Risiko Tarifwechsel Beitragsschock für Privatversicherte - was nun?

Für viele Privatversicherte wird es teurer. Neukunden müssen teilweise bis zu 30 Prozent mehr Beitrag zahlen, länger Versicherte manchmal noch mehr. Und der Ausweg über einen Tarifwechsel wird zunehmend riskant.

Operation in einer HNO-Klinik in Mannheim
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Operation in einer HNO-Klinik in Mannheim

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Es hat Martin R. erwischt. Kürzlich erhielt der 40-Jährige Post von seiner privaten Krankenkasse Axa: Statt bisher 509 Euro, soll er ab nächstem Jahr 611 Euro zahlen - ein sattes Plus von 20 Prozent inklusive Tagegeld und Pflegeversicherung. Die Krankenversicherung allein stieg um mehr als 23 Prozent.

Genauso traf es jetzt den 50-jährigen Jochen A. Die Union, wo er seit Jahren privat krankenversichert ist, hat den Beitrag um 100 auf 620 Euro erhöht und damit um 19 Prozent. Beide Männer heißen in Wirklichkeit anders, doch ihre Fälle sind echt. Und so wie ihnen geht es vielen Privatversicherten.

Im November verschicken die privaten Krankenversicherungen (PKV) reihum Briefe mit den Konditionen für 2018. Jetzt zeigt sich: Es wird für viele Privatversicherte deutlich teurer. Die Kassen erwirtschaften am Kapitalmarkt aufgrund der niedrigen Zinsen weniger, zugleich steigen die Kosten im Gesundheitsmarkt. Eine Stichprobe für den SPIEGEL bei zwölf wichtigen Assekuranzen zeigt: Von 35-jährigen Neukunden in diesem Beispiel verlangen die Privaten in typischen Tarifen ab Januar bis zu 30 Prozent mehr Geld.

Ausgewählte PKV-Beiträge für einen 35-jährigen Neukunden

Private Krankenversicherung Tarif* alter Beitrag neuer Beitrag Beitragserhöhung in Prozent zum 1.1.2018
Allianz AktiMed Best 90U 555,58 618,74 11,37
Alte Oldenburger A112, K20, Z100/80 470,62 510,37 8,45
AXA Vital 300-U 359,50 467,40 30,01
Barmenia einsA expert2 499,08 558,62 11,93
Inter QME 300 U 506,74 534,21 5,42
LKH A100, S300, Z80 496,81 562,77 13,28
LVM A 560, S2, Z100/80 455,43 488,76 7,32
Münchener Verein BC Alpha 865 263,45 290,66 10,33
R+V AGIL premium TN0U 625,23 664,83 6,33
Signal Iduna KOMFORT 2 291,41 343,70 17,94
Union GesundCOMFORT 300 420,19 473,07 12,58
Universa uni A80, uni ST1/100, uni ZA100 541,47 561,04 3,61

*teils kombiniert, Leistungsumfänge verschieden; Quelle: Unternehmen, Assekuranzmakler Javier Garcia

Noch kräftiger wird der Kostenanstieg für viele Bestandsversicherte. Wird ein Tarif für einen Neukunden teurer, falle die prozentuale Steigerung für einen langjährig Altversicherten in demselben Tarif deutlich höher aus - unter Umständen doppelt so hoch, sagt Versicherungsmakler Javier Garcia. Er erwartet, dass viele Bestandsversicherte mit einer Beitragserhöhung von 20 Prozent und mehr rechnen müssen.

Mit ihren steigenden Beiträgen haben sich Martin R. und Jochen A. an Garcia gewandt. Der Versicherungsmakler ist auf Tarifwechsel spezialisiert. Ob er den beiden Männern helfen kann, muss seine Prüfung erst zeigen.

Auch andere Versicherte versuchen, in günstigere Tarife zu flüchten. Denn ein großer Teil der PKV-Kunden gehört entgegen dem Klischee nicht zu den Bestverdienern, gerade die vielen Selbstständigen nicht.

In der Vergangenheit wechselten viele Privatversicherte in Tarife mit weniger Leistungen in der Hoffnung, langfristig günstiger zu fahren. Oft ein Irrtum.

Günstig ist nicht immer günstig

Mittlerweile zeigt sich: Manche leistungsschwache Tarife sind auf das Preisniveau von Tarifen mit mehr Leistungen gestiegen, manchmal sind sie sogar schon teurer. Diese Erfahrung macht Makler Garcia jetzt häufiger. Das bestätigen auch manche Versicherungen auf SPIEGEL-Anfrage. Ein aktueller Beitragsvorteil sei stets lediglich eine Momentaufnahme, sagt eine Barmenia-Sprecherin. Ein Grund: Es wählen bei Wechseln gerade auch viele Kranke und damit teure Patienten die günstigeren Tarife - und treiben so deren Kosten. "Das Preisniveau insgesamt ist in der privaten Versicherung gestiegen", sagt Garcia.

