Porsche-Prozess Freispruch für Wiedeking

Es ging um die gescheiterte Übernahme von Volkswagen durch Porsche - und um Milliardenverluste an der Börse. Jetzt sind Ex-Porsche-Chef Wiedeking und sein früherer Finanzvorstand Härter freigesprochen worden.

Wendelin Wiedeking
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Wendelin Wiedeking


Nach fünf Monaten hat das Stuttgarter Landgericht sein Urteil gefällt: Der frühere Porsche-Chef Wendelin Wiedeking und Ex-Finanzvorstand Holger Härter sind vom Vorwurf der Marktmanipulation freigesprochen worden. In dem Verfahren ging es um die letztlich gescheiterte Übernahme des VW-Konzerns durch Porsche.

"An den Vorwürfen der Stuttgarter Staatsanwaltschaft ist nichts dran, nichts - weder vorne, noch hinten, noch in der Mitte", sagte der Vorsitzende Richter Frank Maurer in seiner Urteilsbegründung.

Die Staatsanwaltschaft hatte den beiden Managern vorgeworfen, sie hätten 2008 Anleger in die Irre geführt und sich der Kursmanipulation schuldig gemacht. Die Anklage hatte für Wiedeking und Härter mehr als zwei Jahre Gefängnis gefordert. Die Verteidiger der Manager hatten dagegen auf Freispruch plädiert.

Holger Härter
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Holger Härter

Knackpunkt war die Frage, wann der Beschluss zur 75-Prozent-Übernahme von VW fiel - laut Staatsanwaltschaft schon Anfang März, laut Wiedeking und Härter erst Ende Oktober. Zwischen den beiden Zeitpunkten hatte Porsche in Pressemitteilungen und Statements mehrfach beteuert, VW nicht beherrschen zu wollen.

Die Staatsanwaltschaft hatte den beiden Top-Managern vorgeworfen, bei der Übernahmeschlacht mit VW 2008 zunächst ihre Pläne verschleiert und dann unvollständig offengelegt zu haben. Dadurch, so die Ankläger, sei der Markt beeinflusst worden. Der VW-Börsenkurs schwankte damals stark, Anleger verloren Milliarden.

Porsche hatte 2008 versucht, den viel größeren Volkswagen-Konzern zu schlucken. Die Porsche-Manager hatten entsprechende Pläne lange bestritten. Erst Ende Oktober 2008 wurde die Übernahmeabsicht bestätigt. Daraufhin stieg der Wert einer VW-Aktie binnen zwei Tagen etwa um das Fünffache. Investoren, die auf fallende Kurse gesetzt hatten, verloren riesige Summen.

Wie Porsche sich an Volkswagen verhob
März 2007

Porsche-Chef Wendelin Wiedeking und Finanzvorstand Holger Härter verfolgen einen kühnen Plan: Sie wollen den um ein Vielfaches größeren Volkswagen-Konzern übernehmen. Die Porsche-Eigentümer Ferdinand Piëch und Wolfgang Porsche haben sie schon früh von der Idee überzeugt. Wiedeking und Härter beginnen mit dem Kauf von VW-Aktien. Im März 2007 haben sie bereits mehr als 30 Prozent der Anteile zusammen.

3. März 2008

Der vom Porsche/Piëch-Clan dominierte Aufsichtsrat segnet den Plan ab, weitere rund 20 Prozent der VW-Anteile zu kaufen. Nach Abschluss der Transaktionen verfügt Porsche damit über mehr als 50 Prozent an dem Autoriesen. Die magische Grenze liegt bei 75 Prozent – dann könnte Wiedeking in Wolfsburg durchregieren.

10. März 2008

Die Nachricht, dass Porsche die Herrschaft über Volkswagen übernehmen will, ist längst in aller Munde. Kaum jemand zweifelt noch daran, dass die Stuttgarter es wirklich ernst meinen. Doch Gerüchte über weitere Aktienkäufe will der Vorstand gleich im Keim ersticken – mit einem klaren Dementi. Eine Aufstockung des Anteils auf 75 Prozent sei nicht geplant, heißt es.

23. Juli 2008

Gut vier Monate nach dem Dementi billigt der Porsche-Aufsichtsrat den Ankauf weiterer Aktien. Jetzt soll die Beteiligung doch auf 75 Prozent anwachsen. Sorgen über die Finanzierung der dafür notwendigen rund acht Milliarden Euro hat Finanzvorstand Härter zuvor zerstreut. Die Öffentlichkeit erfährt von den Plänen noch nichts.

26. Oktober 2008

Porsche schockiert die Börse mit der Ankündigung, seinen Anteil an VW nun doch auf 75 Prozent erhöhen zu wollen. In der Erklärung sorgt vor allem eine Information für Unruhe: Über Optionen hat sich Porsche zusätzlich zu seinem 42,6-Prozent-Paket weitere 31,5 Prozent gesichert. Weitere 20 Prozent hält Niedersachsen. Es sind also kaum noch Aktien auf dem Markt.

