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Reaktionen auf Basel III: Bankenregeln kommen an der Börse gut an

Mit Kauflust haben die Anleger an der Börse auf die neuen Bankenvorschriften reagiert, Dax und Euro kletterten. Auch die Bundesregierung und die Europäische Zentralbank lobten die Basel-III-Beschlüsse. Harsche Kritik gab es dagegen von den Landesbanken und aus dem Mittelstand. 

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Skyline von Frankfurt am Main: Gute Stimmung an der Börse

Basel/Frankfurt am Main - Die neuen Kapitalvorschriften für Banken kommen an der Börse gut an, die Aktionäre reagierten mit Zukäufen. "Die Märkte brummen", sagte ein Händler in Frankfurt am Main. Vor allem dank eines Plus bei Bankaktien legte der Dax Chart zeigen um 0,8 Prozent auf 6261 Punkte zu. Der Euro Chart zeigen stieg auf 1,2873 Dollar - ein Aufschlag von gut zwei Cent im Vergleich zur Vorwoche.

"Basel, Banken, Kapitalerhöhung - das sind die Themen, die den Dax heute bewegen", sagte LBBW-Aktienstratege Steffen Neumann. Die am Wochenende in der Schweiz vereinbarten strengeren Kapitalregeln seien ein guter Kompromiss. Analysten erwarteten, dass die europäischen Geldinstitute die Neuregelung gut umsetzen werden. Vor allem die schrittweise Einführung der verschärften Eigenkapital- und Liquiditätsregeln dürfte den Banken genug Zeit geben, sich darauf vorzubereiten, sagte ein Händler.

Mit den strengeren Vorschriften aus der Basel-III-Regelung soll verhindert werden, dass der Staat in einer möglichen neuen Finanzkrise wieder als Nothelfer einspringen und Geldhäuser mit Milliardensummen vor der Pleite bewahren muss. Zugleich wollen die Notenbanker und Bankenaufseher vermeiden, dass allzu strenge Fesseln die Kreditvergabe und die Konjunktur abwürgen.

Die Beschlüsse werden nach Einschätzung von Jean-Claude Trichet, Präsident der Europäischen Zentralbank, die globale Wirtschaftserholung nicht hemmen. "Mit der gestern getroffenen Entscheidung beseitigen wir Unsicherheit in einem weiten Feld", so Trichet. Damit leiste man einen großen Beitrag zur Festigung der Weltwirtschaft. Die Baseler Vorschläge sollen im November beim Treffen der 20 größten Industrie- und Schwellenländer (G20) in ein konkretes Regelwerk und danach in nationales Recht umgesetzt werden.

Auch Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) begrüßte die Vereinbarung als "Herzstück der Finanzsektorreform". Die neuen Eigenkapitalregeln für Banken werden laut Schäuble die Konjunktur nicht schwächen. Stattdessen hätten die Banken jetzt Planungssicherheit. Schäuble sagte, mit den Baseler Beschlüssen würden notwendige Konsequenzen aus der Finanzkrise gezogen. Zugleich dürften die Institute aber auch nicht ruiniert werden.

Eine Kreditklemme für die deutsche Wirtschaft wegen der strengeren Eigenkapitalvorschriften für Banken befürchtet die Bundesregierung nicht. Der Finanzsektor werde keineswegs überfordert, sagte der Sprecher des Finanzministeriums, Michael Offer, in Berlin.

Die Bundesbank rechnet mit einem erheblichen zusätzlichen Kapitalbedarf: "Für deutsche Banken bedeutet die Einigung einen über die kommenden acht Jahre gestreckten Kapitalmehrbedarf in bedeutender Höhe, der über einbehaltene Gewinne und gegebenenfalls Kapitalaufnahmen gedeckt werden kann", sagte der Vizepräsident der Bundesbank, Franz-Christoph Zeitler. Zahlen nannte er nicht.

