Dramatische Hauptversammlung: Praktiker droht Aktionären mit Pleite

Tumulte auf der Hauptversammlung von Praktiker: Der Vorstand der Baumarktkette drohte mit Insolvenz und forderte eine Kapitalerhöhung. Die Aktionäre witterten Erpressung und verlangten "zumindest" den Rücktritt aller Aufsichtsräte. Erst am Abend kam es zu einer Lösung.

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20 Prozent bei Praktiker: Der Konzern muss dringend saniert werden

Hamburg - Im Kampf um die Zukunft der schwer angeschlagenen Baumarktkette Praktiker ist es auf der Hauptversammlung am Mittwoch in Hamburg zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Konzernleitung und Aktionären gekommen. Der Vorstand drohte mit Insolvenz, falls ein geplantes Rettungspaket nicht von den Aktionären abgesegnet werde. Diese warfen der Unternehmensführung Erpressung vor.

Erst am Abend zeichnete sich eine Lösung ab: Isabella de Krassny kündigte als Vertreterin zweier Großaktionäre eine Unterstützung des Sanierungsplans an. Zuvor war eine wesentliche ihrer Forderungen erfüllt worden: Zwei Aufsichtsräte treten zurück. Für den Vorstand sollen weitere Mitglieder gesucht werden, für die Sparten Einkauf sowie Vertrieb. In den Aufsichtsrat sollen zwei Mitglieder einziehen, die die Fondsmanagerin der österreichischen Privatbank Semper Constantia - auch in Vertretung für den Maseltov-Fonds - vorgeschlagen hatte. Aus dem Aufsichtsrat scheidet zudem Kay Hafner aus, der zur vorübergehenden Führung an die Praktiker-Spitze delegiert worden war.

Hafner hatte zuvor zusammen mit Finanzvorstand Markus Schürholz eindringlich vor einer Pleite gewarnt. Dadurch könnten europaweit gut 19.000 Mitarbeiter ihren Job verlieren. Das geplante Rettungspaket sei "alternativlos".

Das sah de Krassny ganz anders. Die Österreicherin verlangte "zumindest" den Rückzug aller Aufsichtsräte, bezeichnete das Sanierungskonzept zunächst als inakzeptabel und skizzierte einen Alternativplan. Unter dem Jubel der Aktionäre rief sie: "Wir lassen uns nicht erpressen!" Scharfe Kritik kam auch von Markus Neumann von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger. "Zahlen sind Ihre Sache wohl nicht", sagte er in Richtung des Praktiker-Vorstands. Die Ankündigung, das Unternehmen werde von 2014 an wieder schwarze Zahlen schreiben, reiche nicht.

US-Finanzinvestor verlangt Max Bahr als Pfand

Der Rettungsplan der Konzernführung sieht den US-Finanzinvestor Anchorage als rettender Geldgeber vor. Dieser verlangt aber für einen 85 Millionen schweren Kredit die gesunde Konzerntochter Max Bahr als Pfand und soll darüber hinaus mit Hilfe von Optionsanleihen Zugriff auf 15 Prozent der Praktiker-Aktien erhalten.

Nach dem Rettungsplan des Vorstands sollen unprofitable Praktiker-Märkte geschlossen werden. Außerdem setzt der Konzern auf den Ausbau der höherpreisigen Schwestermarke Max Bahr, die schwarze Zahlen schreibt. 120 der 234 Praktiker-Märkte sollen auf die Marke Max Bahr umgestellt werden, die bisher vor allem in Norddeutschland präsent ist. Beim Umzug der Konzernzentrale nach Hamburg sollen 200 Arbeitsplätze wegfallen.

Zudem sollen sich die Aktionäre mit einer Kapitalerhöhung um 60 Millionen Euro an der Rettung des Konzerns beteiligen. "Bricht nur eine wesentliche Stütze aus dem Gerüst aus, fällt auch der Rest", warnte Hafner. Finanzvorstand Schürholz erklärte, bei einer Ablehnung durch die Aktionäre müsse Praktiker die Verhandlungen über Kreditlinien abbrechen. "Praktiker wäre in diesem Fall unmittelbar von der Insolvenz bedroht. Der Wert der Aktie würde wohl gegen Null sinken."

