Britische Kaderschmiede Eton So funktioniert das Netzwerk der Eliten

Was haben Boris Johnson, Prinz William und der geschasste Chef von Cambridge Analytica gemein? Sie waren auf der Privatschule Eton. Das sei kein Zufall, sagt der Soziologe Sam Friedman - und erklärt warum.

Eton-Schüler mit Kopfschmuck
REUTERS

Eton-Schüler mit Kopfschmuck

Ein Interview von Sascha Zastiral, London


Der Skandal um das Datenanalyse-Unternehmen Cambridge Analytica beherrscht in Großbritannien die Schlagzeilen. Für besonders viel Aufsehen gesorgt hat ein heimlich gefilmtes Gespräch mit Alexander Nix, dem inzwischen suspendierten Chef der Firma. Nix erzählt, Cambridge Analytica sei weltweit geheim in Wahlen involviert und agiere durch Tarnfirmen. Er gibt damit an, seine Firma sei in der Lage, Oppositionspolitiker mit Prostituierten und Schmiergeldzahlungen zu kompromittieren.

Was in der britischen Presse ebenfalls gerne erwähnt wird: Nix ist ein Absolvent der Privatschule Eton - der Kaderschmiede der britischen Elite. Eton hat 19 Premierminister hervorgebracht, zahlreiche Royals wurden dort ausgebildet (unter anderem Prince William und Prince Harry). Auch Außenminister und Brexit-Vorkämpfer Boris Johnson hat diese Schule besucht. Eton-Absolventen sitzen im Parlament und besetzen zahlreiche Schlüsselpositionen in Wirtschaft, Medien und Justiz.

Ex-Cambridge-Analytica-Chef Alexander Nix
DPA

Ex-Cambridge-Analytica-Chef Alexander Nix

Die Schule bringt jedoch auch immer wieder fragwürdige Charaktere hervor. Sie alle haben eine Sache gemein: Sie können auf ein ausgedehntes Netzwerk zugreifen und sind nie weit entfernt von den Schalthebeln der Macht.

Der Soziologe Sam Friedman hat untersucht, wie groß die Vorteile sind, die sich aus dem Besuch von Eliteschulen wie Eton ergeben. Eine Studie, an der Friedman mitarbeitete, hat Erstaunliches hervorgebracht.

SPIEGEL ONLINE: Ist Alexander Nix ein typischer Eton-Absolvent?

Friedman: Es ist wohl unmöglich, alleine am Verhalten eines Menschen zu erkennen, dass er eine bestimmte Privatschule besucht hat. Aber wenn man sich das heimlich gefilmte Interview anschaut, dann sieht man klar ein Verhalten, das auf einen privilegierten Hintergrund schließen lässt: eine bestimmte Art von Selbstsicherheit, eine gewisse Glattheit, ein bestimmter Akzent, die Wortwahl, solche Sachen eben. Mit diesem Hintergrund ist die Wahrscheinlichkeit groß, diese sehr hohen Positionen zu erreichen. Und gerade in jenen Berufen, die davon abhängen, dass man andere Menschen von irgendwas überzeugt, sind die Absolventen von Eton und anderen Eliteschulen stark überrepräsentiert. Das zeigen mein Daten deutlich.

Zur Person
  • LSE
    Sam Friedman, ist Associate Professor für Soziologie an der London School of Economics (LSE). Er forscht zu Ungleichheit und der kulturellen Dimension von Klassenfragen.

SPIEGEL ONLINE: Was lernt man in diesen Eliteschulen über Selbstdarstellung und den Umgang mit Menschen?

Friedman: Einige Eton-Absolventen haben über ein Phänomen geschrieben, das als "oiling" bezeichnet wird: also, wie man einen anderen Menschen "einölt". Dabei gibt man sich im Umgang mit einer anderen Person betont nett und schmeichelt sich ein, verfolgt aber eine eigene Agenda - und zwar ohne, dass die andere Person das weiß. Das ist eine extreme Version dieser sehr speziellen Form von Selbstdarstellung, die bei privilegierten Familien eingeprägt zu sein scheint, und das vor allem bei Absolventen von Eliteschulen.

SPIEGEL ONLINE: Boris Johnson wird gerne als Paradebeispiel für einen Eton-Absolventen bezeichnet.

Friedman: Boris Johnson ist tatsächlich ein gutes Beispiel. Er hat ein Arsenal an kulturellen Bezugspunkten parat, die einem automatisch eine Aura von Intelligenz geben. Aber das ist nicht viel mehr als ein soziales Konstrukt. In Großbritannien ist der soziale Hintergrund offensichtlicher als in anderen Ländern. Und die Fehlwahrnehmung dessen, was als Talent angesehen wird und in direkter Verbindung zu dem persönlichen Hintergrund einer Person steht, ist sicher größer als in anderen Ländern.

