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Putzkräfte bei der Bahn: "Die Leute schuften sich kaputt"

Von , Frankfurt am Main

"Menschenunwürdig", so nennen Mitarbeiter die Bedingungen bei der Bahn-Tochter DB Services. Das Unternehmen will davon nichts wissen. Doch bei den Reinigungskräften des Konzerns werden nach Recherchen von SPIEGEL ONLINE wichtige Arbeitsschutzmaßnahmen offenbar konsequent missachtet.

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Putzkräfte bei der Reinigung: Böse Überraschung in den Zügen

Nach Fußballspielen ist es besonders schlimm. Vollgepinkelte Bierflaschen sind dann zu entsorgen, oft liegt vor den Sitzen und in den Gängen Erbrochenes. Doch auch an anderen Tagen erleben die Reinigungskräfte der DB Services West, einer der sechs regionalen Dienstleistungstöchter der Bahn, böse Überraschungen in den Zügen.

Nachts ziehen die Putzkolonnen in Nordrhein-Westfalen los, um verdreckte S-Bahnen, Regionalbahnen und ICE an den Abstellanlagen wieder aufzumöbeln. Dann heißt es: Dreck in den Abteilen aufsammeln, Klos putzen, Graffiti mit stinkenden Chemikalien entfernen. Fast jeder, der einige Zeit dabei ist, weiß Horrorgeschichten zu berichten. Von gefährlichen Rasierklingen etwa, die irgendwer in die Sitze gesteckt hat. Oder aber vom allerschlimmsten Alptraumjob: Der "Reinigung nach Suizid".

Die Putzkräfte seien im Konzern "die ärmsten Schweine, die wir haben", heißt es bei der Bahn. Nicht nur, weil der Job eben hart ist. Sondern weil Mitarbeitern zufolge zumindest bei der DB Services West Arbeitsschutzvorschriften auf breiter Front missachtet werden. Putzkräfte müssen demnach ohne Einstiegshilfe in bauchhohe Eingänge "robben", Wasserkanister müssen kilometerweit über Gleise geschleppt werden, weil Anschlüsse vielerorts defekt sind. Auch in vielen anderen Bereichen gehe es "menschenunwürdig" zu, wie einer es formuliert. "Die schuften sich kaputt", sagt ein anderer.

Das Unternehmen will von derartigen Zuständen nichts wissen: "Die Bahn hält die vorgegebenen gesetzlichen Bestimmungen und Standards ein", heißt es. Intern wird allerdings schon seit Jahren wegen zahlreicher Probleme Alarm geschlagen. Dies zeigen Dokumente, die SPIEGEL ONLINE vorliegen.

Mikrofasertuch oder Perlonvlies - alles ist genau vorgegeben

Dabei herrscht bei der Bahn scheinbar auch beim Putzen beamtenmäßige Ordnung. Jeder Handgriff ist in Handbüchern genau beschrieben und mit Abkürzungen versehen. Die Tagesreinigung heißt IT, das "Modul Bodennassreinigung" MB. "Restfeuchte mit Wischmop aufnehmen. Kaugummis entfernen", gehört dazu. Selbst ob Bürstsauger, helles Aufwischtuch, blaues Perlonvlies oder Abzieher zu benutzen sind, ist festgelegt.

Nur scheint es, als blieben bei der ganzen Bürokratie die Menschen außen vor. Zwar gibt es Richtlinien, wie für die Mitarbeiter gesorgt werden soll. Die Informationsbroschüre "Innenreinigungsanlagen für Eisenbahnfahrzeuge zur Personenbeförderung" der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung etwa. Diese gelte aber nur für neue Anlagen, heißt es bei der Bahn. Ältere Reinigungsstellen hätten eine "Sondergenehmigung" und würden regelmäßig auf ihre Sicherheit überprüft. Die Ergebnisse freilich fallen zuweilen reichlich durchwachsen aus.

