SPIEGEL ONLINE: Herr Hatakka, der Vattenfall-Aufsichtsrat hat gerade den Bau des Offshore-Windparks DanTysk in der Nordsee abgesegnet. Andere Projekte sollen folgen. Warum machen Sie plötzlich so viel Wind?
Hatakka: Offshore-Energie wird in den kommenden Jahren zu einem unserer wichtigsten Energieträger. Wir wollen in dem Markt vorne mit dabei sein. Aber schon jetzt sind wir weltweit einer der beiden Marktführer mit einem momentanen Marktanteil von rund 30 Prozent. Wir werden immer grüner.
SPIEGEL ONLINE: Aber Vattenfall ist im Moment noch einer der größten Luftverpester Europas. Mehr als 90 Prozent ihrer Energieproduktion außerhalb Schwedens stammt aus fossilen Brennstoffen.
Hatakka: Wir wollen und werden unseren CO2-Ausstoß bis 2020 deutlich senken: von 90 auf 65 Millionen Tonnen pro Jahr.
SPIEGEL ONLINE: Hat Deutschland davon auch was? Sie bauen ihre Windparks ja meist in Schweden, Dänemark oder vor der Küste Englands.
Hatakka: Windkraft ist ein europäisches Thema. Wir investieren dort, wo es am attraktivsten ist. Bei DanTysk war das in Deutschland - was zeigt, dass die Bundesrepublik als Standort für Offshore-Parks durchaus funktioniert. Gleichzeitig dürfen wir nicht vergessen, dass Emissionen nicht an Landesgrenzen halt machen. Für den Klimaschutz ist es wichtig, den CO2-Ausstoß insgesamt zu reduzieren - ob nun an der deutschen oder dänischen Küste, ist nicht entscheidend.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Angst, ihre deutschen Atom- und Kohlekraftwerke zu kannibalisieren?
SPIEGEL ONLINE: Nein, es geht nicht um Entweder-oder, sondern um Sowohl-als-auch. Deutschland braucht als Industrieland einen breiten verlässlichen und bezahlbaren Energiemix. Unsere Investitionen gehen aber in den nächsten Jahren verstärkt in die Erneuerbaren.
SPIEGEL ONLINE: Wie könnte die Regierung Ihnen den Standort Deutschland denn schmackhafter machen?
Hatakka: Sie könnte erlauben, Windparks näher an der Küste zu bauen. Außerdem müssen sich die finanziellen Rahmenbedingungen für die Projekte verbessern. Dass die Bundesregierung in ihrem nationalen Energiekonzept jüngst die Förderung der Offshore-Windkraft angekündigt hat, ist hilfreich, aber wir brauchen auch Planungssicherheit. Genehmigungsprozesse sind unglaublich kompliziert und ziehen sich oft über viele Monate, sogar Jahre. Dabei brauchen wir zum Beispiel dringend neue Stromtrassen, um die Windenergie von Nord- nach Süddeutschland bringen zu können. Das muss die Politik endlich erkennen und die Bedingungen schaffen, damit Behörden Entscheidungen beschleunigen.
SPIEGEL ONLINE: Finden Sie noch andere erneuerbare Energien für Investitionen attraktiv?
Hatakka: Wir wollen unsere Biomasse-Mitverbrennung in Kohlekraftwerken ausbauen. Damit könnten schnell riesige Effekte bei der Reduzierung des CO2-Ausstoßes erzielt werden. In Dänemark und Holland ist dieser Markt schon jetzt durch politisch gesetzte Anreize attraktiv, auch Deutschland wird die Rahmenbedingungen für dieses einfache Mittel für besseren Klimaschutz hoffentlich bald setzen.
SPIEGEL ONLINE: 17 Milliarden Euro will Vattenfall in den kommenden fünf Jahren investieren - nur 30 Prozent davon fließen in erneuerbare Energien. Die große Ökooffensive sieht anders aus.
Hatakka: Bei den geplanten Investitionen in Neuanlagen haben wir unsere Investitionspläne überarbeitet. Der Anteil für erneuerbare Energien soll dort von einem Drittel auf mehr als die Hälfte ansteigen. Das ist doch schon was.
SPIEGEL ONLINE: Mit Verlaub: In Ihrer Branche geht ein Großteil der Investitionen für Wartung und Instandhaltung bestehender Anlagen drauf.
Hatakka: Mittelfristig werden unsere Investitionen auch insgesamt deutlich steigen. Doch im Moment fehlt uns das Geld. Wir haben mit Nuon letztes Jahr eine kapitalintensive Übernahme geschultert. Die Strompreise auf dem Großhandelsmarkt sind im Zuge der Rezession von 85 auf 50 Euro pro Megawattstunde gesunken. Und in den kommenden Jahren müssen wir Milliarden für Brennelementesteuer und CO2-Zertifikate ausgeben.
SPIEGEL ONLINE: Warum werfen Sie keine Altlasten ab? Erst kürzlich haben Sie bekräftigt, ein Ausstieg aus der Braunkohle komme für den Konzern nicht in Frage. Warum eigentlich nicht?
