Photovoltaik-Recycling Solarindustrie plagt sich mit ihren Altlasten

Die Solarbranche streitet seit Jahren über ein eigenes Entsorgungssystem für Photovoltaikschrott. Jetzt reicht es der EU: Künftig sollen für ausrangierte Module die gleichen Recycling-Regeln gelten wie für andere elektronische Geräte. Das kostet die Industrie viel Geld.

Solarworld

Von Ralph Diermann


Für Toaster gilt sie, für MP3-Player und Rasenmäher, sogar für Dialysegeräte und Fahrkartenautomaten - nicht jedoch für Solarmodule: Die Elektroschrott-Richtlinie der EU macht ausgerechnet für die "grüne" Photovoltaik eine Ausnahme. Während die Hersteller elektronischer Haushalts-, Unterhaltungs- und Industrieprodukte ausrangierte Geräte einsammeln und fachgerecht entsorgen oder recyceln müssen, unterliegt die Solarbranche keinerlei Reglementierung.

Doch mit diesem Privileg ist bald Schluss. Das EU-Parlament wird wahrscheinlich schon im Januar beschließen, dass künftig auch Solarpanels unter die sogenannte WEEE-Richtlinie (Waste Electrical and Electronic Equipment) fallen. Das wird teuer für die Unternehmen: Sie sind dann gezwungen, in allen EU-Staaten Sammelsysteme für ausrangierte Module einzurichten.

Da die konkrete Ausgestaltung der WEEE die Sache der Mitgliedstaaten ist, müssen die Hersteller 27 einzelne Systeme aufbauen - ein riesiger bürokratischer Aufwand. Zudem sind sie verpflichtet, jedes einzelne Modul in dem Land registrieren zu lassen, in dem es verkauft wurde.

Ruinöser Preiskampf

Für die Solarbranche kommt die Aufnahme in die WEEE-Richtlinie zur Unzeit. Denn die Hersteller haben sich in einen ruinösen Preiskampf verstrickt. So sind die Preise für kristalline Module aus Deutschland seit Jahresbeginn von 1,70 Euro auf 1,15 Euro pro Watt gefallen; chinesische Produkte sind sogar schon für 85 Cent zu haben. Wer die Mehrkosten für die Entsorgung nicht an die Kunden weitergeben kann, verliert in diesem Wettlauf um die günstigsten Preise an Boden.

Allerdings sind die Photovoltaikhersteller selbst schuld daran, dass ihnen die EU jetzt Vorschriften macht. Vier Jahre lang haben sie sich bemüht, ein eigenes Entsorgungsystem namens PV Cycle aufzubauen. Mit dieser freiwilligen Selbstverpflichtung wollten sie einem Recycling-Diktat durch die WEEE entgehen.

Doch den Mitgliedern - darunter fast alle großen internationalen Modulproduzenten - ist es in all den Jahren nicht gelungen, sich auf eine langfristige Finanzierung des Systems zu einigen. Offenbar in Unkenntnis der Belastung, die die EU-Vorgabe für sie bedeutet: "Die weitaus größte Anzahl der Photovoltaik-Hersteller ist noch nie mit der WEEE in Berührung gekommen. Viele Firmen konnten sich gar nicht richtig vorstellen, was damit gesetzlich auf sie zukommt", sagt Wilfried Taetow, Präsident von PV Cycle.

Streit gab es aber nicht nur ums Geld, sondern auch darüber, was mit den ausrangierten Modulen Überhaupt geschehen soll. So verließ der Bonner Konzern Solarworld im letzten Sommer den Zusammenschluss. Das traf PV Cycle hart, denn die Solarworld-Tochter Sunicon verfügt über viel Know-how beim Recycling von Photovoltaikmodulen. "Solarworld hat eigene Vorstellungen, wie Module zurückgenommen und recycelt werden sollen", erklärt Sunicon-Geschäftsführer Karsten Wambach.

Die Zeit drängt, eine Lösung für den Modulmüll zu finden

Lange Jahre haben sich EU-Kommission und -Parlament die Diskussionen in der Photovoltaikbranche geduldig angeschaut. Doch jetzt reicht es ihnen. "Die Industrie hat eine freiwillige Vereinbarung vorgelegt, die das Papier nicht wert war, auf das sie gedruckt wurde", sagt Karl-Heinz Florenz, Mitglied des Europaparlaments und dessen WEEE-Berichterstatter. "Der Vereinbarung fehlte nicht nur jegliches Sammelziel, sondern die Unternehmen konnten sich auch jederzeit ohne Probleme von ihr lossagen."

