Profitschwund Ausgestrahlt - Energieriesen in der Existenzkrise

Die fetten Jahre sind vorbei: Atomausstieg und Brennelementesteuer drücken die Profite von E.on, RWE und Co. - ab 2013 kommen auch noch Milliardenkosten für CO2-Zertifikate dazu. Deutschlands Energieriesen stecken in der Strategiefalle. Werden sie zu Übernahmezielen für die ausländische Konkurrenz?

Wärmebild des Kohlekraftwerks Großkrotzenburg: An vier Fronten gegen den Profitschwund
REUTERS

Wärmebild des Kohlekraftwerks Großkrotzenburg: An vier Fronten gegen den Profitschwund

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Hamburg - Die Energiewirtschaft steht vor einer Zeitenwende. Das verdeutlicht eine Karikatur, die Atomkraftgegner im April im Foyer der RWE-Hauptversammlung platziert hatten. Sie zeigt zwei Dinosaurier, die Wind- und Solaranlagen zerstampfen. Der Bundesregierung wurde da vorgeworfen, sie stelle die Energiegiganten "unter Artenschutz".

Jetzt ist der Artenschutz aufgehoben. Die Atom-Dinos haben ausgestampft. Sie sind es nun, die um ihre bisher sehr auskömmliche Existenz kämpfen müssen.

In der Nacht von Sonntag auf Montag haben Union und FDP den Atomausstieg besiegelt. Acht AKW sollen sofort stillgelegt werden, die restlichen neun Meiler bis spätestens 2022. Für E.on Chart zeigen, RWE Chart zeigen, EnBW Chart zeigenund Vattenfall Chart zeigen, die noch vor wenigen Monaten eine satte Laufzeitenverlängerung für ihre Kraftwerke bejubelten, ist das ein harter Schnitt.

Allein die acht Atommeiler, die in diesem Jahr stillgelegt werden, sorgen für Gewinne von mehr als 1,5 Milliarden Euro und Umsätze von mindestens drei Milliarden Euro pro Jahr. Das hat der Energiewissenschaftler Wolfgang Pfaffenberger von der Jacobs Universität ausgerechnet. Alle 17 deutschen AKW zusammen schaffen sogar rund vier Milliarden Euro Gewinn und rund 7,5 Milliarden Euro Umsatz. Spätestens 2022 fallen die Atom-Milliarden komplett weg.

Umsätze und Gewinne der Atomkraftwerke

Kraftwerke Strom- produktion* Umsatz bei Strompreis von 53 Euro Gewinn bei Strompreis von 53 Euro Umsatz bei Strompreis von 60 Euro Gewinn bei Strompreis von 60 Euro
Sieben Alt-AKW 48,8 2587 1318 2929 1660
Krümmel 8,7 460 234 521 295
Neu modernere AKW 82,6 4376 2229 4954 2807
Alle 17 AKW 131,4 6964 3547 7883 4467

Quelle: Wolfgang Pfaffenberger; *in Milliarden Kilowattstunden, bei einem angenommenen Betrieb von 6900 Stunden im Jahr; Umsätze und Gewinne in Millionen Euro, Werte gerundet

Den Konzernen hilft es nur bedingt, dass die Regierung den Atomausstieg so gestrickt hat, dass die verbleibenden neun AKW noch gut zehn Jahre durchlaufen können. Denn bis 2016 zahlen sie obendrein noch eine jährliche Brennelementesteuer von 1,3 Milliarden Euro.

Die fetten Jahre sind für die Energieriesen definitiv vorbei: Grob überschlagen fressen Brennelementesteuer und Altmeilerstopp rund ein Achtel ihrer Vorsteuergewinne. Der Komplettausstieg würde sie gar bis zu jeden sechsten Euro Vorsteuergewinn kosten.

Umsätze und Gewinne der Atomkonzerne

Konzern Umsatz Gewinn vor Steuern Gewinn nach Steuern
E.on 92,8 Milliarden Euro 11,2 Milliarden Euro**** 6,3 Milliarden Euro*
RWE 53,3 Milliarden Euro 10,2 Milliarden Euro*** 3,3 Milliarden Euro**
EnBW 17,5 Milliarden Euro 3,3 Milliarden Euro*** 1,2 Milliarden Euro*
Vattenfall 13 Milliarden Euro 2,1 Milliarden Euro 259 Millionen Euro*
Gesamt 176,6 Milliarden Euro 26,8 Milliarden Euro 11 Milliarden Euro

Quelle: Geschäftsberichte von E.on, RWE, EnBW und Vattenfall; Angaben gerundet; *Konzernüberschuss; **Nettoergebnis; ***Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen; ****Ergebnis aus fortgeführten Aktivitäten vor Finanzergebnis und Steuern

Interne Berechnungen von E.on bestätigen das. Der Konzern geht davon aus, dass der Gewinn nach Steuern 2011 im Vergleich zum vergangenen Jahr um 30 Prozent einbrechen wird. Dabei ist noch nicht einmal berücksichtigt, dass vier AKW, an denen E.on Anteile hält, wohl nie wieder ans Netz dürfen.

