Razzia bei der Telekom: EU prüft möglichen Verstoß gegen Netzneutralität

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Bremst die Deutsche Telekom den Ausbau von Netzknoten, um US-Internetangebote in Deutschland auszubremsen? Auch diese Frage steht nach Informationen von SPIEGEL ONLINE hinter einer Razzia der EU-Wettbewerbsbehörde in der Konzernzentrale. Das Unternehmen weist den Vorwurf zurück.

Überdimensionales Netzwerkkabel (auf der Cebit): Streit über die Infrastruktur Zur Großansicht
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Überdimensionales Netzwerkkabel (auf der Cebit): Streit über die Infrastruktur

Hamburg - Die Ermittlungen der EU-Wettbewerbskommission gegen die Telekom und andere europäische IT-Konzerne befassen sich auch mit der Frage der Netzneutralität. Wie SPIEGEL ONLINE aus dem Umfeld der EU-Kommission erfuhr, geht es bei den Untersuchungen auch um die Frage, ob die europäischen IT-Konzerne ihre Kontrolle über die Internetinfrastruktur dazu missbrauchen könnten, um ihren eigenen Diensten gegenüber der US-Konkurrenz einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen.

Hintergrund der Untersuchungen ist ein Streit von europäischen Netzanbietern wie der Telekom mit ihren US-Pendants wie Cogent oder Level3. Die Unternehmen streiten, wer die Kosten für den nötigen Ausbau der Internetinfrastruktur übernehmen soll, die zum Transport einer immer größeren Menge von Daten benötigt wird, die europäische Endkunden von US-Diensten wie der Online-Videothek Netflix, dem Internettelefoniedienst Skype oder dem Konferenzsystem Premier Conferences abrufen.

Skype, Netflix und Premier Conferences sind zum Beispiel Kunden des Netzbetreibers Cogent. Dieser liefert die Daten der US-Dienste über seine Internetkabel bis nach Deutschland. In der Bundesrepublik sind Cogents Netze über sogenannte Ports mit den Netzen der Telekom verbunden - und gelangen so letztlich zu den Endkunden der Telekom.

Doch die Zahl der Ports ist begrenzt. Die Knotenpunkte können die immer größeren Datenmengen aus den USA kaum noch schnell genug an die deutschen Endkunden weiterleiten. Die US-Netzbetreiber und die europäischen Konzerne streiten seit langem, wer die Kosten zum Ausbau der Netze und der Knotenpunkte zwischen den Netzen übernehmen soll.

Manche US-Firmen mutmaßen, dass es bei dem Streit nicht nur darum geht, wer die Zeche zahlt. Sie mutmaßen, Firmen wie die Telekom hätten generell kein so großes Interesse daran, ihre Infrastruktur für US-Dienste allzu rasch auszubauen.

Denn durch den Mangel an Knotenpunkten wird die Qualität von Diensten wie Skype, Netflix oder Premier Conferences beeinträchtigt. Die Übertragung verliert unter Umständen an Geschwindigkeit, Kommunikationsdienste geraten ins Stocken. Produkte der Deutschen Telekom dagegen, Dienste wie die Online-Videothek Videoload oder das hauseigene Konferenzsystem, laufen bedeutend ruckelfreier.

Konzernchef René Obermann hatte solche eigenen Dienste 2010 zum neuen Wachstumsmotor der Telekom erklärt. Unter anderem eigene Web-Dienste sollten das bröckelnde Geschäft mit der Übertragung von Daten und Telefongesprächen ausgleichen.

Die Frage ist also offenbar, ob bei der Entwicklung dieser Unternehmenssparte alles fair zugeht. "Die EU-Kommission prüft, ob europäische Unternehmen ihre eigenen Produkte durch den langsamen Ausbau der Infrastruktur womöglich bevorteilen", heißt es in Brüssel.

"Den Vorwurf, dass der Netzausbau verzögert wird, weisen wir ganz klar zurück", erklärte ein Telekom-Sprecher auf Anfrage. Es gehe ausschließlich darum, wer die Kosten für den Netzausbau trage, "und aus Sicht der Telekom müssen das nicht nur die Endkunden sein, sondern auch Inhalteanbieter und Internet-Serviceprovider". Außerdem werde der Begriff Netzneutralität "derzeit gerne für die Durchsetzung von Einzelinteressen missbraucht".

