Rating-Entscheidungen Heute Gold, morgen Ramsch

Überall, wo es kracht im Finanzsektor, finden sich ihre Spuren: Rating-Agenturen wie S&P standen im Mittelpunkt der US-Kreditkrise, nun tragen sie zur Erschütterung europäischer Märkte bei. Oft wirken ihre Entscheidungen abrupt und verwirrend. Die US-Regierung nimmt das Problem kaum zur Kenntnis.

Von , New York

Börse in New York: Portugal liegt nun auf dem Rating-Niveau von Botswana
AFP

Börse in New York: Portugal liegt nun auf dem Rating-Niveau von Botswana


Im Skandal um die Wall-Street-Bank Goldman Sachs geraten immer mehr Akteure ins Zwielicht. Die Banker und Trader, die lachhaft riskante Kreditprodukte verkauften. Der Hedgefonds-Milliardär John Paulson, der auf Kosten der Geschädigten abzockte. Die US-Politiker, die die Farce lange tatenlos billigten.

Weitgehend unbehelligt blieb bisher jedoch eine weitere, stillere Gruppe Beteiligter - obwohl sie ebenso tief in den fraglichen Deal verstrickt war: die Rating-Agenturen, die nun auch die europäische Finanzszene erschüttern.

Standard & Poor's (S&P) und Moody's hatten das unselige Goldman-Finanzpaket "Abacus 2007-AC1" nämlich mit dem begehrten AAA-Kreditsiegel geadelt, bevor sie es neun Monate später zu "Ramsch" herabstuften - ähnlich wie sie es jetzt auch mit der Kreditwürdigkeit Griechenlands getan haben. Verlust für die Goldman-Investoren: eine Milliarde Dollar.

Überall, wo es kracht im Finanzsektor, finden sich ihre Spuren. Die Kreditprüfer von S&P, Moody's und Fitch, dem kleineren Dritten im Bunde, standen mit im Zentrum des globalen Crashs. Sie spuken durch die Betrugsklage der US-Börsenaufsicht SEC gegen Goldman. Und jetzt stürzt ihr Wort Europa ins Finanzchaos, durch die Kredit-Abstrafung von Griechenland, Portugal und nun auch Spanien.

Der Nation keinen guten Dienst erwiesen

Sie sind graue Eminenzen, Schattenmänner und Strippenzieher zugleich. Sie haben enorme Macht über Kredite, Deals, Firmen, sogar Staaten. Doch hinterfragt werden sie selten - geschweige denn zur Rechenschaft gezogen.

Dabei ist ihre Rolle alles andere als lupenrein. In den USA wirft ihr Verhalten zunehmend Fragen auf. Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman von der "New York Times" hält das System der Agenturen für "zutiefst korrupt". US-Senator Carl Levin rechnet sie sogar zu den Hauptschuldigen der Krise: "Ließe sich ein einziges Ereignis als unmittelbarer Auslöser der Finanzkrise identifizieren, meine Stimme gälte den massenhaften Downgrades von 2007."

Der Demokrat Levin - der demselben Untersuchungsausschuss vorsitzt, der am Dienstag auch dem Goldman-Management die Leviten las - ließ 14-monatige Ermittlungen über die Agenturen anstellen. Heraus kam jetzt ein fetter Aktenberg mit 581 Seiten, samt vernichtendem Urteil: "Keine dieser Firmen hat der Nation einen guten Dienst erwiesen."

Die Agenturen, so der vorige Woche veröffentlichte Senatsbericht, hätten im Vorfeld der Krise jahrelang "fehlerhafte Rating-Modelle" benutzt, hätten außerdem bei der Prognose des Hypothekenmarkts "versagt" und zugelassen, dass die Ratings "von "Konkurrenzdruck gefärbt" worden seien. Ergebnis: Von allen Subprime-Hypothekenwerten, die 2006 noch AAA-Ratings trugen, sind heute 93 Prozent "Ramsch". Dennoch bleibt der Reflex bis heute bestehen: Geben die Agenturen ihr Gütesiegel, im besten Fall also ein AAA-Rating, dann heißt das, dass sich der Anleger darauf verlassen kann.

