Von Anne Seith, Frankfurt am Main
Es eine typische Ackermann-Kampfansage. Seine offensivsten Sätze quetscht der Deutsche-Bank-Chef gern spitzbübisch lächelnd durch die Zähne, ganz leise, so dass man sie fast nicht hört. "Das Leben wird für viele in Deutschland schwieriger werden", sagt der 62-Jährige nur. Der Satz richtet sich an die Sparkassen und andere große Player. Denn Ackermann und seine Mannen starten einen Großangriff auf den Privatkundenmarkt.
Und wie es so die Art des Hauses ist, wird sogleich geklotzt: Die Deutsche Bank wolle die Postbank endgültig übernehmen, dafür will sich der Konzern in den kommenden Wochen die Rekordsumme von 9,8 Milliarden Euro am Kapitalmarkt besorgen.
Ackermanns Pläne sind nichts für weiche Gemüter. Im kombinierten Privatkundengeschäft der beiden Großbanken erwarte die Deutsche Bank mittelfristig Erträge von mehr als zehn Milliarden Euro sowie ein jährliches Vorsteuerergebnis von mehr als drei Milliarden Euro, erklärt er. Bislang hatte die Deutsche Bank im Jahr 2011 einen Vorsteuergewinn von 1,5 Milliarden Euro angestrebt. Die Eigenkapitalrendite vor Steuern im Privatkundengeschäft soll künftig bei mehr als 20 Prozent liegen. Im ersten Halbjahr brachte es die Postbank gerade einmal auf 8,3 Prozent.
Tatsächlich gleicht die Deutsche Bank derzeit einer Baustelle. Im Frühjahr kaufte Ackermann die von Skandalen erschütterte Privatbank Sal. Oppenheim. Deren neuer Chef Wilhelm von Haller müht sich gerade, den richtigen Abstand sowohl zur unrühmlichen Vergangenheit als auch zum neuen Mutterhaus zu demonstrieren. Die erlesene Kundschaft könnte sonst pikiert reagieren - schließlich hat sie sich einst bewusst für ein kleines Institut entschieden, das sich von der Massenabfertigung einer Großbank unterscheidet.
Außer der Integration des Edelhauses steht zudem der Verkauf der Oppenheim-Tochter BHF-Bank an. Jetzt kommt als nächstes Projekt der Postbank-Deal hinzu. Er ist eine "Riesenaufgabe", wie Martin Faust von der Frankfurt School of Finance & Management urteilt. Der Ökonom hält es für ausgesprochen schwierig, "die Postbank annähernd in die Renditefelder zu führen, in denen die Deutsche Bank unterwegs ist".
Ackermann kündigt "gewisse Konsequenzen" für die Personalstärke an
Die Postbank bringt einiges an Ballast mit in die Ehe. In den Büchern stehen jede Menge Risikoaktiva: Vor allem die Staatsanleihen finanzschwacher Euro-Länder - aus Griechenland kommen 1,2 Milliarden Euro, aus Italien sogar 4,7 Milliarden Euro - könnten im Notfall zu schmerzhaften Verlusten führen.
Noch dazu habe die Postbank "zwar viele Kunden, aber man muss sich schon fragen, mit welcher Qualität und mit welchem Potential", sagt Faust. Denn viele Kunden gelten als Karteileichen, die nur ein längst vergessenes Postbank-Sparbuch besitzen und für erfolgreiche Geschäfte neu begeistert werden müssten. Dass der typische Postbank-Kunde künftig Deutsche-Bank-Produkte in Massen kauft, dürfte aber bezweifelt werden, sagt Faust. Schon weil die Klientel der Postbank nicht unbedingt zu der aktivsten in der Branche zählt. Also muss sich der künftige Hausherr etwas einfallen lassen. Dabei könnte es den Deutschbankern ziemlich schwer fallen, sich in das Denken der neuen Kundschaft hineinzuversetzen.
Denn die etwas angestaubte Postbank-Welt und die schicken Deutsche-Bank-Niederlassungen haben nur wenig miteinander gemein. Wenn der Weltmann Ackermann in seinem schicken Anzug versichert, dass er "natürlich" schon einmal in einer Postbank-Filiale gewesen sei, wirkt es schon fast komisch.
