Private Equity: Finanzinvestoren kaufen Dutzende deutsche Firmen

Ex-SPD-Chef Müntefering schmähte sie als "Heuschrecken", jetzt sind Finanzinvestoren wieder auf dem Vormarsch. 2012 gaben sie deutlich mehr für Unternehmenskäufe in Deutschland aus als im Vorjahr. Für fast 14 Milliarden Euro übernahmen die Private-Equity-Gesellschaften mehr als hundert Firmen.

Douglas-Filiale in Hannover: Übernahme durch Finanzinvestor Advent Zur Großansicht
dapd

Douglas-Filiale in Hannover: Übernahme durch Finanzinvestor Advent

Frankfurt am Main - Die Private-Equity-Branche hat 2012 in Deutschland wieder zugegriffen: Einer Studie von Ernst & Young zufolge gaben Finanzinvestoren für insgesamt 105 Firmen eine Summe von mehr als 13,7 Milliarden Euro aus. Im Jahr 2011 hatten sie nur 5,5 Milliarden Euro in 110 Unternehmen investiert. Fünf Übernahmen ließen sich die Private-Equity-Gesellschaften sogar mehr als eine Milliarde Euro kosten.

Die Boomzeiten vor 2008, als die Branche für mehr als 30 Milliarden Euro einkaufte, bleiben aber weit entfernt, sagt Alexander Kron, Chef der Transaktionsberatung bei Ernst & Young.

Private-Equity- oder Beteiligungsgesellschaften finanzieren ihre Investitionen mit einem hohen Anteil von Fremdkapital. Eine Taktik wird dabei vor allem in Deutschland immer wieder kritisiert: Manche Investoren bürden den Firmen, die sie gekauft haben, den Kaufpreis als Schulden auf und bringen sie nach kurzer und harter Sanierung an die Börse - und erzielen so schnell eine hohe Rendite. Der frühere SPD-Vorsitzende Franz Müntefering prägte für dieses Vorgehen den Vergleich mit einem Heuschreckenschwarm.

Andere Investoren zielen aber auf eine längerfristige Beteiligung von mehreren Jahren. Vor allem auf deutsche Mittelständler haben es die Firmen abgesehen, dort lägen Käufer und Verkäufer bei den Preisvorstellungen derzeit allerdings weit auseinander, sagt Kron: "Angesichts der sehr unsicheren Konjunkturentwicklung verlangen die Investoren zum Teil massive Preisabschläge - daran sind in diesem Jahr einige Deals gescheitert". Gerade unter den mittelständischen Unternehmen, die die Finanzinvestoren seit Jahren im Visier haben, sei die Verkaufsbereitschaft gering. Sie hätten in der Krise so dicke Eigenkapitalpolster aufgebaut, dass sie kein frisches Geld brauchten.

Schwer fällt den Finanzinvestoren offenbar auch der Ausstieg aus den Beteiligungen. Nur 62 Firmen aus den Portfolios der Private-Equity-Gesellschaften wurden für insgesamt 10 Milliarden Euro verkauft. 2011 waren es 87 Firmen für 11,4 Milliarden Euro. An die Börse schaffte es 2012 kein Unternehmen aus ihrem Besitz - 2011 waren ihnen fünf Börsengänge gelungen.

Allerdings hoffen zahlreiche Beteiligungsgesellschaften auf das Jahr 2013: Als aussichtsreiche Börsenkandidaten werden etwa die Immobilienkonzerne LEG und Deutsche Annington, der Gabelstaplerhersteller Kion und der Wissenschaftsverlag Springer Science genannt. Die Übernahme des E.on-Gasnetzes Open Grid Europe durch ein Konsortium um den australischen Infrastruktur-Investor Macquarie war mit 3,2 Milliarden Euro immerhin der zweitgrößte Kauf eines deutschen Unternehmens im Jahr 2012.

Über der Milliardenschwelle lagen außerdem die 2,26 Milliarden Euro schwere Übernahme des Messtechnikspezialisten Elster durch die zum Finanzinvestor CVC gehörende britische Melrose plc und der Kauf des Leukoplastherstellers BSN Medical für 1,8 Milliarden Euro durch die schwedische EQT. Der Investor Advent ließ sich die Übernahme des Hagener Einzelhandelskonzerns Douglas 1,6 Milliarden Euro kosten, Lone Star zahlte für die staatliche Immobilienholding TLG 1,09 Milliarden Euro.

nck/Reuters

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1. Unter Schröder/Fischer
Badischer Revoluzzer 27.12.2012
wurde es möglich, daß es einen Ausverkauf deutscher Firmen geben kann. Selbst Hans Eichel war verwundert, was er da unterzeichnet hatte. Aber geändert hat das bisher keiner dieser Berliner Staatsfeinde.
2.
farang 27.12.2012
Zitat von sysopEx-SPD-Chef Müntefering schmähte sie als "Heuschrecken", jetzt sind Finanzinvestoren wieder auf dem Vormarsch. 2012 gaben sie deutlich mehr für Unternehmenskäufe in Deutschland aus als im Vorjahr. Für fast 14 Milliarden Euro übernahmen die Private-Equity-Gesellschaften mehr als 100 Firmen. Private Equity: Heuschrecken-Finanzinvestoren kaufen deutsche Firmen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/private-equity-heuschrecken-finanzinvestoren-kaufen-deutsche-firmen-a-874858.html)
Das ist toll. Kenne auch einen Restaurantbetrieb welcher nach der Pleite von nem Finanzinvestor übernommen wurde. Die Mitarbeiter findens toll. Gibt jetzt weniger Lohn und das Arbeitsklima wird von Angst vorm Chef bestimmt. Toll, eben.
3. Kommt davon..
spon_2117689 27.12.2012
Wen man den Banken viel Geld schenkt kaufen sie über ihre Finanzpartner ein. Früher haben Banken Geld geliehen um kreative Geschäftsideen zu fördern, aber das ist ja nicht sicher genug. Besser wäre es man würde die Steuern senken, dann könnten alle Firmen und Bürger profitieren.. aber das ist auch nicht mit der SPD möglich.
4.
Jom_2011 27.12.2012
Verstehen kann man die Firmeninhaber. Kein Status ist hierzulande so schlecht angesehen wie ihrer. Firma aufbauen, teuer verkaufen, nur noch seinen Hobby´s frönen. Sollen doch die besserwissenden Umverteiler ihr eigenes Ding machen...
5. War abzusehen...
dēmosthénēs 27.12.2012
... dass sich die in den Finanzmarkt geworfenen Billionen früher oder später ihren Weg in die Realwirtschaft finden und die nächste Blase aufbauen. Hatt den jemand ernsthaft gedacht es bleibt ohne Folgen wenn es nullzins Politik der Zentralbanken und billiges Geld aus Rettungsfonds gibt?
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