Porsches und Piëchs Erben Die gebremste Generation

Patriarch Ferdinand Piëch steht vor dem kompletten Verlust seiner Macht, die Familie vor einer Zäsur. Jetzt könnten die Alten im Clan Platz machen für die neue Generation. Doch Wolfgang Porsche zögert.

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Es ging um harte Fakten. Eigentlich. Am Freitag vor zwei Wochen, wenige Tage nach dem Start des Genfer Autosalons, kämpften sich die Familienvertreter der Porsche-Piëch-Dynastie durch Zahlenreihen - unter ihnen Clan-Oberhaupt Wolfgang Porsche und sein Cousin Ferdinand Piëch. Im Aufsichtsrat der Porsche SE, in der die Sippe ihre milliardenschwere Beteiligung am Autokonzern Volkswagen gebündelt hat, berieten sie das Firmenergebnis des vergangenen Jahres.

Die wahre Debatte, die die Familie im Hintergrund beschäftigte, lässt sich jedoch weniger nüchtern bewältigen, so gewichtig, so emotional ist sie: Zwischen den Alten des Clans kracht es wie schon lange nicht. Immerhin birgt ihr Machtkampf eine Chance: dass die neue Generation ein Stück mehr Einfluss bekommt und den Kurs von VW bald bestimmt.

Schon viel Zwist hat die Dynastie aushalten müssen, sich immer wieder zusammengerauft. Doch derart tief ist mittlerweile der Riss zwischen Ferdinand Piëch und dem Rest der Familie, dass der Patriarch sogar den Verkauf seiner Anteile an der Porsche SE - und damit am Volkswagen-Konzern plant. Sowieso macht ihm der Clan angesichts des jüngsten Zwists seinen Sitz im Machtzentrum der Familie streitig, dem Aufsichtsrat der Porsche SE mit den dort versammelten gut 52 Prozent der Stimmenanteile am VW-Konzern.

Schon oft hat Piëch mit seiner harten Haltung die Familie gespalten. Zuletzt ging er zum ehemaligen VW-Chef Martin Winterkorn "auf Distanz" und wollte ihn als seinen Nachfolger an der Aufsichtsratsspitze von VW verhindern, sodass sich Wolfgang Porsche als Sprecher seines Familienstamms sogar genötigt sah, sich hinter Winterkorn und gegen den Cousin zu stellen. Piëch konnte selbst seinen Bruder Hans Michel, der im Aufsichtsrat und der Familie ein wichtiges Wort mitredet, nicht auf seine Seite ziehen.

Die jahrelange Fehde der Clan-Ältesten, die nun einen neuen Höhepunkt erreicht hat, setzt nicht nur Piëch zu, der erst als VW-Aufsichtsratschef abtrat und bald sämtliche Macht verlieren dürfte. Durch ihr ewiges Duell, das der 79-Jährige über die Jahre immer wieder mit seinen Familienmitgliedern aufnahm, haben die Senioren den Aufstieg der nächsten Generation blockiert.

Während die Alten verbissen um die Macht kämpften, hatten die Nachkommen der beiden Familienstämme keine Chance, emporzusteigen und sich zu behaupten. So konnte sich bislang kein starker neuer Anführer in den Reihen der Erben positionieren, der die immer größer werdende Dynastie sicher zusammenhalten und auf Kurs bringen kann, wenn die Clan-Oberen abtreten.

Wolfgang Porsche: "Ich würde schon noch bleiben."

"Ich will gerne die neue Generation stärker beteiligen", sagte Wolfgang Porsche, Sprecher des Porsche-Familienstamms, SPIEGEL ONLINE am Rande des Genfer Autosalons. "Ich will das nur nicht mit Gewalt jetzt aufbringen. Es gibt keine Revolution. Das muss man schrittweise machen." Den Aufsichtsrat der Porsche SE werde er sicher nicht so verlassen. "Ich würde schon noch bleiben", sagte der 74-Jährige.

Wie sollte er jetzt auch abtreten? Es gibt keinen, der ihn ersetzen könnte, schon gar nicht in dieser heiklen Zeit für Volkswagen. Gerade jetzt wäre eine Hauruck-Aktion beim Generationswechsel riskant, so nötig sie erscheint. Es sind sehr kleine, vorsichtige Schritte, die der Clan beim Machtwechsel hin zu den Erben geht.

