Rating-Agenturen: Im Teufelskreis der Schuldenrichter

Von , London

Wenn sie "A" oder "B" sagen, zucken Börsenhändler und Regierungschefs weltweit zusammen: Rating-Agenturen gelten als Mitschuldige der Finanzkrise und nun auch als Anheizer der Euro-Krise. Erste politische Reförmchen brachten nichts - die Agenturen sind mächtiger denn je.

Rating-Riesen: Die gefürchteten Drei Fotos
dpa

Welchen Einfluss Rating-Agenturen haben, demonstrierte Standard & Poor's (S&P) im April der Weltöffentlichkeit: Das US-Unternehmen setzte den Ausblick für die Kreditwürdigkeit der Vereinigten Staaten von Amerika von "stabil" auf "negativ" herab - und löste damit umgehend einen Kursrutsch beim wichtigen Börsenindex Dow Jones Chart zeigen aus. Gleichzeitig schossen die Risikoprämien auf US-Staatsanleihen nach oben. Später normalisierten sich die Kurse wieder, doch die erste Reaktion an der Börse machte deutlich: Rating-Agenturen sind die Herrscher der Geldmärkte.

Nicht besser als den USA erging es diese Woche Großbritannien: Kaum hatte der Rating-Gigant Moody's mit der Herabstufung der Bonität des Landes gedroht - wohlgemerkt: nur gedroht -, gerieten prompt das Pfund Sterling und der britische Anleihen-Future (Gilt) unter Druck.

Die Beispiele ließen sich endlos fortsetzen, und sie veranschaulichen alle dasselbe: Wenn eine Agentur "A" oder "B" sagt, werden nicht nur automatisch Milliarden an den Märkten verschoben, weil die Anlagen vieler Investmentfonds an Ratings gebunden sind (siehe Spalte links: Das bedeuten Ratings). Auch Regierungen springen, wenn die Analysten in New York unzufrieden sind. Als S&P im Mai Italiens Sparanstrengungen als unzureichend rügte, kündigte die Regierung in Rom gleich ein neues Sparprogramm an.

Politiker mögen dieses Ohnmachtsgefühl gar nicht, daher fehlt es nicht an wütenden Attacken auf ihre Peiniger. "Die Rating-Agenturen reagieren auf die Märkte, und die Märkte reagieren auf die Rating-Agenturen", schimpfte der griechische Finanzminister Giorgos Papakonstantinou einmal. "Es ist ein Teufelskreis."

Anleger verlassen sich auf ihr Urteil - weil es alle tun

Das Unbehagen ist besonders groß, weil der Markt in der Hand von nur drei Unternehmen ist. Die New Yorker Platzhirsche S&P, Moody's und Fitch geben 95 Prozent aller Bonitätsbewertungen ab. Sie beurteilen die Kreditwürdigkeit von Staaten, Banken und Firmen. Kein Marktteilnehmer kommt um diese Bewertungen herum, trotz aller Fehleinschätzungen verlassen Anleger sich auf ihr Urteil. Sie tun es, weil es alle tun.

An dieser Realität hat sich nichts geändert - obwohl die Rating-Agenturen in der Finanzkrise als eine zentrale Schwachstelle entlarvt wurden. Weil sie Schrottpapiere mit Bestnoten bewertet und so zur Spekulationsblase beigetragen hatten, galten sie als Mitverursacher der Krise.

Auf internationalen Gipfeltreffen versichern Politiker seither, die Macht der Rating-Herrscher begrenzen zu wollen. Doch die Reformen werden nur schleppend angegangen.

Der große Einfluss der Rating-Agenturen tritt in der aktuellen Schuldenkrise deutlich zutage: Mit ihren Herabstufungen verschärfen sie die Finanzprobleme der Schuldenländer und agieren so als Brandbeschleuniger. Wenn sie etwa die Bonität eines Landes von "sicher" auf "spekulativ" senken, setzt automatisch eine Massenflucht aus dessen Anleihen ein: Zahllose Banken und Investmentfonds sind per Vorschrift gezwungen, solche Anleihen abzustoßen. Experten sprechen vom "Kliff-Effekt". Als Folge steigen die Risikoprämien. Um Geld an den Finanzmärkten zu bekommen, muss die betreffende Regierung höhere Zinsen zahlen - was wiederum ihren Schuldenberg noch größer macht.

Verschärfte Regeln im Herbst auf EU-Ebene

Dass es so nicht weitergehen kann, darüber besteht weitgehend Einigkeit. Auch die grobe Richtung der Reformen ist einigermaßen klar. Das Financial Stability Board (FSB), das 2009 vom G-20-Gipfel zur Überwachung des Weltfinanzsystems eingesetzt worden war, hat mehrere Empfehlungen ausgearbeitet:

  • Verweise auf Ratings sollen aus Gesetzen, Vorschriften und sonstigen Handlungsanweisungen möglichst getilgt werden, damit es nicht mehr zum "Kliff-Effekt" kommt.
  • Zentralbanken, große Banken und Investmentfonds dürfen sich nicht mehr auf die Ratings verlassen, sondern müssen die Kreditrisiken ihrer Anlagen selbst bewerten und genügend Personal dafür bereitstellen. Jeglicher an Ratings gebundene Automatismus soll abgeschafft werden.
  • Rating-Agenturen sollen keinen privilegierten Zugang zu Wertpapierinformationen mehr haben, so dass Investoren keinen Grund zur Annahme haben, die Analysten wüssten mehr als sie selbst.

