Rating-Agentur Standard & Poor's startet Rundumschlag gegen Europa

Die Rating-Agentur Standard & Poor's hat neun Euro-Staaten ein schlechtes Zeugnis ausgestellt und deren Kreditwürdigkeit gesenkt. Frankreich und Österreich haben ihre Top-Bonität eingebüßt. Besser sieht es für Deutschland aus: Das Spitzen-Rating bleibt bestehen.

Proteste vo der S&P-Zentrale in Paris: Frankreich verliert seine Top-Bonität
DPA

Proteste vo der S&P-Zentrale in Paris: Frankreich verliert seine Top-Bonität


New York/Paris/Wien - Die Rating-Agentur Standard & Poor's (S&P) unterstellt gleich neun Euro-Ländern eine schlechtere Kreditwürdigkeit. Frankreich und Österreich verloren am Freitagabend ihre Spitzenbewertung von "AAA" und wurden auf die zweitbeste Note "AA+" herabgestuft. Die Bonität von Italien, Spanien, Portugal und Zypern wurde gleich um zwei Stufen gesenkt. Malta, die Slowakei und Slowenien büßten eine Stufe ein. Deutschland behielt sein Spitzen-Rating von "AAA", sogar mit stabilem Ausblick.

Die EU-Kommission kritisierte die Herabstufungen. Diese erfolgten zu einem Zeitpunkt, an dem die Euro-Zone an "allen Fronten entschieden handelt, um auf die Krise zu antworten", erklärte EU-Währungskommissar Olli Rehn. Er bezeichnete die Entscheidung als "abwegig". Der Zeitpunkt sei "nicht zufällig" gewählt.

Auch Österreichs Regierung hat die Abwertung der Bonität zahlreicher Euro-Länder durch die Rating-Agentur Standard & Poor's kritisiert. Bundeskanzler Werner Faymann und Außenminister Michael Spindelegger teilten am Freitagabend mit, es sei unverständlich, wenn sich eine von drei US-Ratingagenturen im Alleingang dazu entschließe, die Bonität von Ländern der Eurozone herabzusetzen. Schließlich habe Standard & Poor's geurteilt, die Risiken Österreichs seien moderat, sie lägen vor allem im Engagement der Banken in Mittel- und Osteuropa.

Der französische Finanz- und Wirtschaftsminister François Baroin bemühte sich um Gelassenheit. Die Herabstufung Frankreichs durch Standard & Poor's wird nach Angaben der Regierung in Paris keine unmittelbaren politischen Konsequenzen haben. "Es sind nicht die Rating-Agenturen, die Frankreichs Politik diktieren", sagte Baroin am Abend in einem Interview des Fernsehsenders France 2. Es werde keinen weiteren Sparplan geben.

Gefahr für den EFSF

Gleichzeitig rief Baroin dazu auf, einen kühlen Kopf zu bewahren. Der Verlust der Note "AAA" sei keine gute Neuigkeit, aber auch keine Katastrophe, betonte er nach einem Krisentreffen mit Präsident Nicolas Sarkozy und anderen Spitzenvertretern der Regierung. Standard & Poor's stelle mit der Entscheidung nicht die französischen Reformen infrage, sondern ziehe Schlussfolgerungen aus der Instabilität in der Euro-Zone, sagte der Minister. Frankreich behalte eine "exzellente Benotung".

Frankreich war in den vergangenen Monaten stark unter den Druck der Rating-Agenturen geraten. Als Gründe gaben die Bonitätsprüfer die hohe Staatsverschuldung und die Auswirkungen der europäischen Schuldenkrise an. Die Regierung legte bereits zwei rigide Sparpläne mit einem Gesamtvolumen von mehr als 70 Milliarden Euro auf, um das hohe Haushaltsdefizit zu drücken. Im schlimmsten Fall könnten die Zinsen für französische Staatsschuldpapiere nach der Herabstufung in die Höhe schießen. In einer Reihe mit Krisenländern wie Italien und Spanien will Paris aber auf keinen Fall stehen.

Auch könnte das S&P-Votum für die zweitgrößte Euro-Volkswirtschaft Auswirkungen auf den Rettungsfonds EFSF für Krisenstaaten haben. Denn alleine der französische Anteil von rund 160 Milliarden Euro kann nun nicht mehr für die Ausgabe von AAA-Anleihen zur Finanzierung von Rettungsprogrammen für Pleitekandidaten genutzt werden.

"Es steht 2 zu 1 für Österreich"

Auch Österreichs Finanzexperten rieten zu Gelassenheit. Die Märkte hätten das in letzter Zeit schon erwartet. "Ich bin etwas entspannt, was die Folge ist", sagte der Chefvolkswirt der Bank Austria, Stefan Bruckbauer, am Freitagabend der Nachrichtenagentur dpa. Im Fernsehsender ORF meinte er: "Grundsätzlich ist das nicht so eine Katastrophe. Es ist aber natürlich nicht gut, denn wir waren stolz auf das Triple A. Es hat uns Vorteile gebracht."

Der oberste Analyst für die Erste Bank, Friedrich Mostböck, meinte mit Blick auf die anderen beiden Rating-Agenturen, Fitch and Moody's, die Österreich bisher noch als Triple-A-Land sehen: "Es steht 2 zu 1 für Österreich". Die Experten stimmten überein, dass die Regierung nun ihr geplantes Sparpaket - zehn Milliarden Euro bis 2016 - unbedingt umsetzen müsse.

Seit Wochen wird im Kabinett und in Arbeitsgruppen zwischen den regierenden Sozialdemokraten von der SPÖ und der Volkspartei ÖVP verhandelt. Die SPÖ will neben verringerten Ausgaben auch Steuern erhöhen, vor allem auf Vermögen. Die konservative ÖVP will nur die Ausgaben senken.

Die österreichische Nationalbank sieht die Entscheidung der Rating-Agentur S&P, die Bonität zahlreicher EU-Staaten herabzustufen, als Störung für die positive Entwicklung in Europa. "Das ist schon ernst zu nehmen, zunächst einmal auf der europäischen Ebene. Das ist meines Erachtens der heikelste Punkt", sagte der Chef der Nationalbank, Ewald Nowotny, am späten Freitagabend dem Fernsehsender ORF.

Nowotny sprach von politischen Gründen für die Herabstufung: "Das ist ja eine politische Aktion, wenn in einem Schlag ganz Europa heruntergeratet wird oder zumindest eine negative Perspektive erhält." Standard & Poor's sei "sicherlich sehr viel aggressiver und sehr viel politischer" als die anderen Agenturen. "Natürlich gibt es viele Gründe, warum man mit dem Fortschritt in Europa nicht zufrieden sein kann. Nur das, was jetzt passiert, wird den Fortschritt eher erschweren."

"Rating-Agenturen werden Frankreichs Politik nicht bestimmen"

Die S&P-Führung für Europa hatte Anfang Januar mit Blick auf Frankreich darauf hingewiesen, dass eine Herabstufung nicht automatisch bedeuten müsse, dass die Zinsen für das Land steil ansteigen müssten. Jean-Michel Six von S&P sagte zu Jahresbeginn in der Zeitung "Le Parisien": "Trotz des Dreifach-A behandeln die Investoren Frankreich heute schon so, als ob es mit Dreifach-B eingestuft wäre." S&P hatte Anfang Dezember gedroht, dass Frankreich sogar gleich um zwei Stufen herabgestuft werden könnte. Nun bleibt es erst einmal bei einer Stufe.

Die Maßnahme kam also nicht unerwartet. Im vergangenen November hatte die Agentur bereits für Turbulenzen an den Finanzmärkten gesorgt, als sie - nach eigenen Angaben versehentlich - Frankreichs Top-Bewertung in einer Mitteilung gesenkt hatte. Auch Moody's hatte Mitte Oktober angekündigt, die Bonität des Landes drei Monate lang genau unter die Lupe zu nehmen. Sarkozy hatte zuletzt daher die Öffentlichkeit auf das letztlich Unvermeidliche vorzubereiten versucht.

In seiner Neujahrs-Ansprache hatte er fast schon trotzig betont, dass weder die Kapitalmärkte noch die Rating-Agenturen Frankreichs Politik bestimmen würden. Ein Verlust der Top-Bonität sei nicht unbedingt das Ende der Welt, der Verlust der magischen drei Buchstaben kein unlösbares Problem. Das staatliche Engagement zur Defizit-Reduzierung der öffentlichen Haushalte sei aber unantastbar und unabhängig von der wirtschaftlichen Lage.

Nicht zum "Ziel der Spekulation" werden

Und doch ist der Verlust der Top-Note AAA für Sarkozy ein schwerer Schlag: Rund drei Monate vor der Präsidentenwahl wird ihm angelastet, dass er Frankreich nicht auf einer Ebene mit AAA-Ländern wie Deutschland halten kann. In der Euro-Zone haben außer Berlin jetzt nur noch Finnland, Luxemburg, und die Niederlande ein Spitzen-Rating.