Das Zögern hat einen Grund: Die Clan-Ältesten wollten ihre Unternehmen VW und Porsche bestellt hinterlassen. Es scheint, sie haben darüber den richtigen Zeitpunkt für den Machtwechsel verpasst. Denn nicht nur die Dieselaffäre hat VW in die Krise gestürzt und erschwert den Alten den Abgang. Auch der Clinch mit Piëch muss nun erst wieder bewältigt werden.

Immerhin bietet sich jetzt die Chance, jüngere Kräfte in die Führung zu bringen. In der Familie ist eine Diskussion darüber entbrannt, ob aus der neuen Generation jemand in die Machtzentrale aufrücken könnte. Macht Piëch Platz, bietet sich immerhin ein freier Sitz im Porsche-SE-Aufsichtsrat. Zudem gilt Wolfgang Porsches Bruder Hans-Peter Porsche, der ebenfalls in dem Gremium sitzt und seinen Einfluss künftig an seinen einzigen Sohn Peter Daniell Porsche abgeben will, als gesundheitlich angeschlagen. "Es könnte sein, dass Hans-Peter das gar nicht mehr will", sagte Wolfgang Porsche.

Bis Mitte April muss die Familie entscheiden, wer künftig im Aufsichtsrat der Porsche SE sitzen soll. Im Mai zur Hauptversammlung müssen die sechs Posten der Kapitalseite neu bestückt werden. Heute sitzen dort Wolfgang Porsche und sein Bruder Hans-Peter, Ferdinand Piëch und dessen Bruder Hans Michel, zudem mit Ferdinand Oliver Porsche zumindest ein Mitglied der Erben sowie der Familienvertraute und frühere Henkel-Chef Ulrich Lehner.

Wer könnte aus der neuen Generation aufrücken?

An Interesse mangelt es bei der jungen Generation nicht: Eine ganze Riege von Nachkommen der Porsches und Piëchs ist in den vergangenen Jahren in die Aufsichtsräte bei VW und den Konzerntöchtern eingezogen. Erste Stimmen kommen in der vierten Generation der Porsches und Piëchs auf, die schon längst eine Zeitwende in der Familie und damit im Umgang mit Volkswagen einläuten möchten, berichten Eingeweihte. Sie wollen den Blick in die Zukunft richten, statt sich wie die Clan-Chefs in alten Zwistigkeiten zu verkämpfen.

Die neuen Mächtigen

Wer aus der nächsten Porsche-Piëch-Generation künftig den VW-Kurs bestimmen könnte.

Clan Piëch
Clan Porsche
1. Generation
Ferdinand Porsche
1875 - 1951
Aloisia Kaes
1878 - 1959
2. Generation
Louise Porsche
1904 - 1999
Anton Piëch
1894 - 1952
3. Generation
Ernst Piëch
1929
Louise Daxer-Piëch
1932 - 2006
Ferdinand Piëch
1937
Hans Michel Piëch
1942
4. Generation
Charlotte Piëch
Florian Piëch
Sebastian Piëch
Louise Dorothea Kiesling
Josef Michael Ahorner
Markus Piëch
Florina Piëch
Gregor Piëch
Ferdinand "Nando" Piëch
Arianne Piëch
Corinna Piëch
Desirée Piëch
Jasmin Piëch
Ferdinand Piëch
Caroline Piëch
Anton Piëch
Valentin Piëch
Stefan Piëch
Julia Kuhn Piëch
Claudia Piëch
Melanie Wenckheim
Helene Piëch
Sophie Piëch
1. Generation
Ferdinand Porsche
1875 - 1951
Aloisia Kaes
1878 - 1959
2. Generation
Ferdinand Porsche
1909 - 1998
Dorothea Reitz
1911 - 1985
3. Generation
Ferdinand Porsche
1935 - 2012
Gerhard Porsche
1938
Hans-Peter Porsche
1940
Wolfgang Porsche
1943
4. Generation
Ferdinand Oliver Porsche
Mark Philipp Porsche
Kai Alexander Porsche
Hans Porsche
Geraldine Porsche
Diana Porsche
Peter Daniell Porsche
Christian Porsche
Stephanie Porsche
Ferdinand Porsche
Felix Alexander Porsche
Die heutigen Clan-Mitglieder an der Macht.
Wer aus der nächsten Generation Einfluss im VW-Konzern und Clan hat.
Stand: 16.3.2017
FOTOS: DPA, Getty Images, imago/SKAZA, imago/Hannelore Förster, Porsche, Scania

Die große Zahl an Nachkommen, die in den Aufsichtsräten des VW-Konzerns Position beziehen, demonstriert zugleich das Dilemma der Familie. Ihr Interesse am Unternehmen ist da - doch keiner der Erben könnte den Alten bislang auch nur annähernd Paroli bieten. Dabei sind sie mit über 40 oder teils 50 Jahren schon längst nicht mehr so jung, dass man sie zum Nachwuchs zählen könnte.

