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Privatbank Sal. Oppenheim: Nummer eins im Niedergang

Von , Frankfurt am Main

Finale eines Familienunternehmens: Bei Sal. Oppenheim geben die haftenden Gesellschafter die Geschäftsführung ab. Die legendäre Privatbank kämpft um die Zukunft unter der neuen Mutter Deutsche Bank - doch das Vertrauen ist angekratzt. Treue Kunden mit großen Millionenvermögen machen sich davon.

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220 Jahre Tradition: Die Privatbank Sal. Oppenheim
Offene Schadenfreude wäre unfein. Aber eine gewisse Genugtuung kann Markus Zschaber nicht verbergen. "Wir freuen uns", bekennt der Vermögensberater mit dem grauen Wallehaar vergnügt.

40 Kunden mit einem Gesamtvermögen von 128 Millionen Euro habe seine Gesellschaft V.M.Z. mittlerweile von Sal. Oppenheim übernommen, dem einstigen Vorzeigehaus unter den Privatbanken der Republik. An einem weiteren Deal in Höhe von 80 Millionen Euro arbeite er gerade, sagt der beredte Reichen-Berater. Insgesamt könne die Krise des Nobel-Bankhauses ihm noch Vermögen in dreistelliger Millionenhöhe bringen, glaubt Zschaber.

Ähnliches ist aus dem Hause Merck Finck & Co zu hören. Seit vergangenem Jahr haben die Münchner, wie es der Zufall so will, ihre Kölner Filiale direkt gegenüber von Oppenheim. Marc E. Kurtenbach, der Chef des Hauses und gleichzeitig Regionalleiter Mitte von Merck Finck, sagt verwundert, er erlebe zum ersten Mal in seiner Karriere, dass es auf dem Privatbankenmarkt eine Art Laufkundschaft gebe.

Tatsächlich hatten Superreiche bisher einen klaren Favoriten, wenn es um die Verwaltung ihrer Vermögen ging - Sal. Oppenheim. Das familiengeführte Geldinstitut, nach eigenen Angaben das größte seiner Art in Europa, galt mit seiner respektablen Historie von 220 Jahren als unangefochtene Nummer eins unter den Privatbanken. Und die Kunden waren treu. Eine Trennung vom Bankberater des Vertrauens fällt bei Summen in zwei- oder dreistelliger Millionenhöhe schließlich schwer. Außerdem war die Stammklientel mit der Geschäftsführung um Matthias Graf von Krockow oft auch gesellschaftlich eng verbunden.

Die Kunden seien bei Sal. Oppenheim "in Watte eingegepackt" worden, sagt Zschaber. Einladungen zum Galopprennen oder zum Konzert des bayerischen Staatsorchesters gehörten zur normalen Kontaktpflege.

Hässliche Skandale, verschreckte Kunden

Doch im vergangenen Jahr wurde die noble Privatbank plötzlich an die Deutsche Bank verscherbelt, aus purer Geldnot, wie sich schnell zeigte. Seitdem wurde eine hässliche Geschichte nach der anderen über das Geschäftsgebaren der persönlich haftenden Gesellschafter rund um den Grafen Krockow enthüllt. So viel Lärm schmeckte vielen der auf Diskretion bedachten Kunden offensichtlich gar nicht. Bei Merck Finck in Köln jedenfalls vermerkt man: "Ein hoher zweistelliger Millionenbetrag hat zu unserem Haus gefunden."

Sal. Oppenheim demonstriert dagegen Gelassenheit. "Die Situation ist stabil", sagt ein Sprecher SPIEGEL ONLINE. Im gesamten Jahr 2009 habe die Bank Nettomittelabflüsse bei den privaten verwalteten Vermögen von rund einer Milliarde Euro verkraften müssen. Insgesamt verwalte man mehr als 130 Milliarden Euro.

Auch Merck-Finck-Banker Kurtenbach sagt, von Massenabwanderung könne nicht die Rede sein, man dürfe "die Relationen nicht aus den Augen verlieren" - fügt aber hinzu: "Die entscheidende Phase fängt erst an."

Denn wirklich große Vermögen werden nicht von einem Tag auf den anderen transferiert. Gerade institutionelle Anleger oder Verbände, bei denen die entscheidenden Gremien in großen Abständen tagen, brauchen Monate, um sich für einen neuen Berater zu entscheiden. Das Schaulaufen verschiedener Kandidaten habe vielerorts jedoch schon angefangen, berichten Banker.

