - der Preis:

In der Ölmühle


3,10 Baht pro Kilogramm, umgerechnet etwa 8 Cent, steht draußen auf einem Schild vor der Lkw-Waage. Soviel verdienen die Bauern heute bei der Ölmühle Univanich pro Kilogramm Palmölfrucht. Im vergangenen Jahr war es noch doppelt soviel. Trotzdem kommen alle paar Minuten neue Pickups und Lastwagen auf den Ölmühlen-Hof gefahren, deren Ladeflächen bis oben hin gefüllt sind.

Wenn besonders viel geliefert wird, laufen die Maschinen der Palmöl-Mühle 24 Stunden, sieben Tage die Woche.

Ein Teil der Früchte, die hier verarbeitet werden, stammt aus den Univanich-eigenen Plantagen. Die sind RSPO-zertifiziert, das Kürzel steht für Roundtable on Sustainable Palm Oil. Der runde Tisch für nachhaltiges Palmöl wurde vor fast 14 Jahren von der Umweltorganisation WWF gegründet. Heute gehören ihm mehr als 3000 Mitglieder an, darunter Palmölkonzerne, Händler, Banken - und einige Dutzend Nichtregierungsorganisationen. Acht Kriterien unterliegt eine RSPO-Zertifizierung, unter anderem ein Bekenntnis zu Transparenz und eine verantwortungsvolle Entwicklung neuer Anbaugebiete.

Doch die Nachfrage nach zertifiziertem Palmöl ist überschaubar.

Fast 20 Prozent des globalen Palmöls entspricht den vagen RSPO-Vorgaben, doch nur die Hälfte davon wird auch als nachhaltig produziertes Öl verkauft. Der Rest geht ebenfalls zum Billigpreis weg. Univanich schlägt für sein Premiumöl etwa fünf Prozent auf.

Die RSPO-Siegel sind extrem umstritten.

Greenpeace etwa spricht von "zertifizierter Zerstörung"; andere Naturschutzorganisationen werfen dem Runden Tisch "Greenwashing" vor. Die größten Kritikpunkte sind die Intransparenz der Herstellungskette und die mangelnde Kontrolle darüber, ob die Produzenten sich tatsächlich an die Kriterien halten. Letztlich zertifiziere sich die Industrie selbst, lautet ein Vorwurf.

Immerhin sprachen sich die Mitglieder gegen Brandrodung aus.

Strengere Vorgaben macht etwa die Palm Oil Innovation Group, die zudem regelmäßige Reports von den Produzenten einfordert. Dem haben sich auch große Konzerne wie Unilever, Ferrero und Wilmar angeschlossen. Daneben gibt es noch eine Reihe weiterer Zertifizierungen für nachhaltiges Palmöl; die EU hat bis heute 19 Nachhaltigkeitslabel allein für die Verwendung in Biotreibstoff anerkannt, will aber künftig eigene, einheitliche Kriterien ausarbeiten. Sutonya Thongrak allerdings hat ihren eigenen Plan. Sie ist Professorin für Agrarökonomie an der Universität von Songkla im Süden Thailands. Und sie will das Problem viel früher angehen - bei den Kleinbauern selbst:

Ein neues Siegel


Zusammen mit der Regierung und einer Expertengruppe hat Sutonya Thongrak einen neuen Standard für Thailand ausgearbeitet, den TSPO. Die Kriterien sind ähnlich zu denen vom RSPO, an den konkreten Vorgaben wird noch gefeilt. Besonders streng werden sie wohl nicht ausfallen - um nicht abzuschrecken.

Umweltorganisationen müssten verstehen, dass die Menschen in Thailand und Indonesien zuallererst an ihre Existenz denken, und dann an Umweltschutz, sagt Sutonya.

So wie Bauer Supat Kunniam:

Die Bauern müssten aber nicht nur lernen, wie sie umweltfreundlicher anbauen – sondern auch ökonomischer. Aus den größtenteils Ungelernten sollen Manager der kleinen Plantagen werden, die Buch führen über ihre Produktion und wissen, wie sie diese noch weiter steigern können, sagt Sutonya Thongrak. So ließe sich am Ende auch der Preisverfall einigermaßen abfangen. Ökonomie und Ökologie sollten sich nicht gegenseitig ausschließen – sondern verwoben werden.

Cutter Pon Churom hat Feierabend.

Er zündet sich vor seinem Haus eine Zigarette an, die Hunde liegen schläfrig auf der Terrasse. Ob das neue Siegel ihm nützen wird? Er zieht an der Zigarette. Lange wird er ohnehin nicht mehr auf den Plantagen arbeiten können:

Impressum


Autorin: Vanessa Steinmetz

Kamera: Karl Vandenhole

Animation: Arne Kulf

Grafik: Jennifer Friedrichs

Videoschnitt: Birgit Großekathöfer, Jens Radü

Motion Design: Roman Höfner

Layout: Hanz Sayami

Produktion: Petra Gronau

Dokumentation: Klaus Falkenberg

Redaktion: Thorsten Dörting, Yasmin El-Sharif

Koordination und Produktion: Anna Behrend



Diese Reportage ist Teil des Projekts Expedition #ÜberMorgen.