Q-Cells-Insolvenz: Das Ende der deutschen Solarzelle

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Die Solarbranche steht vor einer Zäsur. Die Pleite der Firma Q-Cells zeigt: Die Tage der deutschen Zellenproduktion sind gezählt. Die Asiaten haben die hiesigen Firmen uneinholbar abgehängt - Hauptgrund dafür ist ausgerechnet der Förder-Boom der vergangenen Jahre.

Solarzellenproduktion in Bitterfeld-Wolfen: Schwere Krise im Solar Valley Zur Großansicht
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Solarzellenproduktion in Bitterfeld-Wolfen: Schwere Krise im Solar Valley

Hamburg - Es ist noch nicht lange her, da galt Q-Cells als Energiekonzern der Zukunft. Einst war die Firma der größte Solarzellenhersteller der Welt. Sie toppte ein ums andere Mal die Erwartungen der Analysten. Sogar in der Finanzkrise galt sie noch als Geldmaschine und Dax-Kandidat. Ende 2007 war die Firma fast acht Milliarden Euro wert. Um die Produktionsstätten von Q-Cells in der Stadt Bitterfeld-Wolfen, in einem ehemaligen Braunkohlegebiet in Sachsen-Anhalt, entstand das sogenannte Solar Valley, das Sonnental, benannt nach Kaliforniens Kreativkönigreich, dem Silicon Valley.

Seit einer Weile schon wird es finsterer im Sonnental, nun erlebt es mit der Pleite von Q-Cells seine bislang düsterste Stunde. Am Dienstag wird das Unternehmen beim Amtsgericht Dessau die Eröffnung des Insolvenzverfahrens beantragen. Der Energiekonzern der Zukunft droht zum Energiekonzern ohne Zukunft zu werden. Weil er sich nicht gegen den Einbruch einer neuen Wirklichkeit verteidigen konnte.

2011 machte Q-Cells einen Verlust von 846 Millionen Euro. Am Dienstag lag der Firmenwert noch bei 35 Millionen Euro. Eine Aktie war gerade noch neun Cent wert. Im Solar Valley droht nun der Jobkahlschlag, noch immer arbeiten dort viele der rund 2200 Mitarbeiter von Q-Cells.

Für die deutsche Solarindustrie ist die Insolvenz ein neuer Schock. Es ist bereits die vierte größere Pleite, die die schwere Krise in der Branche offenbart, die verdeutlicht, wie Deutschlands Solarkonzerne von asiatischen Konkurrenten abgehängt werden. Trotz milliardenschwerer Förderung. Ausgerechnet jetzt, da Solarstrom allmählich wettbewerbsfähig wird. Und die Einschläge kommen immer schneller.

Pleiten am laufenden Band

Im Dezember 2011 schlidderten zwei Branchengrößen in die Pleite: die Berliner Firma Solon Chart zeigen und das Erlangener Unternehmen Solar Millennium Chart zeigen . Bei Solon übernahm das indische Unternehmen Microsol das Kerngeschäft, von ehemals knapp 1000 Mitarbeitern werden derzeit gut 400 weiterbeschäftigt. Die Pleite von Solar Millennium traf Tausende Kleinanleger, die dem Unternehmen Geld geliehen hatten.

Im März 2012 meldeten noch mehr Firmen Insolvenz an: Das Unternehmen Scheuten Solar, das vor acht Jahren in Freiburg das größte Solarmodul der Welt präsentiert hatte; der Kraftwerksentwickler Solarhybrid und die Firma Odersun aus Frankfurt an der Oder, die lange ein Prestigeobjekt von Ministerpräsident Matthias Platzeck war. Weitere Pleiten dürften folgen.

Die deutsche Solarkrise trifft all jene Firmen, die die falschen unternehmerischen Entscheidungen gefällt haben. In den meisten Fällen diejenigen, die zu lange auf die Solarförderung gesetzt haben. Die zwar mitbekamen, dass der Markt sich im Rekordtempo verändert, darauf aber zu spät oder zu zögerlich reagierten. Die Solarförderung war ein höchst effektives politisches Mittel, um die neue Öko-Technologie anzuschieben - doch sie verliert jetzt, in einem rasch reifenden Markt, rapide an Bedeutung.

Das liegt weniger daran, dass die Regierung die Förderung zusammenkürzt - sie hätte die Firmen, die schon vor Jahren Management-Fehler gemacht haben, ohnehin nicht retten können.

Welche Fehler Q-Cells beging

Bestes Beispiel ist Q-Cells. Das Unternehmen begann erst im Sommer 2011 damit, größere Teile seiner Produktion nach Malaysia zu verlagern. Dabei war zu diesem Zeitpunkt längst klar, dass die deutschen mit den asiatischen Produzenten nicht mithalten können. Entsprechende Warnungen gab es schon Jahre zuvor - und sie erforderten auch keine hellseherischen Fähigkeiten.

