Preissprung über 100 Dollar: Weltmärkte fürchten den Ölschock

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80, 90, 100 Dollar - der Ölpreis steigt und steigt, auf die deutschen Verbraucher kommen deshalb Milliardenkosten zu. Was sind die Gründe für die Preisexplosion? Bedroht sie den Aufschwung und lässt sie sich noch stoppen? Eine Analyse.

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Ölförderung vor China: Neue Preisrallye am Ölmarkt?

Hamburg - Der Ölpreis schnellt auf immer neue Höchstwerte. Die größten Ausschläge macht derzeit die Sorte Brent, die in der Nordsee zwischen den Shetlandinseln und Norwegen gefördert wird. Gerade hat der Preis für ein Barrel Brent (159 Liter) die 100-Dollar-Marke durchbrochen. Öl ist damit so teuer wie seit Herbst 2008 nicht mehr.

Die Rohstoffmärkte hyperventilieren - und das Nachsehen haben die Verbraucher. Kurzfristig treibt teures Öl die Benzinpreise in die Höhe; mittelfristig auch die Preise für alle anderen Produkte, zu deren Herstellung oder Transport Öl benötigt wird. Industrie, Logistik, Konsumenten: Fast jeder leidet unter einem steigenden Ölpreis.

Wie stark der Effekt auf die Wirtschaft ist, zeigt ein einfaches Rechenbeispiel. Vor gut einem Jahr pendelte der Ölpreis um die 80 Dollar pro Barrel, jetzt sind es 20 Dollar mehr. In Deutschland werden derzeit rund 2,5 Millionen Fass Öl pro Tag verbraucht. Es ergeben sich also Mehrkosten von 50 Millionen Dollar - pro Tag. 60 bis 65 Prozent davon fallen im Verkehr an, 20 Prozent auf dem Heizungsmarkt und 15 bis 20 Prozent in der Industrie. Bleibt der Ölpreis das ganze Jahr so hoch, fallen im Jahresvergleich Milliardenkosten an.

Aus europäischer Sicht ist außerdem der Wechselkurs relevant. Derzeit pendelt der Euro Chart zeigen bei 1,36 Dollar. Im Sommer 2008, als die Ölsorte Brent auf ihr Allzeithoch von fast 150 Dollar je Fass geklettert war, stand der Euro bei knapp 1,60 Dollar. Das heißt: Käufer in der Euro-Zone bekommen derzeit im Verhältnis weit weniger Öl für ihr Geld als vor zwei Jahren.

"Der Effekt ist erheblich", sagt Steffen Bukold vom Beratungsunternehmen Energy Comment. "Steigt der Ölpreis weiter, wird die Konjunktur gebremst - nicht nur in Deutschland, sondern weltweit." Hinzu komme, dass auch die Kosten für andere konjunktursensible Rohstoffe wie Kupfer, Weizen oder Mais derzeit in die Höhe schnellen. Auch das sei Gift für den Aufschwung.

Unerwarteter Nachfrageschub

Warum steigt der Preis so stark? Zum Teil, weil die weltweite Nachfrage weit stärker anzieht als erwartet. Laut neuesten Berechnungen der Internationalen Energieagentur (IEA) aus dem Dezember lag sie 2010 um 2,4 Millionen Fass pro Tag höher als im Vorjahr - das entspricht der Menge Öl, die Deutschland verbraucht. Im Januar 2010 war die IEA noch davon ausgegangen, dass der weltweite Bedarf nur um 1,4 Millionen Fass pro Tag steigt.