Beispiel Düsseldorf: An der Abstellanlage des Hauptbahnhofs werden nachts auf weit mehr als 30 Gleisen etliche Züge geputzt. Die Zustände vor Ort könnten "nur noch als katastrophal angesehen werden", schrieb ein Sicherheitsbeauftragter kürzlich in einem Bericht. Auf dem gesamten Gelände gebe es gerade mal zwei funktionierende Wasserhähne, einer davon befinde sich in einem Schacht in der Erde. Die Versorgung erfolge deshalb aus Gitterboxen - mit Wasserkanistern drin. "Diese werden von dort bis zu einen Kilometer geschleppt, um überhaupt mit Wasser arbeiten zu können."

Die Bahn spricht von einer "Übergangslösung", führt einen "Rohrbruch bei der Wasserversorgung" als Erklärung an. Für 2011 sei zudem der Baubeginn für eine "moderne Fahrzeugreinigungsanlage" vor Ort geplant. Es hört sich nach Ausnahmesituation an - doch Insidern zufolge sind solche Probleme Alltag. In Düsseldorf ebenso wie an vielen anderen Stellen.

Wer nicht hüpfen kann, muss robben

Oft etwa müssten sich die Mitarbeiter mit reiner Muskelkraft in die Waggons hieven, deren Einstieg sich jenseits der Bahnsteige schon mal auf Bauchnabel- oder sogar Brusthöhe befindet. Im Schnitt sind die Reinigungskräfte 45 Jahre alt. Wer nicht mehr sportlich genug sei, um hoch zu hüpfen und dann auf dem Hintern zu landen, "der robbt sich eben auf dem Bauch hinein", sagt ein Mitarbeiter.

Dabei sollten eigentlich sogenannte Einstiegshilfen zur Verfügung stehen: bewegliche oder fest installierte kleine Treppen, die den Zugang in die Wagen erleichtern. Den Richtlinien der Unfallversicherungen zufolge müssen diese zum Einsatz kommen, sobald Höhenunterschiede über 30 Zentimeter zu bewältigen sind. Schließlich haben die Putzkolonnen oft schwere Sauger und andere Geräte mit dabei.

Doch die Bahn versichert, an den Fahrzeugen stehe "grundsätzlich mindestens eine Einstiegshilfe zur Verfügung". Mitarbeiter hingegen sagen, solche Vorrichtungen seien sehr selten.

Ihre Berichte klingen auch sonst nach Mangelverwaltung allerorten: Oft sei die Stromversorgung kaputt, ebenso die Wasseranschlüsse. Deswegen müssten die Putzkräfte häufig bei Wind, Kälte oder Regen mit schweren Kanistern kilometerweit über die riesigen Abstellanlagen laufen, wo Züge teilweise Hunderte Meter auseinanderstehen. Und der Weg kann beschwerlich sein. In Köln-Deutz etwa führt er über glitschige Schienenüberwege aus teils marodem Holz; Schäden, die laut Bahn grundsätzlich "zeitnah" instand gesetzt werden, den Mitarbeitern zufolge dagegen Dauerzustand sind.

Die mühsame Arbeit der Putzkolonnen lässt sich auch für Nicht-Bahner leicht beobachten. Zum Beispiel an einem kleinen Abstellgleis in Köln-Nippes. Der nächste Wasseranschluss ist rund 800 Meter entfernt, genau wie die Baucontainer-Toiletten und der Parkplatz.

"Am Standort Köln-Nippes werden keine Reinigungsarbeiten ausgeführt, die einen Wasseranschluss benötigen", erklärt die Bahn lapidar. Deshalb sei auch das Reinigungsequipment nur acht Kilogramm schwer pro Mann - und der lange Fußweg mit Sack und Pack werde als Arbeitszeit entlohnt. Das Problem ist nur: An dieser Stelle werden die Putzaufträge Insidern zufolge in der Regel an Fremdfirmen vergeben. Und diese werden pro Reinigung bezahlt. Wegezeit hin oder her.