An diesem Montag rettet sich Ackermann über Detailfragen zur Zukunft der Postbank-Filialen mit dem Hinweis, dass man ja noch gar nicht Herr im Hause sei und dies somit nicht beurteilen könne. Doch irgendwann wird er Antworten geben müssen. Es dürfte die große neue Mammutaufgabe des Geldhauses werden, dafür zu sorgen, dass die Schalterbeamten der Postbank sich mit den manchmal reichlich geschniegelt wirkenden neuen Kollegen anfreunden werden.
So ist derzeit nur so viel klar: Die beiden Marken werden erhalten bleiben - und für die Postbank-Kunden ändert sich zunächst einmal nicht allzu viel. Kontonummern und Bankleitzahlen werden erhalten bleiben, dafür wurde bereits Sorge getragen.
Für die Postbank-Mitarbeiter hingegen beginnt eine Zeit der Unsicherheit. Denn die Deutsche Bank will nach dem Einkauf rund eine Milliarde Euro einsparen - das werde wohl auch für die Personalstärke "gewisse Konsequenzen haben, hieß es an diesem Montagmorgen. Immerhin: Für die Belegschaft dürfte nun früher Klarheit herrschen als ursprünglich gedacht. Denn eigentlich hatten sich Postbank und Deutsche Bank darauf verständigt, dass die Deutsche Bank möglicherweise erst 2012 die Mehrheit an der neuen Tochter erwerben würde.
"Es ist gut, der erste zu sein"
Die plötzliche Eile lässt sich schlicht erklären: Infolge der neuen Eigenkapitalregeln, die am Sonntag in Basel für die Finanzbranche beschlossen wurden, dürften in den kommenden Monaten viele Institute nach neuem Kapital suchen. "Da ist es gut, der erste zu sein", sagt Bankenprofessor Dirk Schiereck aus Darmstadt.
So ist der Coup, der am Wochenende geplant wurde, strategisch möglicherweise streitbar - für seine schnelle Entscheidung jedoch erntet Ackermann großes Lob. "Das Timing der Transaktion ist brillant", urteilt zumindest Schiereck. Andere Banken, die nun ebenfalls nach neuem Geld suchen, dürften es weitaus schwerer haben als die Deutsche Bank.
Noch dazu spart das Geldinstitut durch das Vorziehen des Angebots Geld. "Wir zahlen jetzt 1,7 Milliarden Euro weniger, als wenn wir mit der Übernahme gewartet hätten", sagte Ackermann am Montag. Im kommenden Jahr nämlich müsste die Deutsche Bank aufgrund der gesetzlichen Regelungen den mit der Post vereinbarten Preis von 45 Euro je Aktie auch den freien Aktionären bezahlen. Nun bietet sie den Aktionären lediglich den vorgeschriebenen Mindestpreis - voraussichtlich 24 bis 25 Euro je Aktie. Sollte alles klappen, hätte die Deutsche Bank insgesamt 6,3 Milliarden Euro für die neue Tochter berappt. Das sei ein durchaus akzeptabler Preis, findet Michael Seufert, Analyst bei der NordLB. Die Übernahme sei ein "geschickter Schachzug".
Mit der geplanten Kapitalerhöhung löst die Deutsche Bank zudem zwei Probleme auf einmal. Denn von den 9,8 Milliarden Euro, die insgesamt eingesammelt werden sollen, braucht Deutschlands größtes Geldinstitut für die Postbank-Übernahme knapp acht Milliarden Euro. Mit dem Rest des Geldes wird die Eigenkapitalbasis gestärkt.
So wundert es nicht allzu sehr, dass Ackermann an diesem Montagmorgen so zufrieden wirkt. Das Unternehmen werde künftig nicht mehr hauptsächlich auf dem Investmentbanking ruhen und deshalb "nach einer Konsolidierung der Postbank wesentlich mehr wert sein". Ackermanns Aufgabe in den voraussichtlich letzten Jahren seiner Karriere ist es nun, dafür Sorge zu tragen, dass diese Konsolidierung auch klappt.
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