Größter Wachstumstreiber 2010 war China: Dort stieg die Nachfrage im Jahresvergleich um gut zehn Prozent. Auch in den USA wuchs der Ölbedarf überraschend; zu Jahresbeginn hatte die IEA noch prognostiziert, die Nachfrage in Amerika werde sinken. Das Ölangebot aber wurde nicht der Nachfrage entsprechend ausgeweitet, Ende 2010 gab es kaum noch überschüssige Produktion:

Ölmarkt : Angebot und Nachfrage
Zeitraum 4. Quartal 2009 4. Quartal 2010
Angebot* 86,3 87,9
Nachfrage* 85,9 87,8
* in Millionen Barrel pro Tag; Quelle: IEA: Oil Market Report, Dezember 2010; Energy Comment
Um der steigenden Nachfrage zu begegnen, müssen die Energiefirmen die Menge des geförderten Öls ausweiten. Kapazitäten dafür hat nur die Organisation der Erdöl exportierenden Länder ( Opec). Die aber reagiert nicht: Obwohl sie selbst damit rechnet, dass die Nachfrage schon im laufenden Jahr Vorkrisenniveau erreichen wird, will sie die Fördermenge nicht ausweiten.

Analysten sehen das kritisch. "Wenn die Opec verantwortlich handelt, wird sie ihre Öl-Fördermengen in diesem Jahr erhöhen", sagte Sabine Schels, Rohstoffanalystin von Merrill Lynch, der Nachrichtenagentur Reuters.

Hedgefonds verursachen Preiskapriolen

Derzeit allerdings sind die meisten Ölspeicher noch gut gefüllt. Es ist eigentlich genug Öl da, ein Versorgungsengpass ist nicht in Sicht. Mit steigender Nachfrage oder Verknappung des Angebots sei der Preisschub noch nicht zu rechtfertigen, schrieb die Commerzbank kürzlich in einer Marktanalyse.

Tatsächlich machen Beobachter vor allem zwei Entwicklungen für den Trend verantwortlich: Erstens legen Investoren verstärkt Geld in Rohstoffe an, und zweitens lässt die unsichere politischen Lage in Ägypten die Preise steigen.

In den USA sind die Konjunkturdaten besser als erwartet. China boomt. Auch in anderen Ländern erholt sich die Wirtschaft. Anleger werden dadurch wieder optimistischer - und investieren mehr in riskante Anlageprodukte.

Geld genug ist dafür da, vor allem in den USA. Die Notenbank Fed hat die Leitzinsen auf beinahe Null Prozent gesenkt und weitet die Dollarmenge kontinuierlich aus. Anlegern stehen dadurch fast unbegrenzt Mittel zur Verfügung. Einen erheblichen Teil des Gelds investieren sie dort, wo mit großen Wachstumsraten zu rechnen ist: zum Beispiel in Öl-Kontrakte.

An den Märkten ist dieser Zusammenhang klar zu sehen: Als die Fed 2009 ihr erstes Liquiditätsprogramm auflegte, stieg der Thomson Reuters/Jefferies CRB Index, ein wichtiger Sammelindex für 19 Rohstoffe, stark an. Als die Notenbank Ende 2010 ankündigte, die Geldmenge in den kommenden Monaten um 600 Milliarden Dollar auszuweiten, schnellte der CRB-Index erneut nach oben.

Ebenfalls auffällig: Hedgefonds und andere Firmen, die Rohstoffe gar nicht verarbeiten, horten gewaltige Mengen an Lieferansprüchen für Öl. Nach Angaben der Commodity Futures Trading Commission hielten Spekulanten am 25. Januar Kontrakte für rund 27,9 Milliarden Liter Öl, das in den kommenden Monaten geliefert wird.

Ägypten-Krise treibt den Ölpreis

Der Höhepunkt der Spekulation ist allerdings schon wieder überschritten. Am 4. Januar beliefen sich die Kontrakte noch auf gut 45 Milliarden Liter Öl. "Bis Ende vergangener Woche waren Marktbeobachter davon ausgegangen, dass die Welle der Spekulation vorerst wieder abebbt", sagt Bukold.

Stärkster Preistreiber sei derzeit die Krise in Ägypten, schreibt der Experte in seinem aktuellen Newsletter "Global Energy Briefing". "Der Machtwechsel in Tunesien und die Unruhen in Algerien waren an den internationalen Ölbörsen kaum registriert werden. Das änderte sich mit dem Aufstand in Ägypten, dem bevölkerungsreichsten arabischen Land, das historisch immer wieder eine Vorbildfunktion für die Region hatte."