Praktiker setzte jahrelang auf eine Billigstrategie ("20 Prozent auf alles") und rutschte wegen Missmanagement tief in die roten Zahlen. 2011 machte das Unternehmen einen Verlust von über 500 Millionen Euro. Der Konzern ist inzwischen hoch verschuldet und ringt ums Überleben. Die Aktie des Baumarktkonzerns, die zu ihren besten Zeiten bei 34,50 Euro stand, ist auf zuletzt nur noch 1,24 Euro abgestürzt. Insgesamt ist Praktiker an der Börse noch 73 Millionen Euro wert. Am Mittwoch rutschte das Papier erneut um acht Prozent ab und war damit der schwächste Wert im Kleinwerteindex SDax.

mal/dab/Reuters/dapd/dpa/

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insgesamt 19 Beiträge
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1. Hallo Metro!
PapaSmurf 04.07.2012
Wenig bis kein Service, ständige Preis- und Rabattschlachten, kommt Ihnen das bekannt vor? Euer MM Konzept ist noch katastrophaler als das des Praktikers, seien Sie doch nicht (sooo) blöd! Trennen Sie sich von überflüssigen Märkten und bringen Sie endlich wieder qualitativ hochwertige, objektive und vor allem persönliche Beratung in ihre Buden! Das ist das Einzige, was das Internet nicht besser kann als Sie.
2. Rabatte Rabatte Rabatte
siegfried91 04.07.2012
Und immernoch nicht dazu gelernt....Letzte Woche 25 % auf alles ohne Stecker, dieses Wochenende 20 % auf alles. Man fragt sich, habt ihr in der Führungsspitze noch alle Latten am Zaun? Ihr verbrennt eure Mitarbeiter auf dem Börsenparkett! Wann kommen endlich richtige Händler an die Spitze? Auf die kleinen Leute hört ja niemand. Leider!
3. Pleite...
DHempelmann 04.07.2012
Ist ja auch kein Wunder, dass es Praktiker schlecht geht. Vergleicht man die Preise mit denen der anderen großen Baumärkte hier in der Umgebung (OBI, Hornbach, Toom), so ist Praktiker im Schnitt 15-20% teurer. Also geht man eigentlich nur zum Praktiker, wenn gerade mal wieder 20% oder 25% "auf Alles, außer...." ist. Für die Preise bietet der Praktiker außerhalb seiner Rabattaktionen einfach zu wenig Qualität und Beratung um diese zu rechtfertigen.
4.
hador2 04.07.2012
Kann den Vorrednern nur zustimmen. Praktiker leidet seit Jahren daran, dass man die Marke zum Ramschladen verkommen lässt. Ein Baumarkt muss für mich: Übersichtlich sein, ein breites Sortiment führen, gute Qualität anbieten und wenn ich dann mal Beratung brauche dann sollte die wenigstens halbwegs kompetent sein. Bei Praktiker ist leider seit langem nichts mehr davon gegeben und der Preisvorteil alleine (der zudem meist gar nicht so hoch ist wenn man genau schaut) reißts dann auch nicht mehr raus. Die Geschäftsführung bei Praktiker hat ähnliche Fehler gemacht wie die bei Schlecker und ausbaden müssen es auch hier am Schluss wenn dann die Angestellten.
5. optional
schokogold 04.07.2012
Mein Erlebnis bei Praktiker:In der Warteschlange vor der Kasse wartend sehe ich in einem der dort aufgestellten Regale ein nettes Tool liegen zu einem Superpreis. An der Kasse Bucht die Kassiererin einen vielfach höheren Preis. Ich reklamiere, dass das Teil zu diesem nicht haben will. sie ist nicht in der Lage den Preis wieder rauszusuchen und bittet mich an dem Tresen hinter ihr das Teil wieder zurückzugeben. dort soll ich dann ein Formular ausfüllen mit Adresse usw.. ich weigere mich und muss die Chefin verlangen damit ich nach langem hin und her mein Geld zurückbekomme. Kein Service !!! ich gehe da nicht mal hin wenn es 100 Prozent auf Alles gibt !!! Nden
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