Prozessbeginn im Fall Sal. Oppenheim: Die noblen Herren von der Privatbank
Von Pracht zu Protz ist es nur ein kleiner Schritt: In Köln müssen sich die ehemaligen Gesellschafter der Privatbank Sal. Oppenheim vor Gericht verantworten. Der Prozess erlaubt einen Einblick in die Welt der Superreichen.
Die Fahnder bewiesen Sinn für Humor, als sie ihrem Team einen Namen gaben. "Byzanz" hieß die Kölner Ermittlungskommission, die jahrelang im Milieu der Maßanzüge, Einstecktücher und Millionenkredite ermittelte und selbst doch in einem trostlosen Bürogebäude hockte, auf halber Strecke zwischen Sexkino und Postfiliale. Doch am Ende legten die Oberstaatsanwälte Torsten Elschenbroich und Gunnar Greier eine Anklageschrift vor, die nun eines der größten Wirtschaftsstrafverfahren der Bundesrepublik eröffnen wird.
Von diesem Mittwoch an müssen sich vier persönlich haftende Gesellschafter der noblen Privatbank Sal. Oppenheim vor der 16. Großen Strafkammer des Kölner Landgerichts verantworten. Matthias Graf von Krockow, Christopher Freiherr von Oppenheim, Friedrich Carl Janssen und Dieter Pfundt sind der Untreue in drei besonders schweren Fällen angeklagt. Ihrem Geschäftspartner, dem schillernden Troisdorfer Bauunternehmer Josef Esch, werfen die Ankläger Anstiftung und Beihilfe zur Untreue vor. Es geht um einen Schaden von knapp 150 Millionen Euro.
Das Mammutverfahren, für das bereits 78 Verhandlungstage anberaumt worden sind, wird einen Einblick erlauben in die ansonsten streng abgeschottete Welt der Superreichen. In eine Welt, in der die Kunden der Bank in vergoldete Fahrstühle stiegen und sich unter schweren Ölgemälden in tiefen Polstermöbeln präsentieren ließen, wie aus ihrem vielen Geld noch viel mehr Geld gemacht werden konnte. In ihren Hochzeiten verwaltete Sal. Oppenheim 150 Milliarden Euro Vermögen.
Doch der Prozess wird wohl auch zeigen, wie die letzte Generation der Edel-Bankiers ihr Geldhaus so weit herunterwirtschaftete, dass es schließlich an die Deutsche Bank
notverkauft werden musste. Ursächlich dafür waren wohl risikoreiche Aktiengeschäfte, merkwürdige Kreditvergaben und erfolglose Immobiliengeschäfte. Die Pleite des Karstadt-Mutterkonzerns Arcandor riss die Privatbank dann 2009 schließlich vollends in die Krise.
Den Bankiers drohen bis zu zehn Jahre Gefängnis
Konkret geht es in dem Verfahren vor allem um drei Immobiliendeals, mit denen das Geldhaus und dessen 30 Eigner geschädigt worden sein sollen. Die Geschäfte könnten zudem eine Selbstbedienungsmentalität in der früheren Führungsriege des Instituts belegen.
Laut Anklage kaufte das Bankhaus nach dem Tod von Alfred Freiherr von Oppenheim im Januar 2005 eine knapp 1000 Quadratmeter große Villa im Kölner Stadtteil Marienburg, die es aufwendig renovieren ließ. Anschließend vermietete die Bank das Anwesen für 350.000 Euro im Jahr an Christopher von Oppenheims Mutter Jeane. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der Kaufpreis zu hoch und die Miete zu niedrig angesetzt wurden.
Auch zwei Immobiliendeals in Köln und Frankfurt liefen laut Anklage nach diesem Strickmuster. Private Firmen, die der einen Hälfte des Oppenheim-Spitzenpersonals zuzurechnen sind, verkauften oder vermieteten der Bank mit Billigung auch der übrigen Vorstände Pfundt und Janssen Geschäftsräume zu mutmaßlich überhöhten Preisen. Der dabei entstandene Schaden für das Institut soll sich auf 135 Millionen Euro belaufen.
Den Angeklagten, die ihre Unschuld beteuern oder sich bislang nicht zur Sache eingelassen haben, drohen bis zu zehn Jahre Gefängnis.
Die Quelle-Erbin Schickedanz fühlt sich betrogen
Mittlerweile hat die Staatsanwaltschaft Köln noch eine weitere Anklage gegen die Bankiers erhoben. Dabei geht es um einen dreistelligen Millionenkredit, der über eine Tarnfirma an die bereits hoch verschuldete Arcandor-Großaktionärin Madeleine Schickedanz geflossen sein soll. Bei der Bank hatte die Milliardenerbin zu diesem Zeitpunkt bereits schon 650 Millionen Euro Schulden, weshalb die Herren sich zu einer verdeckten Transaktion entschieden haben sollen.
Mit Schickedanz, die einmal eine der reichsten Frauen Deutschlands war, streiten die Finanzakrobaten bereits in einem Zivilverfahren um sehr viel Geld. Die Tochter des Quelle-Gründers verlangt von ihren ehemaligen Geschäftspartnern 1,9 Milliarden Euro Schadensersatz, weil sie sich von ihnen betrogen fühlt.
Allerdings sieht die 21. Zivilkammer des Kölner Landgerichts Schickedanz' Klage durchaus kritisch. Er halte das Vorgehen für "schwerlich plausibel", sagte der Vorsitzende Richter Stefan Singbartl zum Prozessauftakt im vergangenen Dezember. Jemand mit "einem Background wie Frau Schickedanz" brauche doch keine Beratung, um zu verstehen, welches Risiko in Aktienkäufen auf Pump läge. "Sie machte alles mit", sagte Singbartl, es sei nicht zu erkennen, dass sie die Transaktionen nicht gewollt habe.
Ihre Anwälte hingegen zeichneten das Bild einer Frau, die zwar über Milliarden verfügt habe, letztlich in finanziellen Fragen aber vollkommen unbedarft gewesen sei. Ihre Berater hätten Schickedanz regelrecht "vor sich her- und in den Ruin getrieben", sagte Anwalt Stefan Homann. "Frau Schickedanz hat gemacht, was man ihr vorgelegt hat." So hätten die Beklagten der Quelle-Erbin nie erklärt, was eine Arcandor-Pleite für ihr Vermögen bedeuten würde. Oppenheim und Esch hätten sie ausgenutzt, argumentiert die Schickedanz-Seite.
Auch andere Millionäre fühlen sich von den Oppenheim-Bankiers getäuscht und wollen ihr Geld zurück. In mindestens 15 Verfahren klagen bekannte Anleger wie Heinz-Horst Deichmann, Wilhelm von Finck junior und Alfred Neven DuMont auf Schadensersatz. Auch zwei weitere Verfahren ehemaliger Deutsche-Bank-Manager sind bereits anhängig.
Eines haben die juristischen Streitigkeiten allesamt gemein: Sie finden statt in nüchtern-kargen Gerichtssälen. Byzantinischer Prunk fehlt hier völlig.
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- Mittwoch, 27.02.2013 – 05:11 Uhr
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