Pleite von MF Global Der Boss, der von nichts wusste

Bohrend wurde in US-Ausschüssen gefragt, gebracht hat es nichts: Sieben Wochen nach der Pleite des Finanzgiganten MF Global bleiben 1,2 Milliarden Dollar verschwunden. Firmenchef Jon Corzine gibt sich unwissend - Zehntausende Farmer bangen um ihre Existenz.

Von , New York

MF-Global-Chef Jon Corzine: Unwissend durch den Anhörungsmarathon
AFP

MF-Global-Chef Jon Corzine: Unwissend durch den Anhörungsmarathon


Dean Tofteland ist sein Leben lang Farmer gewesen. Seit 25 Jahren baut er im Dorf Luverne im Bundesstaat Minnesota Mais und Sojabohnen an, um seine vierköpfige Familie zu ernähren. Außerdem züchtet er Schweine. Sein finanzielles Risiko sichert er, wie die meisten seiner Kollegen in den USA, über die Terminbörse CBOT ab. Nur so, sagt er, könnte seine Farm überhaupt einen Gewinn erbringen.

Toftelands Broker für diese Termingeschäfte war MF Global, lange eine der weltgrößten US-Finanzfirmen, die mit Derivaten handelte. Ende Oktober 2010 aber stand Tofteland plötzlich mit leeren Händen da, er verlor 353.000 Dollar - quasi sein gesamtes Vermögen. Denn MF Global hatte Insolvenz angemeldet und anders als bei regulären Gläubigerschutzverfahren standen die meisten MF-Global-Kunden ohne alles da.

Tofteland ist einer von rund 38.000 Kunden des kollabierten Finanzriesen, von denen viele jetzt ihre Einlagen vermissen. Er sagte Anfang der Woche vor dem Agrarausschuss des US-Senats aus, viel gebracht hat es aber noch nicht. Klar ist bislang nur: Vermutlich wurden die Kundenkonten vor der Insolvenz vom Management angezapft, um Lücken in der Bilanz zu stopfen. Alles in allem sind bis zu 1,2 Milliarden Dollar verschollen.

Die Pleite ist die größte Insolvenz an der Wall Street seit dem Kollaps der Investmentbank Lehman Brothers. Das sie überhaupt passieren konnte zeigt: Trotz der Finanzkrise hat sich nichts geändert. Seit Wochen schon fahnden mehrere Kongressausschüsse, ein Konkurs- und ein Bezirksgericht in Manhattan sowie der frühere FBI-Chef Louis Freeh als Treuhänder nach den Geldern. Noch gibt es keine Spur - und statt dessen nur Ausflüchte der Verantwortlichen.

Angeblich weiß keiner, wo das Geld abgeblieben ist. Allen voran unwissend gibt sich Jon Corzine, Ex-Chef von Goldman Sachs, Ex-Senator und Ex-Gouverneur von New Jersey und zuletzt Vorstandchef von MF Global. Motto: Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen.

Daran ändert auch nicht, dass Washington derzeit einen regelrechten Anhörungsmarathon zu dem Fall veranstaltet. Vorige Woche vernahm der Agrarausschuss im Repräsentantenhaus stundenlang Zeugen. Am Dienstag folgte der Senats-Agrarausschuss, am Donnerstag der Finanzausschuss des Unterhauses.

1,2 Milliarden Dollar bleiben verschwunden

Doch weder der Kongress noch die Gerichte haben bisher herausfinden können, was da wirklich geschah hinter den Türen der MF-Global-Zentrale in einem Wolkenkratzer an der Fifth Avenue. "Wie viele Köpfe müssen wir herholen, bis wir den Namen von jemandem haben, der weiß, was da zum Teufel los ist?", brüllte der republikanische Senator Pat Roberts an einer Stelle. Und: "Dies wird lächerlich!"

Dabei ist die Frustration der Politiker genauso scheinheilig wie die Ignoranz der MF-Global-Manager. Denn die, die jetzt am lautesten schimpfen, sind die gleichen, die sich bislang gegen jegliche Aufsicht der Wall Street durch den Staat und die Kontrollbehörden sperren. So waren es die Republikaner, die die große Finanzreform von US-Präsident Barack Obama so verwässerten, dass zum Beispiel der Derivatenmarkt davon weitgehend ungeschoren blieb.

Das Drama begann, als MF Global mit zuletzt 3300 Angestellten einen Quartalsverlust von fast 192 Millionen Dollar meldete. Als Grund nannte es riskante Milliardenwetten mit europäischen Staatsanleihen. Die Rating-Agenturen Moody's und Fitch stutzten das Unternehmen prompt auf Junk-Status. Die hektische Suche nach einem Käufer in letzter Minute schlug fehl. Am 31. Oktober meldete MF Global Insolvenz an. Es war Halloween, ausgerechnet - Geisterstunde.