Kohlekraftwerke verursachen bald neue Milliardenkosten

Das sind schlechte Aussichten. Entsprechend stürzen die Aktien der Energieriesen ab. E.on- und RWE-Papiere haben sich seit Mitte März um gut 20 Prozent verbilligt. Tendenz fallend. Analysten der LBBW erwarten, dass E.on und RWE bis 2012 noch einmal zwischen sechs und elf Prozent an Wert einbüßen. Die Energieriesen drohen zu Übernahmekandidaten für ausländische Konkurrenten wie EdF Chart zeigen oder Gazprom Chart zeigen zu werden.

Grafik: Vergleich Atomausstiege Rot-Grün und Schwarz-Gelb
SPIEGEL ONLINE

Grafik: Vergleich Atomausstiege Rot-Grün und Schwarz-Gelb

Der Atomausstieg ist für die Energieriesen auch langfristig ein Problem: Die emissionsarme Kernkraft sollte ihre CO2-Bilanz aufpolieren. Auch das funktioniert nun nicht mehr.

Schon 2013 bekommen die Konzerne mit ihren Kohlekraftwerken Probleme. Derzeit erhalten sie noch rund 70 Prozent der Luftverschmutzungszertifikate kostenlos, die laut Klimaschutzauflagen für den Betrieb der Kohlemeiler nötig sind. Ab 2013 müssen sie für jedes Gramm CO2, das sie ausstoßen, Zertifikate kaufen - was die Produktion deutlich teurer macht.

Nach Berechnungen des Energiewissenschaftlers Uwe Leprich von der Saarländischen Hochschule für Technik und Wirtschaft wird die deutsche Kohleindustrie ab 2013 rund 4,2 Milliarden Euro für CO2-Zertifikate zahlen müssen; ein Großteil entfällt auf die vier großen Energieversorger.

Besonders RWE trifft der Handel mit den Luftverschmutzungszertifikaten hart: Laut "Handelsblatt" werden CO2-Zertifikate den Konzern künftig insgesamt rund 1,5 Milliarden Euro pro Jahr kosten. Für 2013 prognostiziert RWE einen Jahresgewinn von fünf Milliarden Euro - nach 7,7 Milliarden im Jahr 2010. Die Kosten des Atomausstiegs sind da noch nicht eingerechnet.

"Existenz ganzer Energieunternehmen bedroht"

CO2-Zertifikate, Atomausstieg - als wäre das nicht genug. Doch die Atom-Dinos haben noch ein drittes Problem: Sie werden immer weniger Strom los. Elektrizität aus Windrädern, Solaranlagen und Biomassekraftwerken hat in den Netzen Vorfahrt, und diese Anlagen produzieren oft genau dann Elektrizität, wenn Nachfrage und Preise an der Energiebörse steigen.

Vor allem der Solar-Boom macht den Energieriesen zu schaffen. Auf dem gesamten Bundesgebiet sind schätzungsweise Anlagen mit einer Kapazität von rund 20 Gigawatt installiert - das entspricht ungefähr der Leistung aller Atomkraftwerke. Solaranlagen sind vor allem zur Mittagszeit aktiv - wenn Strom am meisten Profit abwirft. Die Konzerne müssen ihre Atom- und Kohlekraftwerke ausgerechnet dann herunterregeln - was die Einnahmen zusätzlich drückt.

"Geht der Photovoltaikausbau ungebremst weiter, ist nicht nur die Existenz einzelner Kraftwerke bedroht - sondern die Existenz ganzer Energieunternehmen", sagt Helmuth Groscurth, Chef des Arrhenius-Instituts, das mehrfach Studien für das Bundesumweltministerium durchführte.

Atom-Dinos vor Strategieschwenk

Der Atomausstieg drängt die Energieriesen in die Ecke. Entsprechend erbittert leisten sie Widerstand. E.on will diese zusätzlichen Belastungen nicht tragen. Deutschlands größter Energiekonzern klagt gegen die Brennelementesteuer, auch RWE behält sich eine Klage vor. Gegen die Zwangsabschaltung seines Altmeilers Biblis A im Rahmen des Atommoratoriums geht der Konzern bereits gerichtlich vor.

