TV der Zukunft Wie das deutsche Fernsehen hip werden will

Netflix, Amazon, YouTube: Deutsche TV-Sender werden in ihrem Heimatmarkt von US-Internetriesen attackiert. Nun startet ProSiebenSat.1 den Gegenangriff: In einer Villa in Hollywood veranstaltet die Firma wilde Experimente mit deutschen YouTube-Stars.

Eine Multimedia-Serie aus Los Angeles von


West Hollywood,
YouTube-Villa von ProsiebenSat.1
Kamerafahrt unter die Erde. Zoom auf zwei junge deutsche Männer in Wehrmachtsuniformen. Sie salutieren, einer kratzt sich über der Oberlippe.

Sprecher: "Nach 70 Jahren, eingesperrt in einem Bunker, abgeschnitten von der Außenwelt, machen sich zwei deutsche Elitesoldaten auf, den deutschen Spielejournalismus zu erobern."

Kriegsbilder in Schwarzweiß. Szenen aus Computerspielen. Schnitt auf einen der jungen Männer.

"Was zur Hölle?" (Fuchtelt mit einer Pistole herum.) "Raschün tänks cän äctschuli kill a Görmän Pänzar? Hu criäited sis Scheißdeck?" (Ballert in die Luft.)

Einblendungen in Runenschrift: "Fabian Siegismund. David Hain. SiegHain."

Die großen Fernsehsender versuchen alles Mögliche, um im Internet neue Zuschauer zu gewinnen. Die deutsche Firma ProSiebenSat.1 Chart zeigen versuchte es eine kurze Zeit mit einer Satireshow über zwei Nazis, die in einem Bunker sitzen und Ballerspiele rezensieren.

TV-Manager Meinberger
ProSiebenSat.1

TV-Manager Meinberger

Es ist Mitte Juli, ProSiebenSat.1-Manager Christian Meinberger sitzt am Pool einer Villa in West Hollywood und zweifelt. Er findet die Sache zu kontrovers. Der Sender wird das Format wohl wieder einstellen, obwohl die Zuschauer es ausdrücklich loben. Meinberger holt sein Handy heraus und scrollt sich durch kilometerlange Zuschauerkommentare. "Im Fernsehen kommt nur Schrott", hat eine Nutzerin unter das Video geschrieben. "Das hier ist richtig gute Unterhaltung."

"Wir müssen im Netz rasch Reichweite aufbauen"

Warum Schrott auf YouTube besser sein soll als Schrott im Fernsehen: Das ist die große Frage, die Meinberger in besagter Villa klären soll. ProSiebenSat.1 hat sie für den Sommer gemietet und sie mit einem Kicker, einem Kühlschrank voll Vodka RedBull und einer Horde deutscher YouTube-Stars befüllt. Künstlern wie Gronkh, Sarazar, Misses Vlog oder Siegismund und Hain.

Die Videoblogger übernachten je für ein paar Wochen in der Villa, treffen zwischendurch amerikanische YouTube-Künstler und drehen täglich mindestens ein Video, das ProSiebenSat.1 in einem seiner YouTube-Kanäle veröffentlicht. Mal filmen sie, wie sie sich gegenseitig in den Pool schubsen, mal dokumentieren sie ihren Trip nach Las Vegas.

"Na? Kleines Let's Play?", fragt Sarazar im Casino des Hotels Bellagio und setzt sich an einen Daddelautomaten. Ein Let's Play ist ein beliebtes Genre auf YouTube, bei dem meist junge Menschen anderen meist jungen Menschen beim Zocken zusehen. Die Szene am einarmigen Banditen ist eine ironische Anspielung darauf.

ProSiebenSat1

Videokünstler Fabian Siegismund (Battle Bros), Erik Range (Gronkh, 3. von links), Valentin Rahmel (Sarazar, 2. von rechts) und Kelly Svirak (Kelly MissesVlog)

ProSiebenSat1

Vor den YouTubern wohnte ein Gangsterrapper in der Villa. Er soll den Nachbarn mit seinen Bling-Bling-Partys gehörig auf die Nerven gegangen sein. Als Range, Svirak und Co. ebenfalls anfingen, nachts am Pool die Bässe der Anlage zu testen, kam öfter die Polizei vorbei.