28. Oktober 2008

Anleger, die auf fallende Kurse gesetzt hatten, haben jetzt allen Grund zur Panik. Sie haben VW-Aktien zu einem festgelegten Preis verkauft, die sie noch gar nicht besitzen und jetzt heranschaffen müssen – koste es, was es wolle. Wie viele Aktien von solchen Geschäften erfasst sind, ist nicht bekannt, doch es sind offensichtlich weit mehr als die rund sechs Prozent, die sich noch auf dem Markt befinden. Der Kurs steigt im atemberaubenden Tempo von 200 auf mehr als 1000 Euro.

6. Mai 2009

Der hohe Börsenkurs macht Porsche quasi über Nacht zu einem reichen Unternehmen, aber nur auf dem Papier. Für den Kauf der restlichen 31,5 Prozent, die sich Härter über Optionen gesichert hatte, können sie immerhin als Sicherheit dienen. Den Kaufpreis von rund acht Milliarden Euro muss der Finanzjongleur trotzdem durch Kredite finanzieren. Schlimmer noch: Am 24. März 2009 wird ein Zehn-Milliarden-Euro-Kredit fällig und Härter gelingt es nicht, das Geld für die Anschlussfinanzierung aufzutreiben. In der Not muss VW einspringen – der Jäger wird zur Beute.

23. Juli 2009

Der Schaden, den Wiedeking und Härter angerichtet haben, ist zu groß. Im Piëch/Porsche-Clan ist man sich ausnahmsweise einig: Die beiden Top-Manager müssen gehen. Nach langen Verhandlungen mit dem Aufsichtsrat einigt man sich auf eine Abfindung von 50 Millionen Euro für Wiedeking und 12,5 Millionen für Härter. Wiedeking muss sich allerdings verpflichten, die Hälfte seiner Abfindung in eine Stiftung einzubringen.

13. August 2009

Das Ende der Eigenständigkeit von Porsche ist besiegelt. Der Aufsichtsrat stimmt der Übernahme durch Volkswagen zu. Der Sportwagenhersteller muss sich fortan mit elf anderen Konzernschwestern arrangieren, hat jedoch weiterhin viel Freiheit. Die eigentlichen Gewinner sind allerdings die Familien Piëch und Porsche. Über die Holdinggesellschaft Porsche SE besitzen sie mehr als 50 Prozent an VW. Sechs Jahre später müssen sich Wiedeking und Härter vor Gericht verantworten.

Laut Staatsanwaltschaft manipulierten Wiedeking und Härter damals den Kapitalmarkt und wollten den VW-Kurs zu ihren Gunsten steuern. Dieser Auffassung folgte das Gericht in Stuttgart jedoch nicht. Die Porsche-Dachgesellschaft Porsche SE Chart zeigen muss zudem kein Bußgeld zahlen.

Der Versuch von Porsche, Volkswagen zu 75 Prozent zu übernehmen, war am Ende gescheitert. Stattdessen wurde die Porsche AG von Volkswagen Chart zeigen übernommen. Wiedeking und Härter mussten 2009 ihre Chefposten räumen.

Die Ermittlungen gegen die Manager begannen vor fast sieben Jahren. Im Verlauf des Prozesses hatte kein Zeuge oder Gutachter die Vorwürfe der Ankläger wesentlich stützen können. Dies hatte auch die Staatsanwaltschaft eingeräumt. Sie zeigte sich dennoch von der Schuld der beiden Manager überzeugt und stützte sich hierbei auf Indizien.

Was sich im Detail abspielte, wissen neben Wiedeking und Härter auch die Oberhäupter der Familien Porsche und Piëch, denen Porsche und der größte Anteil an VW gehören. Doch Wolfgang Porsche und Ferdinand Piëch mussten vor Gericht nicht in den Zeugenstand - wegen des mittlerweile beendeten Ermittlungsverfahrens gegen die Aufsichtsräte wegen Beihilfe zur Marktmanipulation hatten sie das Recht, die Aussage zu verweigern.

