Folgen der Niedrigzinsen: Blase - na und?

Ein Gastbeitrag von Peter Bofinger

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Börsenhändler in New York: Gewinne auf dem Papier

Die Angst vor der Spekulationsblase geht um. Ob Aktien, Anleihen oder Immobilien - überall fürchten Experten spekulative Übertreibungen, die in einem fürchterlichen Crash enden könnten. Diese Sorge ist überzogen. Die größere Gefahr lauert woanders.

Wie gefährlich ist die ungewöhnliche, expansive Geldpolitik der großen Notenbanken? Zu der von manchen Experten schon seit Jahren prognostizierten Inflation hat sie bisher jedenfalls nicht geführt. Im Gegenteil: Mit 1,4 Prozent ist die Inflationsrate im Euro-Raum sehr niedrig. Sie bewegt sich damit unterhalb des Zielbereichs der Europäischen Zentralbank (EZB), die eine Teuerung von knapp unter zwei Prozent anpeilt.

Wenn die Verbraucherpreise nicht merklich steigen, sind es dann also Vermögenspreis-Blasen, in denen sich die Niedrigzinspolitik und die Anleihekäufe von Notenbanken niederschlagen? Bei den starken Kursgewinnen von Aktien und Anleihen ist ein solcher Effekt durchaus gegeben. Die Immobilienpreise liegen jedoch global gesehen noch unter den Niveaus, die sie am Ende des Booms im Sommer 2007 erreicht hatten. Deutschland ist hierbei ein Sonderfall, da bei uns die Preise von Immobilien vom weltweiten Boom des vergangenen Jahrzehnts völlig unberührt geblieben waren und erst jetzt eine gewisse Nachholbewegung eingesetzt hat.

Es ist grundsätzlich schwierig, Blasen genau zu diagnostizieren, doch zumindest lässt sich zwischen gutartigen und bösartigen Blasen unterscheiden. Gefährlich sind vor allem Blasen auf dem Immobilienmarkt, wenn in großem Stil kreditfinanzierte Immobilien neu auf den Markt kommen. Wie die Erfahrungen Irlands, Spaniens oder der Vereinigten Staaten überdeutlich zeigen, besteht dabei das Problem, dass es wegen der mehrjährigen Planungszeit für Bauprojekte zu einem massiven Überangebot kommen kann, das meist viel zu spät erkannt wird.

Die Folgen sind ein gravierender Preisverfall und eine Überschuldung der Investoren, die sich zu einer Banken- und am Ende einer Staatsschuldenkrise auswachsen kann.

Dax-Crash von 2000 bis 2003 hatte kaum negative Folgen

Die Entwicklung auf dem deutschen Immobilienmarkt ist hiervon meilenweit entfernt. Die Baugenehmigungen im Wohnungsbau sind zwar etwas gestiegen, aber sie liegen weit unter den Werten des deutschen Baubooms in den neunziger Jahren. Zudem werden Immobilien in Deutschland derzeit nicht übermäßig auf Pump gekauft. Der Anstieg der Immobilienkredite beläuft sich derzeit im Vorjahresvergleich auf lediglich 2,1 Prozent. In den Jahren des spanischen oder irischen Immobilienbooms wurden Zuwachsraten von 30 Prozent erreicht.

So gesehen sind die aktuellen Entwicklungen am deutschen Immobilienmarkt nur schwer als eine Blase einzustufen - und auf keinen Fall als eine bösartige Blase, die zu schwerwiegenden volkswirtschaftlichen Erschütterungen führen könnte.

Auch Blasen am Aktienmarkt sind in der Regel gutartig. Sie führen dazu, dass sich Menschen eine Zeitlang reicher fühlen, um dann nach dem Platzen zu erkennen, dass das leider nur Gewinne auf dem Papier waren. Wie schwach sich selbst ein drastischer Kurseinbruch auswirken kann, verdeutlicht der Dax-Crash von rund 8000 Punkten im Frühjahr 2000 auf nur noch rund 2500 im Frühjahr 2003. Der private Verbrauch wurde dadurch kaum gebremst.

Dem Euro-Raum droht die Deflation

Zu den besonders gutartigen Blasen zählen Blasen auf den Anleihemärkten. Hier ist zunächst zu berücksichtigen, dass Anleihen in der Regel von langfristigen und auf Sicherheit bedachten Investoren, wie beispielsweise Versicherungen und Pensionsfonds, erworben werden, die diese bis zum Ende der Laufzeit halten. Wenn die Zinsen sinken und die Kurse steigen ist das für solche Anleger ebenso wenig von Bedeutung wie ein eintretender Kursverlust, wenn die Zinsen während der Laufzeit wieder steigen.