ProSiebenSat1

Die Künstler sind teils bei ProSiebenSat1 unter Vertrag, teilweise kooperieren sie mit Studio71, dem Multi-Channel-Netzwerk des Unternehmens.

ProSiebenSat1

Rahmel hat auf YouTube gut 1,4 Millionen Abonnenten, Range mehr als drei Millionen, Svirak knapp eine halbe Million.

Ballerspiele, Let's Plays: Es ist eine Welt, die Meinberger noch vor Kurzem fremd war. Er hat lange in der Pay-TV-Sparte von ProSiebenSat.1 gearbeitet. Manch alter Kollege belächelt ihn für seinen neuen Job in der YouTube-Villa. Meinberger dagegen glaubt, dass viele TV-Traditionalisten die Wucht des Wandels unterschätzen.

"Wir müssen im Netz rasch Reichweite aufbauen, um die jungen Zuschauer zu erreichen", sagt er. Heißt andersherum: Wenn ProSiebenSat.1 das nicht schafft, wird der Sender den Kontakt zu seinen jungen Zuschauer verlieren. Den Fernseher benutzen die 14- bis 29-Jährigen ohnehin kaum noch zum Fernsehen.

Im Vorstand von ProSiebenSat.1 stützt man Meinbergers US-Offensive. Sie soll ein wichtiger Baustein des Konzernumbaus sein. Doch der stellt den Sender vor große Probleme.

ProSiebenSat.1 betont gerne, dass 20 Prozent des Konzernumsatzes inzwischen aus dem Digitalgeschäft stammen. Doch Analysten schätzen, dass ein Großteil der Erlöse aus eher artfremden Engagements stammt. So ist ProSiebenSat.1 inzwischen an Computerspielfirmen beteiligt, dazu an E-Commerce-Portalen wie baby-markt.de oder billiger-mietwagen.de. Die Umsätze im Online-Fernsehgeschäft dagegen dürften "nur einen Bruchteil der TV-Einnahmen betragen", sagt Sonia Rabussier, Analystin für den TV-Sektor bei der Commerzbank. Und das, obwohl ProSiebenSat.1 alle großen Trends des Internetfernsehens kopiert hat.

  • Mit Maxdome hat sich ProSiebenSat.1 eine eigene Onlinevideothek à la Netflix aufgebaut. Maxdome hat in Deutschland einen Marktanteil von 44 Prozent, eine Million aktive Nutzer und ist auf den meisten internetfähigen Fernsehern vorinstalliert. Doch Marktbeobachter schätzen, dass die Onlinevideothek die Kosten für Werbung und Lizenzgebühren kaum decken kann. Jetzt, da der Marktführer Netflix nach Deutschland drängt, dürfte sich die Lage noch verschlimmern.
  • Ähnlich ergeht es MyVideo, einer Videoplattform, auf der ProSiebenSat.1 seine TV-Shows zweitverwertet. Weil sie auf den deutschsprachigen Raum beschränkt ist, kommt sie nur auf rund 9,6 Millionen aktive Nutzer pro Monat. Bei YouTube sind es eine Milliarde aktive Nutzer pro Monat. Die Werbeeinnahmen auf MyVideo sind entsprechend gering.
  • Und Studio71, das Multi-Channel-Network, mit dem ProSiebenSat.1 eigene Videos und Videokünstler auf YouTube vermarktet, ist in Deutschland zwar sehr erfolgreich, im Vergleich zu US-Konkurrenten aber ein Zwerg. Rund 100 YouTube-Kanäle betreut Studio71, seine Videos werden laut ProSiebenSat.1 gut 150 Millionen Mal pro Monat abgerufen. Zum Vergleich: Das Multi-Channel-Netzwerk Maker Studios betreibt nach eigenen Angaben gut 55.000 YouTube-Kanäle und kommt auf rund 6,5 Milliarden Klicks pro Monat.

Viel Aufwand, wenig Geld: So ist es bislang in allen Segmenten des deutschen Internetfernsehens. Es liegt nicht nur daran, dass Sender wie ProSiebenSat.1 zu spät und zu zögerlich in den neuen Markt eingestiegen sind. Es liegt auch daran, dass der Heimatmarkt wegen der Sprachbarriere klein ist und dass die deutschen TV-Sender in ihm gegen übermächtige US-Konkurrenten bestehen müssen.

