Apple vs. Samsung: Smartphone-Nutzer sind die Verlierer im Patentkrieg

Von Astrid Langer, Washington

Erst ein Triumph vor Gericht, jetzt die Forderung nach einem Verkaufsverbot: Im Patentkrieg mit Samsung zieht Apple alle Register. Experten warnen, dass die Konsumenten die Zeche zahlen. Denn der Streit schmälert die Innovationsfähigkeit der Firmen - und könnte die Preise in die Höhe treiben.

DER SPIEGEL

Apple lässt nicht locker. Nach dem Sieg im kalifornischen Patentprozess gegen Samsung hat der Konzern nun ein Verkaufsverbot für acht Smartphone-Modelle des südkoreanischen Rivalen beantragt. Darunter sind vier Varianten des Telefons Galaxy S2, wie aus am Montag veröffentlichten Gerichtsunterlagen hervorgeht.

Für Samsung wäre das im Patentkrieg ein weiterer schwerer Schlag. Bereits Ende vergangener Woche hatte ein US-Gericht die Verletzung von Apple-Patenten durch mehr als 20 Samsung-Smartphones festgestellt. Apple hatte sich in dem Prozess nahezu auf voller Linie gegen den Wettbewerber durchgesetzt und rund 1,05 Milliarden Dollar Schadenersatz zugesprochen bekommen. Die Südkoreaner wollen weiter gegen die Geschworenen-Entscheidung ankämpfen.

Die Entscheidung sorgt in der Branche nun für Furore. "Eines der größten Patent-Urteile aller Zeiten", "historisch", "ein Meilenstein" - das sind nur einige Reaktionen amerikanischer Technologie-Experten. Die beiden Smartphone-Hersteller haben den Rechtsstreit ohnehin schon auf einer höheren Ebene eingeordnet: Apple sagte in einem Statement, das Verfahren hätte sich nicht um Patente oder Geld gedreht, sondern um Wertvorstellungen. Apple danke dem Gericht, "dass es Samsungs Verhalten als vorsätzlich befunden und eine klare Botschaft ausgesendet hat, dass Diebstahl falsch ist".

Fotostrecke

5  Bilder
Patentklage: Diese Samsung-Handys will Apple aus den Regalen verbannen

Samsung verkündete hingegen, das Urteil sei "kein Gewinn für Apple, sondern eine Niederlage für die amerikanischen Konsumenten". Es werde zu weniger Auswahl, weniger Innovationen und möglicherweise zu höheren Konsumentenpreisen führen.

Zwar bezieht sich das Urteil des Geschworenengerichts nur auf den amerikanischen Markt. Auch ist noch nicht das letzte Wort gesprochen, da Samsung Berufung einlegen wird. Dennoch haben seit Bekanntwerden des Urteils zahlreiche Experten Bedenken geäußert, dass sich die Entscheidung massiv auf die Technologie-Industrie und auf Innovationen auf dem Smartphone- und Tablet-Markt auswirken werde. Apples Forderung nach einem Verkaufsverbot für acht Samsung-Geräte hat diese Sorge noch einmal deutlich verschärft.

Experten skizzieren folgende Auswirkungen des Urteils:

1. Weniger Innovationen

Der Patentstreit könnte letztlich zu einem industriellen Waffenstillstand führen, in dem niemand mehr Weiterentwicklungen wagt - aus Angst, bestehende Patente zu verletzen. Bill Flora, ehemals Designer bei Microsoft, glaubt, dass das Urteil ein "Minenfeld" für Produktdesigner schaffen könnte: Immer müsste man besorgt sein, bei der Entwicklung versehentlich die Patentrechte anderer Hersteller zu verletzen.

So habe Apple beispielsweise ein Patent auf die Zoomfunktion, auch "pinch to zoom" genannt, bei der man mit zwei Fingern vergrößern und verkleinern kann. Dies sei aber mittlerweile so gebräuchlich, dass Touchscreen-Produkte ohne diese Funktion vergleichbar seien mit Autos mit drei- oder viereckigen Lenkrädern. "Die Funktion ist so entscheidend wie ein rundes Lenkrad", sagte Flora der "New York Times".

Neben dem "pinch to zoom" hat das Gericht auch Apples Patent auf das "Wischen" des Bildschirms bestätigt, eine ebenfalls weit etablierte Funktion. Google äußerte seinerseits Bedenken, inwiefern sich das Urteil auf die Innovationsfreude im Sektor auswirken könnte. "Die Mobilindustrie bewegt sich schnell, alle Beteiligten bauen dabei auf Ideen auf, die es schon seit Jahrzehnten gibt", sagte der Suchmaschinenbetreiber in einer Reaktion auf das Urteil.

2. Höhere Preise für Verbraucher

Das Geschworenengericht hat Apples bestehende Patente bestätigt - künftig könnte das Unternehmen aus Cupertino also höhere Lizenzgebühren verlangen, wenn es andere Hersteller seine Erfindungen nutzen lässt. Solch höhere Kosten könnten letztlich die Preise für die Verbraucher erhöhen, glaubt Al Hilwa, Technologie-Analyst beim Marktforschungsunternehmen IDC International Data. Jemand muss die Gebühren schließlich bezahlen.