Außenminister Boris Johnson beim traditionellen Oster-Bankett
DPA

Außenminister Boris Johnson beim traditionellen Oster-Bankett

SPIEGEL ONLINE: Sie kommen in ihrer Studie zu dem Schluss, dass die Absolventen der neun führenden Privatschulen Großbritanniens 94 Mal bessere Chancen darauf haben, Spitzenpositionen in Wirtschaft und Gesellschaft zu erreichen als Menschen, die eine gewöhnliche Schulen besucht haben. Das klingt unglaublich.

Friedman: Ob man es glaubt oder nicht: Diese Zahl ist sogar noch vergleichsweise niedrig. Ende des 19. Jahrhunderts hatten die Absolventen dieser Schulen eine etwa 250 Mal höhere Chance, in Spitzenpositionen zu gelangen. Aber auch heute ist der Einfluss, den diese Schulen haben, noch immer irrsinnig überzogen. Von den letzten 54 Premierministerin, die Großbritannien hatte, waren 36 an einer dieser neun Schulen. Das waren schon immer die Kaderschmieden der britischen Elite.

SPIEGEL ONLINE: Schneiden die Schüler dieser Eliteschulen bei landesweiten Prüfungen auch wesentlich besser ab als Schüler an staatliche Schulen?

Friedman: In den landesweiten Ranglisten landen die Eliteschulen schon alle ziemlich weit vorne. Aber die Karrierechancen, die Absolventen dieser Schulen haben, lassen sich nicht damit erklären. Denn mit Sicherheit schneiden die Schüler dort nicht 94-mal besser ab als Schüler an staatlichen Schulen. Aber es geht nicht nur um Noten, sondern auch um andere Inhalte, die an diesen Schulen vermittelt werden und die den Schülern in ihrem späteren Leben helfen. Da wird den Schülern eingeimpft, wie man sich kleidet, wie man spricht. Die Art und Weise, wie man seine Vorstellungen ausdrückt. Und natürlich die Einstellung, dass man habe ein Recht darauf habe, zu wichtigen Fragen gehört zu werden. Und diese Schulen bieten natürlich auch die Netzwerke, die einen Zugang zu Elitepositionen ermöglichen.

Was wir uns da allerdings fragen müssen: Sind das legitime Qualifikationen, oder sind diese Eigenschaften nicht relativ willkürlich? Wieso wird ein bestimmter Akzent als Ausdruck von Intelligenz betrachtet? Sind das Dinge, die wir als Gesellschaft belohnen möchten? Oder sind das nicht einfach nur Eigenschaften die diejenigen, die bereits in wichtigen Schlüsselpositionen sind, erkennen und als Anzeichen für Verdienst und Talent ansehen?

SPIEGEL ONLINE: Wie funktionieren die Netzwerke der britischen Eliten?

Friedman: Eine Menge läuft über die Privatklubs, die eine sehr britische Angelegenheit sind. Diese Privatklubs liegen fast alle im Zentrum von London. Die Mitglieder dieser Klubs nutzen diese nicht nur, um sich zu vergnügen, sondern auch, um Kontakte zu knüpfen und um ihre Karriere voranzubringen. Das widerspricht jedoch stark der Vorstellung, die viele Menschen hier von Großbritannien haben: Dass wir ein offenes, dynamisches Land seien, in dem es alleine auf die persönlichen Leistungen ankomme.

SPIEGEL ONLINE: Sind denn nicht in den letzten Jahren auch viele neue Klubs hinzugekommen, die sich weitaus moderner geben als die Traditionsklubs?

Friedman: Das stimmt. Die traditionellen Privatklubs haben sich immer auf Männer in traditionelle Berufen konzentriert, also etwa auf Juristen. Aber es gibt jetzt in London viele neue Privatklubs, die sich sehr viel Lifestyle-orientierter präsentieren und natürlich auch Frauen zulassen. Dort finden man viele Kulturschaffende und Medienleute. Spricht man etwa mit Menschen, die in führenden Positionen beim Fernsehen sind, dann reden die oft über die Notwendigkeit, in solchen Klubs gesehen zu werden. Und sie erzählen, dass sie dort einen wichtigen Teil ihrer Geschäfte machen. Alle diese Klubs haben eine wichtige Funktion für die Elite hier in Großbritannien. Viele der traditionellen Privatklubs sind eng mit den führenden Privatschulen des Landes verbunden.

SPIEGEL ONLINE: In einer anderen Studie kommen Sie zu dem Schluss, dass Menschen, die aus einer höheren sozialen Schicht stammen, mehr verdienen, auch wenn sie den exakt selben Job machen. Ist der Unterschied wirklich so groß?

Friedman: Wir haben uns angeschaut, wie stark die Herkunft einen Schatten durch das gesamte Leben wirft. Wir haben uns Leute in den renommiertesten Berufen angeschaut, also Menschen, die im Rechtswesen, in der Medizin und in ähnlichen Branchen arbeiten. Dabei sind wir auf eine eklatante Einkommensungleichheit gestoßen zwischen Menschen, die aus hohen und niedrigen gesellschaftlichen Schichten stammen. Nachdem wir alle Faktoren herausgerechnet haben, die wir uns vorstellen konnten, haben die Menschen, die aus privilegierten Schichten stammen, etwa zehn Prozent mehr verdient. Die Herkunft wirkt sich in Großbritannien auf das gesamte Leben aus.