Die neuen Treuhänder merkten schnell, dass in den Büchern bis zu 1,2 Millarden Dollar fehlten - Einlagen der Kunden. Offenbar hatte MF Global diese normalerweise getrennt geführten Konten missbraucht, um eigene Rechnungen zu decken, mittels komplexer, kaum durchsichtiger Transaktionen weltweit - eine bei vielen Brokern gängige, doch kontroverse Praxis namens "Weiterverpfändung".

"Chaotische, schlaflose Nächte"

Warum genau MF Gobal aber zusammenbrach, ist bis heute nicht geklärt. Kenner bezweifeln, dass die Europa-Spekulationen allein schuld waren: Diese massiven Anleihengeschäfte seien ja seit Mai bekannt und sogar profitabel gewesen, bis zum bitteren Ende. "Investoren geraten normalerweise nicht wegen Verlusten in Panik, die noch nicht geschehen sind, oder wegen Geschäften, die aktenkundig sind", wundert sich Bloomberg-Finanzkolumnist Jonathan Weil.

Der Quartalsverlust, der den Vertrauensentzug der Rating-Agenturen und den fatalen Bank Run auf MF Global auslöste, dürfte also auch andere Gründe gehabt haben. So galt der Konzern als Wall-Street-"Dinosaurier", weil Transaktionen selbst dann noch per Telefon abgewickelt wurden, als der Rest der Branche längst vollelektronisch arbeitete.

Schon vor der Finanzkrise, im Februar 2008, hatte MF Global Negativ-Schlagzeilen gemacht. Unautorisierte Geschäfte eines Mitarbeiters bescherten dem Haus da Verluste von 142 Millionen Dollar. Die Kontrollbehörde CFTC verdonnerte MF Global wegen "signifikanter Aufsichtsverstöße" zwischen 2003, als es noch ein Teil der MAN Group war, und 2008 zu Strafen von insgesamt 10,5 Millionen Dollar.

Corzine übernahm die Führung im März 2010, nachdem seine Wiederwahl als Gouverneur gescheitert war. Jetzt redet sich der Finanzveteran heraus:"Ich hatte begrenzten Zugang zu vielen relevanten Akten, einschließlich interner Kommunikation und Kontoauszügen". Er könne also kaum "akkurat über die chaotischen, schlaflosen Nächte aussagen, die der Insolvenz vorausgingen".

Der arme Mann. Der TV-Wirtschaftssender Fox Business News schätzte neulich, dass Corzines Privatvermögen von fast einer Milliarde Dollar inzwischen auf rund 53 Millionen Dollar erodiert sei. Kein Wunder, dass er dem Kongress seine "große Betrübnis" über das ganze MF-Global-Debakel versicherte.

Bleibt die Frage: Wo sind die Kundengelder? CFTC-Kommissarin Jill Sommers, die nach den Einlagen fahndet, sagte der Agentur Reuters jetzt, ihr Team habe "die Spur weit genug verfolgt", um zu wissen, wohin die 1,2 Milliarden Dollar verschwunden seien: "Jetzt muss man nur noch herausfinden, welche Transaktionen legitim waren und welche illegitim." Sommers' CFTC-Kollege Bart Chilton widersprach ihr jedoch sofort: Er sei wenig zuversichtlich, "dass wir wissen, wo das ganze Geld hinging", sagte er der "New York Post".

Den Opfern ist damit wenig geholfen. Tausende Farmer und Agrarunternehmer müssen hilflos zusehen, wie ihr Geld verschwunden oder eingefroren bleibt - eine verhängnisvolle Entwicklung. "Unsere Kunden setzen großes Vertrauen in uns", klagte Roger Hupfer, der Chef des Getreidevertriebs Freeland Bean & Grain in Michigan, vor dem Kongress. "Dieses Vertrauen ist durch die MG-Global-Insolvenz zerstört worden." Er stehe seither unter "Totalschock".