Sofern es nicht zur Insolvenz des Gläubigers kommt, haben Anleihen gegenüber Aktien den großen Vorteil eines festen Rückzahlungskurses. Die Anleger wissen also sicher, was sie zurückbekommen. Dies ist auch der Grund dafür, dass Banken für die Anleihen, die sie bis zum Laufzeitende zu halten beabsichtigen, keine Wertberichtigungen vornehmen müssen - auch wenn deren Kurse aufgrund steigender Zinsen zurückgehen.

Bei den derzeit eher vernachlässigbaren Risiken steigender Vermögenspreise ist die EZB gut beraten, bis auf weiteres an ihrer sehr expansiven Geldpolitik festzuhalten. Denn sehr viel bedrohlicher als alle Blasen-Szenarien ist die sich immer mehr verfestigende und immer mehr Länder erfassende Rezession des Euro-Raums. Es besteht durchaus die Gefahr, dass diese Rezession eine Deflation mit sich bringt, also einen allgemeinen Preisverfall, der mit Geldpolitik kaum mehr zu kurieren ist.

Zusammen mit der hohen Verschuldung privater und öffentlicher Haushalte wäre das eine echte Bedrohung für das gesamte Bankensystem - und damit auch für die Sparer und Steuerzahler.

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insgesamt 229 Beiträge
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1. So ein Blödsinn!
waverider1 31.05.2013
einen grösseren Blödsinn als diesen Artikel habe ich seit Langem nicht mehr gelesen! Bedrohung für die Sparer? Die werden ja seit Jahren durch diese Geldschwemme still und leise enteignet. Jeder Sparer mit einem Funken Verstand zieht spätestens seit Zypern die Konsequenzen und hat sein Geld entweder in Gold, Immobilien oder in sein Schrankfach investiert. Diese Politiker und Euro "Retter" sehen das Problem seit Langem nicht mehr. Europa geht still und leise unter, Konkurrenzfähigkeit auf den Weltmärkten ist dahin.
2. Na ja
Progressor 31.05.2013
Wenn man die Geldpolitik getrennt von anderen Möglichkeiten betrachtet, das Euroland aus der Krise zu holen, dann ist Bofingers Einschätzung wohl richtig. Von verbotener monetären Staatsfinanzierung zu sprechen, kann man ja nicht von ihm erwarten. Und über eine weitere Verschuldung der Staaten zu sprechen, wäre von ihn wohl auch politisch inkorrekt. Also bleibts dabei: Die EZB knallt Gelder in den Markt, in der Realwirtschaft kommts kaum an, Banken und Finanzakrobaten ergötzen sich an dem günstigen Geld. Ich gebe zu, ich bin neidisch.
3. Na endlich...
Vollidiot und Millionär 31.05.2013
Vielen herzlichen Dank für diesen Gastbeitrag. Deflation ist auch meines Erachtens eine viel reellere Gefahr als Inflation (Auf den Nachdenkseiten wird auch immer wieder von Berger auf die historisch bedingte Inflationsangst der Deutschen verwiesen). Die EZB schafft es ja anscheinend sehr gut, trotz "lockerer Geldpolitik", dass die Geldmenge (M3) stabil bleibt. Ich erlebe es des Öfteren, dass sich die Einschätzung von Herrn Bofinger mit meiner Sicht deckt. Ist sehr spannend zu sehen, wie sich aktuell die Meinungen zur "richtigen" Geldpolitik unterscheiden (siehe Kritiken an Abenomics).
4. gute und böse Blasen
interessierter Laie 31.05.2013
meine Güte. Der Bofinger hat vielleicht Nerven! Wir haben längst eine private Säule der Rente. Die expansive Geldpolitik sorgt dafür, dass man auf Sparkonten und bei Rentenpapieren und Anleihen derzeit eher Geld verliert als gewinnt. Alternativ kann man in Aktien investieren, die nach der nächsten Korrektur erstmal im Schnitt 10-15% an Wert verlieren. Das muss man dann erstmal über die Laufzeit wieder rausholen. Immobilien gehen mancherorts selbst bei Zwangsversteigerungen über Verkehrswert über den Tisch... Also Herr Bofinger - in welche Werte soll man wohl das Geld stecken, dass einem irgendwann mal den Lebensabend finanzieren soll? Ich kann mir zwar vorstellen, dass das einen Professor und damit gut verdienenden Berufsbeamten wenig betrifft... Aber mich interessiert es schon!
5.
snurdlebug 31.05.2013
Spiegel:"...Deflation...Zusammen mit der hohen Verschuldung privater und öffentlicher Haushalte wäre das eine echte Bedrohung für das gesamte Bankensystem - und damit auch für die Sparer und Steuerzahler" Ha? Wie soll Deflation Sparer schädigen? Ist doch eher umgekehrt: Inflation bestiehlt und schädigt Sparer.
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Zum Autor
  • REUTERS
    Peter Bofinger gehört seit März 2004 dem Gremium der fünf Wirtschaftsweisen an. Er hat Volkswirtschaftslehre in Saarbrücken studiert und promovierte dort 1984. Seit 1992 ist er Professor an der Universität Würzburg.

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