Gerichtsurteil in Florida Tabakkonzern soll Raucher-Witwe Milliarden zahlen

Zunächst glaubte die Klägerin, sie habe sich verhört: Der US-Zigarettenhersteller R.J. Reynolds muss der Witwe eines Kettenrauchers mehr als 23 Milliarden Dollar Schadensersatz zahlen.

Hauptsitz von R.J. Reynolds in North Carolina: Urteil über 23,6 Milliarden Dollar schockt die Konzernführung
AP/dpa

Hauptsitz von R.J. Reynolds in North Carolina: Urteil über 23,6 Milliarden Dollar schockt die Konzernführung


Miami - R.J. Reynolds Tobacco Company mit Sitz in Winston Salem im Bundesstaat North Carolina ist der zweitgrößte Produzent von Tabakwaren in den USA. Das Unternehmen stellt unter anderem bekannte Zigarettenmarken wie Camel, Pall Mall oder Natural American Spirit her. Jährlich setzt der Konzern Milliarden Dollar um.

Jetzt muss R.J. Reynolds etliche seiner Milliarden an eine Witwe aus Pensacola zahlen: Ein Gericht in Florida verurteilte den Konzern zu einer Schadensersatzstrafe in Höhe von 23,6 Milliarden Dollar. Es soll sich um eine der größten Schadensersatzsummen nach einer Einzelklage in der Geschichte des Bundesstaats handeln. Rund vier Wochen dauerte der Prozess. Der Vizepräsident des Konzerns, J. Jeffery Raborn, erklärte in der "New York Times", R.J. Reynolds werde das Urteil anfechten.

Cynthia Robinson hatte das Unternehmen 2006 verklagt, nachdem ihr Mann 1996 im Alter von 36 Jahren an Lungenkrebs gestorben war. Mehr als 20 Jahre lang hatte er täglich bis zu drei Päckchen Zigaretten geraucht. Robinsons Vorwurf: R.J. Reynolds habe die Gefahren des Rauchens und die Suchtgefahr seiner Produkte verheimlicht.

Als sie das Urteil hörte, erzählt Robinson der "New York Times", habe sie zunächst "Millionen" verstanden ("millions") und sei bereits sehr euphorisch darüber gewesen. Dann habe sie ihr Anwalt darüber informiert, dass es sich um "Milliarden" handele ("billions"). "Es war einfach unglaublich", sagte Robinson.

Laut der "New York Times" haben Robinson und ihr verstorbener Mann zwei Kinder im Alter von 23 und 29 Jahren. Mit ihrem Mann, einem Hotel-Shuttle-Fahrer, sei Robinson sechs Jahre lang verheiratet gewesen. Er habe bereits mit 13 Jahren angefangen zu rauchen. "Er rauchte wirklich viel", sagte Robinson. Oft habe er sich die neue Zigarette mit der alten angezündet.

Das Urteil der Geschworenen gibt der Witwe recht: R.J. Reynolds hat demzufolge absichtlich die Gesundheitsgefahren seines Produkts verheimlicht. Das Unternehmen habe nicht deutlich gemacht, dass Nikotin süchtig mache und Zigaretten giftige Stoffe enthielten. Laut Christopher Chestnut, einem der Anwälte Robinsons, habe Filmmaterial aus 1994 die Geschworenen am meisten überzeugt: Darin behaupten Führungskräfte der Tabakindustrie, dass Rauchen weder Krebs verursacht noch dass es süchtig macht. 60 Jahre alte interne Dokumente dagegen belegen, dass man bei R.J. Reynolds wusste, dass das Gegenteil der Fall ist.

"Wir hoffen, dass das Urteil R.J. Reynolds und andere große Tabakkonzerne dazu bewegt, nicht länger die Leben unschuldiger Menschen in Gefahr zu bringen", heißt es in einer Mitteilung von Willie Gary, einem weiteren Anwalt der Witwe. Reynolds Vizepräsident Raborn sagte dagegen der "New York Times": "Die Höhe der zugesprochenen Schadensersatzsumme ist vollkommen übertrieben." Sie sei nach dem Verfassungsrecht auch nicht zulässig. Das Urteil sei völlig unangemessen und nicht mit den vorgelegten Beweisen vereinbar.

Raborn ist sich sicher: Die Geschworenen in nächster Instanz werden das "außer Kontrolle geratene Urteil" nicht annehmen.

cib/dpa/AFP

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insgesamt 231 Beiträge
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Seite 1
12.Freund 20.07.2014
1. 23,6 Milliarden...
für die Angehörige von jemandem, der trotz 3 Packungen Kippen pro Tag gar nicht wusste, das Rauchen schädlich ist... Unfassbar.
ratxi 20.07.2014
2. ...sogar noch ein paar Milliärdchen
Zitat von sysopAP/dpaZunächst glaubte die Klägerin, sie habe sich verhört: Der US-Zigarettenhersteller R.J. Reynolds muss der Witwe eines Kettenrauchers mehr als 23 Milliarden Dollar Schadensersatz zahlen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/rauchen-tabakkonzern-reynolds-muss-witwe-23-6-milliarden-dollar-zahlen-a-981973.html
So eine kleine Entschädigung für diesen langen Prozess kann doch keiner verwehren. Nun muss die arme Witwe nicht mehr soviel arbeiten und kann sogar noch ein paar Milliärdchen für die Nachkommen auf die hohe Kante legen...
kone 20.07.2014
3. Nicht schlecht ...
Zitat von sysopAP/dpaZunächst glaubte die Klägerin, sie habe sich verhört: Der US-Zigarettenhersteller R.J. Reynolds muss der Witwe eines Kettenrauchers mehr als 23 Milliarden Dollar Schadensersatz zahlen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/rauchen-tabakkonzern-reynolds-muss-witwe-23-6-milliarden-dollar-zahlen-a-981973.html
... vor allem für die Anwälte höchst lukrativ, denn die haben jetzt wohl einen Streitwert ...! Ich weiß ja nicht, wie hoch das Anwaltshonorar in den USA prozentual ist, aber bei nur einem Prozent, erhält jede Partei 236 Mio. Dollar ...
wühlmaus_reloaded 20.07.2014
4. Die spinnen, die Amis.
Zitat von sysopAP/dpaZunächst glaubte die Klägerin, sie habe sich verhört: Der US-Zigarettenhersteller R.J. Reynolds muss der Witwe eines Kettenrauchers mehr als 23 Milliarden Dollar Schadensersatz zahlen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/rauchen-tabakkonzern-reynolds-muss-witwe-23-6-milliarden-dollar-zahlen-a-981973.html
Was soll die arme Frau mit all dem Mammon anfangen, außer sich zu Tode zu saufen, zu fressen oder zu amüsieren ? Man hätte ihr eine Million o.ä. als Schadensersatz zuerkennen sollen und die restlichen 22,999 Mrd. der (Lungen-) Krebsforschung und diversen Antiraucher-Organisationen, damit die massiv Gegenreklame machen können.
townsville 20.07.2014
5. Erhält die nicht
Diese erstinstanzliche Geschworenen-Urteile werden nie umgesetzt. Bereits eine Steafe von rd. 80 Mio gegen Den Tabakkonzern Phillip Morris wurde vom Supreme Court kassiert, weil die Höhe unangemessen und unbegründbar sei. Der Prozess wird sich jetzt ein paar Instanzen (und Jahre) ziehen, dann bietet der Konzern ein Settlement von ein paar Millionen an, von den 50-90% bei den Anwälten hängen bleiben.
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