Scheidender Betriebsratschef Warum Uwe Hück Porsche verlässt

Er kämpfte im Boxring und für höhere Löhne, war ein Vorbild für viele Mitarbeiter: Nach 30 Jahren verlässt Betriebsratschef Uwe Hück Porsche. Nun will er eine Stadt vor der Pleite retten.

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imago/Sven Simon

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Als die Porsche-Belegschaft am Montag zu einer Versammlung geladen wurde, schwante vielen Mitarbeitern zunächst nichts Gutes. Solche spontanen Zusammenkünfte auf dem Werkshof in Stuttgart-Zuffenhausen bedeuteten in der Vergangenheit zum Teil epochale Veränderungen. Vor zehn Jahren hatte das damalige Porsche-Management hier die bevorstehende Übernahme durch Volkswagen verkündet. Wolfgang Porsche, Großaktionär und Gründerenkel, erklärte damals mit tränenerstickter Stimme: "Der Mythos Porsche lebt und wird nie untergehen."

Ganz so dramatisch wurde es am Montag nicht. Und doch geht eine jahrzehntelange Ära abrupt zu Ende. Betriebsratschef Uwe Hück, der den viel zitierten "Mythos Porsche" maßgeblich mitgeprägt hat, tritt mit sofortiger Wirkung zurück. Bis Mitte nächster Woche will er eine Abschiedsrunde durch das Unternehmen drehen, sich von Weggefährten verabschieden und seine Sachen packen. Dann verlässt er Porsche, nach fast 35 Jahren. Auch seine Ämter in den Aufsichtsräten bei Porsche und im VW-Konzern legt er nieder.

Er habe alles erreicht, was er erreichen wollte, erklärte Hück am Montag seinen Mitarbeitern. Porsche stehe besser da denn je. Es sei ein guter Zeitpunkt zu gehen. Die meisten der rund 5000 Zuhörer seien völlig überrascht gewesen, sagt ein Teilnehmer. Seinem engsten Umfeld hatte sich Hück bereits in den Vorwochen anvertraut. "Ich will nicht, dass man mich hier irgendwann raustragen muss", sagte er.

Uwe Hück am Montag bei seiner Ansprache auf dem Werkshof in Stuttgart-Zuffenhausen
DPA

Uwe Hück am Montag bei seiner Ansprache auf dem Werkshof in Stuttgart-Zuffenhausen

Auch im Aufsichtsrat des VW-Konzerns herrscht Erstaunen. "Ich finde es sehr schade, dass er sein Mandat abgibt", sagte der niedersächsische Wirtschaftsminister und VW-Aufsichtsrat Bernd Althusmann dem SPIEGEL. Hück sei ein engagierter Vorkämpfer für die Interessen der Belegschaft gewesen, so Althusmann, "ich mochte ihn".

Vom Kinderheim in den VW-Aufsichtsrat

Insbesondere für Werksarbeiter war Hück ein Vorbild. Aufgewachsen in einem Kinderheim, arbeitete er sich ab Mitte der Achtzigerjahre vom Lackierer bis an die Spitze des Betriebsrats hoch. Respekt verschaffte er sich durch Härte in der Sache - und durch sein robustes Auftreten: Hück war zweimal Europameister im Thaiboxen, bis heute tritt er öffentlich bei Boxkämpfen auf. Wenn er es darauf anlegt, kann sein Händedruck sehr schmerzhaft werden. Wer Hück trifft, wird im Vorfeld von dessen Mitarbeitern angewiesen, den Ehering abzulegen: Der Chef packe sehr fest zu.

Es ist Hücks Verdienst, dass die Porsche-Belegschaft stark von den fetten Gewinnen des Sportwagenherstellers profitiert. In guten Jahren kassieren die Mitarbeiter mehr als 9000 Euro Bonus. Eigentümer und Belegschaft haben sich auf eine simple Arbeitsteilung geeinigt, die Hück folgendermaßen beschreibt: "Wir machen euch reich, ihr müsst uns satt machen."

Zuletzt war Hück damit beschäftigt, Porsches Wandel vom Hersteller hochmotorisierter Spritfresser zum E-Auto-Anbieter zu begleiten. Er setzte sich dafür ein, dass der erste vollelektrische Porsche nicht irgendwo im Ausland, sondern in Zuffenhausen gebaut wird. Um den Wandel zu stemmen, schickt Porsche gerade Tausende von Mitarbeitern in Trainingscenter, wo sie den Umgang mit Hochvolt-Fahrzeugen lernen sollen.

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Porsche-Betriebsrat Uwe Hück: Blaue Flecke für gute Zwecke

Überschattet wurde Hücks Karriere in den vergangenen Jahren durch die Dieselaffäre. Er selbst war zwar nach heutigem Erkenntnisstand nicht verwickelt, musste aber mitansehen, wie die Staatsanwaltschaft Stuttgart vergangenes Jahr die Porsche-Zentrale durchsuchte. Auch der Sportwagenhersteller, glauben die Ermittler, habe bei Dieselmodellen betrogen. Als Aufsichtsrat hatte Hück Verantwortung, den Skandal aufzuklären. Er forderte einen raschen Ausstieg aus der Dieseltechnik, um weitere Imageschäden von Porsche abzuwenden - und setzte sich durch.

"Viel zu weit weg von der Realität der Menschen"

Nach innen gab Hück den Aufklärer, nach außen verteidigte er die Autoindustrie gegen Kritik. Die jüngste Diskussion über Fahrverbote, Tempolimits und Spritsteuern hat ihn sichtlich verärgert. Vor zwei Wochen empfing er den SPIEGEL in seinem Büro - und rechnete mit den Politikern in Berlin und Brüssel ab. "Die haben das Gespür für die Bedürfnisse der Beschäftigten verloren", sagte Hück, "sie sind viel zu weit weg von den Unternehmen und der Realität der Menschen."

