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Quelle: Banken und Insolvenzverwalter schieben sich Schuld an Quelle-Crash zu

Die Quelle-Rettung ist gescheitert, Tausende Mitarbeiter fürchten um ihre Jobs - jetzt wird über die Ursachen gestritten. Der Insolvenzverwalter greift die Banken an. Diese weisen jede Schuld von sich und werfen ihm Fehler vor.

80 Jahre Quelle: Geschichte eines Traditionskonzerns Fotos
DPA

Frankfurt am Main/München - Der Traditionskonzern Quelle steht vor dem Aus - ein wesentlicher Grund für das Scheitern seiner Rettung war nach Angaben des Insolvenzverwalters Klaus Hubert Görg, dass die notwendige Einigung über das sogenannte Factoring nicht zustandegekommen sei. Dieser Begriff beschreibt die Finanzierung des Versandgeschäfts. Beim Factoring gibt Quelle die Forderungen des Unternehmens an seine Kunden an eine Bank weiter. Diese finanziert die offenen Beträge gegen Provision vor.

Man könnte die gescheiterte Rettung somit den dafür zuständigen Banken anlasten. Doch diese weisen die Schuld dafür von sich. Die Quelle-Hausbank Valovis etwa wies die Verantwortung für den Quelle-Crash der Commerzbank und der BayernLB zu, die sich zuletzt am Factoring beteiligt hatten. Man habe dem Versandhaus treu die Stange halten wollen - aber eben nicht allein, sagte eine Valovis-Sprecherin am Dienstag.

Insolvenzverwalter Görg hatte die Factoring-Vereinbarungen nach dem Insolvenzantrag im Juni und Anfang September zweimal nur mit Mühe - und staatlicher Hilfe - verlängert. Valovis hatte das Factoring lange in Eigenregie betrieben. Als das Geldhaus die Last nicht mehr alleine schultern konnte, übernahmen die Commerzbank und die BayernLB auf politischen Druck Teile der mehr als 300 Millionen Euro schweren Finanzierung.

Potentielle Investoren verschreckt

Sie teilten aber von Anfang an mit, bald wieder aussteigen zu wollen, sollte sich bei der Quelle-Rettung kein aussichtsreiches Geschäftskonzept abzeichnen. "Die langfristige Neuordnung der Refinanzierung von Quelle wäre Sache des Käufers gewesen, als Teil eines schlüssigen Konzeptes zur Fortführung. Das kann nicht Sache der Banken sein", sagte eine mit dem Prozess vertraute Person.

Nach Görgs Darstellung hat die unsichere Finanzierung des Factorings dagegen potentielle Interessenten verschreckt. Mögliche Käufer hätten für eine Quelle-Übernahme eine Einigung für das Factoring über den 1. Januar 2010 hinaus gefordert.

Valovis hat von diesem Umstand nach eigenen Angaben erst vor kurzem erfahren. Die Sprecherin des Instituts kritisiert indirekt die Kommunikationspolitik der Insolvenzverwaltung. Mit dem Scheitern der Investorengespräche habe man "nicht gerechnet", sagte sie. An der Valovis-Bank sei eine Einigung jedenfalls nicht gescheitert. "Wir haben nie irgendwelche Gespräche mit möglichen Investoren geführt", betonte sie. Der Bank sei nicht einmal bekannt gewesen, wer die potentiellen Bieter gewesen seien.

Quelle-Umsatz zuletzt halbiert

Unsicherheiten gab es indes nicht nur bei der Factoring-Finanzierung. Nach Angaben des mittelfränkischen SPD-Landtagsabgeordneten Thomas Beyer musste das Versandhaus zuletzt "massive Umsatzeinbrüche" von bis zu 50 Prozent hinnehmen. Sie seien auch auf das verspätete Erscheinen des Winterkatalogs zurückzuführen. Das Unternehmen habe sich davon nicht mehr erholt, sagte Beyer am Dienstag in München. "Das wochenlange Hin und Her zwischen den Herren Seehofer und Guttenberg hat dazu geführt, dass entscheidende Zeit versäumt wurde für die Fertigstellung des wichtigen Quelle-Winterkatalogs."

