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Preiskrieg: Kampf der Krabbenkutter

Von Katrin Rössler, Ditzum

Die Krabbenfischer an der Nordsee bangen um ihre Existenz. Die Preise fallen extrem, der Staat erlässt immer härtere Vorschriften. Wie die Männer von der "Stiene Bruhns" um die Zukunft ringen - eine Geschichte vom Kampf gegen Wind, Wellen, Wirtschaftsirrsinn.

Nordseefischer: Krabbenpreis im Keller Fotos
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Es nieselt, der Wind weht rau, es riecht nach Meer. Nach fangfrischen Krabben. Im Ditzumer Hafen entlädt Fischer Anton Bruhns die "Stiene Bruhns". In seiner linken Hand hält er ein Steuerungsgerät, mit dem er das Löschgeschirr bedient, eine Art Mini-Kran. Unter Deck im Kühlraum hakt Mitarbeiter Timo Borg die Seile des Krans in rote Kisten, die randvoll mit orange-gräulichen Krabben gefüllt sind. Zügig werden acht Krabbenkisten vom Kutter hinüber in den Laderaum eines Lkw gehievt. Das Ganze geht ein paarmal so, dann sind 2000 Kilogramm Krabben verladen.

Gerne wäre Bruhns mit seiner "Stiene Bruhns" noch länger auf der Nordsee geblieben, dann hätte er vielleicht 3000 Kilo gefangen. Doch eine Unwetterwarnung kam dazwischen. "Richtiges Scheißwetter. Hier merkt man's nicht so, aber draußen ist es ganz schön rau."

Bruhns ist darauf angewiesen, möglichst viele Krabben zu fangen. Das Problem für ihn und seine Kollegen ist der Preis. Der ist zurzeit so niedrig, dass sich viele Fischer in ihrer Existenz bedroht fühlen. Von den sieben Krabbenbetrieben im ostfriesischen Ditzum musste erst vor kurzem einer Insolvenz anmelden. Auch bundesweit fahren immer weniger Kutter raus: 2004 gab es in Deutschland noch 280, heute sind es nur noch etwa 230. Mit jedem, der aufgeben muss, verlieren zwei bis drei Fischer ihre Arbeit.

"Die Bestände von Scholle, Kabeljau und Wittling sind in der südlichen Nordsee beträchtlich zurückgegangen. So hat die Krabbe ihre natürlichen Fressfeinde verloren", sagt Bruhns. Die Folge: Die leckeren Schalentiere sind seit rund 15 Jahren in großen Mengen vorhanden. Außerdem ist der Krabbenfang nicht durch Quoten begrenzt. Das lockte in den vergangenen zehn Jahren viele Fischer an, die früher auf Kabeljau und Co. aus waren. Sie sattelten auf Krabbe um, wodurch sich die Konkurrenz unter den Krabbenfischern massiv verschärfte.

Im September erreichten die Preise für dieses Jahr einen neuen Tiefstand: nur noch 2,25 Euro pro Kilo. Krabbenfischer aus Deutschland, Dänemark und den Niederlanden gingen in den Streik - zum Teil mit Unterstützung der Politik: "Drei Euro für ein Kilo Krabben müssen die Fischer bekommen, um davon leben zu können", sagt Ulrike Rodust, SPD-Abgeordnete und fischereipolitische Sprecherin ihrer Fraktion im Europaparlament.

Fischer sind sich uneins

Größere Mengen, härtere Konkurrenz. Doch das allein habe den Preis nicht gedrückt, sagt Deutschlands größter Krabbenhändler, Dirk de Beer. Seiner Meinung nach liegt die Hauptursache der niedrigen Preise darin, dass die Fischer ihre Interessen oft nicht einheitlich verträten. Der Streik im September sei eher eine Ausnahme gewesen. "In den Niederlanden gibt es Fischer, die in extrem guten Gebieten fangen und ihre riesigen Fänge auf Auktionen zu sehr niedrigen Preisen verkaufen", sagt de Beer. Damit gerieten dann auch die Händler in Deutschland unter Druck, ähnlich günstige Preise von ihren Fischern zu verlangen. Denn Discounter wie Lidl oder Aldi sitzen wiederum den Händlern im Nacken, im immerwährenden Rennen um den günstigsten Preis.

"Unser Problem ist Holland", sagt auch Anton Bruhns. "Wir Fischer halten den Preis selbst in der Hand, aber wir treten nicht geschlossen auf. In Holland schießen immer wieder welche quer." Sein Vorschlag: "Sobald der Preis unter drei Euro fällt, sollten die deutschen, dänischen und niederländischen Fischer gemeinsam im Hafen liegen bleiben."

Ein erster Schritt zu einer geschlossenen Interessenvertretung wurde Ende September gemacht: Gemeinsam entschieden sich die deutschen, dänischen und niederländischen Fischer, nicht mehr als drei Tonnen Krabben pro Woche und Boot zu fangen. So soll verhindert werden, dass der Markt mit Krabben geflutet wird und der Preis weiter sinkt.

Immer härtere Vorschriften

Anton Bruhns zieht seine schwarze Mütze in die Stirn, dann zurück und wieder nach vorne. Er sitzt in der Schiffsküche der "Stiene Bruhns" auf einer dunkelgrünen Ledereckbank. An der Wand hängt ein großes Formel-1-Poster mit einem Porträt von Michael Schumacher, direkt hinter Bruhns räkelt sich auf einem Kalenderblatt eine leichtbekleidete blonde Schönheit. Bruhns ist Seemann mit Leib und Seele. Braune Haut, blaue Augen, kurz getrimmter grauer Bart. Seit 34 Jahren arbeitet der 51-jährige Kapitän als Fischwirt in Ditzum, seinem Heimatort nahe der niederländischen Grenze. In dem beschaulichen Fischerdorf mit den kleinen, roten Backsteinhäusern lebt seine Familie seit zwei Jahrhunderten vom Fisch- und Krabbenfang.