Zwar spiele Ägypten für die globale Energieversorgung keine entscheidende Rolle. Die ägyptische Ölförderung belaufe sich gerade auf 740.000 Barrel pro Tag, das reiche lediglich für die Selbstversorgung des Landes.

Größer sei die Sorge, dass durch die Ägypten-Krise Versorgungsengpässe entstehen. Durch die Sumed-Pipeline fließt Rohöl vom Golf von Suez zum Mittelmeer, außerdem durchqueren kleinere Tanker den Suezkanal. Täglich werden rund 1,8 Millionen Barrel Öl über diese Route transportiert.

Droht eine neue Preisrallye?

Und was passiert jetzt, nachdem der Ölpreis die 100-Dollar-Marke durchbrochen hat? Da es keinen Versorgungsengpass gibt, rechnen Experten nicht mit einer ähnlichen Preisrallye wie 2008. Der Höchststand von 150 Dollar dürfte so schnell nicht noch mal erreicht werden. Die US-Großbank Goldman Sachs rechnet im laufenden Jahr mit einem Spitzenwert von 105 Dollar. Die Commerzbank geht sogar davon aus, dass der Ölpreis in der zweiten Jahreshälfte wieder auf 85 Dollar fällt. Die Konjunktur dürfte sich abkühlen - und damit auch der Marktoptimismus, heißt es zur Begründung.

Langfristig aber könnten der Welt Preise um 100 Dollar sogar günstig vorkommen. Der Markt rutsche in eine absolute Verknappung hinein, sagt Bukold. Die Opec könne die Förderung nur noch um zwei bis drei Millionen Fass pro Tag ausweiten. Die Nachfrage dagegen steige stark. "Schon 2013 könnte sich die Nachfrage der Angebotskapazität gefährlich nähern, wenn es in nur einem einzigen Förderland wie Iran, Irak, Nigeria oder Venezuela zu einer Krise kommen sollte", sagt Bukold.

Die Zeit des billigen Öls, so scheint es, ist endgültig vorbei.

