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Türkei kämpft gegen Raucher: Goodbye Tabak-Paradies

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Raucher in Istanbul: Die Türkei ist kein Tabakmekka mehr Zur Großansicht
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Raucher in Istanbul: Die Türkei ist kein Tabakmekka mehr

Mit Rauchverboten selbst im Freien will die Regierung in Ankara den Nikotinkonsum weiter einschränken. Und das im einstigen Tabak-Paradies Türkei. Die Zigarettenkonzerne toben.

Noch vor 15 Jahren brauchten Nichtraucher in türkischen Flugzeugen starke Nerven. Völlig selbstverständlich steckten sich viele Passagiere nach dem Start erstmal eine an, bisweilen qualmte auch das Kabinenpersonal mit. Erst 1999 führte Turkish Airlines ein Rauchverbot ein. "Rauchen wie ein Türke" lautet eine alte Redewendung in vielen europäischen Sprachen - so untrennbar gehörte die Zigarette zur Alltagskultur. Doch neuerdings fällt der Anteil der Raucher rapide. Und die AKP-Regierung in Ankara setzt alles daran, der einst so innigen Beziehung der Türken zum Tabak endgültig den Garaus zu machen.

Schon 2008 legte der damalige Premierminister und jetzige Präsident Recep Tayyip Erdogan eines der strengsten Anti-Tabak-Gesetze der Welt fest, verbot das Rauchen in allen öffentlichen Gebäuden, schränkte Tabakwerbung drastisch ein und schrieb Fernsehkanälen Aufklärungssendungen vor.

Jetzt legt Gesundheitsminister Mehmet Müezzinoglu nochmal einen drauf: Von Oktober an will er das Rauchen auch unter freiem Himmel vielerorts verbieten: vor Bars, Restaurants, Einkaufszentren und sogar in Parks.

Standardisierte Einheitsverpackung ohne Markenlogo

"Es wird spezielle Ecken für Raucher geben, außerhalb davon werden sie nicht rauchen dürfen", kündigt Müezzinoglu an. Und die Zigarettenschachteln sollten spätestens vom Jahreswechsel an nur noch Schockfotos krebsbefallener Lungen oder teergeschwärzter Gebisse, Gesundheitswarnungen sowie eine Code-Nummer zeigen - nicht aber Markenlogo und den Namen. Die Abschreckung hat einen guten Grund: Fast sechs Millionen Menschen sterben laut WHO Jahr für Jahr an den Folgen des Qualmens. Macht im Schnitt einen Tabak-Toten alle 5,3 Sekunden.

Der globalen Zigarettenindustrie ist Müezzinolgus Vorhaben ein Graus. Nichts fürchten die Multis so wie das angedrohte "Plain Packaging", die standardisierte Einheitsverpackung ohne Markenlogo. Haben sie doch über Jahrzehnte hinweg Hunderte Milliarden Dollar in Werbung und Marketing gesteckt. Nun aber planen Regierungen in allen möglichen Teilen der Welt die Uniform-Schachtel. Australien hat 2012 den Anfang gemacht. Irland, Großbritannien und Neuseeland wollen demnächst nachziehen. Frankreich, Kanada, Norwegen, Uruguay und Thailand sympathisieren mit Plain Packaging oder lassen den Herstellern auf der Schachtel kaum noch Raum.

Ein hochprofitabler 700-Milliarden-Dollar-Markt

Dass jetzt ausgerechnet das traditionelle Tabakmekka Türkei in Europa und Asien mit konkreten Terminen vorprescht, trifft die Zigarettenkonzerne. "Plain-Packaging-Regeln sind rechtswidrig", erklärt Antonella Pederiva, Generalsekretärin des europäischen Herstellerverbandes CECCM, auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. Sie seien "ein Versuch, Unternehmen ihrer wertvollsten Vermögenswerte zu berauben: ihrer Marken". Und damit ein Angriff auf das Eigentumsrecht.

