Von Anne Seith, Stuttgart
Es gibt in dieser jahrelangen Debatte wahrscheinlich kein Argument, zu dem nicht schon ein Gegenargument gefunden worden ist. Sobald man zurückkehrt zum Bahnhof, zum Zelt der Mahnwache, in dem Tag und Nacht informiert wird, wird das beim Gegner soeben erworbene Wissen sofort vehement bestritten.
"Es ist eine unglaubliche Menge an Falschinformation unterwegs", sagt Architekt Ingenhoven. Auch wenn das stimmen mag, ändert das nichts am Eindruck, den die Streitereien der letzten Jahre hinterlassen haben und den Schauspieler Sittler mit den schlichten Worten zusammenfasst: "Man hat einfach das Gefühl, da stimmt was nicht."
Es gibt auch Leute, die das anders formulieren. Die Stimmung ist aufgeheizt. Vor dem Bahnhofsgebäude patrouillieren Polizisten, oft genug sind sie mit mächtigen Schutzanzügen und Schlagstöcken ausgestattet. Vor kurzem, als Demonstranten das Bahnhofsgebäude besetzten, wurden einige verhaftet.
Angeblich soll es sogar Morddrohungen gegen Vertreter von "Stuttgart 21" gegeben haben. "Das sind brutale Methoden", sagt Bahnhofsarchitekt Ingenhoven aufgebracht. Das Projekt habe unzählige demokratische Abstimmungsverfahren durchgestanden, sowie "Dutzende Gerichtsverfahren", sagt er. "Irgendwann muss man das auch mal akzeptieren und einfach anfangen zu bauen." So argumentieren auch die Projektvertreter: Die Verträge seien gemacht, der Ausstieg unmöglich, heißt es.
Alternativkonzept "Kopfbahnhof 21"
Schauspieler Sittler dagegen ärgert sich, "dass die Bürger in so ein Riesenprojekt nicht eingebunden wurden". Einer Emnid-Umfrage vom Dezember zufolge fordern mittlerweile 58 Prozent der Baden-Württemberger den Ausstieg.
Was die Stimmung zusätzlich immer wieder anheizt, ist die Tatsache, dass zuletzt Hintergründe ans Licht kamen, die an schwäbischen Klüngel erinnern: So sitzt der Stuttgarter Finanzbürgermeister Michael Föll im Beirat des Bauunternehmens "Wolff & Müller Holding", das mit dem Abriss des Nordflügels am Hauptbahnhof beauftragt wurde.
Es gibt also viele Gründe für den mächtigen Zoff in Stuttgart. Dabei sind die meisten Gegner gar nicht gegen die Neubaustrecke zwischen Wendlingen und Ulm. Aber sie wollen den historischen Kopfbahnhof, das Bonatz-Baudenkmal, erhalten und sanieren. Zusätzlich sieht ihr Gegen-Modell "Kopfbahnhof 21" vor, die Zu- und Abfahrtstrecken auszubauen. Nach Angaben der Initiative ist das Alternativprojekt für deutlich weniger Geld zu haben als das jetzige Projekt. 2007 war von rund 1,2 Milliarden Euro die Rede.
Allerdings sind die Planungen für das Vorhaben längst nicht so weit wie für "Stuttgart 21". Und die Frage ist, ob der jetzige Protest noch zunehmen oder eher abflauen wird, wenn die Abrissarbeiten am Nordflügel erst einmal begonnen haben. Für Samstag ist die nächste Großdemonstration geplant. Zwei Tage später folgt die wöchentliche "Montagsdemonstration". Bei der letzten waren der Polizei zufolge 3500 Menschen.
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