Positive Reaktionen von Gewerkschaften und Privatbanken

Vorsichtige Zustimmung äußerten die Gewerkschaften und Verbraucherschützer. Die Baseler-Regelungen seien ein "Schritt in die richtige Richtung", sagte Claus Matecki, Vorstandsmitglied des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB). Allerdings gebe es "noch immer viel zu viel Spielraum". Der DGB hätte sich insgesamt "härtere Kriterien" gewünscht, sagte Matecki. Er kritisierte zudem "die lange Übergangszeit" von neun Jahren. "Drei bis fünf Jahre hätten gereicht." Gerd Billen, Chef des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vbzv), sagte ebenfalls, der Übergang zu den neuen Regeln müsse "schneller gehen".

Die privaten Banken zeigten sich zufrieden mit den Beschlüssen. Der Präsident des Bundesverbandes deutscher Banken, Andreas Schmitz, sagte dem "Handelsblatt", er gehe davon aus, "dass die deutschen Privatbanken das im Großen und Ganzen stemmen können". Der Markt gewinne an Sicherheit. Trotzdem würden die neuen Regeln viele Geldhäuser hart treffen und zu massiven Umwälzungen in der Branche führen.

Harte Worte von den Landesbanken und aus dem Mittelstand

Scharfe Kritik kam dagegen von den Landesbanken. Die Besonderheiten des deutschen Bankensystems seien in den Neuregelungen nicht ausreichend berücksichtigt, kritisierte der Bundesverband Öffentlicher Banken (VÖB). Dieser vertritt unter anderem die Landesbanken. Die Einigung sei ein "regulatorischer Blindflug", sagte VÖB-Hauptgeschäftsführer Karl-Heinz Boos. Die Aufseher hätten die Folgen ihrer Beschlüsse nicht ausreichend untersucht.

Unterstützung bekam er von Krisenökonom Max Otte. Es sei kritisch zu sehen, dass die Regelungen nur für Banken, nicht aber für andere Finanzmarktakteure wie Hedgefonds und Private-Equity-Gesellschaften gelten, sagte der Wirtschaftsprofessor an der Fachhochschule Worms der Onlineausgabe des "Handelsblatts".

Noch deutlichere Worte fand der Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft (BVMW), Mario Ohoven. Er bezeichnete die neuen Kapitalvorschriften als "Zeitbombe für Wachstum und Beschäftigung in Deutschland". Die Baseler Beschlüsse lösten nicht das Grundproblem der Diskriminierung von Mittelstandskrediten gegenüber Geschäften mit Staatsanleihen. Hier müsse das Europaparlament im Gesetzgebungsverfahren nachbessern. Der Mittelstandspräsident kritisierte, dass Kredite an kleine und mittlere Unternehmen nach wie vor mit höheren Risiken bewertet würden als spekulative Investitionen.

jok/ddp/dpa/Reuters/AFP

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Basel, Basel...
jburton 17.09.2010
Interessanter Artikel muss ich sagen, aber auf den einfachen Bankkunden kommen durch die Beschlüsse aus Basel III evtl. neue Bankgebühren zu... Hier mehr dazu: http://www.biallo.de/finanzen/Geldanlage_Fonds/basel-iii-bei-bankgebuehren-droht-kostenschub.php
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Stichwort: Baseler Ausschuss

Der Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht wurde 1974 von den G-10-Ländern gegründet. In ihm sitzen nicht Politiker, sondern Mitglieder der Notenbanken sowie Bankenaufseher. Mittlerweile ist das Gremium stark gewachsen - Vertreter aus 27 Ländern sitzen darin. Das Ziel der Gruppe: Die Vereinheitlichung der Aufsichtsregeln für die Finanzbranche. Bekannt ist der Ausschuss, der alle drei Monate zusammenkommt, vor allem durch die Eigenkapital-Richtlinien Basel I und II.


