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13. November 2012, 11:14 Uhr

Teures Gesundheitssystem

Privatversicherten droht Beitragsschock

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Für Mitglieder der privaten Krankenversicherungen wird es teurer. Die Beiträge für Neukunden steigen um bis zu 41 Prozent - das zeigen Zahlen von elf großen Gesellschaften, die SPIEGEL ONLINE vorliegen. Auch langjährig Versicherte müssen mit teils drastischen Erhöhungen rechnen.

Hamburg - Michael Hogrefe* hat die Nachricht bereits bekommen, auf die Mitglieder der privaten Krankenversicherung warten. In den kommenden Tagen informieren die Unternehmen ihre Kunden, wie hoch der Beitrag im kommenden Jahr sein wird. Hogrefe erfuhr es vorab: Er soll ab Januar rund 100 Euro mehr zahlen, statt 921 Euro verlangt seine Krankenversicherung, die Gothaer, 1022 Euro.

Hogrefe will das nicht akzeptieren. Seit 1988 ist der 51-Jährige bei der Gothaer, doch schon 921 Euro Monatsbeitrag waren ihm zu viel. Ende Oktober schaltete Hogrefe den Versicherungsmakler Javier Garcia ein. Der soll für ihn nun einen günstigeren Tarif bei der Gothaer finden. Bei der Suche erfuhr der Makler, wie sich der Tarif seines Kunden entwickelt - und fand entsprechende Alternativen.

Doch wie sieht es sonst aus? Das Gros der Privatversicherten weiß noch nicht, wie viel Beitrag sie im kommenden Jahr zahlen müssen. Die Unternehmen halten sich bedeckt und wollen keine konkreten Zahlen herausgeben. SPIEGEL ONLINE liegt jedoch eine Übersicht der Tarifentwicklung im Neugeschäft von elf der größten Anbieter vor. Die Zahlen zeigen, wie sich die Beiträge für jemanden entwickeln, der aktuell in die private Krankenversicherung wechseln will. Dabei handelt es sich nicht um Unisex-Tarife, die ab dem 21. Dezember nach einem EuGH-Urteil eingeführt werden müssen. Im Extremfall beträgt das Plus im Vergleich zum Vorjahr 41 Prozent.

SPIEGEL ONLINE hat bei allen elf Gesellschaften nachgefragt. Die Unternehmen spielen die Zahlen herunter. Der Tenor: Die stärksten Erhöhungen seien Einzelfälle in bestimmten Altersgruppen und Tarifen, bei denen der Beitrag in den vergangenen Jahren stabil gewesen sei. Zudem betonen die Versicherungen, dass die Erhöhungen im Durchschnitt aller Kunden niedrig seien. So nennt die Allianz ein durchschnittliches Plus von 3,0 Prozent, die LVM erhöht um 2,76 Prozent, die Hanse Merkur um 2,6 Prozent und die Axa spricht von 2,0 Prozent. Die Durchschnittswerte sind allerdings nur begrenzt aussagekräftig, da dabei alle Versicherten mitgerechnet werden, die dieses Mal keine Erhöhung bekommen.

Von den größten Krankenversicherungen fehlen in dieser Übersicht die Debeka, die DKV und die Central. Die Debeka hat angekündigt, dass die Beiträge für fast alle Versicherten stabil bleiben sollen. Die DKV passt ihre Beiträge voraussichtlich erst zum 1. April an. Im vergangenen Jahr sorgte die Central mit kräftigen Erhöhungen für Schlagzeilen. Im Durchschnitt stiegen die Beiträge um 12,9 Prozent, in Einzelfällen betrug das Plus mehr als 40 Prozent. Für 2013 sind bei der Central moderatere Erhöhungen zu erwarten, allerdings werden auch die Selbstbehalte heraufgesetzt.

Klar ist: Auch wenn die maximalen Erhöhungen von 41 Prozent bei der Axa oder 34 Prozent beim Münchener Verein Extremfälle sind - für viele Versicherte dürften die Beiträge deutlich steigen. Denn eine Erhöhung im Neugeschäft bedeutet in der Regel, dass Bestandskunden, also langjährig Versicherte, noch mehr draufzahlen müssen. Versicherungsmakler Garcia gibt ein Beispiel: "Wenn ein Tarif für einen Neukunden um fünf Prozent teurer wird, dann fällt die Steigerung für einen langjährig Altversicherten in demselben Tarif deutlich höher aus, unter Umständen doppelt so hoch."

Der Grund: Die Unternehmen kalkulieren beim Beitrag mit Alterungsrückstellungen. Diese dienen dazu, die höheren Kosten im Alter abzufedern. Wenn nun die Beiträge steigen, heißt das, dass auch die Alterungsrückstellungen zu niedrig kalkuliert wurden. Werden diese dann nachgebessert, kommen stärkere Erhöhungen als im Neugeschäft zustande.

Problem der geschlossenen Tarife

Noch extremer ist es in den sogenannten geschlossenen Tarifen. Manche Gesellschaften bezeichnen diese als "nicht mehr beworbene Tarife". Im Kern ist es aber dasselbe. Es sind Tarife, in die keine neuen Versicherten mehr aufgenommen werden. Der Anteil der Versicherten mit höheren Krankheitsrisiken steigt, was für höhere Kosten sorgt. Die Folge: Die Beiträge steigen überproportional. Garcia rechnet damit, dass es in diesen geschlossenen Tarifen viele Versicherte gibt, die mit Beitragssteigerungen von bis zu 30 Prozent rechnen müssen.

Für jemanden, der ohnehin schon Probleme hat, seine Beiträge zu zahlen, ist das ein herber Schlag. Schätzungen zufolge können sich mehr als 150.000 Privatversicherte ihre Gesundheitsversorgung nicht mehr leisten. Wer seinen Beitrag über einen längeren Zeitraum nicht zahlen kann, für den stellt die Kasse das Ruhen der Leistungen fest. Das bedeutet: Die Versicherung muss nur noch die Behandlung von akuten Krankheiten und Schmerzen zahlen, nicht mehr. Wer sich bei einem Unfall ein Bein bricht, kann also trotzdem zum Arzt gehen. Eine Vorsorgebehandlung oder eine Reha ist dagegen ausgeschlossen.

Um Beiträge zu sparen, können Versicherte in einen anderen Tarif wechseln. Diese Möglichkeit steht theoretisch jedem Versicherten offen. In der Praxis blockieren die Gesellschaften dies jedoch häufig: Kunden werden hingehalten, falsch informiert und verängstigt.

* Name von der Redaktion geändert.

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