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lorn order 31.03.2018
1. das ist doch in Deutschland nicht besser
Wir haben in Deutschland keine so ausgeprägte Privatschulkultur wie in Großbritannien. Aber auch in Deutschland ist die Herkunft entscheidend für das Leben. Akademikerkinder werden häufiger für das Gymnasium empfohlen als Kinder aus bildungsfernen Familien. Und selbstverständlich ist es einfacher im Leben, wenn man schon zu Hause lernt, wie man eine Bibliothek benutzt, wie man sich wann zu kleiden hat, wie Smalltalk funktioniert. Ich komme aus einer Familie, in der seit Generationen(tatsächlich bis ins 19. Jahrhundert zurückreichend) jeder einen Universitätsabschluss hat. Es war für meine Brüder und mich vollkommen undenkbar, nach der Schule etwas anderes zu planen als ein Studium. Na klar, keiner von uns ist Bundeskanzler oder DAX-Vorstand geworden, aber es war für uns deutlich einfacher, auf der Sonnenseite des Lebens zu bleiben als es für Hartzer ist, dorthin zu gelangen. Aber es bleibt festzuhalten, dass die Klassengesellschaft in Großbritannien deutlich ausgeprägter ist als in Deutschland.
ptb29 31.03.2018
2. Gutes Beispiel Boris Johnson
Ich war schon immer der Meinung, dass er über Beziehungen an seine Ämter gekommen ist.
Horch und Guck 31.03.2018
3. Gangster und Gangster
Die einen, Besipiel USA, ziehen sich ihre Strassenuniform an und erklären ihre Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gang anhand der Farbe der Kleidung. Für diese Leute, die meist kriminell sind wegen in der Bevölkerung grassierender Armut, ist ein Gefängnissaufenthalt sozusagen die Uni. Dort bekommen sie ihren Feinschliff, die letzten Kniffe beigebracht, dort knüpfen sie Kontakte für ihr weiteres Leben als Gangster. Wenn sie dann ihre "Arbeit" gut machen und eigentlich in "Rente" gehen könnten, machen die Meisten aber weiter, getrieben von Gier. Diejenigen aber, die sehr oft moralisch verkommen und auch kriminell sind(nur besser versteckt), mit politischen Entscheidungen ganze Völker in Kriege treiben und abertausende von Menschen töten können, durch Reichtum soviel Macht missbrauchen können wie es ihnen beliebt, die Bevölkerung ausnutzen, Geld für sich "arbeiten" lassen und in großem Maße Steuern hinterziehen, die geben sich zu erkennen an ihrer Gangkluft, dem Anzug, dem Hemd und dem Schlips. Und tun das alles nicht weil sie arm sind, sie sind nur von Gier getrieben. Diese Gesellschaftsschädiger besuchen halt Unis wie Eton, um ihren Feinschliff zu bekommen, um die letzten miese Kniffe beigebracht zu bekommen. Und um Kontakte für ihr weiteres Leben als z.B. Politiker, als Prinz, als Bänker, als Waffenhändler, als Steuervermeider, als Chef eines gegen die Bevölkerung gerichteten Spionage und Propganda-Apparates zu knüpfen. Ich persönlich finde die Gangster in Anzügen gefährlicher. Erstens werden die allesamt viel älter und können somit länger Schaden anrichten als arme Strassengangster. Durch ihre Erbfolge werden sie sowieso and Schalthebel der Macht befördert, von wo aus sie massiv den Menschen schaden können. Zweitens gaukeln die Anzug-Gangster den Menschen vor sie wären gar keine Gangster, sondern sogar noch etwas viel besseres als die normale Bevölkerung. Wer sein wahres Gesicht hinter einer Maske wie einem Anzug, einem Hemd und einem Schlips versteckt, der ist auch noch ein feiger Gangster ohne Kodex!
AndreasKurtz 31.03.2018
4. Jeremy Corbyn gehört nicht dazu,
sie werden alles tun, um ihn zu verhindern. Nix hat ausgeplaudert wie sie es machen, man ahnte es vorher. Im Moment wird die antisemitische Karte gegen Corbyn gespielt, davor war er ein Ostblock-Spion. Man kann sicher sein, es wird schmutziger, feiger, unverschämter werden. Alles in feinstem Eaton - Englisch.
carahyba 31.03.2018
5. Boris ...
Zitat von ptb29Ich war schon immer der Meinung, dass er über Beziehungen an seine Ämter gekommen ist.
Boris Johnson hat mit anderen politischn "Grössen" wie dem unfähigen "DeCamerone" im selben Jahrgang zusammen studiert. Wenn ich mich richtig erinnere in Cambridge. Da kommt man auch nur mit besonderen "Leistungen" hinein.
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