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Bear-Stearns-Pleite: Rating-Riesen sollen mit Milliarde büßen

Wegen der Finanzkrise stehen die Rating-Agenturen erneut am Pranger: Insolvenzverwalter fordern gut eine Milliarde Dollar wegen der Pleite von zwei Hedgefonds der untergegangenen Investmentbank Bear Stearns. Den Bonitätswächtern könnte eine neue Klagewelle drohen.

Moody's-Logo am World Trade Center: Absichtlich falsche Informationen? Zur Großansicht
REUTERS

Moody's-Logo am World Trade Center: Absichtlich falsche Informationen?

New York - Bear Stearns - dieser Name wird für immer mit der US-Finanzkrise verbunden bleiben. Die traditionsreiche Investmentbank geriet durch die Pleite mehrerer von ihr aufgelegter Hedgefonds in Schieflage und wurde 2008 vom Konkurrenten JP Morgan zum Schleuderpreis übernommen. Für dieses Desaster sollen nun die drei größten Rating-Agenturen büßen: Insolvenzverwalter der untergegangenen Hedgefonds fordern laut einem Bericht des "Wall Street Journal" insgesamt 1,12 Milliarden Dollar Entschädigung von den Bonitätswächtern.

Der Klageschrift zufolge haben die Rating-Agenturen "absichtlich und bewusst Informationen bezüglich ihrer Unabhängigkeit, der Genauigkeit ihrer Ratings, der Qualität ihrer Modelle und dem Ausmaß ihrer Überwachung falsch dargestellt". Die Vorwürfe beziehen sich auf die Beurteilung riskanter Finanzprodukte wie der berüchtigten hypothekenbesicherten Wertpapiere, welche die Hedgefonds zum Kollaps brachten.

Dem Bericht zufolge kommen die Juristen mit ihrer Klage offenbar dem Auslaufen einer Sechs-Jahres-Frist zuvor, die im Bundesstaat New York für Betrugsfälle gilt. Zudem zeigten weitere Verfahren, dass den Rating-Agenturen eine neue Klagewelle drohen könnte. So ließ ein Richter am Montag vorerst eine Klage des US-Jusitzministeriums gegen die Agentur Standard & Poor's (S&P) zu. Eine endgültige Entscheidung darüber wird in den kommenden Tagen erwartet.

Das Interesse an Verfahren gegen die Agenturen scheine zu wachsen, sagte Luke Brooks der Zeitung. Er hatte mehrere Kläger in einem Verfahren gegen die Agenturen S&P und Moody's vertreten, das im April mit einem Vergleich endete.

Die Insolvenzverwalter wollten sich nicht zu der Klage äußern. Ein S&P-Vertreter sagte, die Vorwürfe seien "unbegründet, und wir werden uns entschieden dagegen wehren".

dab

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Wie Rating-Agenturen arbeiten
Geschichte
Die Geschichte der Rating-Agenturen reicht ins 19. Jahrhundert zurück, als das US-Eisenbahnnetz sich über den Kontinent ausdehnte. Das erforderte Kredite, die die Banken nicht alleine schultern konnten. Industrieunternehmen begannen, Anleihen auszugeben, um an Geld zu kommen. Heute dominieren drei Agenturen den Markt: Standard & Poor's, Moody's und Fitch.
Standard & Poor's
Standard & Poor's (S&P): Henry Varnum Poor veröffentlichte 1868 das "Manual of the Railroads of the United States", in dem die Anleger Informationen über die Eisenbahngesellschaften erhielten. 1941 verschmolzen die Poor's Publishing Company und die Standard Statistics Company zur Rating-Agentur Standard & Poor's. Das Rating reicht von AAA ("Triple A", exzellente Bonität, praktisch kein Ausfallsrisiko) über BBB (befriedigend) bis D (in Zahlungsverzug, keine Bonität).
Moody's
Moody's: John Moody gründete 1909 die Agentur Moody's Investors Service, die seit 1975 von der US-Börsenaufsicht SEC anerkannt ist. Die Bewertungen reichen von Aaa über Baa1 bis C.
Fitch
Fitch Ratings: 1924 entstand in New York aus der Fitch Publishing Company von John Fitch das Unternehmen Fitch Ratings. Alle drei Unternehmen haben ihren Sitz in New York, Fitch Ratings zudem in London; sie betreiben Büros in aller Welt. Das Rating reicht von AAA bis D.
Wie die Agenturen arbeiten
Rating-Agenturen bewerten die Kreditwürdigkeit von Unternehmen, Banken und Staaten und vergeben dazu verschiedene Bonitätsnoten. Dabei fließen veröffentlichte Zahlen ebenso ein wie Brancheneinschätzungen oder eine Beurteilung des Managements.
Die Noten der Rating-Agenturen
Das bedeuten die Ratings
Moody's S&P Fitch Bewertung
Aaa AAA AAA Beste Qualität
Aa1 AA+ AA+ Sichere Anlage
Aa2 AA AA
Aa3 AA- AA-
A1 A+ A+ Prinzipiell sichere Anlage
A2 A A
A3 A- A-
Baa1 BBB+ BBB+ Durchschnittlich gute Anlage
Baa2 BBB BBB
Baa3 BBB- BBB-
Ba1 BB+ BB+ Spekulative Anlage
Ba2 BB BB
Ba3 BB- BB-
B1 B+ B+ Hochspekulative Anlage
B2 B B
B3 B- B-
Caa1 CCC+ CCC+ Substantielle Risiken / Extrem spekulativ
Caa2 CCC CCC
Caa3 CCC- CCC-
Ca CC CC
Ca C C
C D D Zahlungsausfall
Bedeutung der Noten
Je schlechter sie die Bonität eines Marktteilnehmers beurteilen, umso teurer und schwieriger wird es für diesen, sich Geld zu besorgen. Die Refinanzierungskosten steigen, schlimmstenfalls ziehen Geldgeber ihr Kapital ab. Am Rating orientieren sich nicht nur Banken, sondern zum Beispiel auch institutionelle Investoren.

Hochspekulative Anleihen (Moody's: Ba1, S&P: BB+, Fitch: BB+) gelten als "Ramsch". Wird eine Anleihe als spekulativ eingestuft, müssen beispielsweise Zentralbanken sie verkaufen.
Kritik
Kritiker bemängeln, es bleibe oft unklar, welcher Anteil der Bonitätseinstufungen (Ratings) Mathematik und welcher Meinung ist. In der Finanzkrise wurden Rating-Agenturen an den Pranger gestellt: Weil sie Ramschpapiere als sichere Geldanlage anpriesen, wurde ihnen eine Mitschuld an der Krise gegeben.

Rating
Das bedeuten die Ratings
Moody's S&P Fitch Bewertung
Aaa AAA AAA Beste Qualität
Aa1 AA+ AA+ Sichere Anlage
Aa2 AA AA
Aa3 AA- AA-
A1 A+ A+ Prinzipiell sichere Anlage
A2 A A
A3 A- A-
Baa1 BBB+ BBB+ Durchschnittlich gute Anlage
Baa2 BBB BBB
Baa3 BBB- BBB-
Ba1 BB+ BB+ Spekulative Anlage
Ba2 BB BB
Ba3 BB- BB-
B1 B+ B+ Hochspekulative Anlage
B2 B B
B3 B- B-
Caa1 CCC+ CCC+ Substantielle Risiken / Extrem spekulativ
Caa2 CCC CCC
Caa3 CCC- CCC-
Ca CC CC
Ca C C
C D D Zahlungsausfall

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