Personalmangel Unternehmen sparen, Kunden büßen

Die Postbank schließt Filialen, der Metronom streicht Zugfahrten, die Lufthansa fliegt mit kleinerer Crew. Lange galt knappes Personal als Erfolgsfaktor. Nun wird die alte Strategie zur Gefahr - und zur Last für die Kunden.

Flugbegleiterin der Lufthansa
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Flugbegleiterin der Lufthansa

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Schlank und agil gegen die Konkurrenz - dieses Credo galt jahrelang als unumstößliche Maxime erfolgreicher Unternehmen. Nun kehrt sich das Effizienzdiktat gegen die Wirtschaft und gegen ihre Kunden. Die knappe Personaldecke bringt Unternehmen reihum in Not. Besonders fällt der Wandel dort auf, wo es um Dienstleistungen geht. Anfang Oktober schloss die Postbank stunden- und tageweise Filialen, die Privatbahn Metronom stellte Mitte des Monats mehrere Zugfahrten ein, für den Sommer plante die Lufthansa auf vielen Strecken weniger Flugbegleiter ein. Überall quälte die Firmen das gleiche Problem: zu wenig Personal.

Die großen Personalpuffer einstiger Jahre gehören längst in die alte Zeit der langsamen Konzernkolosse, denen schnelle Wettbewerber irgendwann das Geschäft abknöpften. Doch mittlerweile haben die Unternehmen ihre Mannschaften derart zusammengeschrumpft, dass ein paar kranke Mitarbeiter oder ungeplante Zusatzaufträge sie ins Straucheln bringen können.

"Wir kommen aus einer Welt des Personalüberhangs in eine dramatische Knappheit", sagt Personalexperte Rainer Strack, Senior-Partner der Boston Consulting Group. Wir sind gerade mitten in dieser Trendwende." Auf der Suche nach mehr Effizienz haben viele Unternehmen einen zentralen Wettbewerbsvorteil wegrationalisiert: Flexibilität. Denn mittlerweile lassen sich für viele Jobs kurzfristig keine zusätzlichen Kräfte mehr finden. Der Fachkräftemangel zeigt sich erstmals offensichtlich und bringt die Strategie der knappen Ressourcen vieler Unternehmen ins Wanken.

BCG-Berater Strack sieht daran die Vorboten eines Megatrends, der uns bald hart treffen wird. "Der demografische Mangel beginnt über uns hereinzubrechen und er schlägt dann relativ hart zu", sagt Strack. Wolle Deutschland sein Wirtschaftswachstum beibehalten, fehlten dafür im Jahr 2030 bundesweit 5,8 bis 7,7 Millionen Arbeitskräfte - ein Mangel, der das Land rund 410 bis 550 Milliarden Euro an entgangener Wirtschaftsleistung kosten würde. Reichte die Zahl der Jobsuchenden bislang aus, entsteht jetzt laut einer BCG-Analyse die Kluft zwischen Arbeitskräftebedarf und -angebot.

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Die Wirtschaftswelt ist schwankungsanfälliger geworden, Unternehmen müssen kurzfristiger reagieren. Dass das Personalangebot dafür nicht mehr ausreicht, dieser Realität verschließen sich jedoch viele Firmen offenbar.

Als die Postbank Filialen schließen musste und auf den "Umbau von Filialen" sowie "krankheits- und urlausbedingt" nötige Engpässe verwies, machte die Gewerkschaft Ver.di die zu knappe Personaldecke verantwortlich. Doch die Bank tat dies ab; es seien nur vier Filialen deutschlandweit geschlossen worden.

Die Lufthansa wiederum antwortete auf die Kritik der Gewerkschaft Ufo, an dem Personalengpass in der Kabine sei eine Fehlplanung schuld, man brauche nur Zeit, um die aufgrund vieler Krankheitsfälle und eines hohen Bedarfs nötigen neuen Kräfte einzustellen. Ufo hielt dagegen, es habe im Vorjahr mehr Kranke gegeben. Ähnliche Diskussionen häufen sich jetzt bei verschiedenen Bahnfirmen wie Metronom, Eurobahn und Deutscher Bahn, die Zugfahrten meist mit dem Argument zu vieler kranker Lokführer streichen. Leidtragende sind in allen diesen Fällen auch die Kunden.

Sogar die Zeitarbeitsfirmen leiden

Selbst Zeitarbeitsfirmen, die bei knappem Personal eigentlich helfen sollen, finden zusehends schwieriger neue Kräfte. "Wir selbst spüren ebenfalls den Fachkräftemangel", klagt Kerstin Hattar, Mitglied der Geschäftsleitung des Zeitarbeits- und Personalvermittlers Manpower und verantwortlich für das Rekrutieren neuer Mitarbeiter. Der durchschnittliche Aufwand für die Stellenbesetzung sei in den vergangenen Jahren signifikant gestiegen. "Gerade im Facharbeiterbereich können wir aktuell nicht jede einzelne Stelle besetzen."

Eine neue Analyse des Personaldienstleisters zeigt, wie groß die Personalprobleme der Manpower-Kunden über alle Branchen hinweg geworden sind. 49 Prozent der deutschen Firmen berichteten von massiven Problemen, offene Stellen zu besetzen - in den vergangenen Jahren ist dieser Anteil im Trend gestiegen, wie die folgende Grafik zeigt:

Händeringend suchen die betroffenen Unternehmen nach Lösungen. "Personalknappheit wird in der Industrie zu einem immer gewichtigeren Thema", bemerkt auch Unternehmensberater Gerhard Nowak von Strategy&, der Strategieberatung von PricewaterhouseCoopers. Da Leiharbeiterpools bei manchen Fachrichtungen nur wenig Abhilfe schafften, könnten Lücken teils nur schwer mit alternativem Personal geschlossen werden. Die knappe Personaldecke und der sich abzeichnende Fachkräftemangel könnten sich überlagern und verstärken.