Ähnliches prüft die EU-Kommission. Seit Dezember 2010 sind die Rating-Agenturen bereits verpflichtet, sich bei der europäischen Finanzaufsicht zu registrieren und kontrollieren zu lassen. Im Herbst soll eine weitere Verschärfung der Regeln folgen. Unter anderem steht der Vorschlag im Raum, dass Rating-Agenturen künftig drei Tage vor einer Herabstufung die betreffende Regierung vorwarnen müssen.

Das Europaparlament hat die EU-Kommission zudem diese Woche aufgefordert, eine zivilrechtliche Haftung der Agenturen für ihre Ratings zu prüfen. Auch soll die Kommission nach dem Willen der Parlamentarier über eine eigene europäische Rating-Stiftung nachdenken - als Gegengewicht zu den amerikanischen Platzhirschen.

Viele weitere Jahre Abhängigkeit

Alle diese Vorschläge sind jedoch mit großen Fragezeichen zu versehen. Der US-Kongress hatte bereits 2010 im Dodd-Frank-Gesetz eine zivilrechtliche Haftung der Rating-Agenturen vorgesehen. Die Börsenaufsicht SEC hatte die Umsetzung der Vorschrift dann jedoch umgehend wegen Budget- und Personalmangel vertagt - auf unbestimmte Zeit. Ob die Regel jemals in Kraft tritt, ist fraglich.

Auch das Projekt einer europäischen Rating-Agentur, ein Anliegen der Bundesregierung, ist ungewiss. Die Europäische Zentralbank und die britische Regierung argumentieren, die Ratings einer solchen öffentlich finanzierten Behörde würden an den Märkten nicht ernst genommen, weil sie politische Einflussnahme der europäischen Regierungen vermuteten.

Die Reform erweist sich auch deshalb als so schwierig, weil die Rating-Agenturen eine so zentrale Rolle im Finanzsystem spielen. Das Gros der Marktteilnehmer hat weder die Zeit noch das Geld, alle Investments selbst genau zu durchleuchten. Es ist bequem, sich auf die Ratings zur schnellen Einschätzung eines Staates oder eines Unternehmens zu verlassen. Die Arbeitsteilung hat sich in Jahrzehnten herausgebildet und erscheint vielen schlicht praktisch.