Dennoch zögert Wolfgang Porsche. "Man darf jetzt auch nicht zu viel machen. Sonst sind die Jungen unter so einem Wir-müssen-das-jetzt-Druck", sagt er. Ihm gehe es in erster Linie darum, dass das Wissen über das Unternehmen in die neue Generation gelangt.

Zumindest einer aus der 34 Familienmitglieder starken vierten Generation hat sich in der Machtzentrale der Dynastie bereits etabliert. Ferdinand Oliver Porsche, Neffe von Wolfgang Porsche und Sohn des Porsche-911-Erfinders Ferdinand Alexander Porsche, sitzt seit einigen Jahren im Aufsichtsgremium der Porsche SE und dem Kontrollorgan von VW. Der Wirtschaftsprüfer gilt als versiert und durch seinen ausgleichenden Charakter als derjenige, der den Zusammenhalt der Dynastie künftig sichern könnte. Doch Kenner der Familie sprechen ihm den harten Durchgriff ab, den er bräuchte, wenn die Sippe in ihren vielfältigen Meinungen und Stimmungen auseinanderzudriften droht.

Auch andere Mitglieder der neuen Generation haben mittlerweile die Kontrollorgane des Konzerns besetzt: Ferdinand Piëchs Nichte Louise Kiesling hat seit vielen Jahren großes Interesse am Unternehmen, die Designerin studierte sogar zusätzlich Automobildesign, damit sie ihr Wissen um das Kerngeschäft von VW vergrößern konnte. Kiesling sagte bereits 2011 über das Engagement der neuen Generation beim Autokonzern VW: "Wir sind bereit und interessiert, Verantwortung in Gremien zu übernehmen." Sie sitzt wie ihr Bruder Josef Ahorner nun im Aufsichtsrat von Volkswagen.

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Fotostrecke: Die neue Generation des Porsche-Piëch-Clans

Quer durch die gesamte Familie - ob Porsches oder Piëchs - haben sich mittlerweile weitere der jungen Garde Sitze in den Aufsichtsgremien mehrerer Konzerntöchter gesichert. Peter Daniell Porsche, der sich nebenher ein kleines Firmennetz über Beteiligungen zusammenkauft, kontrolliert Skoda. Ferdinand Oliver Porsches Bruder Mark Philipp arbeitet zwar als Medienmanager, sitzt aber auch im Seat-Aufsichtsrat. Wolfgang Porsches Sohn Christian ist Arzt und bei den VW-Töchtern MAN und Scania im Aufsichtsrat. Bei den Piëchs wiederum agiert Medienmanager Stefan Piëch als Aufseher bei Seat, seine Schwester Julia Kuhn Piëch bei Audi und MAN.

Ferdinand Piëchs Sohn Markus ist Aufsichtsrat in der Lkw-und Bus-Sparte der VW-Tochter MAN und bei Scania, amtiert zudem als Vorstand der Salzach Privatstiftung, über die die Familie 2,37 Prozent an VW hält. Seine Schwester Florina Piëch sitzt im Skoda-Aufsichtsrat. Gibt Piëch seine Anteile ab, verschwinden ihre Chancen auf Einfluss im familiären Firmengeflecht jedoch wieder.

Immerhin kann die neue Garde einen großen Vorteil für sich verbuchen. Bislang bescheinigen Familienkenner ihnen einen sehr harmonischen Umgang miteinander. Ob Porsches oder Piëchs, in der neuen Generation verstünden sich die Familienmitglieder sehr gut. Angesichts des jahrelangen Kampfs der Clan-Sippen bleibt nun die Frage offen, ob es so bleibt, wenn die Erben doch einmal an die Macht gelangen.