Die Zeit drängt, eine Lösung für den Modulmüll zu finden. Denn die erste Generation der Solarmodule erreicht in den nächsten Jahren das Ende ihres Lebenszyklus. Schon 2015 werden mehr als 15.000 Tonnen Panels zu Alteisen.

Deshalb könnte jetzt paradoxerweise doch noch die Stunde von PV Cycle schlagen. "Wir haben es nicht geschafft, einer gesetzlichen Regelung zuvorzukommen. Aber wenn es kein PV Cycle gäbe, wäre es nun Zeit, es zu gründen", sagt Taetow. Denn der Zusammenschluss der Branche könnte für seine Mitglieder ein WEEE-konformes Entsorgungssystem aufbauen - ein Vorgehen, das das EU-Parlament laut Florenz ausdrücklich begrüßen würde.

Vielleicht kommt dann auch die abtrünnige Solarworld wieder mit ins Boot. Denn der Konzern hat zusammen mit Partnern das Unternehmen Solarcycle gegründet, das im nächsten Jahr in Bitterfeld eine große Recyclinganlage bauen will. Mit der Anlage setzen die Investoren Standards für die Branche, da sie auch Materialien wie Kupfer oder Silber aus den Modulen zurückgewinnt - andere Recyclingbetriebe verwerten lediglich das Glas und das Aluminium der Panels. In Bitterfeld sollen nicht nur Produkte von Solarworld verarbeitet werden: "Solarcycle ist Dienstleister, der über bilaterale Verträge für seine Kunden arbeitet. Eine Zusammenarbeit mit PV Cycle ist dabei selbstverständlich möglich", sagt Wambach.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 99 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
XRay23 19.12.2011
1.
Zitat von sysopDie Solarbranche streitet seit Jahren über ein eigenes Entsorgungssystem für Photovoltaikschrott. Jetzt reicht es der EU: Künftig sollen für ausrangierte Module die gleichen Recycling-Regeln gelten wie für andere elektronische Geräte. Das kostet die Industrie viel Geld. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,803784,00.html
Konsequent. Aber sicherlich ein Schock für diejenigen welche bisher dachten das die Solarzechnik so sauber ist das aus dem vergrabenen Giftmüll nach 2 Jahren Rosenbüsche wachsen...
shokaku 19.12.2011
2. Hier könnte ein Titel stehen
Zitat von sysopDie Solarbranche streitet seit Jahren über ein eigenes Entsorgungssystem für Photovoltaikschrott. Jetzt reicht es der EU: Künftig sollen für ausrangierte Module die gleichen Recycling-Regeln gelten wie für andere elektronische Geräte. Das kostet die Industrie viel Geld. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,803784,00.html
Unfassbar. Da sollen für Ökos doch glatt die gleichen Regeln gelten wie für Normalsterbliche. Skandal. Keine Panik. Diese Firmen sind eh bald Pleite. Dann bleiben die Kosten am Steuerzahler hängen.
shovelbolle 19.12.2011
3. Die Propangandemaschine läuft
Ich bin (noch) Unternehmer welches sich im Installationsgeschäft tummelt und eben auch PV-Anlagen vertreibt, verbaut und wartet. Ich habe genau diese Aussagen vor einigen Monaten hier schon beschrieben und bin auf das übelste beschimpft und diffamiert worden. Die saubere Energie darf nicht schmutzig sein LOL Diese Verdummungsmaschinerie ... ist gut geölt und effektiv. Auch in der so genannten sauberen Energiegewinningsbranche. Nochmal: Ich verdiene z.T mein Geld damit und finde es auch sehr gut aber glauben Sie nicht jeden Unsinn den man Ihnen auftischt.
MissBildung 19.12.2011
4. gegen Titelzwang
Als umweltbewusster Bürger habe ich natürlich KEINE Solarpanels auf meinem Hausdach, sondern schalte Elektrogeräte öfter mal ab, um Strom zu sparen. Solarpanels sind genauso inkonsequent wie der Glaube dass der Smart umweltfreundlich ist, dabei aber derart aggressiv durch die Innenstadt zu fahren, dass der Kleine doch wieder mit 6 Litern befeuert werden muss. Nene... wer sparen will, der soll das Auto mal stehen lassen und radfahren, so mache ich das auch. Die Limousine wird nur alle 2 Wochen zum einkaufen oder wenn Besuch bei der Oma ansteht aus der Garage geholt.
antilobby 19.12.2011
5.
Die Hauptbestandteile eines PV-Moduls sind doch Glas, Alu und Silizium. Alle einfach zu recycelnde Stoffe. Warum ist es so schwierig sie zu recyceln?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.