Viele Gesetze zielten nur darauf ab, dem Verbrennungsmotor den Garaus zu machen, so Hück. "Aber wir brauchen die jetzigen Motoren noch, um die Transformation zu den neuen Antrieben zu finanzieren." Sollte die Regierung an ihrem Kurs festhalten, "dann werden Autozulieferer pleitegehen, Menschen ihre Jobs verlieren, und die Wirtschaft gerät in eine Schieflage".

Über seinem Bürostuhl hing eine gelbe Warnweste. Hück kündigte an, er werde diese Weste nun öfter tragen, aus Sympathie für die Gelbwesten-Bewegung in Frankreich: "Wenn die Politik nicht mit uns redet", erklärte er, "dann müssen wir eben auf die Straße gehen."

Nun will Hück selbst in die Politik gehen, er will es besser machen als die da oben. Doch wie damals bei Porsche fängt er klein an. In seiner Heimatstadt Pforzheim möchte Hück für den Gemeinderat kandidieren. Die Kommune, befindet Hück, sei in einem beklagenswerten finanziellen Zustand. Genau wie Porsche Anfang der Neunzigerjahre: Da stand der Sportwagenhersteller kurz vor der Pleite. Nun will Hück den Porsche-Erfolg auf Pforzheim übertragen. Wie genau das funktionieren soll, hat er bislang noch nicht verraten.

Gut möglich jedoch, dass Hück eines Tages noch höher hinauswill. Auch eine Karriere in der Landespolitik sei möglich, sagen Weggefährten. In einem Abschiedsbrief an die Belegschaft schreibt er: "Ich bin ein Macher und war schon immer für eine Überraschung gut."



insgesamt 28 Beiträge
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Seite 1
2cv 04.02.2019
1. Lieber Herr Hück - vielen Dank.
Der Name Hück stand für mich immer dafür, aufrecht durchs Leben zu gehen, und eine Meinung zu vertreten, frei nach dem Motto: "Es ist keine Frage des Standpunkts, sondern der Standfestigkeit". Ich habe mich nicht zuletzt auch wegen Ihres Engagements dazu entschieden, in dem Unternehmen, in dem ich mich selbst seit 27 Jahren engagiere, nun auch bewusst und "versucht standfest" für meine Kolleginnen und Kollegen so zu engagieren, daß sie stolz sein können, für unser Unternehmen zu arbeiten, und nicht bloß, weil das Management es suggeriert. Danke für Ihr Engagement. Schade, dass wir uns nie persönlich begegnet sind...
steve_burnside 04.02.2019
2. Ich wünsch ihm viel Glück.
Ich sah ihn immer gern in Talkshows. Man merkte immer, dass er von unten kam. Ich wünsch ihm in Pforzheim viel Glück, und noch eine lange Karriere.
juppi-o 04.02.2019
3. Solche Leute braucht die Politik
Klare, einfache Sprache, beeindruckende Biographie und wirtschaftlich so unabhängig und alt genug, dass er sich nicht mehr verbiegen muss. Da kann man dann schon mal in Kauf nehmen, dass man nicht immer seine Meinung teilt und er nicht in die Schublade "jünger und weiblicher" passt.
skeptikerjörg 04.02.2019
4. Wenn die SPD clever wäre ...
... würde sie alles daran setzen, Hück nicht für den Stadtrat von Pforzheim kandidieren lassen, sondern ihn zum Kanzlerkandidaten aufbauen. Im Gegensatz zur gesamten Parteielite ist er authentisch, hat was gelernt (nicht nur studiert), ist aus eigener Kraft aufgestiegen, kann überzeugen, hat Charisma und führt eine klare Sprache. Jemand "aus dem Volk" eben, dem man das für das Volk abnehmen würde. Ist aber Utopie, denn er hat zwar eine Gewerkschaftskarriere hinter sich, fährt aber Porsche und hat es nicht so mit Ideologie. Also viel Erfolg in Pforzheim.
Ein Spatz aus der Asche 04.02.2019
5. Oh je, oh je
Zitat von 2cvDer Name Hück stand für mich immer dafür, aufrecht durchs Leben zu gehen, und eine Meinung zu vertreten, frei nach dem Motto: "Es ist keine Frage des Standpunkts, sondern der Standfestigkeit". Ich habe mich nicht zuletzt auch wegen Ihres Engagements dazu entschieden, in dem Unternehmen, in dem ich mich selbst seit 27 Jahren engagiere, nun auch bewusst und "versucht standfest" für meine Kolleginnen und Kollegen so zu engagieren, daß sie stolz sein können, für unser Unternehmen zu arbeiten, und nicht bloß, weil das Management es suggeriert. Danke für Ihr Engagement. Schade, dass wir uns nie persönlich begegnet sind...
Wenn ich mir jetzt Euch SPD Mitglieder vorstelle, wie ihr die Internationale singt, und gleichzeitig eurem Porsche-Größenwahn frönt, spritfressende Rennwägen baut, die ins Museum gehören, und auf der Straße als gemeingefährlich verboten gehörten, dann wird mir übel. Baut vernünftige Autos, Ressourcenschonend. Statt einem Porsche drei vernünftige Autos. Den Ex-Marxisten und Ex-Leninisten Kretschmann habt Ihr ja schnell weichgeklopft "Porsche, ein vernünftiges Auto". Im Namen des Klimawandels "Porsche abwickeln". Werde ich jetzt so berühmt die die kleine Greta ? Wohl kaum, obwohl ich eine wirksame Maßnahme zum Klimaschutz habe. Bewunderung gibt es halt nur für heiße Luft.
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