Verbesserungsbedarf "an einigen Standorten"

Auch die Bahn gesteht zumindest Verbesserungsbedarf "an einigen Standorten" ein. Die nötigen Maßnahmen würden jedoch "sukzessive umgesetzt", heißt es. Verwiesen wird auf die neue "moderne Infrastruktur" an vier Standorten. Insgesamt wird in Nordrhein-Westfalen allerdings an 43 Stellen gereinigt. Und auf die Missstände an vielen Anlagen wird schon mindestens seit sechs Jahren hingewiesen, wie SPIEGEL ONLINE vorliegende Dokumente zeigen. Es sei "allgemein bekannt" und bei "regelmäßigen Begehungen" immer wieder festgestellt worden, "dass vielerorts die Anlagen nicht den Mindeststandards entsprechen", schrieb ein Sicherheitsbeauftragter schon 2004 an die Geschäftsleitung der DB Services West.

Passiert sei in vielen Fällen nichts, sagen Insider. Das Unternehmen selbst erklärt, dass die Anlagen regelmäßig begutachtet und Probleme behoben würden. Und es fügt hinzu: Es gebe für alle Tätigkeiten "Gefährdungsbeurteilungen" unter Berücksichtigung der örtlichen Besonderheiten. Auf dieser Basis gebe es spezielle Unterweisungen für die Mitarbeiter. Sogar zweimal im Jahr, "auf Weisung der Geschäftsführung". Und damit doppelt so oft wie gesetzlich vorgeschrieben.

Die Mitarbeiter werden also zumindest alle sechs Monate für die prekären Umstände fit gemacht, unter denen sie arbeiten müssen. Für so manchen Bahner dürfte das reichlich zynisch klingen.

Menschliche Überreste kommen in die Kanalisation

Wirklich empört sind viele aber über die schlimmste Arbeit, die es überhaupt zu vergeben gibt: die Reinigung eines Zugs, vor den sich ein Selbstmörder geworfen hat. Der unangenehme Job sollte eigentlich ausschließlich in einer sogenannten "Kadavergrube" verrichtet werden. In Nordrhein-Westfalen gibt es den Darstellungen zufolge nur eine dieser speziellen riesigen Becken, in denen man die Züge von unten mit dem Hochdruckreiniger bearbeiten kann. Die Putzreste werden dort speziell entsorgt - und der Mitarbeiter kann sich vor Ort duschen und desinfizieren.

Allerdings befindet sich diese Vorrichtung in Dortmund. Sobald etwas im Raum Köln passiere, werde deshalb eine ganz normale Arbeitsgrube in Deutz für die Säuberung benutzt, berichten Mitarbeiter. Die Rede ist von einem nur etwa 1,50 Meter tiefen, ziemlich schmalen Graben zwischen den Gleisen. Da müsse man sich schon mal hinknien, um an alle Stellen gut heranzukommen, heißt es. Das Abwasser laufe zudem in die normale Kanalisation. Und sobald der Wasserstrahl etwas schräg gehalten werde, könnten die menschlichen Überreste auch mal neben der Grube im Kiesbett landen. "Das holen sich dann die Elstern."

Die Bahn erklärt dazu, dass bei Suizidfällen die Freigabe der Züge "nach Maßgabe der örtlichen Staatsanwaltschaft" erfolge. Ansonsten will sie die Details nicht kommentieren. Mit Rücksicht auf die "schwierige Aufgabe, die durch erfahrene Mitarbeiter freiwillig übernommen wird", wie es heißt.