Solarzellen sind ein technologisch relativ einfach herzustellendes und kopierbares Produkt. Für diese ist Deutschland ganz offensichtlich nicht der richtige Standort. Zwar erfolgt die Produktion weitgehend maschinell, doch ist in einem Land wie China an einer Fabrik wohl fast alles günstiger - von den Mauersteinen bis zum Reinigungspersonal. Dazu genießt die Solarindustrie gerade in Peking hohe Priorität, die Regierung soll Hersteller mit sehr günstigen Krediten versorgen. Deutsche und asiatische Hersteller liefern sich einen Wettkampf, den die Deutschen nicht gewinnen können.

Firmen wie Q-Cells, die auf den Standort Deutschland gesetzt haben, waren schon seit Jahren chancenlos, sie haben nur den Wettbewerb lange nicht in voller Härte gespürt. Denn durch die Solarförderung explodierte in den Jahren 2009 bis 2011 die Nachfrage. Sie wuchs so schnell, dass auch Firmen, die im Wettbewerb ins Hintertreffen gerieten, noch immer große Mengen ihrer Zellen loswurden.

Bildlich gesprochen waren Firmen wie Q-Cells in einem Zustand, wie er oft in Zeichentrickfilmen dargestellt wird: Eine Figur läuft über den Abgrund und schwebt für eine Weile in der Luft - bis sie merkt, dass der Boden unter ihr verschwunden ist. Dann stürzt sie krachend ab.

Deutscher Förder-Boom machte die Chinesen stark

Genau das passiert nun. Ausgerechnet der Förder-Boom der vergangenen Jahre wird den deutschen Solarfirmen zum Verhängnis. Denn die große Nachfrage befeuerte die industrielle Massenproduktion der Zellen, vor allem in China. Das führte zu einem rapiden Preisverfall. Allein 2011 sind die Preise für Module um 30 bis 40 Prozent gefallen - weit schneller, als die Deutschen die Produktionskosten drücken können. Im laufenden Jahr werden ebenfalls starke Preissenkungen erwartet. Der Vorsprung der Asiaten vor den Deutschen wächst. 2008 stammten erst 33 Prozent der Weltproduktion aus China, im vergangenen Jahr waren es 57 Prozent.

Die Bundesregierung wird die Solarförderung zum 1. April deutlich kürzen. Der Boom der Billigzellen aber wird weitergehen und den Solarmarkt als ganzen gravierend verändern. Die Firma Solar Millennium etwa stellte gar keine Solarzellen her. Sie baute Solarthermie-Kraftwerke, die Sonnenenergie in thermische Energie umwandeln. Eine Technik, die durch die günstigen Photovoltaik-Zellen zuletzt ins Hintertreffen geraten ist. Solar Millennium musste in der Folge Einbußen hinnehmen, weil Projekte in den USA nicht zustande kamen.

Wie sich die Branche verändert

Mittelfristig dürfte der Wettbewerb noch andere Bereiche des deutschen Solar-Sektors treffen. Zum Beispiel Firmen wie Centrotherm, die Maschinen bauen, die Solarzellen herstellen. Zwar ist die Entwicklung solcher Maschinen komplexer, doch auf Branchenmessen wie der Intersolar präsentieren schon jetzt immer mehr asiatische Maschinenhersteller ihre Produkte.

Dennoch wird es deutsche Solarfirmen geben, die die hohe Förderung nicht nur dazu genutzt haben, um abzukassieren, sondern ein konkurrenzfähiges Geschäftsmodell zu entwickeln. Die Firma Juwi etwa, die große Solarparks projektiert, Parks mit günstigen Modulen des US-Herstellers First Solar Chart zeigenwohlgemerkt, und die auch im Windenergiesektor Geschäfte macht. Firmen wie der Projektierer Belectric, der verstärkt in ausländische Märkte dringt. Und zumindest mittelfristig wohl auch Firmen wie Solarworld Chart zeigen, die es geschafft haben, sich eine starke Marke aufzubauen, die Preisaufschläge bei den Anlagen rechtfertigt - auch wenn die sich qualitativ von Produkten asiatischer Hersteller kaum unterscheiden.

Zudem werden im deutschen Solarmarkt neue Geschäftsfelder entstehen, vor allem im Dienstleistungssektor. Zum Beispiel Unternehmen, die die Wartung von Solarparks übernehmen. Oder Direktvermarkter, die Anlagenbetreibern dabei helfen, ihren Strom an der Börse zu verkaufen.