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Deutsche Zuschauer können sich aussuchen, ob sie wirklich Kunde bei Maxdome werden wollen oder lieber bei Portalen wie Netflix oder Amazon Prime, die mit hochklassigen, teils mit dem Emmy nominierten Eigenproduktionen locken. Und die vielen Deutschen, die des Englischen mächtig sind, können sich aussuchen, ob sie sich wirklich die Wiederaufgüsse von "Germany's Next Topmodel" oder "Cracked" auf MyVideo ansehen wollen oder lieber die immer professioneller produzierten YouTube-Clips amerikanischer Videokünstler.

Naziparodien sind mit Blick auf eine solche Übermacht zu wenig. Das weiß auch ProSiebenSat.1. Das Unternehmen probiert es daher nun mit einer neuen Strategie.

Im März haben sich die Deutschen mit 20 Prozent am US-amerikanischen Multi-Channel-Netzwerk Collective Digital beteiligt. Im Sommer hat ProSiebenSat1 begonnen, beliebte Serien von Collective Digital auf Deutsch zu untertiteln und in den eigenen Internetkanälen zu veröffentlichen.

Und Christian Meinberger könnte es bald länger nach Los Angeles ziehen. Aus der Villa in West Hollywood ist ProSiebenSat.1 zwar inzwischen wieder ausgezogen, doch das Unternehmen will das YouTube-Projekt in Übersee auf Dauer weiterführen. Gut möglich, dass es nicht der letzte Schritt war, um im US-Markt Fuß zu fassen.

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Producing: Michael Niestedt; Videoschnitt: Anne Martin; Videodreh Berlin: Janita Hämäläinen; Dokumentation: Thomas Riedel; Schlussredaktion: Benjamin Moldenhauer; Koordination: Jule Lutteroth



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insgesamt 80 Beiträge
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Seite 1
Urbis 18.09.2014
1.
Wie wäre es, wenn die privaten Sender einfach mal das HD Signal freischalten? Ich will nicht noch eine Box hinstellen, wenn es auch einfacher geht. Die Auflösung ist ja bei großen TVs grauenhaft.
S. Schr. 18.09.2014
2. Anmerkung:
Siegismund und Hain haben beide jeweils Thematisch unterschiedliche Kanäle. Hier im Text sind beide zu Battle Bros verlinkt. David Hain hat mit Battle Bros kaum was am Hut. Er betreibt mit BeHaind einen eigenen erfolgreichen Kanal.
Untertan 2.0 18.09.2014
3. Schlecht
Gute deutsche TV-Produktionen kann man an einer Hand abzählen. Pro7, RTL & Co guckt man dementsprechend auch nur, wenn dort mal Serien oder Filme aus Amerika laufen oder wegen Sportübertragungen. Die Präsentation der Inhalte ist dann auch unterirdisch: Aufdringliche Werbung, nicht nur in den Pausen sondern auch während der Sendung eingeblendet, unberechenbare Austrahlungspolitik, das Abschneiden des Nachspanns etc. Das tut man sich nur an, wenn man keine andere Möglichkeit hat. Ich werde diese Sender nicht vermissen.
static2206 18.09.2014
4. Besser als Hip wäre Intelligent und Unterhaltsam
was kommt denn auf unseren Privaten? Castingshows, Sendungen zum Fremdschämen, Z-Promis an jeder Ecke, Sendungen wie Verdachtsfälle wo man nicht weiß wer schlechter ist. Der Schauspieler oder der "Drehbuch"autor. Die besten Serien und Filme kommen aus den USA oder Großbritannien. Es ist also kein Wunder, dass man immer weniger den Fernseher einschaltet. Ich schau mir meist nur noch die Neuen Staffeln diverser US-Serien im FreeTV an. Ohne die zugebuchten PayTV Sender würde ich den Fernseher keine 10h pro Woche an haben.
roxxor 18.09.2014
5.
Wieso sollte man sich denn den staatlich gelenkten Müll im TV noch anschauen? privates TV geht ja auch nur teilweise und wenn, dann nur importiertes Format. Ich hoffe, dass Der Sigismund und Hain hier nicht zu Hampelmännern wie Joko und Klaas verkommen. Potential ist vorhanden, das haben zumindest die beiden schon häufiger bewiesen.
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