Prozess gegen Rudolf Elmer: WikiLeaks-Informant fühlte sich von Bank bedroht
Er spielte WikiLeaks und Behörden die Kundendaten mutmaßlicher Steuersünder zu: Dafür steht der Ex-Manager einer Schweizer Privatbank jetzt vor Gericht. Die Justiz wirft Rudolf Elmer Nötigung und Verletzung des Bankgeheimnisses vor. Der Angeklagte kontert - und erhebt schwere Vorwürfe.
Zürich - Erst vor wenigen Tagen stand er zusammen mit WikiLeaks-Gründer Julian Assange im medialen Rampenlicht, nun steht der Schweizer Banker Rudolf Elmer in Zürich vor Gericht.
Elmer hat geheime Kundendaten an Steuerbehörden und die Enthüllungsplattform weitergegeben. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Nötigung, Drohung sowie Verletzung des Schweizer Bankgeheimnisses vor. Der 55-Jährige hat die Weitergabe der Daten bereits eingeräumt. Er wirft seinem ehemaligen Arbeitgeber vor, vermögenden Kunden bei der Hinterziehung von Steuern behilflich gewesen zu sein.
Elmer arbeitete für die Schweizer Privatbank Julius Bär und leitete die Filiale auf den Cayman Islands, einer Steueroase. "Die Geschäftsethik der Führung auf beiden Seiten des Atlantiks hat mich enttäuscht", sagte er vor Gericht. Da die Bank nicht selbst gegen die "kriminellen Tätigkeiten" auf den Cayman Islands vorgehen wollte, habe er sich selbst zum Handeln entschlossen.
Das Bankhaus dagegen sieht die Weitergabe der Daten als Rachefeldzug. Er soll Dokumente nach seiner Entlassung wegen "Unstimmigkeiten" mitgenommen haben.
In der Befragung durch den Richter gab Elmer zu, der Bank 2005 in E-Mails angedroht zu haben, Kundendaten an Steuerbehörden und die Presse weiterzuleiten, falls das Management die "Handlungen" nicht einstelle. Er wirft der Bank vor, eine Privatdetektei auf ihn angesetzt zu haben. Die Situation sei sehr bedrohlich gewesen. "Das ist der Grund, warum ich die E-Mails verschickt habe", sagte Elmer. Er habe allerdings keine Julius-Bär-Angestellten bedroht, sagte er.
Großes Interesse am Prozess
Die Anklage wirft Elmer vor, er habe mit den Daten von Julius Bär 50.000 Dollar erpressen wollen. Außerdem habe er Angestellte der Bank bedroht und eine Bombendrohung ausgesprochen. Beobachter halten es für denkbar, dass der Manager wegen dieser Vorwürfe verurteilt werden könnte. Dass er wegen Verletzung des Bankgeheimnisses belangt wird, sei dagegen unwahrscheinlich, da Elmer zur fraglichen Zeit nicht in der Schweiz, sondern auf den Cayman Islands arbeitete.
Im Falle einer Verurteilung drohen Elmer acht Monate auf Bewährung sowie eine Geldbuße von rund 2000 Franken. Das Urteil könnte noch am Mittwoch fallen.
Erst am Montag hatte Elmer Tausende Daten von mutmaßlichen Steuerbetrügern zur Auswertung und Veröffentlichung an WikiLeaks-Chef Assange übergeben. Auf den beiden CDs sollen die Bankdaten von Wirtschaftsbossen, Politikern und Künstlern enthalten sein. Die Plattform will die Daten prüfen und dann ins Netz stellen.
Auch wegen der öffentlichen Übergabe an WikiLeaks ist das Interesse an Elmers Fall groß. Zum Prozessauftakt drängten sich Journalisten aus aller Welt in dem Gerichtssaal. Vor dem Gerichtsgebäude entrollten Demonstranten der linken Schweizer Gruppierung Alternative Liste ein Transparent mit der Aufschrift "Den Rudi will man hängen, den Kaspar lässt man laufen". Sie spielen damit auf UBS-Verwaltungsratspräsident Kaspar Villiger an, dessen Bank im vergangenen Jahr die Namen von Tausenden Bankkunden an die US-Steuerbehörden weitergeleitet hatte, um einen langwierigen Rechtsstreit mit der US-Regierung beizulegen.
mmq/Reuters/dpa-AFX
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- Steuer-CDs: Was dürfen die Strafverfolger? (Legal Tribune Online)
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- "Financial Times": Whistleblower makes bank secrets claim
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