Ihre strukturellen Probleme werden die Konzerne indes nicht wegklagen können. Ein grundlegender Wandel ist nötig, um die milliardenschweren Gewinneinbrüche zu kompensieren.

Ein erster Strategieschwenk deutet sich bereits an: Die Konzerne dürften versuchen, einen Teil ihrer Aktivitäten ins Ausland zu verlagern. So beteiligt sich RWE an einem Kernkraftwerk in den Niederlanden - mit der Option, ein zweites zu bauen. In Russland, Tschechien und Frankreich sondiert Konzernchef Jürgen Großmann ähnliche Projekte. E.on hat bislang vor allem im Ausland in erneuerbare Energien investiert.

insgesamt 343 Beiträge
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Seite 1
Hubert Rudnick, 01.06.2011
1. Arme Konzerne?
Zitat von sysopDie fetten Jahre sind vorbei: Atomausstieg und Brennelemente-Steuer drücken die Profite von E.on, RWE & Co. - ab 2013 kommen auch noch Milliardenkosten für CO2-Zertifikate dazu. Deutschlands Energieriesen stecken in der Strategiefalle. Werden sie zu Übernahmezielen für die ausländische Konkurrenz? http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,765678,00.html
Wenn ich mir das alles durchlese, dann könnte ich zum Entschluß kommen eine Spendenaktion für die verarmten Energiekonzerne ins Leben zu rufen. HR
P.H., 01.06.2011
2. Trifft sich doch eigentlich gut!
Zitat von sysopDie fetten Jahre sind vorbei: Atomausstieg und Brennelemente-Steuer drücken die Profite von E.on, RWE & Co. - ab 2013 kommen auch noch Milliardenkosten für CO2-Zertifikate dazu. Deutschlands Energieriesen stecken in der Strategiefalle. Werden sie zu Übernahmezielen für die ausländische Konkurrenz? http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,765678,00.html
Wie oft war die Rede davon, die vier Stromriesen zu zerschlagen? - Jetzt ist die Gelegenheit dazu!
t_bet 01.06.2011
3. what will happen
die frage wie die versorger ihre marktanteile in D margestark aufrecht erhalten liegen auf der hand : zum einen wird es massive investitionen im offshore-wka bereich geben - da diese anlagen in der merit-order ganz oben einspeisen können und bei entsprechender ausgestaltung der vergütung als auch einens finanzierungsrahmens (! - hier sollte die bundesregierung mal aktiv werden und die mittelverwendung aus der brennelementesteuer dahingehend mal revudieren - kfw-kredite mit moderaten zinsen für den bau neuer offshore-wka) - zum anderen reichen 10-20 neue g&d-blöcke a la irsching 4 um alle weiteren frage zu beantworten. sollte unsere regierung dann noch soviel weisheit besitzen und ein förderprogramm für adiabatische caes kraftwerke in salzkavernen entlang der deutschen nordseeküste auflegen - dann ist die energiewende auch schon geschafft - wenn sie entsprechende anreize verspricht - und manche manager bei eon und co mal langsam ausgetauscht werden (das sind ja aktiengesellschaften) - dann wird es auch mit dem vorsteuergewinn wieder etwas nach ein paar jahren turnaround und höherer abschreibungen (diesmal nicht auf misslungene auslandsinvestitonen a la eon in spanien bspw. - viele der probleme die eon bspw. belasten sind hausgemacht - die auswirkungen durch die abschaltung der akw sind da im vergleich ein relativ geringer anteil !)
t_bet 01.06.2011
4. nachsatz
ein vorstand, der nicht in der lage ist ein unternehmen bis 2022 entsprechend umzubauen gehört im übrigen nicht auf diesen posten - und wenn er so unfähig ist, dann sollte er zumnidest soviel restintelligenz besitzen im ausland entsprechend knowhow zuzukaufen - eine firma wie "dong" bspw. hat implizit schon alles was in zukunft notwendig ist zu guten teil vorexerziert ...
NoQuarter 01.06.2011
5. tja
Tja so ist das eben, die deutschen beschädigen durch Neid ihre eigene Wirtschaft. Große deutsche Unternehmen investieren im Ausland statt hier bei uns und Arbeitsplätze fallen weg. Aber wir haben es geschafft die Gewinne der Energierießen zu drücken! Hurraa!
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