Pharmariese: Merck muss milliardenschwere Niederlage einstecken

Eine der größten Zukunftshoffnungen des Pharmariesen Merck ist zerstört: Die europäische Arzneimittelbehörde hat sich gegen ein Multiple-Sklerose-Medikament des Herstellers ausgesprochen. Anleger reagierten entsetzt.

Tablettenpackung: Alle Optionen prüfen Zur Großansicht
ddp

Tablettenpackung: Alle Optionen prüfen

Frankfurt am Main - Die Rückschläge für Merck Chart zeigen häufen sich in diesem Jahr in dramatischer Weise: Erst musste der Darmstädter Pharmagigant einen Gewinnrückgang vermelden, dann verweigerte die europäische Arzneimittelbehörde (EMA) dem Krebsmittel Erbitux die Zulassung zur Lungenkrebsbehandlung - jetzt sprach sich die Behörde gegen den Hoffnungsträger Cladribin aus. Die Pille zur Behandlung der schubförmigen Multiple Sklerose (MS) berge zu viele Risiken.

Merck wird nun bis auf weiteres ein riesiges Geschäft entgehen. Der Weltmarkt für MS-Präparate wird auf etwa zehn Milliarden Dollar geschätzt - und Cladribin galt als wichtigste Neuentwicklung des Herstellers. Das Expertengremium (CHMP) der EU-Behörde EMA gibt zwar nur eine Empfehlung. Üblicherweise folgt die EU-Kommission diesem Ratschlag aber binnen weniger Monate. "Die Erwartungen an das Medikament waren sehr hoch, daher dürfte die Enttäuschung nun umso größer sein", kommentierte ein Händler.

Auch Anleger reagierten entsetzt: Am Aktienmarkt brach der Kurs von Merck zeitweise um mehr als neun Prozent ein. Die Papiere waren der mit Abstand größte Verlierer im Dax Chart zeigen.

Profiteur des negativen Votums dürfte dagegen der Schweizer Konkurrent Novartis Chart zeigen sein, der die MS-Tablette Gilenya entwickelt hat und für sie vor wenigen Tagen die Zulassung in den USA erhielt. Analyst Hanns Frohnmeyer von der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) rechnet damit, dass eine Zulassungsentscheidung für die Novartis-Pille in Europa 2011 fallen könnte. "Merck ist im Rennen, wer die erste Tablette zur Multiple-Sklerose-Behandlung auf den Märkten hat, nun gegen Novartis klar ins Hintertreffen geraten", sagte er.

Experten: Markteinführung verzögert sich um Jahre

Doch Merck gibt sich nicht geschlagen. Der Konzern kündigte an, alle Optionen zu prüfen, um doch noch eine Zulassung für Cladribin in der EU zu erhalten. Mit einem Einspruch gegen die Entscheidung könnte der Konzern eine erneute Prüfung erreichen. "Wir müssen jetzt mit dem CHMP zusammenarbeiten, wie wir das angehen können, um ihre Bedenken zu zerstreuen", sagte Pharma-Chef Elmar Schnee.

Behörden prüften inzwischen weltweit strenger, sagte Schnee. In den USA hatte die Gesundheitsbehörde FDA den Antrag für Cladribin zunächst nicht akzeptiert. Merck hat dort einen zweiten Anlauf gestartet und neue Dokumente eingereicht. Eine Entscheidung der FDA wird im vierten Quartal erwartet. Schnee wies darauf hin, dass Cladribin in Australien und in Russland inzwischen aber zugelassen wurde.

LBBW-Analyst Frohnmeyer erwartet, dass das Expertengremium der EMA das Merck-Mittel nicht ohne neue klinische Daten prüfen wird. Diese könnten im zweiten Halbjahr 2011 vorliegen. "Daher ist eine mögliche Zulassung in der EU nicht vor 2012 wahrscheinlich", schätzt er. Die Investmentbank JP Morgan rechnet mit einer Verzögerung der Markteinführung um mindestens vier Jahre. Das Bankhaus Merck Fink geht sogar noch weiter: "Wir glauben, dass eine Zulassung in Europa nun ziemlich unwahrscheinlich wird."

yes/Reuters/Dow Jones

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Unternehmen & Märkte
RSS
alles zum Thema Merck
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren
  • Zur Startseite