Was "Basel III" für Kreditbranche und Verbraucher bedeutet
Die Finanzkrise hat Banken weltweit ins Wanken gebracht. Aufseher und Notenbanken beschlossen nun neue Regeln, welche die Finanzwelt künftig krisenfester machen sollen. Das Regelwerk trägt den Namen "Basel III". Indirekt werden die neuen Regeln auch Folgen für Bankkunden haben.
Was ist Basel III?
Basel III ist ein neues internationales Regelwerk, das die Finanzwelt stabiler machen soll. Das Regelwerk fordert von den Banken größere Kapitalpuffer zum Schutz vor Notsituationen. Die neuen Regeln wurden vom Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht beschlossen - einem Zusammenschluss von Notenbanken und Finanzaufsichtsbehörden. Der Ausschuss ist bei der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel angesiedelt, der Zentralbank der Zentralbanken, und wurde nach dem Kollaps der Kölner Herstatt-Bank 1974 gegründet. Die Schweizer Stadt gibt dem Regelwerk seinen Namen. Schon die Vorgänger-Regelwerke trugen die Namen Basel I und II und werden nun verschärft.
Welche Regelungen sieht Basel III im Detail vor?
Der Baseler Ausschuss beschloss, dass Banken ihr sogenanntes Kernkapital deutlich erhöhen müssen. Die Kernkapitalquote beschreibt das Verhältnis vom Kapital einer Bank zu ihren riskobehafteten Geschäften, also zu den vergebenen Krediten und den getätigten Geldanlagen. Das Kernkapital kann in Finanzkrisen die Verluste abfangen, die es durch Kreditausfälle und Kursabstürze gibt. Basel III schreibt künftig eine Kernkapitalquote von sechs Prozent statt bisher vier vor. Auch die Anforderungen für andere wichtige Stabilitäts-Kennzahlen wurden erhöht.
Welche Folgen hat Basel III für Banken?
Werden die Kapitalanforderungen an die Banken erhöht, müssen die Institute ihre Geldpuffer aufstocken. So hat die Deutsche Bank bereits mit einer milliardenschweren Kapitalerhöhung auf die schärferen Regeln reagiert. Der Bundesverband deutscher Banken (BdB) rechnet alleine für die zehn größten deutschen Banken mit einem Kapitalmehrbedarf von womöglich 105 Milliarden Euro.
Was bedeutet Basel III für Bankkunden?
Eine höhere Kernkapitalquote macht Banken stabiler, weil sie beim Ausfall von Krediten in einer Krise genug Reserven haben. Das Risiko von Bankpleiten sinkt, damit ist das Geld der Bankkunden sicherer. Unklar ist, ob die Institute neuen Kapitalbedarf auch über höhere Gebühren einzuspielen versuchen. Die Branche warnte zudem bereits, dass sich das Kreditangebot für Firmen und Verbraucher verknappen könnte, wenn die Banken sich durch mehr Kernkapital gegen Risiken absichern müssen. Geschmälert werden auch die Dividenden von Bank-Aktionären, wenn die Institute mehr von ihren Gewinnen einbehalten.
Stichwort Kernkapitalquote
Bei den Regeln von Basel III geht es auch um einen finanztechnischen Begriff: Die Kernkapitalquote, auf englisch "Tier 1". Diese Kennzahl wird berechnet, indem man das Kernkapital (damit ist das unmittelbar haftende Eigenkapital gemeint) der Bank durch die Summe der Risikoposten (etwa Kredite und Wertpapiere) teilt. Die Kernkapitalquote sagt also aus, inwieweit die Risikopositionen durch eigene Mittel gedeckt sind, sprich wie dick der Risikopuffer der Bank ist. "Tier 1" gilt darum als magische Zahl, um die Stabilität und Stärke einer Bank zu beurteilen. Nach internationalen Bilanzvorschriften musste die Kernkapitalquote bisher mindestens 4 Prozent betragen. Werte von unter 6 Prozent galten als bedenklich. Nach den neuen Basel-III-Regeln soll die Kernkapitalquote bei 6 Prozent liegen. Beim Stresstest für Europas Banken im Juli dieses Jahres wurde - wie im US-Test - als Untergrenze für "Tier 1" die Marke von 6 Prozent festgelegt. Wer diesen Wert auch im schlimmsten Szenario nicht halten konnte, fiel durch. Sieben Banken schafften den Test nicht.


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