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08. Februar 2013, 18:34 Uhr

Pferdefleisch in Großbritannien

Skandalfirma lieferte auch nach Deutschland

Von und

Statt Rind gab es Pferd - zahlreiche Tiefkühlgerichte in Großbritannien enthielten etwas anderes, als die Verpackung versprach. Gelangten die Produkte auch nach Deutschland? Sicher ist: Die verdächtige Firma bediente in der Vergangenheit auch den deutschen Markt.

Hamburg - Der Hersteller von mit Pferdefleisch verunreinigten Tiefkühlgerichten in Großbritannien hat in der Vergangenheit auch Deutschland beliefert. Die Internetseite des Unternehmens Comigel ist derzeit nicht erreichbar, telefonische Anfragen blieben bislang unbeantwortet. Aber noch im Juli 2012 hieß es auf der Comigel-Seite: "Unsere Expertise mit privaten Markenprodukten ist das Ergebnis einer 30-jährigen Präsenz als Europas führender Lieferant in Frankreich, Deutschland, Skandinavien, Belgien, Luxemburg, den Niederlanden, Österreich und Zentraleuropa." Weiter schrieb Comigel, man habe "einzigartige und privilegierte Kooperationen" mit den wichtigsten europäischen Einzelhändlern, Tiefkühlzentren und Automatenlieferanten.

Comigel sorgt derzeit in Großbritannien als Lieferant der Tiefkühlmarke Findus für Schlagzeilen. Am Donnerstag war bekannt geworden, dass die britische Lebensmittelaufsicht FSA in elf von 18 getesteten Findus-Lasagnen Pferdefleisch entdeckt hat. Die FSA ordnete daraufhin die Überprüfung sämtlicher Tiefkühlgerichte an, die offiziell Rindfleisch enthalten. Die Supermarktketten Tesco und Aldi zogen in Großbritannien vorsorglich sämtliche Comigel-Produkte zurück. Am Freitagmittag gab Findus zudem bekannt, dass es seine Lasagne auch in Schweden zurückruft.

Findus habe sich am Montag mit einem Brief an Einzelhändler gewandt, schreibt die "Times" unter Berufung auf den Labour-Abgeordneten Tom Watson, dem das Schreiben nach eigenen Angaben vorliegt. Demnach hatte ein französischer Zulieferer - vermutlich Comigel - am 2. Februar darauf hingewiesen, dass Rohmaterial seit Anfang August "wahrscheinlich nicht den Anforderungen entsprach und damit die Beschriftung fertiger Produkte unkorrekt war".

Nun stellt sich die Frage, ob Findus-Produkte mit Pferdefleisch auch in anderen Ländern in den Handel geraten sein könnten. Die Vertriebswege sind schwer nachzuvollziehen, da die Produkte je nach Land von unterschiedlichen Partnern vertrieben werden. Findus gehörte über Jahrzehnte zum Lebensmittelkonzern Nestlé , der jedoch im Jahr 2000 weite Teile des Geschäfts an eine Private-Equity-Gruppe verkaufte. Die mittlerweile von London aus gesteuerte Findus-Group war am Freitag für einen Kommentar nicht zu erreichen.

"Keine Informationen, dass irgendetwas nicht stimmt"

Der deutsche Vertriebspartner BestCon Food importiert Findus-Produkte nach Angaben des Marketingleiters Günter Wissemborski aus Schweden. Das einzige Fleischprodukt seien dabei Köttbullar, Fleischbällchen aus Schweine- und Rindfleisch, die ausschließlich an Großverbraucher geliefert würden. "Wir haben keine Information aus Schweden darüber, dass mit dem Fleisch irgendetwas nicht stimmt", sagte Wissemborski SPIEGEL ONLINE.

Ein Sprecher des Verbraucherschutzministeriums von Nordrhein-Westfalen sagte der Nachrichtenagentur AFP, die Kontrolldichte im größten Bundesland sei am Freitag verschärft worden. "Wir haben angeordnet, dass die Kontrollstellen einen verschärften Blick bei der Produktkontrolle machen. Bisher ist noch nichts aufgefallen." Die Lebensmittelkontrolle ist in Deutschland Sache der Bundesländer.

Pferdefleisch ist in vielen Ländern zum Verzehr zugelassen, auch in Deutschland. Entscheidend sei, ob das Fleisch hygienisch verarbeitet wurde, sagte Armin Valet von der Verbraucherzentrale Hamburg. In Deutschland seien ihm bislang keine Fälle bekannt, in denen Rindfleisch durch Pferdefleisch ersetzt wurde. In Großbritannien sorgen die Funde für Empörung, zumal bereits im Januar Pferdefleisch in Tiefkühl-Hamburgern aufgetaucht war. Die konservative Abgeordnete Anne McIntosh sagte, sie werde vorerst keine Fertigmahlzeiten mit Rindfleisch mehr essen. Verbraucher sollten möglichst lokal produzierte Lebensmittel kaufen. Schließlich sei auffällig, dass es sich bei den Funden ausschließlich um Fleisch aus anderen EU-Staaten gehandelt habe. "Nichts von dem Fleisch scheint aus diesem Land zu kommen."

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