Der bayerische Wirtschaftsminister Martin Zeil sagte, die Regierung habe alles in ihrer Macht Stehende getan, um dem Unternehmen Perspektiven zu eröffnen. "Wir haben mit der Gewährung des Massekredits die Voraussetzungen für die Investorensuche geschaffen", sagte der FDP-Politiker. Er zeigte sich bestürzt über das Aus für Quelle. Jetzt müssten rasch Perspektiven für Zukunft die Arbeitnehmer ausgelotet werden.

Während Banken und Politiker zanken, bangen die Quelle-Angestellten um ihre Jobs: nach Angaben der "Financial Times Deutschland" (FTD) verlieren durch die Abwicklung rund 7000 Menschen ihre Stelle. Am Dienstag sollen die Mitarbeiter am Standort Nürnberg darüber informiert werden, was die Liquidierung für sie selbst und für das Unternehmen bedeutet.

Bestürzung und Wut

Arbeitnehmervertreter reagierten auf die Entwicklungen mit Bestürzung und Wut. "Das ist für die betroffenen Menschen und ihre Familien eine Riesenkatastrophe", sagte Quelle-Betriebsratschef Ernst Sindel am Dienstag. Der Handelsexperte der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di, Johann Rösch, nannte die geplante Abwicklung ein Desaster. Damit "stirbt ein Stück deutsche Handelsgeschichte", sagte er am Dienstag im ZDF-"Morgenmagazin".

Die insolvente Konzernmutter Arcandor hatte am späten Montag bestätigt, bis zum Ende der Angebotsfrist am Wochenende keine Offerte für die Quelle-Dachgesellschaft Primondo erhalten zu haben. "Nach 15 intensiven Verhandlungen mit einer Vielzahl von Investoren sehen der Insolvenzverwalter wie Gläubigerausschuss jetzt keine Alternative zur Abwicklung von Quelle Deutschland mehr", sagte Görg. Daraufhin sei der Gläubigerausschuss informiert worden, dass die Verkaufsanstrengungen für Quelle Deutschland erfolglos waren.

Ein weiterer wichtiger Streitpunkt war die künftige Ausrichtung des Vertriebs. Alle potentiellen Bieter hätten die Aufgabe der rund 1450 Quelle-Shops gefordert, die für das Unternehmen die Bestellungen sammelten und stets ein kleines Warensortiment vorrätig hatten, erklärte Görg. Die Bieter wollten stärker auf das Internet setzen. Görg selbst hatte nur ein Drittel der Quelle-Shops und die 109 Quelle-Technik-Center schließen wollen.

Lukrative Spezialversender als Lockvögel

Zu den aussichtsreichsten Interessenten für Quelle zählte laut "FTD" der US-Finanzinvestor TPG, der viel Erfahrung im Einzelhandel mitbringt. Demnach bot auch der Finanzinvestor Golden Gate mit, jedoch nur für den Shoppingsender HSE24. Der Investor Cerberus verhandele zwar weiter mit dem Insolvenzverwalter. Ein Sprecher habe aber nicht sagen wollen, worüber. Der Investor Sun Capital, dem der Quelle-Rivale Neckermann gehört, habe sich bereits zuvor aus dem Verkaufsprozess zurückgezogen, ebenso der Quelle-Erzrivale Otto.

Görg jedenfalls ist mit seinem Plan gescheitert, den hochdefizitären Quelle-Versand im Verbund mit lukrativen Spezialversendern wie Baby-Walz zu verkaufen. Noch am Wochenende habe der Insolvenzverwalter von vier Interessenten gesprochen. Jedoch habe letztlich niemand das unter der Dachgesellschaft Primondo zusammengefasste Versandgeschäft komplett übernehmen wollen.

Das gesunde Auslandsgeschäft von Quelle soll jetzt schnell in einem eigenen Prozess verkauft werden. "Die internationalen Gesellschaften verfügen nach wie vor über stabiles Geschäft und sind solide, stabile und zuverlässige Partner bei Kunden wie bei Lieferanten", hieß es in der Mitteilung. Gleiches gelte für den Einkaufssender HSE24. Die Spezialversender sollen ihr Geschäft selbständig weiterführen.