"Apple ist finanziell gesehen ganz klar der Gewinner dank langfristiger Lizenzeinnahmen", sagt Hilwa. Seiner Einschätzung nach könnte Apples Sieg auch dazu führen, dass die Patente anderer Hersteller wie Microsoft und Research in Motion künftig im Wert steigen.

3. Höhere Komplexität

Apples Sieg im Patentstreit könnte langfristig bewirken, dass der Smartphone- und Tablet-Markt noch undurchsichtiger für Entwickler und Konsumenten wird, als er es heute bereits ist.

Schon jetzt unterscheiden sich die Betriebssysteme von iPhone, Blackberry-Geräten und Handys auf der Basis von Googles Android-System grundlegend: Jedes verlangt eine eigene Programmiersprache, die voneinander so verschieden sind wie Russisch und Chinesisch, jedes verlangt eigens programmierte Anwendungen. Ähnlich sieht es bei den Tablet-Computern aus.

Durch das Urteil gegen Samsung könnte der Druck auf die Hersteller, die Geräte unterschiedlich zu designen, das Ganze noch schwieriger machen, glaubt Charlie Kindel, ebenfalls ehemaliger Manager bei Microsoft und Experte für Mobiltelefonie. "Letztlich wird die Knappheit an guten Entwicklern und die Komplexität, der sie sich ausgesetzt sehen, noch schlimmer werden."

Mit Material von dpa

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 575 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Apps
bingo` 28.08.2012
Die App Entwickler werden sich freuen, wenn grundlegende Funktionen auf unterschiedlichen Handys nicht mehr zur Verfügung stehen.
2. Zauberwort Lizensieren
corehead 28.08.2012
Microsoft hat schließlich auch von Apple lizensiert BEVOR das Surface-Tablet veröffentlicht wurde. Dieser Weg steht allen Firmen offen. Natürlich lizensiert Apple nicht alle Patente, nur solche die nichts mit dem Nutzererlebnis zu tun haben. Man kann dazu stehen wie man will: Apple hat mit seinen Ideen, seinem Design und der Benutzeroberfläche Neuland geschaffen, das alle anderen hemmungslos nachgeahmt haben. Speziell das Hardware-Design war zu seiner Zeit einzigartig und hochinnovativ.
3.
D0nJuAn 28.08.2012
Wer wissen will wie ein eigenständiges Betriebssysetem aussieht, dass nicht auf die typische Symbol ogik von Apple setzt soll sich endlich mal das neue und kommende System von Microsoft anschauen. Es hat zwar nicht diese Vielfalt, ist aber hübsch extrem schnell zu bedienen eigenständig und die hardware ist auch o.k Mal abgesehen davon hab ich über skydrive genauso meinen kram in der cloud dabei wie bei Apple und das schon seit markteinführung als es icloud noch gar nicht gab. Wer immern ur auf die sleben Werbesprüche der Marktführer hört ist selbst schuld. Manchmal habe ich das Gefühle, dass die Nachfrager Monopole richtig toll finden, anders ist das nicht zu erklären.
4. Immer diese Schlechtmacherei
leonidasng 28.08.2012
SPON wäre nicht SPON wenn man nicht alles immer schlecht machen würde. Eigentlich sind aber die Konsumenten die Sieger des Gerichtsurteils. Denn anstatt blöd rumzukopieren werden Google, Samsung, HTC und Co nun wirklich mit Innovationen gegen Apple antretten müssen, was uns bessere Telefone und Tablets besorgen wird und nicht ständige Clone von iPhone und iPad. Bei den 8 zu verbietenden Modellen sind auch keine neuen, innovativen dabei (auch nicht von Samsung) sondern Devices, die wirklich wie clone ausschauen. Jetzt darf man aber wirklich auf die neuen Geräte von Samsung und Co gespannt sein.
5.
Sackaboner 28.08.2012
Der Streit Apples gegen den Rest der Welt ist ähnlich, wie wenn Goodyear Continental, Michelin oder Pirelli verklagen würde, weil deren Reifen auch rund, schwarz und aus Gummi sind, im Design sich also zu sehr ähneln. Demnächst fangen auch die Bleistift- und Schnürsenkelhersteller aus demselben Grund an, sich zu bekriegen. Die Leute von Apple sind krank vor Gier, krank vor Misstrauen, leiden an der Sucht, die Nutzer zu kontrollieren. Alles wird von Apple vorgegeben, nicht mal den Akku kann man selber auswechseln, keine Speicherkarte hinzufügen. Hoffentlich wachen die Kunden von Apple bald auf und machen diesem Machtspiel ein Ende.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Unternehmen & Märkte
RSS
alles zum Thema Patentstreit Apple - Samsung
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 575 Kommentare
  • Zur Startseite