Noch heute wollen junge Leute Krabbenfischer werden, doch für sie ist die Situation noch schwieriger als für die Alteingesessenen. Bruhns muss mit seinem Betrieb einen jährlichen Umsatz von etwa 200.000 Euro erzielen, damit sich seine Arbeit lohnt. Das schafft er auch, doch nur weil sein Schiff schon schuldenfrei ist. "Jungfischer, die einen Kutter abbezahlen müssen, brauchen mindestens 250.000 Euro, um über die Runden zu kommen", sagt der erfahrene Krabbenfischer.

Hinzu kommen immer härtere Verordnungen, die die Fischer finanziell stark belasten und deren Sinn sie oft anzweifeln. Zum Beispiel verlangt die EU, dass Daten zur Satellitenüberwachung stündlich und nicht wie bisher alle zwei Stunden gesendet werden. Damit verdoppeln sich die Kosten - obwohl es im Krabbenfang keine Quoten gibt, die überwacht werden müssten.

Deutschlands Kutter sind zu alt

Knöpfe. Viele, viele Knöpfe. Und Schalthebel. Es blinkt und leuchtet. Was an ein Flugzeug-Cockpit erinnert, ist das Ruderhaus der "Stiene Bruhns". Von hier aus steuert Anton Bruhns seinen Kutter. Vier Bildschirme hängen oberhalb der Fensterscheibe. Einer bildet eine elektronische Seekarte ab, ein anderer ein Echolot, das die Wassertiefe bestimmt. Im 21. Jahrhundert gehört Hightech zum Krabbenfang dazu.

Doch nicht alle Kutter an Deutschlands Küsten sind so modern wie die "Stiene Bruhns", die erst 1996 in See stieß. Im Schnitt sind Deutschlands Kutter 30 bis 40 Jahre alt. Viele von ihnen sind den gegenwärtigen Vorschriften zur Schiffsstabilität nicht mehr gewachsen. Anton Bruhns schätzt, dass rund 50 Prozent der deutschen Flotte ihre Fahrzulassung verlieren könnten, wenn eine EU-Verordnung zur Stabilität der Kutter tatsächlich umgesetzt würde.

Der Ditzumer Krabbenfischer ist trotzdem optimistisch: "Wenn unsere jetzigen Fanggebiete erhalten bleiben und die Flotte modernisiert wird, dann haben wir eine Zukunft. Ich seh da nicht schwarz." Mit sicheren Tritten klettert Bruhns über eine glitschige Eisenleiter vom Deck der "Stiene Bruhns" an den Rand des Hafenbeckens. Sein Fang ist gelöscht, gleich gibt es Mittagessen.

"Einen anderen Beruf? Nee, um Gottes Willen. Was soll ich denn machen?"

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1. .
RosaHasi 31.10.2010
achso.. kartelle bilden um den preis zu schieben :) guter einfall
2. Konkurrenz
Iwan Denissowitsch 31.10.2010
Wenn ich das richtig verstehe, haben viele Fischer auf Krabbenfang umgesattelt. Natürlich drückt diese zusätzliche Konkurrenz die Preise. Es ist eben ein Verdrängungswettbewerb von freien Unternehmern. Und?
3. Titel vergessen
MikeNaeheHamburg 31.10.2010
Zitat von RosaHasiachso.. kartelle bilden um den preis zu schieben :) guter einfall
Dachte ich mir auch gerade. Und vielleicht noch eine Fangquote einführen, damit der Preis stabil bleibt? Das Totschlagargument heißt dann bestimmt „Arbeitsplätze“. Es wäre schön gewesen, wenn in dem Artikel auch darauf hingewiesen worden wäre, dass die Krabbenfischerei in der Nordsee auf Grund des massiven Beifangs nicht nur Umweltschäden (z.B. Zerstörung der Miesmuschelbänke) verursacht, sondern auch dafür sorgt, dass die „natürlichen Fressfeinde“ der Krabbe auch gleich mitdezimiert werden. Das hat dann den Effekt, dass der Verbraucher für Scholle und Co. wegen geringem Angebot und hoher Nachfrage bei den Seefischen ordentlich zur Kasse gebeten wird. Hier jammert ein Berufsstand, der nichts begriffen hat.
4. ...
Celegorm 31.10.2010
Zitat von sysopDie Krabbenfischer an der Nordsee bangen um ihre Existenz. Die Preise fallen extrem, der Staat erlässt immer härtere Vorschriften. Wie die Männer von der "Stiene Bruhns" um die Zukunft ringen -*eine Geschichte vom Kampf gegen Wind, Wellen, Wirtschaftsirrsinn. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,724691,00.html
Das Problem ist gemäss dem Artikel vielmehr eine Überkapazität in der Produktion. Die Lösung dafür ist entsprechend trivial, so unschön das für die Betroffenen oder junge Möchtegern-Krabbenfischer sein mag. Irgendwelche staatlichen Garantien oder Kartellbildung wären hingegen langfristig kaum ein sinnvoller Weg, sondern blosse Arbeitsbeschaffung auf Kosten der Gesellschaft und am Ende auch der Krabben.
5. Angebot und ...
Liberalitärer, 31.10.2010
This is what we call "Marktwirtschaft". Mindestpreise, grins. Bekomme ich auch einen?? Ja, es stimmt, Bauern, Beamte, Ärzte, GEZ bekommen auch einen. Also will ich auch einen haben. Ich fertige Faustkeile und Pfeilspitzen aus Feuerstein und die Nachfrage sinkt seit Jahrtausenden.
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