ssu/AP/dpa/Reuters

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Forum - Wie geht's weiter mit Quelle?
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1.
japan10 03.07.2009
Zitat von sysopDie Quelle-Beschäftigten sind verzweifelt: Der Versandhändler wird liquidiert, die Mitarbeiter bangen um ihre Zukunft. Die Gewerkschaft Ver.di fordert jetzt vom Bund und vom Freistaat Bayern Finanzhilfe für den Pleitekonzern. Wie geht es weiter mit Quelle?
Da hat sich wohl Herr Seehofer weit aus dem Fenster gelehnt. Quelle, wieder ein Beispiel für Größenwahn (Arcandor).
2.
Harald E, 03.07.2009
Zitat von sysopDie Quelle-Beschäftigten sind verzweifelt: Der Versandhändler wird liquidiert, die Mitarbeiter bangen um ihre Zukunft. Die Gewerkschaft Ver.di fordert jetzt vom Bund und vom Freistaat Bayern Finanzhilfe für den Pleitekonzern. Wie geht es weiter mit Quelle?
Schon blöd, wenn man nicht systemrelevant ist. (Danke Fr. Merkel....hassu gut gesagt....aber die Einschläge kommen näher) Oh.....und es ist noch lang...sooo lang bis zur Wahl.
3. ...
bedenkenträger2 03.07.2009
Wie gehts weiter bei Quelle? Hoffentlich ohne Staatsknete. Staatshilfe für den Handel - was für ein Unsinn! Der Handel hat doch den leichtesten Part im Kapitalismus, er muss keine Dinge herstellen, schafft keine Werte, sondern er selektiert und verhökert. Der Handel ist doch quasi der Zuhälter der Industrie. Systemirrelevanter geht doch gar nicht. Wenn es eine Branche gibt, wo man (zurecht) sagt: "Ihr müsst alleine klarkommen!" dann ist das doch der Handel! Wer im Handel nicht klarkommt, hat versagt, hat nicht flexibel auf neue Konsumgewohnheiten reagiert. Das Arbeitsplätze-Argument darf nicht überall gezogen werden, der Staat ist bereits der größte Arbeitgeber im Land. Außerdem: Der Großteil der bei Quelle erhältichen Produkte ist doch (ich übertreibe mal rethorisch) zu 90 % "Made in China"; also, erst kaufen wir dort die chinesischen Produkte, und dann subventionieren wir auch noch deren Vertriebswege?!
4. Druckerei stoppt Quelle-Katalog
Querspass 03.07.2009
Obwohl ich der Bezirksleiterin der Sammelbesteller vor 9 Jahren und wiederholt mitgeteilt habe, daß 1 Hauptkatalog reicht, kommen halbjährlich SIEBEN FÜR DIE TONNE. Allein mit der Katalogdruckerei ist kein Umsatz zu machen. Und die Onlinepräsenz klemmt dauernd, es macht manchmal keinen Spaß! Außerdem, wer garantiert, daß die Briten (Mutterkonzern) die Staatsknete nicht abziehen? Soviel mir bekannt ist, hat die Plünderung der Konten zur Insolvenz geführt.
5. Wahrscheinlich gar nicht...
Caiman, 03.07.2009
Zitat von sysopDie Quelle-Beschäftigten sind verzweifelt: Der Versandhändler wird liquidiert, die Mitarbeiter bangen um ihre Zukunft. Die Gewerkschaft Ver.di fordert jetzt vom Bund und vom Freistaat Bayern Finanzhilfe für den Pleitekonzern. Wie geht es weiter mit Quelle?
Wer ist eigentlich auf die grandiose Idee gekommen, mit 50 Mios einen Katalog auf Pump zu finanzieren, aus dem niemand mehr was bestellt, weil er nicht weiss, ob er überhaupt Ware erhält? Ach ja, das war der andere Horst "WER?"...
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Quelle-Crash: Krisenstimmung in Nürnberg

