Von David Böcking
Hamburg - Der "schwarze Donnerstag" ist ein fester Begriff, seit an einem Donnerstag im Oktober 1929 der Crash der US-Finanzmärkte die große Weltwirtschaftskrise einläutete. Zumindest manchem Öl-Anleger dürfte auch der gestrige Donnerstag als schwarz in Erinnerung bleiben: Innerhalb eines einzigen Tages stürzten die Preise für europäisches Brent-Öl um bis zu zwölf Dollar ab, bei amerikanischem WTI-Öl betrug der Verlust zehn Dollar.
Am Freitag gaben die Preise erneut nach, sowohl Brent als auch WTI verloren in kurzer Zeit rund fünf Dollar. Und das, obwohl der Ölpreis noch vor kurzem auf immer neue Rekordmarken zugesteuert war.
Auch bei anderen Rohstoffen wie Silber war der Preisverfall dramatisch. Allein am Donnerstag brach der Kurs für Silber um bis zu neun Prozent ein - auf rund 36 Dollar je Feinunze. Damit hat das Edelmetall binnen Wochenfrist mehr als ein Viertel seines Wertes eingebüßt, auch wenn der Kurs am Freitag wieder anzog.
Was ist die Ursache für den massiven Preisverfall? Ist ein Ende der Abwärtsspirale in Sicht? Und was bedeutet das für die Weltwirtschaft? Ein Überblick über die wichtigsten Fragen:
Wie kam es zum Kurssturz?
Der Ölpreis hat in den vergangenen Monaten einen enormen Anstieg hingelegt, seit September 2010 zeigt die Kurve für Brent-Öl fast durchweg steil nach oben. Als ein Grund galt die verstärkte Nachfrage, allein der Bedarf in China stieg im vergangenen Jahr um zehn Prozent. Hinzu kamen Sorgen um die Ölversorgung nach den Rebellionen in Förderländern wie Libyen oder Tunesien. Nicht zuletzt hat die US-Zentralbank mit ihrer Niedrigzinspolitik Rohstoffspekulationen befördert.
"Bei solchen sehr steilen Aufwärtstrends gibt es weder Bullen noch Bären, sondern fast nur Lemminge", sagt Steffen Bukold vom Energie-Informationsdienst Energy Comment. Statt langfristiger Wetten auf steigende oder fallende Märkte überwiegt also der Herdentrieb - spätestens dann wenn es Anzeichen für ein Ende des Booms gibt.
Das glauben Anleger nun offenbar erkannt zu haben. Als Begründung für ihr Verhalten werden vor allem Zweifel an der Erholung der US-Wirtschaft genannt. Zuletzt hatten unter anderem ein verlangsamtes Produktivitätswachstum sowie verhaltene Zahlen der Dienstleister und vom US-Arbeitsmarkt die Skepsis erhöht. Am Freitag nährten gute Beschäftigungszahlen für April allerdings die Hoffnung auf einen anhaltenden Aufschwung.
Als ein weiterer Grund gilt der jüngste Anstieg des Dollar gegenüber dem Euro. Da Öl in der US-Währung notiert wird, belastet ein starker Dollar die Nachfrage. Der Euro-Kurs hatte nachgegeben, nachdem die Europäische Zentralbank angedeutet hatte, ihren Leitzins im Juni unverändert zu lassen.
Ist nur Öl betroffen?
Nicht nur der Ölpreis rauscht in den Keller, auch die Preise für Edelmetalle, Kakao, Getreide und Zucker gaben zum Teil deutlich nach. Besonders dramatisch ist die Entwicklung aber beim Silberpreis. Sie gilt auch als Ausgangspunkt des Ölpreisverfalls.
Der Preis für Silber war noch viel stärker gestiegen als für Öl, innerhalb eines Jahres hatte er sich nahezu verdoppelt. Allein seit Dienstag hatte die Feinunze Silber nun ein Viertel ihres Wertes verloren - er sank von 44 auf zeitweise nur noch 34 Dollar.
"Anscheinend wurden am Silbermarkt einige Fonds auf dem falschen Fuß erwischt", sagt Steffen Bukold von Energy Comment. Das Edelmetall hatte offenbar zahlreiche Spekulanten angezogen, die von der Trendwende überrascht wurden. Die wurde begünstigt durch eine Entscheidung der US-Börse Comex: In kurzer Abfolge erhöhte sie mehrmals den Anteil, den Händler bei Termingeschäften mit Silber als Sicherheit hinterlegen müssen. Dadurch wurde es für Spekulanten kostspieliger, Wetten auf den Silbermarkt abzuschließen. Der Preisverfall bei Silber war für Anleger offenbar ein Signal, dass nun auch bei anderen Rohstoffen ein Ende des Aufwärtstrends zu befürchten ist.
Was heißt das für die Weltwirtschaft?
Für die Unternehmen und Verbraucher ist der sinkende Ölpreis eine gute Nachricht. Unternehmen litten seit langem unter steigenden Rohstoffkosten, Verbraucher bemerkten den Ölpreisboom besonders an der Zapfsäule. Nun ist Entspannung in Sicht.
"Das ist eine Konjunkturspritze für die Weltwirtschaft", sagt Steffen Bukold. "Bei einem Preisrückgang von zehn Dollar haben die Verbraucher pro Tag etwa 800 Millionen Dollar mehr in der Tasche."
Durch mehr Konsum könnten sich wiederum die Konjunkturdaten verbessern - die ja als ein Auslöser für den Einbruch des Ölpreises gelten.
Wie werden sich die Preise weiter entwickeln?
In einem sind sich Marktbeobachter weitgehend einig: Der Verfall des Ölpreises wird überschaubar bleiben. Zwar sei noch einige Zeit mit Schwankungen zu rechnen, sagt Jonathan Barrat von der australischen Firma Commodity Broking Services. Das sei aber "Teil eines Anpassungsprozesses".
Der Analyst Victor Shum von der Energieberatung Purvin & Getz verweist auf die Aufstände in arabischen Ländern, die den Ölpreis bald wieder in die Höhe treiben könnten. "Diese geopolitischen Risiken sind nicht verschwunden", sagt Shum. "Ich denke, der langfristige Trend ist noch intakt."
Auch Ölexperte Bukold glaubt nicht an eine dauerhafte Trendwende. "Scharfe Korrekturen bei extremer Spekulationsneigung sind nicht ungewöhnlich." Spätestens bei einem Ölpreis von 90 Dollar pro Fass könne aber wieder "reges Kaufinteresse" entstehen.
Für private Anleger hat Bukold unabhängig von der weiteren Entwicklung am Rohstoffmarkt eine klare Empfehlung: "Privatanleger sollten nicht in einzelne Rohstoffe investieren. Die Verlustrisiken sind zu hoch und die Märkte sind zu stark von Insidern geprägt."
Mit Material von AP und Reuters
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wirtschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Unternehmen & Märkte | RSS |
| alles zum Thema Ölpreis | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH