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Protest gegen Bergbau-Multi: Perus Kleinbauern proben den Aufstand

Aus Espinar berichtet Knut Henkel

Mehrere Tote und ein einmonatiger Ausnahmezustand: In Peru sind die Proteste von Kleinbauern gegen den Kupferminenbetreiber Xstrata eskaliert. Die Einwohner werfen dem Schweizer Bergbau-Multi vor, die Umwelt zu zerstören und ihnen ihre Lebensgrundlage zu rauben.

Peru: Aufstand gegen Xstrata Fotos
AFP

Schon von weitem fallen die hellen Flächen in den Bergen hinter dem kleinen Ort Tintaya Marquiri in Peru auf. Es sind die Spuren des Bergbaus, die dort zwischen den grünen Hängen zu sehen sind. Kupfer wird in der Region rund um die Provinzhauptstadt Espinar seit vielen Jahren gefördert. Dennoch gehört der Verwaltungsdistrikt zu den ärmsten des Landes. Daran hat auch die Ausbeutung der großen Rohstoffvorkommen nichts ändern können.

"Was haben wir davon gehabt?", fragt Sergio Huamani Hilario. "Entwicklung hat uns die Minengesellschaft versprochen, aber wo ist sie?", fragt der Präsident der Verteidigungsfront von Espinar, einer Bürgerorganisation, die derzeit mit Streiks und Demonstrationen die ganze Region in Atem hält. Sie protestieren gegen die Schweizer Firma Xstrata, der die Kupfermine Tintaya gehört. Mindestens zwei Tote haben die handfesten Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten in den vergangenen Tagen gefordert. Am vergangenen Montag war ein 30-tägiger Ausnahmezustand verhängt worden, der den Sicherheitsbehörden Eingriffe in die bürgerlichen Freiheitsrechte erlaubt.

Der Streit dreht sich vor allem um das Wasser, denn die Bevölkerung der kargen Region lebt von der Landwirtschaft. Besonders Kühe, aber auch Lamas, Alpakas und Schafe werden von Kleinbauern in den Tälern zwischen den Bergen der Anden gehalten. Seit im Sommer vergangenen Jahres mehrere Tiere verkrüppelt zur Welt kamen, machen sich viele Bauern in der Region Sorgen um ihre Zukunft.

Zu ihnen gehört auch Ignacio Torres Anca. Der Bauer lebt im Tal des Flusses Cañipia und klagt gegen Xstrata. Dem Konzern gehört neben der Tintaya-Mine noch eine zweite Mine in direkter Nachbarschaft von Ignacio Torres Anca, die derzeit ausgebaut wird. Antapaccay heißt das Projekt, in das Xstrata 1,5 Milliarden Dollar investiert, und das schon weit gediehen ist.

Sie fürchten um das Wasser für ihre Tiere

Dabei wurde auch der Fluss Cañipia begradigt. Nun fürchten die Bauern um das Wasser für ihre Tiere und die Zukunft der Milchproduktion in der Region. "Die ist nur mit dem Bergbau zu vereinbaren, wenn unbedenkliches Wasser in ausreichender Menge zur Verfügung steht und wenn der offene Tagebau nach modernsten Methoden durchgeführt wird", sagt Victor Quispe Vallerinano, Stadtrat von Espinar. Letzteres hat die Xstrata-Führung mehrfach zugesichert und angesichts der Proteste der vergangenen Tage hat die Konzern-Vertretung in Lima erneut versucht zu beschwichtigen. So hat deren Direktor, Luis Rivera Ruiz, darauf hingewiesen, dass Xstrata mit einem geschlossenen Kreislauf arbeite und keine giftigen Abwässer in die Flüsse einleite.

Woher die erhöhten Belastungen mit Schwermetallen kommen, die sowohl das peruanische Gesundheitsministerium im Urin und Blut von rund 500 Bewohnern der Region nachweisen konnte sowie Experten einer kirchlichen Menschenrechtskommission in Boden- und Wasserproben, kann jedoch auch Xstrata nicht schlüssig erklären. Aus der Firmenzentrale in Lima heißt es auf Anfrage nur, dass "die Studie nicht im Einflussgebiet des Unternehmens erhoben wurde....und Blei, Arsen und Quecksilber in unseren Prozessen kaum anfallen".