In Reaktion auf die Ankündigung von S&P haben Anleger am Freitag bereits mit der Flucht in deutsche Staatsanleihen begonnen. Die Börsen in Deutschland und den USA schlossen im Minus. Ein Euro-Zonen-Vertreter sagte laut Nachrichtenagentur Reuters, Deutschland sei das einzige Land, dass voraussichtlich ohne Schrammen durch die Massen-Herabstufung komme und auch seinen stabilen Ausblick behalte.

Die Bundesregierung hat in einer ersten Reaktion auf die Herabstufungen ihren Willen zur Bekämpfung der Euro-Schuldenkrise bekräftigt. "Unser Konsolidierungswille und unsere Entschlossenheit, zur Überwindung der Staatsschuldenkrise im Euroraum unseren Beitrag zu leisten, stehen außer Frage", erklärte das Bundesfinanzministerium am späten Freitagabend in Berlin. Dasselbe gelte für Deutschlands Partnerländer im Euro-Raum. Die Stabilisierung und nachhaltige Stärkung der Euro-Zone werde durch die gemeinsame Umsetzung der EU-Gipfelbeschlüsse und die Vereinbarung eines Haushaltspakts gelingen, hieß es in der Erklärung des Ministeriums weiter.

Wie Frankreich nun aus dem "Teufelskreis" aus Herabstufung, höheren Zinsen, zusätzlichen Finanzlasten für den Staat und somit einer weiteren drohenden Herabstufung herauskommen kann, ist offen. Präsidentenberater Henri Guaino warnte schon im Dezember eindringlich: "Das einzige Risiko besteht darin, zu einem Ziel der Spekulation zu werden." Sonst könne ein Land, das seine Schulden eigentlich problemlos bezahlen könne, am Ende finanziell stranguliert werden.

Befürchtungen, dass den Franzosen nun noch eine weitere Sparrunde drohen könnte, wies die Regierung in Paris zurück. Denn eine Herabstufung geht in der Regel mit steigenden Zinsen für staatliche Schulde einher. Angesichts des bereits hohen Haushaltsdefizits und des schwächelnden Wachstums müssten dann zusätzliche Löcher gestopft werden.

bos/dpa/AFP/Reuters/dapd

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 115 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
zwangsreunose 13.01.2012
1.
Zitat von sysopDer Rating-Konzern Standard & Poor's hat Frankreich die Top-Bonität entzogen, auch Österreichs Kreditwürdigkeit wurde herabgesetzt. Experten und Regierungen reagieren gelassen - und mit Trotz. Man werde sich seine Politik nicht von den Agenturen vorschreiben lassen, heißt es in Paris. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,809056,00.html
und ich vermute einmal, das "alte Europa" hat das zur Kenntnis genommen.
mb52 13.01.2012
2.
Zitat von sysopDer Rating-Konzern Standard & Poor's hat Frankreich die Top-Bonität entzogen, auch Österreichs Kreditwürdigkeit wurde herabgesetzt. Experten und Regierungen reagieren gelassen - und mit Trotz. Man werde sich seine Politik nicht von den Agenturen vorschreiben lassen, heißt es in Paris. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,809056,00.html
Endlich ein vernünftiger Ansatz
_stordyr_ 13.01.2012
3.
Zitat von sysopDer Rating-Konzern Standard & Poor's hat Frankreich die Top-Bonität entzogen, auch Österreichs Kreditwürdigkeit wurde herabgesetzt. Experten und Regierungen reagieren gelassen - und mit Trotz. Man werde sich seine Politik nicht von den Agenturen vorschreiben lassen, heißt es in Paris. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,809056,00.html
Das muss mir mal jemand erklären :) Spanien und Italien bekommen Geld geliehen, wie das sein muss und die RAtingAgentur wertet andere Länder ab *kicher* Wenn da mal nicht Krieg gegen Europa geführt wird... ABer die Agenturen sind ja ach so unabhängig...
Trondesson 13.01.2012
4.
Rating-Agenturen? Aufhängen.
rolf sternberger 13.01.2012
5.
Zitat von sysopDer Rating-Konzern Standard & Poor's hat Frankreich die Top-Bonität entzogen, auch Österreichs Kreditwürdigkeit wurde herabgesetzt. Experten und Regierungen reagieren gelassen - und mit Trotz. Man werde sich seine Politik nicht von den Agenturen vorschreiben lassen, heißt es in Paris. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,809056,00.html
Solange wir glauben die beste Politik wird von der Finanzwirtschaft gemacht... So hat am Ende der Kapitalismus eben doch die Aufklärung, den politischen Liberalismus und letztlich wohl die westliche Moderne nicht nur überlebt, sondern einfach selbst gefressen...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.