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1. Prioritäten setzen
ex_t_kunde 25.10.2010
Die Bahn will bei den Putzkräften offenbar jeden Cent sparen damit sie ihren Teil der für S21 und den damit verbundenen Streckenneubauten 7 Mrd. EUR aufbringen kann. Auf dem Rücken der Schwächsten.
2. Klopapier
sprechweise, 25.10.2010
Zitat von sysop"Menschenunwürdig", so nennen Mitarbeiter*die Bedingungen bei der Bahn-Tochter DB Services. Das Unternehmen will davon nichts wissen. Doch bei den Reinigungskräften des Konzerns werden nach Recherchen von SPIEGEL ONLINE wichtige Arbeitschutzmaßnnahmen offenbar konsequent missachtet. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,723749,00.html
In vielen Firmen werden mittlerweile Menschen "Fachkräfte" vie Zentraleinkauf/Beschaffung eingekauft wie Klopapierrollen und dann auch so behandelt. Der ehrbare Kaufmann ist offenbar Vergangenheit.
3. ich hasse Titelzwang
amerlogk 25.10.2010
Die ganzen Manager mit Globalisierungsträumen feuern, die Bahn verstaatlichen wieder und sie zu dem machen was wir brauchen. Das günstige, umweltschonende Verkehrsmittel des 21. Jahrhunderts. Es gibt keine Bahn-Maßnahme der letzten Jahre wo ich dachte "hey, Super, ich werd wieder Kunde". Alternativ, privatisieren, an die Japaner verkaufen (de wissen noch wie Bahn geht), Gleisanlagen + Bahnhöfe in Bundeshand belassen und die aktuelle Managerriege in Siberien ins Regionalbahn-Geschäft schicken.
4. ³
cp³, 25.10.2010
Zitat von sysop"Menschenunwürdig", so nennen Mitarbeiter*die Bedingungen bei der Bahn-Tochter DB Services. Das Unternehmen will davon nichts wissen. Doch bei den Reinigungskräften des Konzerns werden nach Recherchen von SPIEGEL ONLINE wichtige Arbeitschutzmaßnnahmen offenbar konsequent missachtet. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,723749,00.html
Willkommen im Profitmaximierungsland.
5. Alternativen
Politikum 25.10.2010
Es gibt für Ungelernte Arbeitnehmer wunderschöne Alternativen zuhauf. Wer keine Wassereimer kilometerweit schleppen, oder Kotze wegmachen will, kann ja z.B. gerne bei einem Post-Logistiker 10 Stunden lang Pakete von und auf Palettenwagen stapeln. Akternativ Möbelpacker werden, auf dem Bau als Helfer arbeiten, oder in der Instustrie als Leiharbeiter an der Blechstanze stehen und Bleche mit Chemikalien entfetten. Ganz besonders toll wäre bestimmt ein Job im Altenheim, wo nicht nur Erbrochenes, sondern auch andere nette Hinterlassenschaften "am Mann" zu entsorgen ist. Alles "wunderschöne" Arbeiten, die nunmal gemacht werden müssen. Was genau erwarten die Kritiker denn? Dass den Putzkräften ein motorisierter Golfwagen zur Verfügung gestellt wird? Dass vielleicht automatische Hydraulikheber an den Zügen montiert werden? Manchmal fragt man sich, was sich die Leute so vorstellen, wie man als ungelernter Arbeiter so sein Arbeitsleben verbringt.
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Deutsche Bahn
Der Konzern
dpa
Mit einem Umsatz von 39,3 Milliarden Euro und weltweit 285.000 Mitarbeitern ist die Deutsche Bahn einer der größten Konzerne des Landes. 2012 machte die Bahn einen Gewinn von 1,5 Milliarden Euro. Jedes Jahr transportiert die Bahn weltweit fast zwei Milliarden Reisende im Fern- und Nahverkehr.
Die Geschäftsfelder
Die Deutsche Bahn bietet neben dem Personenverkehr auch andere Transport- und Logistikdienstleistungen (DB Schenker) an. Gut ein Drittel des Umsatzes erzielt das Unternehmen mit dem Fern- und Nahverkehr und dem Betrieb von Bussen im Stadtverkehr. Der Bereich DB Schenker, in dem unter anderem der Schiengüterverkehr gebündelt ist, trägt rund die Hälfte zum Gesamtumsatz bei.
Der Chef
REUTERS
Rüdiger Grube ist seit Mai 2009 Chef der Deutschen Bahn. Der Top-Manager hat sich von der Hauptschule über eine Berufsausbildung und ein Studium bis an die Spitze des Logistikkonzerns hochgearbeitet. Vor seinem Wechsel zum Staatsunternehmen war er im Vorstand des Autobauers Daimler für die Konzernentwicklung zuständig. Davor arbeitete Grube mehrere Jahre bei der Daimler-Benz Aerospace (DASA), die später im Luft- und Raumfahrtkonzern EADS aufging.
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