Quasi-Monopol seit 1909

Das Quasi-Monopol der Agenturen geht bis 1909 zurück. Da begann der US-Finanzanalyst und Investor John Moody, Informationen über Eisenbahngesellschaften, ihre Aktien und ihr Management nach einem Buchstabensystem zu kategorisieren und zu bewerten. Später fügte er Industrie- und andere Firmen hinzu.

Heute analysiert Moody's mehr als 12.000 Unternehmen in 100 Ländern. S&P vergibt Ratings seit 1916, gehört seit 1966 dem Finanz- und Medienkonglomerat McGraw-Hill und erstellt auch die bekannten S&P-Börsenindizes. Fitch, 1916 gegründet und eine Tochter der französischen Finanzholding Fimalac, ist das kleinste Mitglied dieses Clubs.

Ratings reichen von AAA bis D. Dieses traditionelle System erwies sich jedoch spätestens mit der Kreditkrise als wertlos. Die dubiosen Investmentprodukte im Auge des Orkans ließen sich nicht seriös und einfach einschätzen. Inzwischen ist klar, dass die Agenturen sie völlig überbewerteten - oft auf Wunsch der ausgebenden Firmen, die die Agenturen wiederum dafür bezahlt hatten.

Ein Beispiel: Schon 2006 bezeichnete Angelo Mozilo, damals Chef der größten US-Hypothekenbank Countrywide, deren Ramschhypotheken in internen E-Mail als "giftig". Doch Moody's sah sich erst im Sommer 2007 genötigt, sie abzuwerten. All das geschah unter den Augen der US-Regierung.

Band des Vertrauens ist gerissen

Kein Einzelfall. Querbeet verliehen die Agenturen jahrelang ausgerechnet jenen Subprime-Hypotheken ihren AAA-Segen, die später zum Treibsand der Finanzkrise wurden - selbst, als die Risiken längst bekannt waren.

So halfen sie mit, die Investmentbanken Lehman Brothers und Bear Stearns ins Verderben zu treiben, den Versicherungsriesen AIG zu zerstören und ein Billionen-Dollar-Loch in Amerikas Staatskasse zu reißen. "Die Geschichte der Kredit-Rating-Agenturen ist eine Geschichte des kolossalen Versagens", sagt der demokratische Kongressabgeordnete Henry Waxman, der Vorsitzende des Kontrollausschusses im Repräsentantenhaus.

Trotzdem wenden die US-Agenturen dieses kaputte System heute auch bei Griechenland, Spanien und Portugal an - und versetzen damit nun Europas Finanzmärkte in höchste Unruhe. Aber verdient Griechenland dasselbe Rating wie Panama, Kolumbien und Ägypten? Und Portugal die gleiche Bonitätsstufe wie Botswana und Malaysia? Spanien liegt nach der Abstufung auf dem Niveau von Bermuda.

Das "Band des Vertrauens", das die Agenturen seit einem Jahrhundert als Schiedsrichter der Finanzwelt verpflichte, sei längst "zerrissen", befand Levins Untersuchungsausschuss im US-Senat. "Und alles nur des Geldes wegen."

So explodierte der Gesamtumsatz der drei großen US-Agenturen von 2002 bis 2007 von weniger als drei Milliarden Dollar auf mehr als sechs Milliarden Dollar im Jahr. Das meiste kam aus dem Rating-Geschäft - und aus der Tasche der Institute, die sich bewerten ließen.

Intensiver Personalaustausch

"Das ist", schreibt der Senatsausschuss, "als ob die Streitparteien vor Gericht das Gehalt des Richters zahlen." Oder, so die "New York Times": "Als ob Hollywood-Studios Filmkritiker für die Kritiken ihrer Blockbuster bezahlten."

Ein Moody's-Direktor beklagte diese Zustände bereits im September 2007 - anonym und intern: "Als hätten wir unsere Seele dem Umsatz zuliebe dem Teufel verkauft." Ein S&P-Mann machte sich einmal darüber lustig, dass er Investments sogar für gut befinden würde, wenn sie "von Kühen strukturiert" seien.