Ob der Reformwille auf beiden Seiten des Atlantiks groß genug ist, wird sich zeigen. Es wird jedenfalls ein langwieriger Prozess. Die Abhängigkeit von den Rating-Agenturen kann nur schrittweise verringert werden, allein die Neufassung zahlloser Regelwerke wird Jahre dauern.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 95 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Hier könnte ein Rating stehen
shokaku 12.06.2011
Wie gut, dass es Rating Agenturen und Bankster gibt. Da müssen sich Regierungen und Bevölkerung nicht eingestehen, dass jahrzehntelanges Auftürmen immer höherer Schuldenberge auch einen klitzekleinen Anteil an der jetzigen Krise hat. Wer sich so abhängig von fremden Kapital macht, muss sich letztlich nicht wundern, wenn er zum Spielball wird.
2. Blödsinn
firem 12.06.2011
"Rating-Agenturen sind die Herrscher der Geldmärkte." Sie bewerten Risiken und beurteilen, ob ein Staat (oder Unternehmen) in der Zukunft fähig sein wird, seine Schulden zu bedienen. Die Tatsache, dass Schulden zurückgezahlt werden müssen, scheint dem Artikelschreiber des Spiegels außer Blick geraten zu sein -wie auch fast allen Politikern-, und dass Geldleihen Zinsen kostet und dass diese Zinsen den Bürgern der Länder abpresst werden müssen. Die Väter des Grundgesetzes kannten noch diese einfachen ökonomische Regel. Die haben entschieden, dass es besser ist (trotz aller Verlockungen), kein Geld für den Staatshaushalt aufzunehmen und die Investitionen aus eigener Kraft der Bürger aufzubringen. Leider kamen dann schlechte Politiker, die sich an den Finanzmärkten bedienten, um sich das Leben einfach zu machen. Sogar nun seit 30 Jahren an der Bremse des Grundgesetzes vorbei, dass nur Investitionen des Staates in Infrastruktur finanziert werden dürfen. In der Zwischenzeit wird der Haushalt Jahr für Jahr zu immer grösseren Teilen auf Pump finanziert. Man nennt es Sparhaushalt, weil ein solchermassen zusammengeschusterter Staats-Etat dem verantwortlichen Finanzminister viel Ärger erspart. :-) Wenn die Rating-Agenturen nun sagen, es ist Schluss mit Lustig, ist dass nur im Interessen der Bürger. Aber offenbar nicht der Schreiberlinge, die die Boten über eine verwegene Finanzpolitik angiften, um die Politiker in ihrer Verschuldenspolitik gegen die Bürger zu schützen. Wenn die Finanzmärkte den Geldhahn dicht machen, ist dass nur von langfristigen Vorteil für die Bürger, weil den verantwortungslosen Schuldenmachern in der Politik (nach uns die Süntflut, aber mit indizierten Pensionen) so das Handwerk gelegt wird.
3. Immer auf die Boten
Tango, 12.06.2011
Zitat von sysopWenn sie "A" oder "B" sagen, zucken Börsenhändler und Regierungschefs weltweit zusammen: Rating-Agenturen gelten als Mitschuldige der Finanzkrise und nun auch als Anheizer der Euro-Krise.*Erste politische Reförmchen*brachten nichts*- die Agenturen sind*mächtiger denn je. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,767868,00.html
Lustig - wenn die Agenturen zu gut bewerten, sind sie an allem schuld, und wenn sie schlechter bewerten, irgendwie auch. Roter Faden: die Menschen und allen voran die Politker mögen nicht mit der Wirklichkeit konfrontiert werden. Also schlagen sie auf die Überbringer der schlechten Nachrichten ein. Man merkt es an der geforderten Beteiligung der Gläubiger an den Sanierungen: solche Forderungsausfälle werden nun einmal in die Zinsen eingepreist - sie wurden es teilweise bereits, und anschließend steigen die Zinsen eben noch höher. Irgendwo muss das Geld ja herkommen. Das weiß jeder Kaufmann. Nur naive Politiker glauben immer noch, dass sie mit der "Beteiligung privater Gläubiger" mehr Geld in die Finger kriegen.
4. Ratingagenturen
farview 12.06.2011
So so.... Zitat: "Rating-Agenturen gelten als Mitschuldige der Finanzkrise und nun auch als Anheizer der Euro-Krise." Und ich Dummerle dachte immer schuld seien Politker die über Jahrzehnte mehr Geld rauswerfen als sie einnehmen. So kann man sich täuschen !
5. Eben
flower power 12.06.2011
So ist das mit Hilfe der USA. Es wurden amerikanisch geprägte Rating-agenturen installiert, die natürlich alle in USA ihren Sitz haben, und nun wunderschön als unerlässliche Bewertungsinstanz, natürlich ohne Kontrolle und Verantwortung, aber mit viel Balooo ihren Senf zur Weltwirtschaft, zum Wohle der USA, geben dürfen. Eine fragwürdige Installation, die doch eigentlich jedem die kritische Hinterfragung und Daseinsberechtigung dieser aufwerfen müsste. Doch blöd wie die Finanzmogule der Welt sind unterwefern diese sich kindisch diesem Kram. Financial Business verträgt keine Kritik, keine Demokratie und schon gar nicht Intelligenz. Es geht mit Riesenschritten auf die Weltherrschaft à la Bilderberger zu. Nur gut, dass es Staaten wie China nicht interessiert was die da sagen, schreiben und lügen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Unternehmen & Märkte
RSS
alles zum Thema Ratingagenturen
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 95 Kommentare
Die drei Rating-Riesen
Standard & Poor's
Henry Varnum Poor veröffentlichte 1868 das "Manual of the Railroads of the United States", in dem die Anleger Informationen über die Eisenbahngesellschaften erhielten. 1941 verschmolzen die Poor's Publishing Company und die Standard Statistics Company zur Rating-Agentur Standard & Poor's . Das Rating reicht von AAA ("Triple A", exzellente Bonität, praktisch kein Ausfallsrisiko) über BBB (befriedigend) bis D (in Zahlungsverzug, keine Bonität).
Moody's
John Moody gründete 1909 die Agentur Moody's Investors Service , die seit 1975 von der US-Börsenaufsicht SEC anerkannt ist. Die Bewertungen reichen von Aaa über Baa1 bis C.
Fitch Ratings
1924 entstand in New York aus der Fitch Publishing Company von John Fitch das Unternehmen Fitch Ratings . Alle drei Unternehmen haben ihren Sitz in New York, Fitch Ratings zudem in London; sie betreiben Büros in aller Welt. Das Rating reicht von AAA bis D.

Rating
Das bedeuten die Ratings
Moody's S&P Fitch Bewertung
Aaa AAA AAA Beste Qualität
Aa1 AA+ AA+ Sichere Anlage
Aa2 AA AA
Aa3 AA- AA-
A1 A+ A+ Prinzipiell sichere Anlage
A2 A A
A3 A- A-
Baa1 BBB+ BBB+ Durchschnittlich gute Anlage
Baa2 BBB BBB
Baa3 BBB- BBB-
Ba1 BB+ BB+ Spekulative Anlage
Ba2 BB BB
Ba3 BB- BB-
B1 B+ B+ Hochspekulative Anlage
B2 B B
B3 B- B-
Caa1 CCC+ CCC+ Substantielle Risiken / Extrem spekulativ
Caa2 CCC CCC
Caa3 CCC- CCC-
Ca CC CC
Ca C C
C D D Zahlungsausfall