Hält der Trend an, wird es immer schwerer für Privatversicherte, künftig steigenden Kosten zu entkommen. Das Problem: Nur manche Tarife werden sehr teuer, andere nicht. Welche es künftig treffen wird, ist nicht vorherzusagen. Viele Tarife mit starken Beitragssprüngen seien zuvor jahrelang stabil geblieben, betonen private Versicherer.

Eins ist sicher: Die Kosten werden im Durchschnitt steigen. Denn die Ausgaben im Gesundheitssystem klettern immer weiter - was genauso die gesetzlichen Krankenkassen trifft. Nach einer Analyse des Wissenschaftlichen Instituts der PKV stiegen die Beiträge von Vollversicherten von 2008 bis 2018 in der privaten Krankenversicherung jährlich im Schnitt um 3,05 Prozent, in der gesetzlichen um 3,28 Prozent.

PKV-Kunden, deren Tarife besonders teuer werden, hilft erst einmal nur eins: Sie können versuchen, das Beste für sich herauszuholen.

Es gibt dabei Fallstricke:

Leistungen: Versicherungsexperten wie der Makler Garcia empfehlen, möglichst nicht leichtfertig für den Spareffekt bei den Leistungen zu streichen. Denn steigt der Beitrag des dafür neu ausgewählten Tarifs später stärker, fehlen schnell weitere Optionen zum Geldsparen. Wer einmal wieder mehr Leistungen will, muss zudem eine Gesundheitsprüfung überstehen.

Steuerliche Absetzbarkeit: Mit einem sinkenden Beitrag können Versicherte eventuell steuerlich weniger Kosten geltend machen. Jeder muss prüfen, ob das die Einsparungen wieder aufhebt.

Rücklagen fürs Alter: Je günstiger der neue Tarif, desto weniger Rückstellungen werden für das Alter gebildet. Mit ihnen aber können Versicherte ein Polster gegen künftige Kostensteigerungen aufbauen.

Arbeitgeberbeitrag: Viele Privatversicherte erhöhen ihren Selbstbehalt und sparen so Monatsbeiträge. Das kann bei nicht zu hohem Selbstbehalt gut funktionieren. Allerdings muss jeder beachten, dass er im Krankheitsfall mehr selbst bezahlt - der Arbeitgeber sich bei Angestellten aber nur an den monatlichen Beiträgen beteiligt. Letztlich spart der Chef, der Versicherte könnte aber draufzahlen.

Unisex-Tarife: Riskant wird es, wenn Versicherte aus alten Bisex-Tarifen, in denen zwischen Männern und Frauen unterschieden wurde, in die neuen Unisex-Tarife wechseln. Selbst wenn diese preislich günstiger sein sollten, verlieren Versicherte eine wichtige Sparchance: In den neuen Einheitstarifen gibt es kein Anrecht mehr auf einen Standardtarif. Dieser sehr günstige Tarif aber kann im Alter ein Rettungsanker sein, wenn die Beiträge unbezahlbar werden.

"Für viele PKV-Kunden ist kein Wechsel sinnvoll", sagt Makler Garcia. "Denn Tarifwechsel sind kein Allheilmittel, sondern immer eine Betrachtung im Einzelfall." Es lasse sich noch häufig Geld sparen. Leider werde aber oft nicht kritisch hinterfragt, ob der Wechsel auch negative Konsequenzen zur Folge haben könne - beispielsweise wenn zugunsten einer Beitragssenkung wichtige Leistungen eingebüßt würden, die gerade im Alter wichtig sind.

Guter Rat oder Reue?

Umso wichtiger ist es, bei der Wahl des Beraters aufzupassen. Ein Makler, der einer Versicherung einen neuen Kunden bringt, erhält laut Experten mehrere Tausend Euro Prämie. Dabei lohnt sich der Wechsel zwischen verschiedenen PKV-Unternehmen in der Regel gar nicht, denn der Versicherte verliert so seine wertvollen Altersrückstellungen.

Als unseriös gelten Maklerhonorare, für die Versicherte das Acht- bis Zwölffache der monatlichen Ersparnis hergeben müssen. Versicherungen wiederum bieten selbst Beratung an - kostenlos. Doch fraglich ist, wie unabhängig dort wirklich beraten wird.