"In letzter Zeit wurde alles falsch gemacht"

Die Auflösungserscheinungen bei Europas größter Privatbank sind derzeit eines der Top-Themen in der Branche. Denn neben den Kunden seien angeblich auch viele der einst hochangesehenen Sal.-Oppenheim-Berater auf dem Sprung, heißt es. In der kriselnden Bank würden deshalb derzeit "große Halteprämien bezahlt, zum Teil auf drei Jahre gestreckt", sagt ein Insider. Bei Oppenheim dementiert man solche Berichte: Ein Großteil des Mitarbeiterstabs halte dem Hause die Treue.

Auch die Deutsche Bank Chart zeigen weist die Gerüchte und Lästereien standhaft zurück. Pierre de Weck, Chef des Private-Wealth-Managements, beschwor kürzlich im "Handelsblatt" gar einen Wachstumskurs für die neue Tochter. Sal. Oppenheim sei "eine Chance, eine enorme Wachstumsgelegenheit". Mittelfristig sei bei Neugeldern ein Wachstum von zehn Prozent drin.

Was stimmt? Ist der Ruf dieser 220 Jahre alten Bank, die mehrere Revolutionen, Kriege und Währungsreformen überstanden hat, binnen knapp zwei Jahren wirklich irreparabel ramponiert worden?

Noch im April 2008 schien die Welt der Oppenheimer in Ordnung. 333 Millionen Euro betrug das Vorsteuerergebnis der Bank für 2007, acht Prozent mehr als im Vorjahr. "Wir haben eine Schallgrenze überschritten" , sagte Gesellschafter-Sprecher Krockow. Die "Verwerfungen an den Kapitalmärkten" hätten die Bank "nur am Rande" berührt, fügte er mit Stolz hinzu. Der Grund: das "grundsolide Geschäftsmodell", die "konservative Risikopolitik".

Verhängnisvoller Fehler

Dabei herrschte hinter den barocken Kulissen schon damals desaströse Unordnung. 2007 hatten die Oppenheimer einen verhängnisvollen Fehler begangen und mitten in der Finanzkrise Millionen in die praktisch insolvente Mittelstandsbank IKB gesteckt. 2008 geriet dann der Arcandor-Konzern Chart zeigen immer stärker ins Wanken. Großaktionärin Madeleine Schickedanz stand bei Oppenheim mit einem Kredit in dreistelliger Millionenhöhe in der Kreide, für den einflussreiche Familiengesellschafter höchstpersönlich gebürgt hatten, wie das manager magazin herausfand.

Das könnte auch das spätere Engagement von Oppenheim bei Arcandor erklären. Im Herbst 2008 stieg die Bank nämlich noch mit knapp 30 Prozent bei dem Unternehmen ein und gab 20 Millionen Euro Kredit. Knapp ein Jahr später meldete Arcandor trotzdem Insolvenz an.

Solche unglücklichen Investments und das völlig aus dem Ruder gelaufene Investmentbanking sollen dazu geführt haben, dass sich allein im ersten Halbjahr 2009 Verluste von mehreren hundert Millionen Euro auftürmten, wie es in Finanzkreisen hieß. Der Notverkauf an die Deutsche Bank rettete das Geldhaus schließlich.

Als ob das an Demütigung nicht genug wäre, erschütterten in den folgenden Monaten noch hässliche Skandale das Bild vom altehrwürdigen Geldhaus. Unter anderem ging es um immense Kredite, die einige Mitglieder des Führungszirkels sich und ihren Familien zu Vorzugsbedingungen gewährt haben sollen. Mit Stand von Mitte Oktober schuldeten sie ihrer Bank Finanzkreisen zufolge zusammen etwa 680 Millionen Euro. Die Finanzaufsicht BaFin habe die Eignung einiger Sal.-Oppenheimer zur Führung einer Bank überprüft, heißt es weiter. Die Bank kommentiert auch diese Vorwürfe nicht.

Kurz vor Weihnachten wurde dann plötzlich bekannt, dass Krockow die Geschäftsführung noch in den folgenden Tagen abgeben würde. Die übrigen drei haftenden Gesellschafter, Friedrich Carl Janssen, Christopher Freiherr von Oppenheim und Dieter Pfundt, kündigten den Rückzug zum 15. Januar an.

Ein bisschen Neuanfang

Oppenheim wird inzwischen von Ex-Deutsche-Bank-Manager Wilhelm von Haller geführt. Dort will man die Vorgänge nicht kommentieren - und setzt stattdessen auf einen Neuanfang. "Das Ende der Familientradition ist nicht das Ende der Bank. Es beginnt ein neues Kapitel", sagt ein Sprecher.

