Personal-Chaos Bahner fordern Kurskorrektur von Grube

Das Chaos am Mainzer Bahnhof deckt die Personalnot bei der Bahn auf: Wie immer, wenn es größere Pannen gibt, rückt die Rolle von Ex-Chef Mehdorn in den Fokus. In einem offenen Brief fordern Mitarbeiter einen Kurswechsel vom amtierenden Konzernführer Grube.

Frust über Bahnchef Grube : "Warum lassen Sie es zu, dass wir in den Medien zerrissen werden?"
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Frust über Bahnchef Grube: "Warum lassen Sie es zu, dass wir in den Medien zerrissen werden?"

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Es gibt Bahner, die sich gerne an Hartmut Mehdorn erinnern. Doch von ihnen ist in diesen Tagen wenig zu hören. Der weitaus größere Teil denkt dagegen voller Grimm an den ehemaligen Bahn-Chef. Der Manager, der einst angetreten war, um die verkrusteten Strukturen des Staatskonzerns aufzubrechen, gilt vielen als Urheber der Probleme, die die Bahn immer wieder in die Schlagzeilen bringen. Ganz gleich ob marode Gleise, streikende Klimaanlagen in ICE-Zügen oder die chronischen Probleme bei der Berliner S-Bahn - Mehdorn soll schuld sein.

Auch die Quasi-Stilllegung des Mainzer Hauptbahnhofs gilt als direkte Folge der Mehdorn'schen Rosskur. Seit der Bahnreform 1994 bis zum Jahr 2010 hat das bundeseigene Unternehmen im Inland rund 150.000 Stellen abgebaut. Die Netzsparte, zu der die Fahrdienstleiter gehören, schrumpfte von 54.000 Mitarbeitern im Jahr 2001 auf rund 35.000 im vergangenen Jahr.

Für 50 Schichten, die im Stellwerk Mainz pro Woche anfallen, steht inzwischen nur noch ein Team von 15 Mitarbeitern zur Verfügung. Kalkuliert man Urlaubstage und den durchschnittlichen Arbeitsausfall durch Krankmeldungen ein, so bleiben gerade einmal zwölf Leute, die Früh-, Tages- und Nachschichten ebenso wie Wochenenddienste unter sich aufteilen müssen. Eine Grippewelle - möglichst noch während der Sommerferien - genügt da schon, um den Notfall herbeizuführen. Und bei vielen anderen Stellwerken sieht es kaum besser aus.

Engpässe überall

Die Fahrdienstleiter in Mainz spüren die Not ständig. Nach Informationen der "Süddeutschen Zeitung" haben die meisten von ihnen seit Jahresbeginn kaum einmal drei freie Tage am Stück genießen können. Hinzu kommt die ständige Angst, einen Fehler zu machen und im Extremfall dafür verantwortlich zu sein, dass Menschen zu Schaden kommen. Der Beinahe-Unfall der S8 Anfang August rief allen nur allzu deutlich in Erinnerung, wie schnell so etwas passieren kann. Keine Frage, beim Personalabbau sind die Verantwortlichen weit über das Ziel hinausgeschossen.

Jörn Pachl, Leiter des Lehrstuhls für Eisenbahnwesen an der TU Braunschweig, nimmt Mehdorn trotzdem in Schutz. Er glaube nicht, dass sich die Pannen in Mainz auf dessen Pläne für den Börsengang zurückführen ließen, sagte der Bahnexperte sinngemäß der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Im gleichen Tenor äußert sich Heidi Tischmann vom Verkehrsclub Deutschland in dem Blatt. Sein Nachfolger Rüdiger Grube habe längst Zeit gehabt gegenzusteuern. Es sei jetzt schließlich fünf Jahre her, dass der Börsengang im November 2008 abgesagt worden sei. "Seither weht in der Bahn unter Rüdiger Grube ein anderer Wind, und man kann jetzt nicht immer mit Mehdorn argumentieren."

Tatsächlich hat der Bahn-Vorstand unter Grube die offenkundigen Probleme viel zu spät in Angriff genommen. Inzwischen rollt zwar die Rekrutierungsmaschinerie auf Hochtouren. Rund 10.000 Mitarbeiter sollen noch in diesem Jahr über alle Sparten hinweg neu eingestellt werden, davon 600 als Fahrdienstleiter. Doch es wird dauern, bis sie sich eingearbeitet haben. Rund zwei Jahre, so schätzen Bahn-Experten, könnte es dauern, bis die Stellwerksmannschaften wieder einigermaßen im grünen Bereich arbeiten.

Rendite zuerst

Auch Geld für die Investitionen in die Technik floss viel zu zögerlich - nicht zuletzt weil die Renditeerwartungen des Bundes schnelleres Handeln verhindert haben. In diesem Punkt lagen Rot-Grün und Schwarz-Gelb lange Zeit auf einer Wellenlänge, auch wenn jetzt im Wahlkampf jeder dem anderen die Schuld zuschiebt. Und Grube vermochte bislang ebenso wenig dagegen auszurichten wie sein Vorgänger Mehrdorn.

