Prokon-Insolvenz Geld verlieren mit Gefühl

Aufstieg und Fall des Ökokonzerns Prokon sind ein Lehrstück über die emotionalen Fallstricke der Geldanlage. Wenn es ums Investieren geht, reichen oft schon Gratis-Schnittchen und ein vermeintlich edles Anliegen, um unseren Verstand zu vernebeln.

Von Christian Kirchner

Prokon-Werbung: "Unser Geld ist nicht weg, es arbeitet für uns in Windrädern!"
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Prokon-Werbung: "Unser Geld ist nicht weg, es arbeitet für uns in Windrädern!"


Die vier Phasen der Trauer gibt es nicht nur bei Tod oder Jobverlust, sondern auch bei der Geldanlage. Der Beleg für diese These findet sich derzeit beim Ökounternehmen Prokon.

Im Zuge eines Insolvenzantrags stehen dort 1,4 Milliarden Euro an Anlegergeldern im Feuer. Was sich derzeit als Reaktionen in unzähligen Diskussionsforen und beim Unterstützerkreis "Freunde von Prokon" ablesen lässt, sind die ersten drei Phasen der Trauer: Das Nicht-Wahrhaben-Wollen ("Unser Geld ist nicht weg, es arbeitet für uns in Windrädern."), die Eruption der Emotionen (Beschimpfung der "wahren" Schuldigen: Banken, Medien, Strommultis), das Suchen und Finden (von Gleichgesinnten und ganz banal dem eigenen Geld).

Lediglich Phase vier, die Akzeptanz des Unabänderlichen, ist derzeit noch rar gesät: Das in Prokon-Genussscheinen investierte Geld ist wahrscheinlich zum großen Teil einfach futsch.

Wie konnte es so weit kommen, dass eine operativ und kommunikativ überforderte Firma ohne testierte Bilanz und mit äußerst kreativer Buchführung Milliarden einsammelt?

Es ist mitnichten nur die Gier. Viel wichtiger: Etablierten Banken und Finanzdienstleistern ist es seit der Finanzkrise 2008 nicht gelungen, glaubwürdige Angebote für die wachsende Zahl der Anleger zu machen, die Wert auf eine moralisch-ethische Qualität ihrer Finanzgeschäfte legen und eine emotionale Identifikation mit ihrer Geldanlage suchen. Ein Selfmade-Mannwie Prokon-Chef Carsten Rodbertus, der auf Informationsabenden bis zum letzten Schnittchen am Buffet steht und ansprechbar ist, strahlt für viele Anleger mehr Glaubwürdigkeit aus als das Gerede vom Kulturwandel bei der Deutschen Bank oder die Fernsehspots über die eigene Läuterung der Commerzbank.

Medien als Hauptschuldige beschimpft

Hinzu kommt die seltsame deutsche Asymmetrie bei der Regulierung: Während der Gesetzgeber von qualifizierten Finanzberatern episch lange Risikoaufklärungen und Protokolle verlangt, wenn er Anlegern auch nur einen harmlosen Aktienfonds verkauft, kann ein Unternehmen ohne große Dokumentationspflicht oder Überprüfung Genussrechte ausgeben, die an keiner Börse gehandelt und im Pleitefall als Letztes bedient werden.

Zwar ist es für die über 70.000 Prokon-Anleger schon schlimm genug, dass ihr Geld gefährdet ist. Ähnlich schmerzhaft ist allerdings, dass die meisten von ihnen eine ökologische korrekte, bankenunabhängige Investition in Sachwerte wollten. Nun werden sie aber per Ferndiagnose von den sowieso verhassten Medien als Gierschlünde beschimpft, die auf die in Aussicht gestellten bis zu acht Prozent Rendite scharf gewesen seien. Das erklärt auch die umfassenden, oft ins tragikomische abdriftende Appelle und Rasereien von noch immer überzeugten Prokon-Unterstützern, die in Rundbriefen den Prokon-Chef schon mal zum modernen Robin Hood stilisieren. Und im Übrigen nicht müde werden, die Medien als Hauptschuldige zu beschimpfen.

Verkauft wird Nähe und ein Gemeinschaftsgefühl

Prokon ist und bleibt aber auch - womit wir zum Punkt des Lernens kommen - ein Beispiel für die Relevanz der verhaltensorientierten Finanzmarktforschung. Denn gerade im Umfeld von ethisch korrekten Geldanlagen läuft man Gefahr, die Hürden für eine Anlage unterbewusst tiefer als sonst zu hängen. "Viele Menschen meiden ja auch Glücksspiele oder sehen diese ganz rational. Bei karitativen Lotterien, etwa im Zoo, machen sie dann aber doch eine Ausnahme: Ich kann gewinnen, und wenn ich verliere, dann war es eben für den guten Zweck", sagt Behavioral-Finance-Experte Joachim Goldberg von dem auf Verhaltensanalyse spezialisierten Frankfurter Institut Cognitrend.