Gänzlich mit der alten Zeit will aber wohl auch die Deutsche Bank nicht brechen. Deshalb soll wenigstens Christopher Freiherr von Oppenheim als Aushängeschild der Privatbank erhalten bleiben. In welcher Position genau, darüber wird derzeit gegrübelt. Denkbar sei zum Beispiel eine Beiratstätigkeit, sagte ein Insider SPIEGEL ONLINE. Jedenfalls gehe es um eine Position, in der der Nachfahre von Bankengründer Salomon Oppenheim junior "weiter für die Pflege der Kunden mit zuständig" wäre - auch wenn Oppenheim als Beirat nicht mehr viel zu sagen hätte. Entschieden wird die Frage voraussichtlich zum Closing des Verkaufs.

Beobachter bezweifeln, dass die Bank unter der neuen Mutter an die ruhmreiche Vergangenheit anknüpfen kann. "Sal. Oppenheim-Kunden haben sich oft bewusst gegen eine Großbank wie die Deutsche Bank entschieden", sagt zum Beispiel Mario Drazen Odak von der Unternehmensberatung Stephan. Solche Kunden schätzten die Unabhängigkeit von Privatinstituten - Großbanken dagegen "nutzen Private Banking und Private Wealth aber auch als Vertriebskanal für die eigenen Produkte". Die Beteuerungen der Deutschen Bank, Sal. Oppenheim werde unabhängig bleiben, helfen Odaks Meinung zufolge wenig.

Das Geldinstitut hat sich nach Überzeugung des Unternehmensberaters deshalb mit Sal. Oppenheim ein Problem eingekauft, und "jetzt geht es um Schadensbegrenzung". Die einzige Möglichkeit, aus dem Eine-Milliarde-Euro-Deal gut herauszukommen, liege darin, so viel zu versilbern wie möglich.

So macht die Deutsche Bank keinen Hehl daraus, dass sie eigentlich nur an der Vermögensverwaltung von Sal. Oppenheim echtes Interesse hat. Doch das Filetieren ist schwerer als gedacht. Nachdem die australische Bank Macquarie das Geschäft für Aktienderivate und strukturierte Produkte übernommen hat, ist zum Beispiel das verbliebene Investment-Banking der Privatbank nur schwer verkäuflich.

Dem "Handelsblatt" zufolge will man notfalls inzwischen sogar etwas dazuzahlen. Kommentieren wollte die Deutsche Bank den Bericht nicht. Insider sagten allerdings, man wolle den Geschäftsbereich nicht unbedingt loswerden.

Jedenfalls nicht um jeden Preis.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 16 Beiträge
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1. Top quailifizierter Weg in den Untergang
gsm900, 15.01.2010
Zitat von sysopFinale eines Familienunternehmens: Bei Sal. Oppenheim geben die haftenden Gesellschafter die Geschäftsführung ab. Die legendäre Privatbank kämpft um die Zukunft unter der neuen Mutter Deutsche Bank - doch das Vertrauen ist angekratzt. Treue Kunden mit großen Millionenvermögen machen sich davon. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,670333,00.html
ist fatal bemekrte Schlich, hoffentlich nicht auch für mich.
2. Verluste nur durch Veruntreuung
velberter 15.01.2010
Eigentlich kann eine Bank hohe Verluste doch nur durch Veruntreuung erleiden. Die Banken sind doch theoretisch nur Vermittler zwischen Kreditgebern und Kreditnehmern. Also so ähnlich wie Buchmacher. Wie kann ein Buchmacher hohe Verluste machen? Doch nur, indem er Wetten annimmt, die nicht ganz seriös sind und sich dann übers Ohr hauen läßt. Schönen Tag noch
3. Oppenheim
fauno, 15.01.2010
Es war in der Branche - vor allem in der Schweiz - seit 2006 kein Geheimnis, dass Sal. Oppenheim alles zusammen gekauft hat, was " mind. 100 Mio. $, eine Performance von min. 8% p.a. und min. 80 % der Monatsergebnisse positiv waren. So erwarb man Investmentgesellschaften und kaufte Vermögensverwaltungen in Genf und Zürich in grossem Stil und zu unüblich überhöhten Preisen ein.
4. bla bla bla
andrewsaid 15.01.2010
Also mal ganz im Ernst. Interessiert das irgendeinen Otto-Normalverbraucher (99% der deutschen Bevölkerung) wirklich? Ich habe bis zur Pleite dieser "legendären" Bank noch nie was von dieser gehört. Mein Interesse ist verschwindend gering. Also liebe SPON-Redaktion, gibts keine interessanten Themen auf der Welt?
5. Wen juckts?
Schalke 15.01.2010
Keinen! Die Deutsche Bank hat einen Klotz am Bein, aber keinen Mühlstein um den Hals. Das geht zur Not ganz schnell, die Filets rauszuschneiden und den Müll zu entsorgen, sprich zu liquidieren. Schade um den alten Namen einer Privatbank, aber dann müssen sich die Bonzen eben eine neue Bleibe für ihre Kohle suchen. Das dürfte nicht so das Problem sein.
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