Doch der chronische Personalmangel und die Aufsehen erregenden Pannen lenken den Blick weg von der eigentlichen Fehlleistung, die allein Mehdorn zuzurechnen ist. Mit seinem unnachgiebigen Führungsstil hat er die Bahn in den Augen vieler seiner Mitarbeiter vom alles behütenden zum knallharten Arbeitgeber gewandelt und damit viele in die innere Emigration getrieben.

Ein offener Brief, der zurzeit im Internet kursiert, bringt die Befindlichkeit der einfachen Bahn-Mitarbeiter auf den Punkt. Aus ihrer Sicht verloren sie ihre Privilegien und ihre Sicherheiten, mussten Zugeständnisse bei der Bezahlung hinnehmen und Überstunden machen, die ihnen kaum je vergolten werden.

Noch schlimmer aber wird der Ansehensverlust empfunden, den die Bahner ihrer Ansicht nach erlitten haben. Von erbosten Reisenden werden sie beschimpft, Zeitungen, Radio und Fernsehen nutzen jede Panne für eine Generalabrechnung - und der Vorstand schweigt. Selten stellte sich Mehdorn öffentlich vor seine Leute, und sein Nachfolger hält sich auch zurück. So sehen es zumindest viele Bahner.

"Bitte stärken Sie uns den Rücken"

"Seit jeher findet das Bahn-Bashing statt, damit haben wir Eisenbahner uns irgendwie arrangieren können", heißt es in dem Brief. "Warum lassen Sie, Herr Dr. Grube, es zu, dass wir gerade so in den Medien zerrissen werden? Ihnen ist doch bewusst und auch klar, dass Sie die Scherben Ihres Vorgängers beseitigen müssen. Dann zeigen Sie doch bitte auch Stärke und stärken uns in diesen Tagen den Rücken."

Die Mitarbeiter bitten ihren Chef öffentlich um Rückendeckung - das zeigt, wie sehr sie sich nach positiven Worten sehnen. Es zeigt aber auch, wie tief die Verletzungen aus der Ära Mehdorn sind.

Anmerkung der Redaktion:

In einer früheren Version wurde das Zitat von Heidi Tischmann irrtümlich dem Bahnexperten Jörn Pachl zugeschrieben. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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insgesamt 104 Beiträge
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Halcroves 13.08.2013
1. Mehdorn - Schröder - Niedersachsenmafia
Werksverträge in Niedersachsens Fleischindustrie - Missstände bei der Bahn etc. etc. Wie soll man denn Gewinne machen, wenn der Zenit erreicht ist. geht nur durch Rationalisierung und wenn das nicht mehr geht gibt´s keine Rendite mehr und der Ofen geht aus.
WernerS 13.08.2013
2. Börsengang
Die Länder subventionieren die Bahn - auch wenn man das beschönigend: Leistungen einkaufen nennt - und der Bund zieht den Gewinn ab. Was sollte die Bahn an die Börse? Die Länder zahlen brav und der Laden wirft Geld ab. Und unsere Regierung Merkel will das genau so: eine wirtschaftlich optimale Bahn. Die Mitarbeiter sind Kosten und die Kunden sind lästig.
frank1980 13.08.2013
3. Rendite
ich kann es nicht mehr hören, dass die Bahn Gewinne macht. Die Deutsche Bahn AG macht nur deshalb Gewinne weil Milliarden Subventionen aus Steuergeldern nicht gegengerechnet werden. In Wirklichkeit macht der Bahnverkehr Verluste im hohen einstelligen Milliarden Bereich.
DocMoriarty 13.08.2013
4. optional
Die Idee hinter einem staatlichen Logistikunternehmen ist die, dass die Logistik möglichst stabil funktioniert. Der volkswirtschaftliche Schaden durch nicht funktionierende Logistik geht in die Milliarden. Es wird Zeit, dass sich das Bahnmanagement von den immer noch geltenden Privatisierungskonzepten verabschiedet und wieder zu einem verlässlichen Logistikunternehmen wird.
heinz4444 13.08.2013
5. Durch
all die Pannen,die seit einigen Jahren die Bahn,aber auch den Rest Deutschland betreffen,wird das gute Bild von den Erfolgreichen und Technisch auf höchstem Standard stehende Deutschen, im Ausland immer stärker geschädigt. Man sollte sich nicht wundern,wenn gerade im Bereich Verkehrstechnik die Auslandsaufträge mehr und mehr wegbrechen. Das zeigt deutlich,das man sich im Wahn der Gewinnmaximierung auch ganz schnell zu Tode sparen kann.
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