Was Quelle-Kunden beachten müssen
"Herzlich willkommen bei Quelle!"
"Hallo lieber Kunde und herzlich willkommen auf quelle.de! Melden Sie sich gleich hier an und nutzen Sie Ihre Vorteile!" Das war am Dienstag noch auf der Internetseite des insolventen Versandhändlers Quelle zu lesen. Dabei wirft das Aus für Quelle auch für die Kunden viele Fragen auf. SPIEGEL ONLINE gibt Antworten.
Kann ich bei Quelle immer noch bestellen?
"Man kann bestellen, und die Bestellung wird bearbeitet", sagte der Sprecher des Insolvenzverwalters, Thomas Schulz, am Dienstag. Solange die Ware im Lager verfügbar sei, werde auch noch geliefert. "Die Lager müssen geleert werden." Schwierig werde es mit Nachbestellungen. "Ich gehe davon aus, dass es keine mehr geben wird", sagte Schulz.
Ich habe schon bezahlt, die Ware aber noch nicht erhalten.
Laut Schulz wird die Ware ausgeliefert, wenn sie verfügbar ist. Andernfalls werde der Kunde zum Gläubiger. Vorkasse sei aber nur ein kleiner Teil beim Versandhandel, in dem das Ratenkreditgeschäft die Hauptrolle spiele.
Muss ich meine Raten weiter zahlen?
Ja, denn Quelle hat seine Forderungen an die Banken abgetreten. "Diese werden wohl kaum auf Geld verzichten wollen", erklärte der Sprecher.
Was ist mit Gewährleistung und Kundendienst?
Schulz: "Während der Abwicklung wird der technische Kundendienst Profectis möglicherweise aufrechterhalten. Vielleicht gibt es auch einen Käufer dafür. Dem Kunden bleibt in jedem Fall die Herstellergarantie."
Kann ich einen Kauf rückgängig machen?
Dazu heißt es in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen von Quelle im Internet: "Bei Quelle kaufen Sie auf Probe, d.h. Sie können gelieferte Ware ohne Angabe von Gründen innerhalb einer Frist von 14 Tagen zurückgeben. Der Kaufvertrag wird ab Erhalt der Ware durch Ihre Billigung wirksam, spätestens jedoch nach Ablauf dieser 14-tägigen Rückgabefrist."
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Spektakuläre Pleiten: Traditionsunternehmen i.A.

Geschichte eines Niedergangs
Die in tiefroten Zahlen steckende KarstadtQuelle AG wird in Arcandor AG umbenannt.
8. Juni: Der Lenkungsausschuss des "Wirtschaftsfonds Deutschland" lehnt den Arcandor-Antrag auf eine Staatsbürgschaft von 650 Millionen Euro und einen Kredit über 200 Millionen Euro ab. Der Bund verweigert auch staatliche Rettungsbeihilfen.
9. Juni: Arcandor stellt Insolvenzantrag für die Arcandor AG sowie die Töchter Karstadt und Quelle.
18. Juni: Die bayerische Staatsregierung sagt die Beteiligung an einer geplanten 50-Millionen-Euro-Bürgschaft von Bund und Ländern für Quelle zu. Das Versandhaus braucht unter anderem bis zu 25 Millionen Euro für den Druck des neuen Kataloges, ohne den das Unternehmen sein Versandgeschäft nicht fortführen kann.
2. Juli: Die Druckereien stoppen die Produktion und Auslieferung des Katalogs. Hintergrund sind Befürchtungen, dass die Arbeiten nicht bezahlt werden und die Druckereien auf ihren Kosten sitzenbleiben. Nach einem Appell des vorläufigen Insolvenzverwalters Klaus Hubert Görg, in Vorkasse zu gehen und die Auslieferung des Katalogs nicht weiter zu blockieren, laufen die Druckmaschinen wieder an.
13. August: Görg kündigt den Abbau von rund 3700 der 10.500 Arbeitsplätze bei der Versandhandelssparte Primondo/Quelle an.
15. August: Die Suche nach einem Investor für den gesamten Arcandor-Konzern wird eingestellt. Jetzt geht es nur noch um die Sanierung der Töchter.
1. September: Das Essener Amtsgericht eröffnet die Insolvenzverfahren für die wichtigsten Arcandor-Gesellschaften. Vorstandschef Karl-Gerhard Eick und fast der gesamte Vorstand verlassen das Unternehmen. Der vorläufige Insolvenzverwalter wird zum Insolvenzverwalter bestellt.
11. September: Görg vereinbart mit den drei beteiligten Instituten Valovis Bank, Commerzbank und BayernLB die Anschlussfinanzierung für das sogenannte Factoring von Primondo/Quelle. Dabei verkauft das insolvente Unternehmen seine Kundenforderungen an die Banken, die Quelle im Gegenzug mit Geld versorgen. Nun sucht der Insolvenzverwalter einen Investor für die Versandhaussparte von Arcandor.
13. Oktober: Görg schließt bei Primondo/Quelle einen weiteren Personalabbau über die angekündigten 3700 Stellen hinaus nicht aus. Medienberichten zufolge sollen mehrere hundert zusätzliche Stellen betroffen sein.
19. Oktober: Quelle soll abgewickelt werden. Laut Insolvenzverwalter sind Verkaufsanstrengungen erfolglos geblieben.

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