Prokon versteht sich hervorragend darauf, unter Anlegern ein Gemeinschaftsgefühl zu stiften - über regelmäßige Informationsabende und Windparkfeste mit Tandem-Fallschirmsprüngen und Schnittchen. "So etwas ist sehr geschickt", sagt Goldberg. Man vermittele Anlegern den Eindruck, zur Elite derjenigen zu gehören, "die das Richtige machen und dafür noch hohe Zinsen kassieren". "Und wenn Sie gut erzogen sind", so der Finanzmarktexperte, "lösen eine Einladung zu Essen und Trinken, die vom Unternehmen investierte Zeit und die Mühe in Ihnen immer auch die Reaktion aus, etwas zurückgeben zu müssen".

Die vielen Warnungen in den Medien und später gar der Insolvenzantrag führen so unter dem Strich zu einem noch stärkeren Gemeinschaftsgefühl: "Dann setzt die selektive Wahrnehmung ein, das Bestätigen der eigenen Position, indem Kritik heruntergespielt, komplett ausgeblendet oder das Engagement zur Langfristanlage ohne Renditeziel deklariert wird."

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insgesamt 53 Beiträge
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Seite 1
Tevsa 26.01.2014
1. auc Gier ist eine Gefühl...
... sogar ein starkes. Nur wenige sind nicht gierig wenn sie Geschäfte an der Börse machen...
Aladin02 26.01.2014
2. Grundrechenarten reichen
Auch wenn die Anleger alles noch durch ihre Gutmenschen-Brille sehen, die Grundrechenarten beherrschen sie sicher doch noch. Von ihren 1.300 Mio. Anlagengeldern wurden 500 MW Windparkleistung errichtet, diese waren vor Jahren mal 500 Mio. Euro wert, als sie noch neu waren. Und das Sägewerk und die Biodieselfabrik sind nie und nimmer die restlichen 800 Mio. Euro wert. Überschlägig kann sich also jeder selbst ausrechnen, dass mehr als die Hälfte des Geldes weg ist, beispielsweise in dubiosen rumänischen Wäldern angelegt, wie heute berichtet wurde. Oder auch ausgezahlt als 8%-Zinsen, denen aber keine Einnahmen aus nicht existenten Windparks gegenüberstanden.
hansulrich47 26.01.2014
3. Wer ist nicht gerne ein GUTER Mensch!!
Zitat von sysopDPAAufstieg und Fall des Ökokonzerns Prokon sind ein Lehrstück über die emotionalen Fallstricke der Geldanlage. Wenn es ums Investieren geht, reichen oft schon Gratis-Schnittchen und ein vermeintlich edles Anliegen, um unseren Verstand zu vernebeln. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/prokon-die-fallen-bei-der-oeko-geldanlage-a-945295.html
Gut und edel sei der Mensch, hat doch schon Goethe gefordert. Wenn man dann noch 8% Zinsen bekommt, da kommt schon mal das Gefühl auf, genau so zu sein. Klappt es dann nicht, sind böse Mächte schuld. Verschwörer gegen das Gute, Edle. Dabei muss man einfach nur mal nachsehen, wo für es heute hohe Zinsen gibt. Firmen mit einem relativ guten Ruf geben zwischen 1.5% und 2.5% Zins bei ihren Anleihen. Wer 6 bis 8% Zins geben muss, ist kurz vor der Pleite oder in heftigen Schwierigkeiten. Ich schreib jetzt keine Firmennamen, sonst streicht das der Zensor raus. Deshalb nur das: Airlines oder Reedereien, die seit Jahren rote Zahlen schreiben, geben Anleihen mit diesem Zinsniveau heraus. Da reiht sich Prokon ein. Und deshalb kann kein Anleger sagen, das ist aber ganz anders bei Prokon ....
tchantchès 26.01.2014
4. Es trifft ja keine Armen
Ein Haufen Zahnwälte und überversorgte Rentner hat sich für besonders schlau, edel oder sonstwas gehalten. Die sind jetzt alle ein paar Tausender los geworden, die ihnen nicht wirklich fehlen werden. Wer tatsächlich auf seine Spargroschen angewiesen ist, der legt sie nicht derart riskant an.
kumiori 26.01.2014
5. Unbestritten ...
müssen sich viele Prokon-Anleger eine gewisse Blauäugigkeit vorwerfen lassen. Anderseits hat der Autor mit seinem Blick auf ethische Geldanlagen aber durchaus auch recht. Es gibt ein wachsendes Bedürfniss Anlagen nicht bei Heuschrecken und der "normalen" Finanzindustrie zu machen, bei der es ja immer ersichtlicher wird, dass es nicht um die Rendite der Anleger, sondern einzig um die zu erzielenden Provisionen geht. Allerdings sehe ich bei dieser Thematik noch einen ganz anderen Schuldigen. Mit der Abwendung unseres Staates vom Generationenvertrag im Rentensystem, wurden wir Bürger völlig alleine gelassen. Es wurden zwar Anlageformen wie Rürup und Riester eingeführt, aber wie sich gezeigt hat, nutzen diese ja auch hauptsächlich den Versicherungen und Banken. Wir Bürger sollen uns selbst um unsere Altersvorsorge kümmern und wurden von den Verantwortlichen sehenden Auges den Finanzgeiern zum Fraß vorgeworfen.
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