Damit wollen sich die Bewohner der Region jedoch nicht zufriedengeben. Der Bürgermeister von Espinar, Oscar Mollohuanca, war erst vor einigen Wochen in der Schweiz, um am Konzernsitz in Zug mit den Verantwortlichen nach einer Lösung des seit Jahren schwelenden Konflikts zu suchen. Mitgereist waren auch Kirchenvertreter und Sergio Huamani Hilario von der Bürgerorganisation. Sie werfen dem Konzern vor, der zu den größten Kupferanbietern auf dem Weltmarkt zählt und gute Geschäfte macht, kaum etwas für die wirtschaftliche Entwicklung der Region getan zu haben. "Seit sechs Jahren ist Xstrata in der Region aktiv und bis heute gibt es noch nicht einmal eine geteerte Straße zur Mine", kritisierte Bürgermeister Mollohuanca. Angesichts hoher Rohstoffpreise, an denen der Konzern kräftig verdiene, verlangt er mehr Geld vom Schweizer Bergbau-Multi.

Dagegen wehrt sich das Unternehmen. "Wir zahlen schon deutlich mehr als die peruanischen Gesetze vorgeben", sagt Oscar Delgado, Xstrata-Sprecher in Lima. Eine Tatsache, die in der Öffentlichkeit kaum bekannt ist. Selbst wenn, heißt es von der Gegenseite, das Unternehmen habe bisher zu wenig getan, um den Vorwurf der Umweltverschmutzung zu entkräften.

Der Streit, so viel steht fest, ist noch lange nicht beendet. Inzwischen wurde Bürgermeister Mollohuanca von der Polizei festgenommen. Ein Richter verhängte am Samstag eine fünfmonatige Untersuchungshaft gegen ihn. Die Begründung: Mollohuanca habe die Anwohner zu den Protesten aufgerufen.

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1.
zdzs 04.06.2012
Soso, da müssen offizielle Vertreter einer Institution zum Sitz einer privaten Firma reisen, um Probleme zu klären. Das zeigt ja mal wieder sehr gut, wer wen "regiert", bzw. die Macht des Kapitals...
2. Protestaufruf!
emden09 04.06.2012
Zitat von sysopAFPMehrere Tote und ein einmonatiger Ausnahmezustand: In Peru sind die Proteste von Kleinbauern gegen den Kupferminenbetreiber Xstrata eskaliert. Die Einwohner werfen dem Schweizer Bergbaumulti vor, die Umwelt zu zerstören und ihnen ihre Lebensgrundlage zu rauben. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,835883,00.html
Ja, Protest gegen die ach so neutralen (und großzügigen) Schweizer, das ist wirklich nahe am Hochverrat.
3. Willkommen im Kapitalismus, ...
MrGold 04.06.2012
... liebe Peruaner
4. Grund und Boden gehören dem Staat
MrStoneStupid 04.06.2012
Das Problem am Kapitalismus ist, dass die Ausgebeuteten (Länder) leiden. Eine einfach Lösung des Problems: Grund und Boden gehören dem Staat. Ausländische Unternehmen dürfen Minen betreiben und Geld verdienen aber nur nach einer festen fairen Quote, so dass viel mehr Geld für den Staat und die betroffenen Bürger bleibt. Die ausländischen Minenbetreiber müssen ihre Einnahmen und Ausgaben offen legen und dann werden für beide Parteien akzeptable Abgaben für den Staat festgelegt. Ansonsten ist Xstrata anscheinend besser als andere und man sollte daher erstmal gründlich ermitteln, wo die wirklichen Probleme liegen. (imho)
5.
Rainer Helmbrecht 04.06.2012
Zitat von sysopAFPMehrere Tote und ein einmonatiger Ausnahmezustand: In Peru sind die Proteste von Kleinbauern gegen den Kupferminenbetreiber Xstrata eskaliert. Die Einwohner werfen dem Schweizer Bergbaumulti vor, die Umwelt zu zerstören und ihnen ihre Lebensgrundlage zu rauben. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,835883,00.html
Der weiße Mann aus der Schweiz, will die Eingeborenen doch nur in die moderne Welt einführen. Gesetze für Umweltschutz, soziale Errungenschaften gelten eben nur in der Schweiz, darauf achten die Schweizer sehr pingelig, aber in Peru will man Geld verdienen. Solche Firmen wie Xtrata sind Schuld daran, wenn solche Firmen ohne Entschädigung aus dem Land gejagt werden. Man will keine Patenschaften für ein Volk übernehmen, sondern rücksichtslos ausbeuten. Seit Jahrhunderten zeichnen sie Europäer und Amerikaner dadurch aus, dass ihnen Umwelt, Naturschutz und Menschlichkeit völlig egal ist. MfG. Rainer
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