Zwar sinkt die Zahl der weltweit gerauchten Zigaretten neuerdings leicht. Trotzdem erwirtschaften viele Multis märchenhafte Margen - weil sie es schaffen, den Nikotinsüchtigen immer höhere Preise abzuverlangen. Plain Packaging könnte dies umkehren. "Wegen der vielen Werbeverbote haben die Hersteller oft nur noch die Schachtel, um eine Markenidentität zu schaffen und sich von anderen zu differenzieren", sagt Philip Gorham, Branchenanalyst bei Morningstar. "Die Einheitsschachtel nimmt den Verbrauchern Anreiz, wie bislang mehr Geld für Marken wie Marlboro oder Benson & Hedges zu bezahlen." Gerade diese bekannten Premium-Marken müssten dann billiger werden, prophezeit Gorham. Und einen Preiskampf kann die Branche gar nicht gebrauchen.

"Die Tabakindustrie hat Angst vor Plain Packaging"

Die Konzerne und ihre Verbündeten belassen es nicht bei verbalen Protesten. Der weltgrößte private Zigarettenhersteller Philip Morris International (PMI) hat gegen Australiens Regierung Klage vor einem internationalen Schiedsgericht wegen Plain Packaging eingereicht und fordert Schadensersatz in Milliardenhöhe. Mitte August hat PMI auch der britischen Regierung einen derartigen Prozess angedroht, sollte London die Einheitsverpackung vorschreiben.

Vor der Welthandelsorganisation WTO klagen die Ukraine, Honduras, die Dominikanische Republik, Kuba und Indonesien gegen Australien: wegen angeblicher Verletzung internationaler Handelsabkommen. Indonesien, das einige der größten Zigarettenfabriken der Welt beherbergt, hat den "Aussies" sogar Vergeltung angedroht - in Form von Einheitspackungszwang für australischen Wein.

Eine Idee, die auch Erdogan gefallen könnte - schließlich kämpft seine AKP nicht nur gegen Tabakqualm, sondern auch gegen den Alkoholkonsum der Türken.

Zum Autor
Claus Hecking ist freier Internationaler Korrespondent und Reporter für SPIEGEL ONLINE, die "Zeit", das Magazin "Capital" und andere Medien.

Website: www.claushecking.com

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 133 Beiträge
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1. Konsten- Nutzenanalyse für die Gemeinschaft ist absolut klar und deutlich.
prince62 30.08.2014
Einfache Rechnung, nur mal auf die durch das Rauchen verursachten Gesundheitskosten zu schauen, da ist dann Schluß mit jeglicher Rücksichtnahme gegenüber diesen Drogenabhängigen, weil die Steuer geht alleine schon für die Entsorgung und Säuberung der Hinterlassenschaften drauf, was ja in Wirklichkeit hochgiftiger Sondermüll.
2. Gut so
sucramotto 30.08.2014
Waren gerade zwei Wochen in der Türkei im Urlaub und ich war geschockt, wie stark dort geraucht wurde. Überall wurde geraucht, ohne Rücksicht auf Nichtraucher und kleine Kinder. Obwohl die vielen deutschen Gäste auch nicht besser waren. Es wird Zeit, dass überall auf der Welt das Rauchen so geächtet und verboten wird, wie das vorbildlich in den USA und Canada seit Jahren der Fall ist.
3. Super...
zeitgeistloser 30.08.2014
ein weltweites Rauchverbot in der Öffentlichkeit! Find ich gut. Dann kann ich endlich wieder ohne zu Husten an Cafes und Kneipen vorbeilaufen.
4. Die IS
fraluxx 30.08.2014
ist da dann doch konsequenter...
5. Warum wird der Tabakindustrie überhaupt zugehört?
Snoozel 30.08.2014
Die stellen ein Produkt her das erwiesen Gesundheitsschädlich ist - und den Krankenkassen und Bürgern damit enorme Kosten aufbürden für die sie nicht aufkommen. Die sollten mal ganz ruhig sein und sich brav in die Ecke stellen!
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Neues Gesetz: Australien will mit Horrorbildern Raucher abschrecken

Fläche: 783.562 km²

Bevölkerung: 77,696 Mio.

Hauptstadt: Ankara

Staatsoberhaupt:
Recep Tayyip Erdogan

Regierungschef: Binali Yildirim

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