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insgesamt 22 Beiträge
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sample-d 12.07.2013
Um die Netzneutralität zu sichern, muss es Providern wie der Telekom einfach verboten werden: - eigene Content-Angebote anzubieten. - Absprachen mit Content-Anbietern zu treffen. Die Telekom muss sich einfach entscheiden was sie sein will. und: - Die Anbindung aller von aussen ankommenden Datenströme an das deutsche Netz muss von den deutschen Providern und damit von deutschen Usern gezahlt werden. - einziges Kriterium für Verbesserungen bei einzelnen Anbindungen müssen festzulegende (und stets zu aktualisierende) Mindest-Durchsatzraten sein. - der Content oder Anbieter darf keine Rolle spielen.
2. zweifach abkassieren?
husemann 12.07.2013
auch ein geschäftsmodell... wieviel anteil am internet-geschäft in Deutschland hat die #drosselkom denn eigentlich? genug, um als marktbeherrschend zu gelten? im DSL-bereich doch wohl schon, oder?
3.
stereopath 12.07.2013
Egal ob man bei Alice, oder arcor oder sonst wo ist, am Ende ist man dem Monopol der Telekom ausgeliefert, denn denen gehören alle Leitungen. Das bekommt man vor allem zu spüren, wenn man sich für ein anderes Unternehmen entscheidet, da dauert es schon mal mehrere Monate, bis der Anschluss von einem Telekom-Mitarbeiter freigeschaltet wird. Den das obliegt nur der Telekom.
4. Kommt noch viel besser
Mimimat 12.07.2013
Zitat von stereopathEgal ob man bei Alice, oder arcor oder sonst wo ist, am Ende ist man dem Monopol der Telekom ausgeliefert, denn denen gehören alle Leitungen. Das bekommt man vor allem zu spüren, wenn man sich für ein anderes Unternehmen entscheidet, da dauert es schon mal mehrere Monate, bis der Anschluss von einem Telekom-Mitarbeiter freigeschaltet wird. Den das obliegt nur der Telekom.
Da Fernsehen zumindest bei uns über die DSL-Leitungen kommt, wenn man denn ein breites Angebot haben will, ist man auch da auf die Telekom angewiesen. Nur gibt es hier jetzt seit geraumer Zeit (über ein Jahr) Probleme mit den Leitungen. Das führt zu regelmäßigem Zusammenbruch der I-net-Verbindung und noch viel öfter zu Totalausfall im Fernseher. Der Monopolist kriegt es nicht auf die Reihe, dieses Problem zu beheben. Zumindest Fernsehtechnisch sind wir wieder auf Antenne gewechselt. Das bedeutet kein HD und die wenigen Sender mit Schnee, aber wenigstens ohne stundenlangen Totalausfall.
5.
mr.ious 12.07.2013
Zitat von sample-dUm die Netzneutralität zu sichern, muss es Providern wie der Telekom einfach verboten werden: - eigene Content-Angebote anzubieten. - Absprachen mit Content-Anbietern zu treffen.
Das dürfte wohl noch schwieriger zu verwirklichen sein wie der Unsinn den die Telekom ankündigt. Also rein faktisch könnte man das schlicht verbieten, aber was wäre das denn für eine Art von marktwirtschaflichem Verständnis ? Es gibt aber kein "deutsches Internet". Es gibt auch keine "deutsche offene See" (weil ich auch schon von anderen diesen, wie ich finde, praktikabelsten Vergleich gelesen habe). Es gibt da die "3 Meilen Zone" die den Weg vom Teilnehmeranschluß zum Internet darstellt und jeder lebt sozusagen innerhalb einer 3 Meilen Zone und alles was an Daten an einem Teilnehmeranschluß eingeht (Downstream) kommt aus der offenen See, selbst wenn sich der Absender innerhalb der selben 3 Meilen Zone befindet. Also wer auch immer die Netzneutralität aushebeln möchte, müsste die gesamte offene See plus alle 3 Meilen Zonen kontrolieren können. Das geht nicht ganz so gut, also gibt es schlaue die es wie China machen wollen. Ein Herr Uhl soll da dafür sein. Also nur noch "geleiteten Zugang und Verkehr in offener Seee" die sich nicht so ganz von dem Bereich innerhalb der 3 Meilen Zone unterscheiden lässt. Und praktisch hat der Provider gar nichts zu tun, außer für genügend Wasser unterm Kiel zu sorgen. Die Teilnehmeranschlüße (Häfen) müssen aber Sache des Providers sein. Darum muß der auch Absprachen mit dem Conten-Anbieter treffen müssen und dürfen. Nur nicht zur Technik die der selber nicht zur Verfügung stellt. Also sowas wie ein künstliches Riff an der Grenze zur offenen See aufschütten, samt schleusen und Schleusenwärter, wäre sicher etwas das Geld kostet das kaum jemand bezahlen möchte. So eine offensichtlich Zugangserschwerung in beide Richtungen ist ja nicht gerade Sinn und Zweck von freier Kommunikation und Handel.
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