Von Christian Teevs
Hamburg - Boeings Prestigeprojekt macht wieder Ärger: Gerade mal etwas länger als ein Jahr ist der Dreamliner auf dem Markt, da bescheren technische Pannen dem US-Hersteller erneut Negativschlagzeilen. Fast täglich wurden in dieser Woche Zwischenfälle gemeldet: ein Ölleck im Triebwerk, Probleme mit den Bremsen, ein Riss in einem Cockpit-Fenster und sogar ein Brand an Bord einer leeren Maschine.
Die Pannen haben nun die US-Luftfahrtbehörde auf den Plan gerufen. Die FAA will eine gründliche Untersuchung einleiten. Dabei gehe es sowohl um die Elektronik als auch um die Fertigungsprozesse des Flugzeugs, teilte das Verkehrsministerium in Washington mit. Grundsätzlich halte man die 787 aber für sicher.
Boeing selbst bemüht sich, die Vorfälle herunterzuspielen. Ein Sprecher sagte zu dem Riss im Cockpit-Fenster, so etwas komme auch in anderen Flugzeugen immer mal wieder vor. Auch Chefingenieur Mike Sinnett verteidigte das gut 200 Millionen Dollar teure Vorzeigemodell des Konzerns. Das Flugzeug sei absolut sicher.
Elektrik anfälliger als gedacht
"Der Dreamliner ist weitestgehend auf dem Reißbrett entstanden", sagt Gerd Pontius von der Luftfahrtberatungsfirma Prologis. "Es gab nur wenig Vergleichbares, an dem sich die Ingenieure orientieren konnten." Das Flugzeug sei in vielen Komponenten eine technische Neuheit, nicht nur, weil es zum Großteil aus Kohlefaserverbundstoffen gebaut und damit deutlich leichter ist. Boeing setzt im Dreamliner außerdem auf eine neue Batterie-Technologie statt auf traditionelle Hydraulik-Systeme, um etwa die Steuerung oder die Heizung zu bedienen. Auch dadurch wird das Gewicht des Flugzeugs reduziert.
Diese Elektrik ist aber offenbar anfälliger als bislang gedacht. Schon im Testbetrieb gab es damit Probleme. Umso erstaunlicher, dass diese auch nach der Auslieferung noch auftauchen. Luftfahrtexperte Jürgen Thorbeck von der Technischen Universität Berlin hält jedoch auch das für normal. "Die Hersteller testen bis ins kleinste Detail, aber sie können nicht jeden Fehler finden, bevor die Flugzeuge in Betrieb genommen werden."
Thorbeck erinnert sich an einen Vorfall aus seiner Zeit bei Lufthansa. Damals habe sein Arbeitgeber Airbus-Maschinen des Typs A340-200 gekauft. Bei diesen seien am Anfang immer wieder die Vakuumtoiletten ausgefallen. "Bei Airbus haben die das nicht ernst genommen, aber für uns war das ein großes Problem", erzählt Thorbeck. Verständlich: Immerhin mussten sich auf manchen Flügen 300 Passagiere eine Toilette teilen. Die Lösung des Problems war dann ein simples Blech, das vor den Sensoren im Abwassertank angebracht wurde. Denn diese hatten immer wieder fälschlich gemeldet, dass der Tank voll sei - und so die Abschaltung der Toiletten ausgelöst.
Rabatte für die ersten Käufer
Was Thorbeck damit sagen will: Ein kleiner Defekt kann bei einer hochkomplexen Maschine eine große Wirkung haben. Laut dem Luftfahrtexperten und Ex-Boeing-Sprecher Heinrich Großbongardt kalkulieren die Hersteller solche Kinderkrankheiten inzwischen sogar ein. "Bei den ersten Bestellungen bekommen die Airlines einen Rabatt auf den Listenpreis von bis zu 50 Prozent." Später sei dann auch bei größeren Aufträgen nur noch ein Abschlag von bis zu 30 Prozent drin. Das heißt: Leichte technische Mängel, die die Fluglinien Geld kosten, sind beim Kauf bereits eingepreist. Dazu kommt laut Großbongardt technische Unterstützung durch den Hersteller in den ersten Monaten des Flugbetriebs.
Bleibt noch der Imageschaden durch die Pannenserie: Die Aktie von Boeing
büßte am Freitag zeitweise zwei Prozent ein. Dennoch halten die Experten auch dieses Problem für überschaubar. "Manche Passagier könnten sich kurzfristig gegen einen Flug mit dem Dreamliner entscheiden", sagt Thorbeck. Für die Airlines spiele dies aber kaum eine Rolle. "Die Unternehmen schauen sich genau an, wie gravierend die Mängel sind. Unter kleinen technischen Problemen wird das Interesse am Dreamliner nicht leiden."
Mit Material von Reuters
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