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Seite 1
kinich_janaab 16.12.2011
1.
Zitat von sysopBohrend wurde in US-Ausschüssen*gefragt, gebracht hat es nichts: Sieben Wochen nach der Pleite des Finanzgiganten MF Global bleiben 1,2 Milliarden Dollar verschwunden. Firmenchef Jon Corzine gibt sich unwissend - Zehntausende Farmer bangen um*ihre Existenz. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,804071,00.html
Finanzindustrie ist das Beste was den Menschen je passieren konnte. Sie leistet einen enormen Beitrag zur Verbesserung des Zwischenmenschlichen und sorgt stets für Gerechtigkeit.
miloschkowitz 16.12.2011
2. Nur zur Ergaenzung........
Da ist dem Verfasser des Artikels doch glatt ein Fluechtigkeitsfehler unterlaufen ! Dieser Herr Corzine ist nicht nur ehemaliger Gouvaneur und US Senator sondern auch - und immer noch: Demokrat und "Erster Berater" unseres POTUS (President Of The United States) u n d Vice.... Danke fuer die Aufklaerung, dass der "schreiende" Frager der Republikaner in dieser Geschichte war ! SPON - immer an der Spitze kompletter und akurater USA - Berichterstattung ! Dankeschoen !
n.holgerson 16.12.2011
3. Wetten es wird wieder verallgemeinert
Zitat von sysopBohrend wurde in US-Ausschüssen*gefragt, gebracht hat es nichts: Sieben Wochen nach der Pleite des Finanzgiganten MF Global bleiben 1,2 Milliarden Dollar verschwunden. Firmenchef Jon Corzine gibt sich unwissend - Zehntausende Farmer bangen um*ihre Existenz. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,804071,00.html
Ich würde jetzt schon wetten, es läuft hier wieder nach dem alten Schema: Verallgemeinern. Persönlich bin ich sicher, auch in diesem Fall wird sich früher oder später rausstellen, dass gewisse Personen gegen Gesetze verstoßen, sich bereichert haben und so den Schaden zu verantworten haben... Aber ganz sicher wird man sich hier im "Forum" nicht auf die "gewissen Personen" begrenzen. Ich wette jetzt schon, es wird wieder die gesamte Finanzindustrie... ja alle Manager, alle Banker.... alle werden wieder in Sippenhaft genommen... Es ist doch immer das gleiche in diesem Forum. Wenn wieder eine Statistik rauskommt, dass der kleine Mann z.B. in Deutschland den größten Schaden durch Schwarzarbeit bzw. Sozialbetrug verursacht, dann wird dies geleugnet bzw. dann wird man dünn heutig! Dann will niemand zu diesem Personenkreis gehören, man soll nicht verallgemeinern.... Umgekehrt ist es natürlich anders. Da werden alle Personen die in diesem Bereich arbeiten als Verbrecher dargestellt. Ich sage es immer wieder: Einfache Menschen, einfache Gedanken....
kinich_janaab 16.12.2011
4. Verallgemeinerung?
Zitat von n.holgersonIch würde jetzt schon wetten, es läuft hier wieder nach dem alten Schema: Verallgemeinern. Persönlich bin ich sicher, auch in diesem Fall wird sich früher oder später rausstellen, dass gewisse Personen gegen Gesetze verstoßen, sich bereichert haben und so den Schaden zu verantworten haben... Aber ganz sicher wird man sich hier im "Forum" nicht auf die "gewissen Personen" begrenzen. Ich wette jetzt schon, es wird wieder die gesamte Finanzindustrie... ja alle Manager, alle Banker.... alle werden wieder in Sippenhaft genommen... Es ist doch immer das gleiche in diesem Forum. Wenn wieder eine Statistik rauskommt, dass der kleine Mann z.B. in Deutschland den größten Schaden durch Schwarzarbeit bzw. Sozialbetrug verursacht, dann wird dies geleugnet bzw. dann wird man dünn heutig! Dann will niemand zu diesem Personenkreis gehören, man soll nicht verallgemeinern.... Umgekehrt ist es natürlich anders. Da werden alle Personen die in diesem Bereich arbeiten als Verbrecher dargestellt. Ich sage es immer wieder: Einfache Menschen, einfache Gedanken....
Als ob Sie sich jemals in diesem Forum für Differenzierung interessiert haben.
ZiehblankButzemann 16.12.2011
5. Das haben Bosse so an sich...
...daß wenn es drauf ankommt sie von nichts wußten, nichts mitbekamen, auch nicht den geringsten Verdacht schöpften und auch sonst kein Wässerchen trüben könnten. Ja, sind dies denn alles nur heilige Gutmenschen, die den ganzen Tag zwiesprache mit dem lieben Gott halten. Ich dachte immer das sind doch so großartige Macher, Kontrollfreaks die nichts dem Zufall überließen, Pedanten bis zum Abwinken. Nein alles ein Irrtum. In Wirklichkeit sind Chef-Persönlichkeiten sensible Schöngeister mit autistischen Zügen für die es nicht schöneres gibt als sich auf ein Alzheimer Dasein noch in ihrer Jugend einzustimmen. Und bei Bedarf werden diese Fähigkeiten dann abgerufen. Da kann man auch einen Silberrücken eine Firma leiten lassen.
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