Hatakka: Deutschland wird die Braunkohle noch lange brauchen. Sie ist mit Abstand der günstigste Energieträger - und einer der wenigen heimischen, der in großer Menge verfügbar ist. Die Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft hängt nun einmal von günstigem Strom ab. Und Kohle selbst ist ja auch gar nicht das Problem, sondern die CO2-Emissionen der Kohlekraftwerke. Wir investieren daher in CCS-Technologie, mit der Kohlendioxid eingefangen und in tiefen Schichten sicher gespeichert werden kann.
SPIEGEL ONLINE: In Brandenburg bringen Sie Bürger mit ihren CCS-Versuchen auf die Barrikaden. Auch die Bundesregierung gibt sich skeptisch - entsprechende Gesetzverfahren gestalten sich zäh.
Hatakka: Wir sind guten Mutes, dass der Gesetzgeber das Verfahren voranbringt und uns damit Planungssicherheit gibt.. Schließlich haben wir bereits bewiesen: Die Technologie funktioniert.
SPIEGEL ONLINE: Neben der Kohle setzen Sie auf Atom. Gerade hat die Regierung die Laufzeit für Kernkraftwerke verlängert. Sie glauben: Die Strompreise werden trotzdem steigen - ist Atomstrom nicht angeblich so billig?
Hatakka: Das ist kein Widerspruch. Der Anteil für die Erzeuger am Strompreis ist inflationsbereinigt gesunken und dürfte es weiter tun. Gleichzeitig steigen aber die gesetzlich regulierten Abgaben wie Steuern und EEG-Abgaben. Deshalb wird der Strom für den Endverbraucher teurer.
SPIEGEL ONLINE: Die erneuerbaren Energien sind am steigenden Strompreis schuld?
Hatakka: Klimaschutz hat seinen Preis. Das sollten wir ehrlich kommunizieren, und das sollte es uns wert sein.
SPIEGEL ONLINE: Ist der Grund für das Preis-Hoch nicht doch eher mangelnder Wettbewerb? Immerhin beherrschen Vattenfall, E.on, RWE und EnBW noch immer rund drei Viertel der Marktanteile.
Hatakka: Nein, der Wettbewerb funktioniert. Auf unseren Hauptmärkten Berlin und Hamburg gibt es jeweils mehr als 150 Anbieter. Und die Preise sind niedriger als in anderen Städten.
SPIEGEL ONLINE: Durch die Laufzeitverlängerung können Sie auch Ihr Kraftwerk Krümmel weiter betreiben. In wenigen Monaten wollen Sie den Pannenmeiler wieder ans Netz bringen. Doch die Atomaufsicht hat noch immer viele Fragen. Ist Ihr Zeitplan noch realistisch?
Hatakka: Wir arbeiten sehr konstruktiv mit der Atomaufsicht zusammen. Wir haben ein Sicherheitspaket ausgearbeitet, das wir jetzt umsetzen. Unter anderem werden die beiden großen Maschinentrafos und 22 weitere große Trafos für über 30 Millionen Euro ersetzt. Sicherheit ist oberste Priorität, nicht Zeit.
SPIEGEL ONLINE: Der Zeitplan könnte platzen?
Hatakka: Wir setzen alles daran, dass Krümmel bis Ende 2010 wieder anfahrbereit ist. Ich kann aber nicht ausschließen, dass die Zustimmung der Behörden zum Wiederanfahren erst Anfang 2011 erfolgt.
SPIEGEL ONLINE: Nicht nur in Krümmel gibt es Probleme, sondern auch in Ihrem Heimatmarkt Schweden. Mehrere Kraftwerke laufen nicht. Der normale Betriebszustand eines Vattenfall-AKW scheint der abgeschaltete zu sein.
Hatakka: Moment, wir realisieren planmäßige Revisionen in unseren Anlagen
SPIEGEL ONLINE: und halten dabei nicht immer den Zeitplan ein. Schwedens Wirtschaftsministerin Maud Olofsson hat Vattenfall gerade vorgeladen. Sie will Zusagen, dass Ihre AKW diesen Winter genug Strom produzieren. Letztes Jahr liefen sie nur auf Sparflamme, und da viele Schweden mit Strom heizen, explodierten die Preise.
Hatakka: Es gab 2009 Verzögerungen bei Revisionen, das ist richtig. Aber noch mal: Oberstes Gebot ist die Sicherheit. Für diesen Winter gehe ich davon aus, dass wir alle Kapazitäten bereitstellen können.
SPIEGEL ONLINE: Auch für Sie ändert sich diesen Winter eine Menge. Ab dem 1. Januar müssen Sie sich mit dem Vorstandsposten für die Kraftwerkssparte begnügen. Zuvor wurden Sie lange als Anwärter für den Chefposten gehandelt. Fühlen Sie sich degradiert?
Hatakka: Nein, ich bin nach wie vor im zentralen Vorstand. Und auf mich warten spannende neue Aufgaben.
SPIEGEL ONLINE: Wären Sie nicht doch lieber Chef geworden?
Hatakka: Ich fühle mich genauso motiviert wie bisher.
Das Interview führte Stefan Schultz
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