Notfallpläne für Griechenland-Wahl: Die Stunden der Retter

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Es ist der Tag, den alle fürchten. Am Sonntag wählt Griechenland ein neues Parlament - und stimmt dabei indirekt auch über den Verbleib in der Euro-Zone ab. So bereiten sich Politik, Notenbanken und die Finanzbranche auf die entscheidenden Stunden vor.

Hamburg - Wenn am Sonntagabend um 19 Uhr Ortszeit die Wahllokale in Griechenland schließen, schlägt die Stunde der Krisenmanager. Regierungschefs, Finanzminister und Notenbanker aus der ganzen Welt schauen nach Athen. Es ist der Tag, den sie gefürchtet haben. Sollte Griechenland den falschen Mann zum Ministerpräsidenten wählen, drohen ganz Europa heftige Verwerfungen.

Der falsche Mann wäre aus Sicht der Krisenmanager Alexis Tsipras von der linkspopulistischen Partei Syriza. Er verspricht den griechischen Wählern Hilfe ohne Leiden. Das Geld der Euro-Länder und des Internationalen Währungsfonds (IWF) will er nehmen, die daran geknüpften Bedingungen dagegen aufkündigen. Schwer vorstellbar, dass sich die Krisenmanager darauf einlassen.

Deshalb müssen sie vorbereitet sein. Um 2 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit öffnet am Montagmorgen die Börse in Tokio. Ein Wahlsieg von Tsipras würde an den Finanzmärkten wohl mit einem Austritt Griechenlands aus dem Euro gleichgesetzt. Von leichten Turbulenzen bis schwerer Panik ist in einem solchen Fall alles möglich. "Im besten Fall werden wir am Montag eine extrem ernste Situation haben", sagte der schwedische Finanzminister Anders Borg am Freitag.

Einige europäische Politiker fürchten, dass auch die griechischen Bürger am Montag in Panik verfallen und zu den Bankautomaten rennen, um ihr Geld abzuheben. Bereits in den vergangenen Tagen haben sie hohe Summen von ihren Konten abgeräumt. Falls sich die Situation verschärfen sollte, könnten Notfallpläne aktiviert werden, die die EU-Kommission bereits geprüft hat. So ließen sich zum Beispiel die Abhebesummen an griechischen Geldautomaten beschränken. Auch Grenz- und Kapitalverkehrskontrollen wären möglich, um zu verhindern, dass die griechischen Bürger ihr Geld außer Landes schaffen.

Die Bundeskanzlerin hat ihren Flug auf Mitternacht verschoben

Nach der Wahl am Sonntag dürfte in Deutschland wohl Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) als Erster zum Telefonhörer greifen. Sein Sprecher dementierte am Freitag zwar Meldungen, wonach für Sonntagabend eine Telefonkonferenz der europäischen Finanzminister angesetzt sei. In der Vergangenheit habe man bei Abstimmungsbedarf allerdings immer schnell kommunizieren können.

Auch die Bundeskanzlerin steht bereit. Angela Merkel hat ihren Flug zum G20-Treffen in Mexiko extra auf Mitternacht verlegt. Bis dahin bleibt noch Zeit, um sich mit den europäischen Regierungschefs auszutauschen. Die wichtigsten davon wird sie ohnehin nach ihrer Ankunft am Montag in Mexiko wiedertreffen. Der Gipfel in Los Cabos könnte so zum großen Krisengipfel für die Euro-Zone werden. Auch die wichtigsten Finanzminister, EU-Präsident Herman van Rompuy und Kommissionschef José Manuel Barroso werden vor Ort sein.

Zusätzlich stehen die Notenbanken in Daueralarmbereitschaft. Am Montag wird Bundesbank-Präsident Jens Weidmann voraussichtlich mit seinen Kollegen aus dem Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) telefonieren. Je nachdem, wie die Finanzmärkte auf den Wahlausgang in Griechenland reagieren, könnten sie weitere Geldspritzen für die Banken beschließen. Um einer Panik vorzubeugen, versicherte EZB-Chef Mario Draghi den Investoren und Banken am Freitag schon mal, man sei bereit, noch mehr Liquidität ins Finanzsystem zu pumpen, falls dies nötig werde.

Die Notenbanken stehen für eine konzertierte Aktion bereit

Auch die übrigen großen Notenbanken der Welt sind in das Krisenmanagement eingebunden. Sollte es an den Börsen oder bei den Banken zu Panik kommen, könnten sie in einer konzertierten Aktion die Finanzmärkte mit Geld fluten. So etwas gab es bereits im vergangenen Herbst, als der Handel zwischen den Banken einzufrieren drohte. Auch Anfang Oktober 2008, kurz nach der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers, hatten sich die Notenbanken zu einer gemeinsamen Aktion zusammengeschlossen.

Der japanische Zentralbankchef Masaaki Shirakawa betonte am Freitag, die Notenbanken stünden in engem Kontakt und beobachteten die Lage genau. Möglich ist auch, dass sie per Videokonferenz zum Gipfel in Los Cabos zugeschaltet werden.

Die meisten Geschäftsbanken haben sich bereits auf die Wahl in Griechenland vorbereitet und ihr Engagement in dem Land drastisch zurückgefahren. Dennoch sind auch sie in Alarmbereitschaft - schließlich könnte ein Finanzbeben auch die Institute treffen, die keine Geschäfte in Griechenland machen.