mmq/dpa/Reuters



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spon-facebook-1500425435 18.03.2016
1. Gott sei Dank
"Anleger verloren Milliarden" - das ist mal wieder eine total suggestive Aussage. Die Verluste sind nur bei den "Anlegern" entstanden, die mit VW-Aktien gezockt und auf sinkende Kurse gewettet haben. Das sind in der Regel Hedgefonds und nicht die Lebensversicherung vom kleinen Mann. Also Kirche im Dorf lassen! Wer das Risiko eines Leerverkaufs eingehen möchte, muss sich dem Risiko bewusst sein. Wer in der Zeit eine VW-Aktie klassisch hielt und sie zum Kurs von 1000 Euro verkauft hat hat einen riesen Gewinn gemacht. "Die eigentlichen Gewinner sind die Familien Porsche und Piech" - so ist es; und die haben auch vorher schon Porsche kontrolliert. Wiedeking und Härter sind doch nur die dummen Bauernopfer, die im Endeffekt ihre hervorragend geführte Gesellschaft verlassen mussten. Die dahinterstehenden Anteilseigner sind immer noch die gleichen und durch die Übernahme heute noch erheblich reicher als früher.
TS_Alien 18.03.2016
2.
"An den Vorwürfen der Stuttgarter Staatsanwaltschaft ist nichts dran, nichts - weder vorne, noch hinten, noch in der Mitte", sagte der Vorsitzende Richter Frank Maurer in seiner Urteilsbegründung. [Ende des Zitats] Diesen Satz sagt man als Richter nicht. Er ist unpassend, geradezu anbiedernd. Denn es gibt durchaus Anhaltspunkte für die Annahme der Staatsanwaltschaft, dass eine Marktmanipulation stattgefunden hat. Beweisen lässt sich das oftmals nicht. Wenn Porsche bei der Bekanntgabe der Übernahme bereits über 74 % der VW-Aktien kontrolliert hat, hat Porsche vorher diese Aktien unter Kontrolle gebracht. Und das soll keine Mitteilung an die Märkte wert gewesen sein?
spaas11 18.03.2016
3. Martin?
Wenn Sie so heißen eine gewagte und gefährliche These dem Richter hier evtl. Voreingenommenheit oder ein bewusstes Fehlurteil vorzuwerfen... Sehr seltsam, aber da Sie nicht ermittelbar sind, kann man Sie auch nicht belangen... Ansonsten ist dieses Urteil für einen Laien ohnehin nicht nachvollziehbar. Wenn die Staatsanwaltschaft keine Beweise hat, ist dieses Urteil völlig o.k. Mit einem Schuß ins Blaue kann man Manager kaum verurteilen. Wäre ja noch schöner, wenn auch von manchen linken und wirtschaftsfeindlichen Positionen gewünscht......
Pless1 18.03.2016
4. Nicht wirklich gescheitert
Immer wieder wird die versuchte Übernahme VWs durch Porsche als gescheitert beschrieben und behauptet, statt dessen hätte VW dann Porsche übernommen. Das ist eine verzerrte Darstellung. Denn zwar wurde die Porsche AG in den VW-Konzern integriert, die Porsche SE (also die Holding, "da, wo die Musik spielt", ist heute Mehrheitsaktionär von Volkswagen. Zwar war die Übernahme anders geplant, insbesondere ohne die operative Kontrolle der Porsche AG durch die VW AG. Wiedeking selbst bekam somit keine Kontrolle über VW. Aber aus Sicht der Porsche-Eigner, also der Familien Porsche und Piëch, hat der Deal am Ende doch überwiegend geklappt: VW wird letztlich von den Porsche-Eignern beherrscht. Am Ende ist das eine Win-Win-Situation geworden: VW hat eine Aktionärsstruktur, die solider nicht sein könnte. Das Unternehmen ist vor feindlichen Übernahmen so effektiv geschützt wie kein Wettbewerber. Andererseits haben Porsche/Piëch ihr Vermögen nicht nur vermehrt sondern auch auf eine deutlich breitete Basis gestellt. Ohne Wendelin Wiedeking wäre es dazu nie gekommen. Anstatt ihn in Stuttgart vor Gericht zu stellen sollen sie ihm dankbar sein, und zwar alle: Investoren, Politik und Arbeitnehmer.
oidahund 18.03.2016
5.
Es ist in einem Rechtsstaat üblich, dass ohne Straftat auch keine Verurteilungen stattfinden. Wedikind & Co wurde vorgeworfen, sie hätten den Markt manipuliert, weil sie nicht über die Pläne zur Übernahme gesprochen haben. Eine Übernahme in einer solchen Größenordnung bedarf zwingend der Zustimmung des Aufsichtsrat - der sowohl bei Porsche, als auch bei VW von den Piechs und den Porsches beherrscht wird. Ohne die Zustimmung des Prosche AR war das Ganze nichts als eine Gedankenspielerei von Herrn Wedekind und Herrn Härter. Worüber hätten die beide also informieren sollen? - Über Gedankenspielereien? - Hätten sie das gemacht, dann wäre eine Anklage wegen Marktmanipulation durchaus erfolgsvesprechend gewesen. Erst durch die Zustimmung des AR wurden aus den Gedankenspielen Pläne, die auch veröffentlicht werden mussten und auch wurden wurden. Die StA hat eine Tat, die nicht begangen wurde, angeklagt. - Wieso hätte das Gericht also die Angeklagten verurteilen sollen, wenn keine Straftat vorlag?
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