Ein weiteres Problem: Zwischen den Agenturen und den Banken fließt nicht nur Geld, auch Personal wechselt hin und her. So heuerte Goldman Sachs 2005 den Fitch-Ratingexperten Shin Yukawa an. Der brachte sein Fachwissen prompt in jener Goldman-Abteilung zum Einsatz, die neue Kreditprodukte schmiedete und dafür sorgte, dass sie die besten Ratings bekamen. Eines dieser Produkte: "Abacus 2007-AC1."

Eine Reform dieses System ist jedoch in weiter Ferne. Das Regulierungspaket für die US-Finanzmärkte, das die Demokraten avisiert haben, enthält nur wenig über die Rating-Agenturen - außer dem lauen, unkonkreten Appell, "die Aufsicht zu verstärken".

Deshalb versuchen es die Kritiker auf anderem Weg. Einige institutionelle Großinvestoren - darunter der US-Bundesstaat Ohio - haben die Rating-Agenturen inzwischen wegen ihrer Rolle bei der Finanzkrise verklagt. Ein Antrag von Moody's und S&P auf Ablehnung scheiterte am Montag vor einem New Yorker Gericht.

Zwei Tage später senkte S&P die Kreditwürdigkeit Spaniens.

Forum - Europa - können Deutschlands Steuerzahler die Griechen retten?
insgesamt 8513 Beiträge
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Seite 1
donnerbalken 24.04.2010
1. Ach was!
Zitat von sysopNun ist es doch dazu gekommen: Griechenland hat beim Internationalen Währungsfonds einen Kreditantrag gestellt. Das bedeutet auch Kosten für den EU-Partner Deutschland. Können die deutschen Steuerzahler die Griechen retten?
Ach was! Papalapap! Die Renten werden für einige Jahre eingefroren und Europa ist gerettet...
ingrid wild 24.04.2010
2. Na aber selbstverständlich
auf die paar Griechen kommt es auch nicht mehr an, wir retten ja schließlich schon einen erklecklichen Teil der Welt. Kommt es da vielleicht noch auf den mickrigen Rest an?
Roueca 24.04.2010
3. Nein...
...und wir wollen es auch nicht. Solange, wie gestern in den Nachrichten gezeigt wird, daß die griechische Presse unser Land so sieht: Brandenburger Tor mit Hakenkreuz drauf, solange sollen die anderen EU-Länder den Karren aus dem Dreck ziehen. Eine öffentliche Rüge für dieses Land wäre die richtige Antwort, aber nicht unsere Steuergelder
Volker Gretz, 24.04.2010
4.
Zitat von sysopNun ist es doch dazu gekommen: Griechenland hat beim Internationalen Währungsfonds einen Kreditantrag gestellt. Das bedeutet auch Kosten für den EU-Partner Deutschland. Können die deutschen Steuerzahler die Griechen retten?
Ich glaube nicht, dass uns Deutschen die Wirtschaft noch so viel Wohlstand gelassen hat, um in Griechenland die Sozialsyteme und Kaufkraft zu erhalten. Im Gegenteil - wir bezahlen die Finanzwirtschft und die Rüstingsindustrie mit dem weiteren Abbau unserer Sozialsysteme, mit dem weiteren verscherbeln unseres Tafelsilbers, mit maroden Staraßen, sinkenden Bildungsausgaben, geschlossenen Schwimmbädern und Bücherien, ... dafür, die Griechen auf unser Niveau herabzuwürgen. Die Griechen retten, hieße dort den Wohlstand, Sicherheit und Daseisnsvorsorge mindesten beizubehalten. Und das will ja niemand mehr. Unserere Regierenden haben die Marschrichtung seit mindesten 12 Jahren in die andere Richtung vorgegeben. Nicht der Wohlstand der Menschen ist das Ziel, sondern die Gewinne der Wirtschaft.
echter_demokrat 24.04.2010
5. Retten
Zitat von sysopNun ist es doch dazu gekommen: Griechenland hat beim Internationalen Währungsfonds einen Kreditantrag gestellt. Das bedeutet auch Kosten für den EU-Partner Deutschland. Können die deutschen Steuerzahler die Griechen retten?
Was heißt Griechenland? Wir werden die gesamte EU retten. Das war nur der erste Stein, der ins Rollen gekommen ist.
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