Durchsuchung im Steuerskandal Razzia belastet Saubermann-Image der Commerzbank

Die Steuer-Razzia bringt die Commerzbank in Erklärungsnot. Gerade hatte sich die Bank ein neues, sauberes Image zugelegt, jetzt könnten Fehler aus der Vergangenheit die Erfolge wieder zunichtemachen. Dabei hat Institut schon genug andere Probleme.

Vorstandschef Blessing (l.), Vorgänger Müller: Wie lange reicht die Geduld?
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Vorstandschef Blessing (l.), Vorgänger Müller: Wie lange reicht die Geduld?

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Hamburg - Was Lena Kuske wohl dazu sagen würde? Seit einem Jahr läuft die Filialdirektorin der Commerzbank durch aufwendig gestaltete Fernsehspots, um für das neue Image ihres Arbeitgebers zu werben: sauber, ehrlich, kundenorientiert. Gerade ist die zweite Runde der Kampagne gestartet, mit einem eine Minute langen Spot vor der Tagesschau.

Und dann das: Großrazzia bei der Commerzbank mit 270 Beamten. Es geht um Steuerbetrug mit sogenannten Versicherungsmänteln. Mindestanlagevolumen von 500.000 Euro. Die schmutzigen Geschäfte der Reichen.

Das passt so gar nicht in das Bild, das Vorstandschef Martin Blessing der Bank verpassen will. Man wollte doch bewusst wieder kleinere Brötchen backen: Girokonto mit Zufriedenheitsgarantie, Baufinanzierung mit Marktvergleich, Kredite an kleine Mittelständler, solche Sachen.

"Woran liegt es, dass man den Banken nicht mehr vertraut?", fragte Lena Kuske im ersten Spot im Dezember 2012. Um kurz darauf mitzuteilen, dass die Commerzbank die Gründe bei sich selbst suche. Ob das auch im aktuellen Fall richtig ist?

Bei den Durchsuchungen der Bochumer Staatsanwaltschaft und der Düsseldorfer Steuerfahndung wird die Commerzbank nicht als Verdächtige geführt. Auch der Konzern selbst betont, dass sich die Ermittlungen nicht gegen ihn richten. Es geht offenbar vielmehr darum, ob sich bei der Commerzbank Material finden lässt, das Mitarbeiter des italienischen Versicherungskonzerns Generali und dessen irische Tochter Generali Pan Europe Limited belastet.

Ausgelöst wurde der Fall offenbar durch einen aufmerksamen Finanzbeamten, dem eine Steuererklärung merkwürdig vorkam. Er hörte sich um und erfuhr von weiteren Fällen. Daraus wurde ein Anfangsverdacht, die Durchsuchung von diesem Dienstag wurde über Monate vorbereitet.

Die Mitarbeiter der Generali, so der Verdacht, sollen die Versicherungsmäntel an deutsche Kunden verkauft und diesen so bei der Steuerhinterziehung geholfen haben. Laut Staatsanwaltschaft geht es um mehr als 200 Fälle. Die Commerzbank führe lediglich die Depots, in dem sich die fragwürdigen Produkte befanden. Eine Sprecherin von Generali Deutschland wollte sich auf Anfrage nicht äußern.

Jede Bank muss prüfen

Alles also halb so schlimm für die Commerzbank? Nicht ganz, meinen Branchenexperten. Sie sehen die Verantwortung auch beim Institut selbst. "Die Commerzbank muss jedes Produkt, das sie verkauft, einer Prüfung unterziehen", sagt ein erfahrener Bankvorstand. "Erst dann kann es in den Vertrieb gehen."

Mit dem italienischen Versicherungsriesen Generali war die Commerzbank bis vor kurzem eng verbunden. Generali-Chef Sergio Balbinot saß bis 2012 sogar im Aufsichtsrat der Commerzbank. 1998 waren die Italiener beim Frankfurter Geldhaus mit fünf Prozent eingestiegen, später stockten sie ihren Anteil sogar auf zehn Prozent auf. In dieser Zeit entstand auch die Vertriebspartnerschaft: Die Banker in Deutschland verkauften ihren Kunden bevorzugt Versicherungsprodukte von Generali. Erst als die Commerzbank 2009 die Dresdner Bank von der Allianz übernahm, änderten sich die Vorzeichen. Von 2010 an verkauften die Commerzbank-Mitarbeiter bevorzugt Allianz-Produkte, Generali war raus - da half auch ein Brandbrief des Generali-Deutschland-Chefs an den damaligen Bundesfinanzminister Peer Steinbrück nichts.