Im deutschen Solar Valley aber dürften bald die meisten Lichter ausgehen. Experten wie Michael Schmela, Chefredakteur der Branchenzeitschrift "Photon International", sehen für viele der dort ansässigen Firmen keine Zukunft. "Die Tage der Zellproduktion in westlichen Ländern", sagte er kürzlich, "sind gezählt."

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insgesamt 319 Beiträge
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1. Subvention...
günter1934 02.04.2012
Zitat von sysopAPDie Solarbranche steht vor einer Zäsur. Die Pleite der Firma Q-Cells zeigt: Die Tage der deutschen Zellenproduktion sind gezählt. Die Asiaten haben die hiesigen Firmen uneinholbar abgehängt - Hauptgrund dafür ist ausgerechnet der Förder-Boom der vergangenen Jahre. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,825284,00.html
Nicht nur die Blauschildbesitzer werden kräftig vom Verbraucher subventioniert, auch die Solarfirmen haben Subventionen eingesackt. So auch Q-Cells: Allein auf die Q-Cells AG und deren Beteiligungen wurden demnach in den vergangenen sieben Jahren ein knappes Dutzend meldepflichtiger Subventionen genehmigt - addiert weit mehr als 200 Millionen Euro. Deutsche Solarförderung: Das Ende der Nachhaltigkeit - manager magazin - Unternehmen (http://www.manager-magazin.de/unternehmen/energie/0,2828,785680,00.html) Wie in China, so auch bei uns.
2. Mein alter Herr hätte gesagt:
herr_kowalski 02.04.2012
Zitat von sysopAPDie Solarbranche steht vor einer Zäsur. Die Pleite der Firma Q-Cells zeigt: Die Tage der deutschen Zellenproduktion sind gezählt. Die Asiaten haben die hiesigen Firmen uneinholbar abgehängt - Hauptgrund dafür ist ausgerechnet der Förder-Boom der vergangenen Jahre. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,825284,00.html
Konjunkturritter. Beim kleinsten Luftzug fallen sie vom Pferd.
3.
ir² 02.04.2012
Zitat von sysopAPDie Solarbranche steht vor einer Zäsur. Die Pleite der Firma Q-Cells zeigt: Die Tage der deutschen Zellenproduktion sind gezählt. Die Asiaten haben die hiesigen Firmen uneinholbar abgehängt - Hauptgrund dafür ist ausgerechnet der Förder-Boom der vergangenen Jahre. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,825284,00.html
Die "Energiewende" hat zur Folge, daß die gesamte Stromwirtschaft zur Subventionsbranche verkommt. Die EE kommen niemals über die Subventionsschwelle, und die anderen rutschen wegen der absurden Vorrangeinspeisung der EE unter diese Schwelle. Der EEG-Murks wird trotzdem gnadenlos durchgezogen. Da sind die Deutschen kompromisslos bis zum bitteren Ende.
4. Subventionen
willi2007 02.04.2012
sollten genau aus diesem Grund alleine als zeitlich befristete Anschubfinanzierung alleine den Produzenten gewährt werden, um den Verkaufspreis senken und dadurch die Nachfrage erhöhen zu können. Durch die Förderung durch das EEG haben de facto die Kunden eine jahrzehntelange Subvention erhalten, die auch für chinesische Panele gewährt worden sind. Damit hat der deutsche Stromkunde die chinesischen Hersteller subventioniert. Nach der Anschubfinanzierung müssen sich die Unternehmen dem Wettbewerb stellen. Allerdings muss hier ganz kritisch gefragt werden, ob die Chinesen ihren Produzenten nicht auch durch Subventionen einen Wettbewerbsvorteil verschafft haben und noch verschaffen.
5. Hr Schultz - der Wenigkenner
solarinsider 02.04.2012
Zitat von sysopAPDie Solarbranche steht vor einer Zäsur. Die Pleite der Firma Q-Cells zeigt: Die Tage der deutschen Zellenproduktion sind gezählt. Die Asiaten haben die hiesigen Firmen uneinholbar abgehängt - Hauptgrund dafür ist ausgerechnet der Förder-Boom der vergangenen Jahre. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,825284,00.html
Da kommentiert er wieder , der Herr Schultz; Ausdruck von relativ großer Unwissenheit: die Chinesen sind weder besser noch cleverer als die deutschen / europäischen Anbieter; die hohen Verluste in der Produktion, die durch Preisverfall von 30-35 % im Jahrestakt hervorgerufen wurden, werden jedoch in China von unglaublichen staatlichen Milliardensubventionen, die den Produzenten direkt zugespielt werden, abgefangen; solange, bis die Chinesen den Markt gekauft haben; nur mal so zur Info... Herr Schultz!
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