Zusammengefasst: Ferdinand Piëch hat erneut einen Keil in die Familie getrieben. Nun arbeiten sich Porsches und Piëchs daran ab, eine Lösung ohne den einst übermächtigen Patriarchen zu finden. Die Suche nach einem neuen Frieden kostet Kraft und Zeit - und bremst wieder einmal den Aufstieg der nächsten Generation an die Macht. Erst sollen die Familie und Volkswagen auf neuen Kurs gebracht werden. Doch während die Clan-Oberen streiten, verschleppen sie ein ums andere Mal den Generationenwechsel, kann sich unter ihnen kein starker neuer Anführer hervortun. Immerhin könnten nun neue Kräfte aus den Reihen der Erben Einfluss gewinnen.

insgesamt 32 Beiträge
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Seite 1
spontanistin 19.03.2017
1. Vetternwirtschaft?
Das erinnert doch stark an die typische Vetternwirtschaft mit einem zeitgemäßen Schuss Emanzipation. Sollte man diesem starken Clan konsequenterweise nicht demnächst die Königswürde anbieten?
pecos 19.03.2017
2. Bitte bitte bitte nicht schon wieder ...
... einen Porsche-Piech-Artikel, in dem nur das Thema "Machtkampf" ausgewalzt wird, ohne darauf einzugehen, um welche inhaltlichen Positionen und Differenzen es geht. Wen interessiert es, ob der Eine den Anderen meuchelt, ohne dass man erfährt, warum. Das ist doch redundant. Bitte mehr Fakten: was wollen die Einen, was wollen die Anderen (ausser "Macht")?
busytraveller 19.03.2017
3. Zu viel Politik, zu wenig Marktwirtschaft
Von den handelnden Personen her ist es ja Ferdinand Piech, der "mit dem Ar*** einreißt", was er über Jahrzehnte aufgebaut hat. Wolfgang Porsche ist nicht das Problem. Insgesamt haben Unternehmen mit einem starken familiären Ankeraktionär langfristig bessere Karten, als solche, die von großen Investmentfonds oder noch schlimmer Private Equity Gesellschaften geleitet werden die nur kurzfristigen Zielen hinterherlaufen und Unternehmen in der Substanz aushöhlen. Bei VW sind dennoch die Komplexitätskosten zu hoch und die Arbeitskosten in Deutschland sind es. Zu viel politische (Niedersachsen 20%) und Gewerkschaftsmacht. Gerade scheitert wieder einmal ein VW - Manager (Driess) daran, die Kosten zu senken. Das ist schon Bernhard, Pischetsrieder und anderen passiert. Diese Konstellation, zu viele politische Interessen, zu wenig marktwirtschaftliche Orientierung, schadet VW langfristig langfristig sehr.
yogi65 19.03.2017
4. Erbdynastie
Welche Motivation und welche Fähigkeiten sollten die offensichtlich mehreren Dutzend Clan-Mitglieder aus der Porsche-Piech Dynastie denn haben, außer ein Bank-Konto zu besitzen auf das die Dividenden überwiesen werden können? Oder glaubt der Autor, dass man qua Geburt die Qualifikation mitbringt, einen internationalen Konzern operativ oder strategisch zu führen und weiterzuentwickeln. Ich fürchte, wenn sich die diversen Medienmanager, Designer, Ärzte oder Wirtschaftsprüfer aus der Enkel-Generation zu stark einbrächten, wäre das nicht segensreich. Diese Menschen sollten ihrem Schöpfer auf Knien danken die richtigen Eltern zu haben, aber sich ansonsten raushalten und ihr Jetset-Leben genießen. Sicher gibt es Onkel Ferdi, der bei aller Kritik viel dazu beigetragen hat, dass der Konzern heute trotz Abgaskrise wirtschaftlich immer noch brillant dasteht, aber das ist eine Ausnahme.
Spiegelleserin57 19.03.2017
5. zwei große Famlie halten die Macht in ihren Händen...
Zitat von spontanistinDas erinnert doch stark an die typische Vetternwirtschaft mit einem zeitgemäßen Schuss Emanzipation. Sollte man diesem starken Clan konsequenterweise nicht demnächst die Königswürde anbieten?
was hat das mit Vetternwirtschaft zu tun da sie die Großaktionäre sind. Unternehmen die von von Familien gesteuert werden wie z.B. OTTO haben immer noch ganz andere Firmenstrukturen als Firmen die nur noch von Aktionären gesteuert werden. Dort ist das Bestreben nach Gewinn noch viel größer und ohne Rücksicht auf die Angestellten. Hier besteht wenigstens noch ein persönliches Interesse an dem Konzern.
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