Was die konkreten Krisenpläne angeht, halten sich die deutschen Finanzinstitute bedeckt. Lediglich der Chef der HypoVereinsbank, Theodor Weimer, hatte zu Beginn der Woche angekündigt, der Vorstand werde sich am Sonntag treffen - "für den Fall der Fälle". So ähnlich dürfte es auch bei anderen Banken aussehen. Je nach Wahlausgang werden die Chefs zum Telefonhörer greifen.

Deutsche-Bank-Finanzvorstand Stefan Krause hatte am Donnerstag gesagt, man rechne zwar nicht mit einem Euro-Austritt Griechenlands, habe aber intern mögliche Konsequenzen erörtert. Die Risiken seien hoch. "Wir wissen nicht, wie dann die Domino-Steine fallen werden."

Mit Material von Reuters

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insgesamt 140 Beiträge
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1. Fast der laengste Tag
localpatriot 15.06.2012
Zitat von sysopdapdEs ist der Tag, den alle fürchten. Am Sonntag wählt Griechenland ein neues Parlament - und stimmt dabei indirekt auch über den Verbleib in der Euro-Zone ab. So bereiten sich Politik, Notenbanken und die Finanzbranche auf die entscheidenden Stunden vor. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,839171,00.html
Euroland zittert und die Kanzlerin nimmt hoffentlich keine Schlaftablette. Aber Mut, Griechenland waere ausserhalb des Eure besser dran und es gibt andere wichtige Aufgaben fuer die deutsche Regierung. Genug ist genug, lasst die Griechen gehen und ihr Euroland Pferd mitnehmen.
2. ist doch schon beschloßen!
Morphose83 15.06.2012
Ach die Artikel und die ganze Medienpräsenz ist doch nur die Vorbereitung auf eine beschloßene Sache. Die Griechen wissen es, wir wissen es, warum dann noch diese Vorbereitungstaktik?
3.
MarkusW77 15.06.2012
Wenn nicht jetzt dann eben bei den nächsten Neuwahlen, oder wenn noch mehr Euros von hier da hin geflossen sind.... Man mag gar nicht darüber nachdenken, was man in Deutschland alleine mit den 75 oder 80 Milliarden, für die wir bürgen, alles hätte investieren können.... Stromnetz, Transrapid, S 21 Elbphiarmonie hätte man am anderen ufer gleich nochmal bauen können So habens die Griechen bekommen und es hat nicht mal Sinn gemacht oder was gebracht....Da sag nochmal einer die CDU könne besser mit Geld umgehen
4. Einem Briten, Schweden, Dänen, Schweizer
wolfgangotto 15.06.2012
Zitat von sysopdapdEs ist der Tag, den alle fürchten. Am Sonntag wählt Griechenland ein neues Parlament - und stimmt dabei indirekt auch über den Verbleib in der Euro-Zone ab. So bereiten sich Politik, Notenbanken und die Finanzbranche auf die entscheidenden Stunden vor. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,839171,00.html
Einem Briten, Schweden, Dänen, Schweizer... würde es nicht im Traum einfallen, den griechischen Haushalt ohne Gegenleistung zu sanieren und dafür eigene Schulden zu erhöhen. Warum auch?
5. Märkte
günter1934 15.06.2012
Da gibt es doch in der Finanzwelt ein schönes Wort, - eingepreist! Vielleicht ist das auch hier schon der Fall.
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So funktioniert der Rettungsfonds ESM
Volumen
Der Europäische Stabilitätsmechanismus (ESM) kann bis zu 500 Milliarden Euro an Hilfsgeldern vergeben. Nur 80 Milliarden Euro davon werden wirklich eingezahlt, der Rest sind Garantien. Nicht angerechnet werden die bereits vergebenen Hilfen aus dem vorläufigen Rettungsfonds EFSF sowie bilaterale Kredite der Euro-Staaten an Griechenland.
Einzahlung
Die 80 Milliarden Euro Kapital werden in fünf Tranchen eingezahlt; zwei im Jahr 2012, zwei weitere 2013 und eine letzte bis Mitte 2014. Erst dann hat der Fonds sein komplettes Ausleihvolumen von 500 Milliarden Euro erreicht. Bis dahin kann es eng werden: Der ESM muss stets 15 Prozent von dem Geld besitzen, das er in Notfällen verleiht. Er müsste also 15 Milliarden Euro besitzen, um ein Rettungspaket von 100 Milliarden Euro schnüren zu können. Um für eine Übergangsphase gerüstet zu sein, soll der vorläufige Rettungsfonds EFSF noch bis Mitte 2013 einspringen können, falls der ESM noch nicht ausreichend gefüllt ist. Im EFSF befinden sich noch rund 240 Milliarden Euro, die nicht für bestehende Hilfsprogramme ausgegeben wurden.
Aufgabe
Der ESM soll Mitgliedsländern der Euro-Zone helfen, die Schwierigkeiten haben, sich am Finanzmarkt frisches Geld zu leihen - etwa wenn die Zinsen für Staatsanleihen zu hoch sind, um sie dauerhaft zahlen zu können. Es gibt keine feste Definition, ab welchem Zinsniveau Staaten Hilfe beantragen müssen oder können - als Faustregel gelten aber sieben Prozent für zehnjährige Staatsanleihen. Bei Erreichen dieses Werts hatten Länder wie Portugal oder Irland Hilfen aus dem Vorgängerfonds EFSF beantragt. Im Gegenzug für Hilfen aus den Rettungsfonds müssen die Krisenländer strenge Sparauflagen einhalten und Strukturreformen beschließen.