Versicherungsmäntel funktionieren wie ein Tarnumhang. Nach außen sehen sie aus wie eine Lebensversicherung - und sind deshalb in vielen Ländern steuerbegünstigt. Drinnen versteckt sich jedoch ein ganz normales Wertpapierdepot aus Aktien oder Fonds, das der Kunde nach Belieben umschichten kann. Solche Mäntel müssen nicht per se illegal sein, häufig wird darin aber entweder Schwarzgeld versteckt, oder die Erträge werden nicht ordnungsgemäß versteuert. Ähnliche Fälle gab es in den vergangenen Jahren schon häufiger, zuletzt 2012 bei der Credit Suisse.

Schadenfreude in der Branche

Dass es nun die Commerzbank erwischt, dürfte in der Branche für einige Schadenfreude sorgen. Denn das neue Saubermann-Image des zweitgrößten deutschen Geldhauses halten viele Konkurrenten für überinszeniert. Besonders grantig reagierten die Wettbewerber auf die Werbespots: Die Commerzbank, so der Vorwurf, wolle sich auf Kosten anderer Banken profilieren. Nach dem Motto: Wir sind jetzt gut, der Rest bleibt böse.

Die Bank verteidigt die Kampagne: "Entscheidend ist, wie man mit den kritischen Themen aus der Vergangenheit umgeht und was man aus ihnen gelernt hat", sagte ein Pressesprecher. "Und gerade deshalb haben wir als erstes unsere Geschäftspolitik verändert und erst dann die neue Kampagne gestartet."

Die Häme der Konkurrenz trifft vor allem die beiden Lenker der Bank: Vorstandschef Blessing und seinen Vorgänger, den heutigen Aufsichtsratsboss Klaus-Peter Müller. Die Liaison mit Generali wurde zwar vor ihrer Zeit vom damaligen Vorstandschef Martin Kohlhaussen eingefädelt, doch zumindest Müller hat sie nicht gestoppt.

Das Führungsduo steht ohnehin mächtig unter Druck. Kritiker lasten Müller und Blessing den Kauf der Dresdner Bank an, in dessen Folge die Commerzbank mit Milliardenhifen vom Staat gerettet werden musste. Noch immer ist der Bund mit einem Anteil von 17 Prozent Großaktionär bei der Commerzbank.

Die Sanierungsversuche des Duos werden in Berlin sehr kritisch beäugt. Blessings ursprüngliches Versprechen, 2012 wieder drei Milliarden Euro Gewinn vor Steuern zu machen, ist krachend gescheitert. Zuletzt gab es immerhin wieder kleine Gewinne. Ob sie reichen, ist fraglich. Die Tage von Müller und Blessing könnten bald gezählt sein. Aus Kreisen der neuen Bundesregierung heißt es, man werde sich 2014 mit den beiden Personalien befassen.

"Vor uns liegt ein langer Weg", sagte Lena Kuske im ersten Werbespot vor einem Jahr. Gut möglich, dass Blessing und Müller diesen Weg nicht mehr mitgehen können.

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Seite 1
abseitstor 03.12.2013
1. Ist nicht schon nach der Bundestagswahl
Vor der Bundestagswahl ist uns immer gesagt worden, dass vor der Bundestagswahl es sich keiner leisten kann, Herrn Blessing in die Wüste zu schicken. Ist nicht inzwischen nach der Bundestagswahl? Die Eigentümer der Bank, allen voran der Bund, sollten dafür sorgen, dass die Commerzbank in der Tat nicht einfach so weitermacht. Ohne einen neuen Vorstandschef wird das aber nicht gehen.
kaiser-k 03.12.2013
2. Mit Verlaub:
Welches Saubermann-Image? Hatte noch vor einigen Jahren, zu dunklen Zeiten der Bankenkrise, als der Staat - also der Steuerzahler - den Saubermännern den Allerwertesten absicherte, die Gelegenheit, ein 'inoffizielles' Gespräch eines Hamburger Commerzbank-Vorstandes zu folgen: Allein das Thema "Weitergabe von günstigen Zinsen an die Kunden zwecks Investitionsförderung' wurde von diesem Bänker mit einem Zynismus und Uneinsicht u.a. ob der begangenen Lehman-Untaten begegnet, dass mir der Kamm schwoll. Noch heute bereue ich es ehrlich, nicht damals weiter mit der Faust argumentiert zu haben. Das wäre das einzige, was dieser Herr verstanden hätte.
tulius-rex 03.12.2013
3. Neuigkeit
Seit wann hat die Commerzbank ein Saubermannimage. Sie schrammt doch seit Jahrenan der Pleite entlang.
gammarayburst 03.12.2013
4. :-)
Die Commerzbank hat ein Saubermann-Image? :-)
susiwolf 03.12.2013
5. Das I-m-a-g-e ...
Banken - und ein Sauberkeitsimage ... Schon diese Wortverbindung lässt frösteln ...
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