So oder so, Hektik ist nicht nötig. Wer wegen steigender Beiträge in einen anderen Tarif wechseln will, muss kein Sonderkündigungsrecht nutzen und damit schon nach wenigen Wochen reagieren - das ist nur beim Wechsel des Versicherers nötig. Tarifwechsel sind jederzeit möglich und wollen gut bedacht sein.

insgesamt 194 Beiträge
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Seite 1
UnitedEurope 30.11.2017
1.
Trotz allem hält sich mein Mitleid in Grenzen. Wer in die PKV geht tut das meist ohne Not, er wusste worauf er sich einlässt und dass er im Zweifel nie mehr raus kommt. Bei Beamten sieht es nochmal etwas anders aus, aber trotzdem, das ganze System gehört abgeschafft. Ein Solidarsystem sollte alle Bürger erfassen, und keine Zwei-Klassen Gesellschaft befeuern.
henkeltopf 30.11.2017
2.
Schaut man nach Holland, wird gerade dort die Bürgerversicherung zur Zweiklassenmedizin: Nut Notfälle sind im Basispreis abgedeckt, Zahnarzt, Physio, Medikamente...alles muss selbst Zusatzversichert werden. Wer das nicht kann, bekommt alle Zähne rausgerupft. Hier subventioniert die 10% PKV die 90% GKV mit. Ich rate allen, es beim jetzigen System zu belassen.
dadokan 30.11.2017
3. Ich wünschte...
...ich hätte das Recht wieder in die GKV zu wechseln. Das wäre zwar etwas teurer aber ich denke heute mit 42 anders als mit 30. Leider hat die Lobby der Privatversicherer hier ganze Arbeit geleistet. Ich müsste arbeitslos werden um dort wieder raus zu kommen.
Odde23 30.11.2017
4. Selbständige
Zitat von UnitedEuropeTrotz allem hält sich mein Mitleid in Grenzen. Wer in die PKV geht tut das meist ohne Not, er wusste worauf er sich einlässt und dass er im Zweifel nie mehr raus kommt. Bei Beamten sieht es nochmal etwas anders aus, aber trotzdem, das ganze System gehört abgeschafft. Ein Solidarsystem sollte alle Bürger erfassen, und keine Zwei-Klassen Gesellschaft befeuern.
Viele, die sich selbständig machen, wechseln in die PKV. Warum? Weil in der GKV ein Mindestbeitrag fällig wird, dieser beläuft sich auf 399.- EUR im Monat. Müssten sie mehr zahlen, weil das Einkommen darüber liegt, muss der zu wenig bezahlte Beitrag nebst Zinsen für bis zu 4 Jahre nachbezahlt werden. Umgekehrt gibt es keine Erstattung, wenn das Jahreseinkommen, z.B. wegen Krankheit niedriger ausfällt. Hier nur mit der Entscheidung zu argumentieren, dass viele freiwillig die Solidargemeinschaft verlassen, springt daher zu kurz. Eine gewisse Nötigung dazu, findet hier schon auch statt, nicht nur bei den Beamten. Was viele dann beim Wechsel übersehen, ist dass sie später ggf. dann in der Falle sitzen, wenn sie alt werden.
Schnellleser 30.11.2017
5. Auch mein Mitleid hält sich in Grenzen
wer sich aus der Solidargemeinschaft verabschiedet, soll auch mit den Nachteilen der privaten Krankenversicherung klarkommen, gerade im Alter. Ich bin bewusst in einer gesetzlichen Krankenkasse geblieben, obwohl ich wählen darf (Selbstständig). Gerade im Alter kann es bei einer privaten KK sehr teuer werden und wenn man für die Kinder nach extra zahlen darf (was ich müsste), schmilzt der Vorteil bei den Beiträgen nochmal zusammen. Wenn ich die Krankenkassenbeiträge nicht bezahlen könnte, dann hätte ich mit meiner Selbstständigkeit ein grundsätzliches Problem. Leider kenne ich Beispiele, wo Selbstständige sich von den zu Anfang niedrigeren Kosten haben blenden lassen und gerne wieder zurück zur gesetzlichen Krankenkasse wollten. Das geht ja bekanntlich nicht so einfach. Auch haben mich schon Versicherungsvertreten (von solchen Drückerkolonnen) fast ausgelacht, weil ich lieber in der gesetzlichen bleibe. Die private schließt ja auch Vorerkrankungen aus, was die gesetzliche nicht macht. Man sollte sich wenn man die Wahl hat, dies daher sehr genau überlegen. Meiner Erfahrung nach, legt nämlich kaum jemand die evtl. eingesparten Beiträge auch konsequent zur Seite.
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