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insgesamt 159 Beiträge
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1. Konjunkturbremse
larousse 31.01.2011
Zitat von sysop80, 90, 100 Dollar: Der Ölpreis steigt und steigt, auf die deutschen Verbraucher kommen deshalb Milliardenkosten zu. Was sind die Gründe für die Preisexplosion? Bedroht sie den Aufschwung - und lässt sie sich noch stoppen? Eine Analyse. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,739312,00.html
Wie wäre es denn mal mit einer Steuersenkung der Mineralölsteuer ? und damit auch der Umsatzsteuer auf die Mineralölsteuer ? Der grösste Preistreiber ist und bleibt der Fiskus, Schäuble und Co. lachen sich ja über jede Preiserhöhung schlapp und gehören so zu den Mitverantwortlichen für die Konjunkturbremse !
2. Auwei
Byrne 31.01.2011
Zitat von sysop80, 90, 100 Dollar: Der Ölpreis steigt und steigt, auf die deutschen Verbraucher kommen deshalb Milliardenkosten zu. Was sind die Gründe für die Preisexplosion? Bedroht sie den Aufschwung - und lässt sie sich noch stoppen? Eine Analyse. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,739312,00.html
Die Gründe sind spekulativer Natur. Die "Preisexplosion" wird sich wie schon letztes Mal von selbst stoppen.
3. ....
DasReptil 31.01.2011
Zitat von sysop80, 90, 100 Dollar: Der Ölpreis steigt und steigt, auf die deutschen Verbraucher kommen deshalb Milliardenkosten zu. Was sind die Gründe für die Preisexplosion? Bedroht sie den Aufschwung - und lässt sie sich noch stoppen? Eine Analyse. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,739312,00.html
Um den Aufschwung mache ich persönlich relativ wenig sorgen, der existiert sowieso nur in den Medien, den Hirnen der Politiker und in den Brieftaschen des Geldadels (da herrscht allerdings dauerhaft Aufschwung).
4. ...
Dirk Ahlbrecht 31.01.2011
Zitat von sysop80, 90, 100 Dollar: Der Ölpreis steigt und steigt, auf die deutschen Verbraucher kommen deshalb Milliardenkosten zu. Was sind die Gründe für die Preisexplosion? Bedroht sie den Aufschwung - und lässt sie sich noch stoppen? Eine Analyse. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,739312,00.html
Man kann sich unsere Freunde an der Spekulanten-Front bildlich vorstellen wie diese, ob der Geschehnisse in Ägypten, frohlocken: Endlich mal wieder ein veritabler Grund noch doller an der Preisschraube zu drehen. Und der andere Spekulant im Finanzministerium freut sich gleich mit.
5. Es kommt wie es kommt
heinrichp 31.01.2011
Zitat von sysop80, 90, 100 Dollar: Der Ölpreis steigt und steigt, auf die deutschen Verbraucher kommen deshalb Milliardenkosten zu. Was sind die Gründe für die Preisexplosion? Bedroht sie den Aufschwung - und lässt sie sich noch stoppen? Eine Analyse. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,739312,00.html
Wie gesagt: Die Menschheit befindet sich nun am Beginn der hochbrisanten Phase einer gewaltigen : Zeitenwende, welche in allen gesellschaftlichen Bereichen einen grundlegenden Paradigmenwechsel (Wandel zu grundsätzlich anderen Denk- u. Sichtweisen, Wertvorstellungen, Organisationsformen etc.) und in diesem Zuge einen unausweichlichen Zusammenbruch des weltweit etablierten Megasystems mit all seinen Machtstrukturen und Apparaten mit sich bring!
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Brent, WTI, Bonny Light - Die Ölsorten und ihr Preis
Qualität
Die Erdölindustrie klassifiziert ihr Rohöl nach drei Kriterien: Herkunft, Dichte (Gewicht im Verhältnis zu Wasser) und Schwefelgehalt. Rohöl mit einer hohen Dichte wird entsprechend als "schwer" ("heavy"), mit einer geringeren Dichte als leicht ("light") bezeichnet. Rohöl mit einem hohen Schwefelgehalt gilt als "sauer", ein geringer Schwefelgehalt macht das Öl "süß". Je schwerer und saurer das Rohöl ist, desto aufwendiger ist seine Verarbeitung zum Beispiel zu Benzin oder Kerosin. Leichtes und schwefelarmes Rohöl ist gefragter und damit teurer als schweres.
Sorten
Weltweit gibt es mehrere Dutzend Rohölsorten aus unterschiedlichen Regionen, die unterschiedlich in ihrer Qualität sind. Die Herkunft reicht von Algerien bis Venezuela. Wichtigste Sorten sind die amerikanische Marke West Texas Intermediate (WTI) und das aus 15 Nordseeölfeldern stammende Brent. Hinzu kommen die Rohölsorten aus den Erdöl exportierenden Ländern (Opec), zum Beispiel die Sorte "Arab Light" aus Saudi-Arabien und "Bonny Light" aus Nigeria.
Preise
An den Terminbörsen werden mehrere sogenannte Referenzöle gehandelt mit einem standardisierten Leitwert. Abhängig von ihrer Qualität werden die übrigen Sorten mit einer Prämie oder einem Abschlag zur Leitsorte gehandelt.

Referenzsorte ist die vor allem in Amerika gehandelte Marke WTI und das aus der Nordsee stammende und in London gehandelte Brent. WTI ist leichter und schwefelärmer als Brent und somit meist einige Dollar teurer pro Barrel. Die Produktion beider Sorten geht seit einiger Zeit zurück, dennoch sind sie nach wie vor die beiden wichtigsten Referenzöle.

Hinzu kommt etwa der von der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) veröffentlichte Korbpreis für Rohöl. Er wird auf Grundlage der elf von seinen Kartellmitgliedern produzierten Sorten berechnet. Opec-Öl ist meist schwerer und saurer als WTI und Brent und damit billiger.

Preisanstiege und -abschläge verlaufen also meist für alle Sorten parallel. Jedoch schwanken die Preise jeder Sorte, wenn sie mehr oder weniger nachgefragt oder gefördert werden.