Zu starker Fokus auf investiertes Kapital

Dennoch steuern viele Unternehmen ihre Personalstrategie nur schwerfällig oder gar nicht um. "Ein gravierendes Problem ist, dass die Personalplanung nicht systematisch genug nach der künftig gefragten Qualifikation erfolgt", sagt BCG-Experte Strack. Unternehmen skizzierten oft hohe Wachstumsziele für die nächsten Jahre. "Doch sie vergessen zu planen, welche speziellen Qualifikationen ihre dafür nötigen Mitarbeiter brauchen. Meist planen Firmen holzschnittartig lediglich die Gesamtzahl an nötigem Personal. Engpässe in kritischen Positionen werden so übersehen."

Noch fokussierten sich die Unternehmen stark auf das investierte Kapital, sagt Personalexperte Strack. Künftig liege der Schlüssel zum Erfolg woanders. "Das Personalmanagement wird eine viel größere Bedeutung bekommen. Humankapital wird die knappe Ressource, nicht investiertes Kapital. Wer nicht die richtigen Leute hat, dem wird Geschäft wegbrechen."

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matbhmx 26.10.2016
1. Im öffentlichen Dienst gilt nichts anderes! Und jeder, der ...
... von "Wirtschaft" was verstand, wusste genau, dass das so nicht funktionieren kann. Nur kam es gleichwohl zu den irrwitzigen Personaleinsparungen? Schlicht aus einem Grund: Völlig verantwortungslose egomanische Manager. Denen ging und geht es nämlich stets nur darum, sich selbst zu verkaufen! Und am besten verkauft man sich, indem man kurzfristig die Rendite nach oben bringt. Wenn sich die katastrophalen Folgen dieses kurzsichtigen Denkens zeigen, ist der verantwortliche Manager längst beim nächsten Unternehmen, um dort denselben Wahnsinn zu betreiben. Das beste Beispiel dafür war in den 80er/90er des letzten Jahrhunderts für GM und VW tätige Lopez (genaueres dazu mag man in Wikipedia finden). Das Ergebnis sowohl für Opel, GM und VW waren dramatische Einbrüche in der Produktqualität! Und: Wenn denn das ganze Personal freigesetzt ist, wer konsumiert eigentlich noch die hergestellten Produkte??? Im öffentlichen Dienst hatte man dann dasselbe versucht (dabei ist nichts primitiver, als Einsparungen durch Halbierung des Personals zu erreichen). Der beste Vertreter im öffentlichen Dienst war Sarrazin (der Lopez Berlins). Das Ergebnis dieses Irrsinns sieht man jetzt in Berlin!
kleineRatte 26.10.2016
2. Personalmangel: Unternehmen sparen, Kunden büßen
Letzteres ist sehr schlimm. Ich war ein Vielflieger. Es war eine Erholung, verwöhnt zu werden. 20 Kg Freigepäck und je nach Tageszeit Getränke und Mahlzeiten. Biligangebote machten das kaputt. Aber auch die Gewerkschaften machten viel kaputt. Bahn ist nur noch überfüllt. Nicht nur Metronom spart, auch der HKX von Köln nach Hamburg. Alles war etwas Komfort. Schade. Dabei war früher eine Einstellung "Urlaub, ich gönn mir was".
Newspeak 26.10.2016
3. ...
Händeringend suchen die betroffenen Unternehmen nach Lösungen. Was für ein Unsinn. Welche Lösungen sind das denn? Bei der Auswahl von Bewerbern noch wählerischer zu sein? Ich empfehle jedem mal einen Blick in Stellenanzeigen für Fachkräfte. Das reinste Wunschdenken. Anforderungsprofile mit 30 Punkten (flexibel, super ausgebildet, überall nur allererste Sahne) bei gleichzeitigem Mangel an guten Konditionen für die ach so gesuchten Leute. Vor allem aber will man immer nur perfekte Leute, die diesen Job quasi schon genau so gemacht haben. Eigene Investitionen in die Menschen gleich Null. Und dann jammert man, warum man keinen findet, und gleichzeitig sitzen Tausende zuhause rum und starren die Wand an.
woodpecker76 26.10.2016
4. Sparen bis es quietscht...
Es zeigt sich, dass Einsparen um jeden Preis am Ende den Konzern mehr kosten kann, als ihm lieb. In Berlin wurde im ö.D. infolge der durch die Bankenbürgschaft durch Parteiengeklüngel entstandenen Schulden am Personal gespart. Die Folge war ein durch Überarbeitung entstandener hoher Krankenstand. Als man begriff, dass Mitarbeiter irgendwann auch in Rente oder Pension gehen müssen, stand man vor dem Problem, dass Nachwuchskräfte fehlen. Bin allerdings erstaunt, dass es auch die freie Wirtschaft nicht besser kann.
HerrNick 26.10.2016
5. Ist der Kunde bereit zu bezahlen?
Böse, böse Unternehmen. Aber ist der Kunde auch Bereit für die Dienstleistungen zu bezahlen? Wieviel ist dem Postbank Kunden denn das relativ dichte Filialnetz mit großer Öffnungszeit wert? Vermutlich nicht viel, denn der Kunde hat gerne eine gratis Konto. Der Kunde bekommt, was er bezahlt, und das ist eben kein Filialnetz für den Fall, dass ich einmal in drei Jahren dort hin möchte. Zumindest in Zeiten, wo die Querfinanzierung über die Zinsen nicht mehr funktioniert. Auch im Flugverkehr muss es i.d.R. billig sein. In aller Regel gilt: You get what you pay for.
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